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Central-Verein-Zeitung · 1927-11-04 · 44 (4.11.1927) · p. Seite 617

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
6 (1927)
Issue
44 (4.11.1927)
Date
1927-11-04
Page
Seite 617 (sequence 5)
Language
German
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617 $ei üen Sieölern in Lucienville. Von Dr. Hans Wesemann (LZuenvs ^Ires). „Besuchen Sie doch mal eine unserer Kolonien", sagt mir der freundliche Herr W. von der JeTvish Colonisation, der seit bald einem Jahrzehnt klug und unermüdlich das jüdischeSiedlungZw e r k i n Argentinien leitet. Ter Schnellzug der Ferro earril Entre Riano fährt circa acht Stunden hinauf nach dem Norden, nach der Provinz Fntre Rios, dem Zentrum der jüdischen Kolonien. An der Stalion Rasavilbaso wartet schon der Ford auf mich, sein Lenker, ein junger, kaum 20jähriger Mensch, trägt das landesübliche Kostüm: hohe ^tiestl, Bluse mit breitem Ledergürtel und großen Hut. Vor fünf Jahren kam er mit seiner Familie aus Kowno, wo sie einen kleinen Kramladen hatten. Heute bewirtschaften sie eine Farm, haben Kühe und Geflügel, säen und ernten und es geht ihnen nicht schlecht. „Wer hat Ihnen denn das Land besorgt?" frage ich. „Natürlich die Cooperativa." Und ich erfahre nun, was sie alles geleistet hat. Für jeden Kolonisten wird eine Summe von 3000 Pesos zur Beschaffung von Lieh. Land und Arbeitsgerät ausgesetzt. Tiefes Tarlehn wird mit einer Verzinsung von 5 v. H. innerhalb 30 Jahren getilgt. Aber vor Ablauf der ersten fünf Jahre darf der Kolonist sein Grundstück nicht verkaufen oder anderweitig verpachten. „Gehen viele von den Kolonisten in die Städte zurück?" Ter Junge lächelt. „Einige schon, denen es zu langweilig wird, aber die meisten bleiben hier." Wir kommen an großen Maisfeldern vorbei. Es folgen Weiden mit Viehherden und weiterhin steht man große Pflanzungen mit Hopfen und Neben. Ueberall wird geackert, gepflügt und gejätet. Wir halten einen Augenblick, um einen Sämann zu begrü'ßen. Die Sämaschine wird von sechs Pferden gezogen. Vorweg schleppen vier andere Pferde den Pflug, harte, mühselige Arbeit. Aber der biedere Rosselenker lacht über sein ganzes, sonnverbranntes Gesicht, als er uns begrüßt, und freut sich kindlich, als wir seine starken Pferde und neuen Maschinen loben. „Im vorigen Jahre habe ich für 1400 Pesos Getreide verkauft. Tiefes Jahr wird es wahrscheinlich noch mehr bringen. Das Land ist gut und lohnt die Arbeit, die man hineinsteckt", erzählt er. Ein kurzer Abschied, und die Arbeit geht weiter. In Lucieaville nimmt man uns freundlich auf, man quartiert uns im Hause des „Alcalden, des würdigen Oberhauptes der Gemeinde". ein. Am Abend findet in der Schule die Begrüßung statt. Tie Kinder singen hebräische und deutsche Volkslieder. Zum schlaue kommt dann in machtvollem, allgemeinem Chor die argentinische Nationalhymne zum Vortrag. Ich unterhalte mich mir den Leuten. Es find fast alles Juden aus dem Osten, aber auch solche aus Ungarn, Ö-esterreich und Süddeutschland. Tie Umgangssprache ist deutsch, wie es alle Ostjuden sprechen. Die spanische Landessprache wird ebenfalls überall verstanden und gesprochen. Viele der Kolonisten sind schon seit über 20 Jahren in Lucienville ansässig. Da der Boden zum großen Teil aufgeteilt ist, hat der Zuzug in letzter Zeit erheblich nachgelapen. Alle Armilien sind kinderreich, sechs bis sieben Kinder sind die Regel, so daß heute schon die Mehrzahl der jungen Söhne in andere Kolonien abwandern. Der Lehrer erzählt, daß nur wenige Kolonistensöhne in die Städte zurückwandern. „Wer hier einmal auf eigenem Grund und Boden als freier Bauer gesepen hat. geht nicht gern in die Stadt zurück. Und wißen Sie, hier bei uns ist noch niemand verhungert, aber in Buenos Aires ist das Elend unbeschreiblich groß", und zustimmend nicken die alten, ehrwürdigen Graubärte bei diesen Worten. Am anderen Morgen zeigt man uns die Kolonie. Saubere, solide gebaute Steinhäuser mit elektrischem Licht und fließendem Wauer. In den Stuben hübsche Möbel, gutes Geschirr, manchmal auch Teppiche. Ueberall Blumen, an jedem Hause ein kleiner Garten, und fast allerorten der sür Argentinien typische Eukalyptushaiti. Und der Windmotor singt sein monotones Lied. Wir besichtigen die Bäckerei, den Schlachthof. die Brauerei, Schuster- und Schneiderwerkstätten, alles sauber und modern eingerichtet, zum Teil mit den allerncuesten Maschinen. In einigen Gärten zeigt man uns die Bienenstöcke; der Imker sieht in seinen Schaftstiefeln und mit seinem langen Bart wie der typische russische Bauer aus. ..Das ist der alte L. aus Minsk, der uns hier die Geheimnisse der Imkerei beigebracht hat", erklärt unser Begleiter. Wir sehen noch die große Weide, wo die Anne gemolken werden, und müpen von der selbstbcreiieten Butter und dem Käse kosten. Mit besonderem Stolz setzt man uns dann von dem Bier und Apfelwein vor. den alle Kolonisten selber pflanzen und zubereiten. „Das alte Vorurteil, der Jude sei zum Ackerbauer nicht geeignet, haben wir hier praktisch widerlegt. Dian muß dem Juden nur die richtige Gelegenheit geben, frei und ungehindert auf eigener Scholle zu arbeiten. Was sie dann leisten, können Sie hier bei uns 'ehen — aber letzten Endes rst dieses Ergebnis ja nnr eine ganz logische Entwicklung. Denn wer die Geschichte der Juden kennt, weiß, daß die alten Israeliten ganz hervorragende Acker- und Weinbauern waren — damals. als noch von Dan bis Berseba ein jeder friedlich im Schatten seines Oelbaums und seines Weinstocks ruhte." Ich drückte dem freundlichen Führer stumm die Hand. Was braucht cs auch vieler Worte. Ich habe gesehen und gelernt und daraus neue Zuversicht und Hoffnung geschöpft. Dr. Alfred Wiener spricht im Rahmen der Freien jüdischen Volkshochschule Montag, den 7. \ovemher, 8;< bis 10 Tlir abends, im Vortragssaal der Synagoge Fasanenstrasse im Rahmen des Vortragszyklus „Reiseeindrücke aus dem neuen Palästina“ über „Die Umwelt Palästinas" (mit Lichtbildern). Karten auch durch Landesverband Gross-Berlin des C V. (Dönhoff 3593), Berlin SW €3, Lindenstr. 13. Der Zionismus „keine Weltanschauung". Eine bemerkenswerte Bestätigung. Tie bekannte zioninischen Schriftsteller Hans K 0 h ri und Robert Weltsch haben im Berlage von Tr. R. Färber (Mährisch-Ostran) eine von ihnen früher veröffentlichte Aufsatzreihe „Zionistische Politik" gesammelt herausaegeben. Zweifellos verdient dickes Buch eine besondere Beachtung. Hans Kohn führt in einem Aussatz „Bücher zur zionisti'chen Ideologie" aus: „Es gibt keine einheitliche zionistische Ideologie. Ter Zionismus ist daher auch keine Weltanschauung. Nicht nur Ausblick, Methode und Weg trennen mich und die, die ähnlich denken, von anderen Gruppen innerhalb des Zionismus, sondern auch die Zielsetzung ist jeweils eine verschiedene." Schon vor Jahren ist in den Veröffentlichungen des C. V. dasselbe behauptet worden. Tie bekannre Resolution über den Zionismus, weiche die Hauptveckammtung dos E. V. im Jahre 1913 annahm. lag dickcm von 'Hans Kohn wiederum festgestellten Unterschied zugrunde. Damals und heute wurde von rührender zionistischer Leite der C. B. wegen dieser Feststellung nickst nur geradelt, sondern gck-cholten, und dabei ist immer nur die Tackache behauptet worden, die Kohn fast als selbstverständlich anneht. Auch von befreundeter Seite Hnd uns aus der Feststellung dieser Lackächlich gegebenen Verhälrnive Vorwürfe erwackstn. Ganz zu Unrecht. Wir leben in einem außerordentlichen Wandel. Tie religiösen und politckchen Parteien, nicht nur im Judentum, haben in den letzten Jahren ihren Inhalt zum Teil völlig verändert, wenn sie auch ihre Fayade gewahrt haben. Darum muß der Tieferdringende dicke Wandlungen zu erkennen versuchen. Wir werden uns später darüber äußern. Hier sei dem aufmerkenden Lestr eine Fülle von Aufsätzen empfohlen, welche bei Ablehnung vieler Punkte im einzelnen eine Entwicklungslinie zeigen, die für den Frieden innerhalb des Judentums manche Hoffnung aufkommen läßt, die aber auf der anderen 'Leite neue Tisferenzvunkte aufm eist, deren Austragung man schwerlich wird aus dem Wege gehen können. In memoriam Walter Ilex. Am 16. Oktober wurde in weiten Kreisen des deutschen Volkes der zehnten Wiederkehr des Tages gedacht, an dem Walter Fier fern der Heimat, die er so heiß geliebt, auf der Insel Oesel im baltischen Meer die feindliche Kugel traf. Insbesondere ehrten Kreise, die sich selbst gern als national und völkisch bezeichnen, fein Gedächtnis, namentlich die großen studentischen Korporationsrcrbände. allen voran die „Deutsche Burschenschaft", die ihrem verewigten Sundesbruder — Walter gier gehörte der alrberühmten Erlanger Burschenschaft „Bubenruthia" an — ein feierliches Requiem in der '<-L. Georgenkirche seiner Geburlsstadt Eisenach widmete. In diesen Deutschtum und Judentum gewidmeten Blättern besteht ein doppelter Anlaß, seiner zu gedenken. Ter Tickrer des „Wolf Eschenlollr". des „Wanderers zwischen beiden Welten" und der Kanzlertragödie „Klaus v. Bismarck" war nicht nur der Sänger, sondern in eigener Person auch die Jdealverkörperung jenes edelsten Typus deutscher Jugend, die bei Ausbruch des Krieges freiwillig zu den Waffen griff und in hingehendster Vaterlandsliebe auch vor der Selbstaufopferung nicht zurückschreckte. Es stünde heute bester um unser Volk, wenn jenes hohe sir:liche Verantwortungsgefühl, das ihn beseelte, allen damals zur Führung Berufnen eigen gewesen wäre, jene wahrhaft nationale Geünnumtz die wohl am lautersten das berühmt gewordene Wort seines „Wanderers .morschen beiden Welten" widerspiegelt, mir dem er die alre Phrase, das „Leutnantsdienst tun, heiße seinen Leuten vorsterben". abtur mit den Worten. „Leutnantsdienst tun, heißt seinen Leuten Vorleben, das Versterben ist dann wohl einmal ein Teil davon, vorzusterben verstehen viele, und das ,Non ölet*, mit dem die römische Frau ihrem, zaghaften Gatten zeigte, wie gut und leidst sich sterben läßt, stellt dem Mann und Offizier noch bester, aber das schönere bleibt das Bor-leben. Es ist auch schwerer!" Ob wohl die völkischen Gedächtnisbarden und nationalen Gedenkartikelschreiber wußten, daß dieser deutscheste Dichter der Kriegszeit, bei dem selbst ein Adolf Bartels ^Jüdische Herkunft und Literaturwissenschaft", S. 154) nichts dagegen har. ,gvenn man ihn als unseren neuen Theodor Körner ehrt", der Sohn einer jübisch e n M u t t e r, der Margarete P 0 l l a ck. war? Ob sich die heute so pietätvollen Herren von der Deutschen Burschenschaft wohl einmal

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