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Central-Verein-Zeitung · 1927-11-04 · 44 (4.11.1927) · p. Seite 616

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
6 (1927)
Issue
44 (4.11.1927)
Date
1927-11-04
Page
Seite 616 (sequence 4)
Language
German
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UaistorM Bessen-Hossaa und Hessen. Es ist I*flicht jedes wahlberechtigten jüdischen Einwohners des Freistaates Hessen, am Sonniag, den 13. November, seine Stimme zu den hessischen Fandtagswahlcn abzugeben. Wer der Wahlume fernhlcibt, unterstützt diejenigen politischen Parteien, die sieh nach ihrem Programm oder ihrer Hetätigung gegen die Gleichberechtigung der deutschen Juden wenden. Die Vertrauensmänner unserer Ortsgruppen im Freistaat Hessen wollen ihre Gemeindemitglieder naelidrüekliehst auf diese Wahlpflicht lii nw eisen. die Fischer und Räucherer, die Dauern — ja sogar eine Partei der Ledigen tauchte vorübergehend aus. Was ist zu diesen Gruppenbildungen vom jüdischen Standpunkt zu sagen? Lediglich das eine, daß in diesen berufsständischen Gruppen die Judensroge. soweit bisher bekannt geworden ist, keine Nolle in irgendeinem Sinne spielt. Soweit also Juden als .Hausbesitzer, Mieter usw. sich für eine dieser Gruppen entscheiden wollen, ist dagegen vom Standpunkt des Centralvereins nichts einzuwenden. Bedeutsamer ist die Stellung der im eigentlichen Sinne politischen Parteien. Auch bei diesen kann der Centralverein sich nicht für eine bestimmte Richtung entscheiden, sondern kann lediglich vor denjenigen Parteien warnen, die antisemitisch verdächtig sind. In dieser Hinsicht besteht in Tanzig kein Zweifel, was die Teutschnation a l e n betrifft. Wenn auch die Partei und ihr Organ eine genüge Borsicht walten lasten, so befindet nch doch eine grosse Zahl -er führenden Persönlichkeiten inr Lusserstcn völkischen Lager, so daß sich jede weitere Diskussion erübrigt. Aus der anderen ^eite ist es ebenso zweifellos, daß sich die Sozialdemokratische Partei jederzeit für die staatsbürgerliche Gleichberechtigung der Juden einzusetzen bereit ist. Bleiben die liberalen Parteien übrig. Man muß von ihnen im Plural sprechen, da sich kurz vor den Wahlen neben die Teutschliberale Partei die neue Nationalliberale Bürgerpartei gestellt hat. Für die Deutschliberale Partei kandidiert an dritter Stelle der ehemalige Senator Jewelowski und ein weiterer Abgeordneter jüdischer. Abstammung an einer späteren Stelle. Tie Nationalliberale Partei hat sich der Deutschen Dolkspartei angeschlosten. Sie ist in Tanzig eine Gründung gewisser, um die Handelskammer gruppierter Kreise, denen die Deutschnationale Partei nicht wirtschaftlich, die Teutschliberale Partei nicht national genug ist. In ihren Reihen finden sich sowohl frühere Teutschnationale wie Liberale, die in einem politischen Gegensatz zu der Person Jewelowskis stehen. Trotz dieser unleugbaren Gegnerschaft, die wesentlich die Gründung dieser Partei mit verursacht hat, kann die Nationalliberale Bürgerpartei bisher nicht als antisemitisch gelten. Abgesehen davon, daß ihr Programm den Passus enthält, daß „für konfessionelle und Rahekämpfe in Tanzig kein Raum" sei, befinden sich unter den Unterzeichnern ihres Wahlaufrufs auch zwei jüdische Kausleute, ja, die Partei soll sogar die Absicht haben, auch Juden an aussichtsreichster Stelle als Kandidaten zu nominieren. Es wird nicht zuletzt von der Verwirklichung dieser Absicht abhangen, vö die Nationalliberale Bürgerpartei ihre auf dem Papier betonte Ablehnung des Antisemitismus auch später beibehalten wird. Tie Gefahr daß der Wahlkampf unter Mithilfe jüdischer Geldgeber gemacht, die Kandidaten unter Mithilfe jüdischer Wähler in den Volkstag gebracht werden, und daß hinterher eine enge Liaison mit den Teutschnationalen zustande kommt — diese Gefahr besteht sicherlich und ist nicht von der Hand zu weisen. Unabhängig von allen Parteifragen aber besteht das Gebot und die Pflicht für alle Tanziger Juden, unbedingt am 13. November %nv Wahlurne zu gehen und so dazu bciznLragcn, das; jede vorhandene Stimme für -re Rechte der Inden ins Gewicht fällt. Gleichviel welcher Partei der einzelne Jude seine stimme gibt — er muß sein Wahlrecht ausüben, da er durch Wahlenthaltung nur den Judengegnern den Weg ebnet, über seine Rechte hinwegzugehen. Dr. Erwin Lichtenstein (Tanzig). Die Thüringische Negierung über die judenseindlichen Ausschreitungen in Gera. Wir batten in Nr. 33 der „C. V.-Zeitung" berichtet, daß verschiedene Warenhäuser in Gera in den letzten Monaten wiederholt von Nationalsesialisten beschädigt worden waren. Tiefe Ausschreitungen bildeten den Gegenstand einer kleinen Anfrage der Thüringer sozialdemokratischen Landtagssraktion. In der Sitzung des Thüringischen Landtags vom 26. Otwöcr d. I. bestätigte d^r Regierungsvertreter im allgemeinen die bereits bekannten Tatsachen der Lchaufensterzertrümmerung, der Entfernung der Straßenschilder am Ralbenauplatz in Gera und das Herunterreißen einer schwarzrotgoldenen Fahne am Stadthaus. Wegen der Schaufensterzertrümmsrungen hatte der Oberstaatsanwalt in Gera gegen einen Tater beim Amtsgericht einen Strafbefehl in Höhe von 800 Mark (an Stelle einer verwirkten Gefängnisstrafe von einem Monat) und gegen den anderen Täter einen solchen von 560 Mark (an Stelle einer Gefängnisstrafe von sechs Wachen) beantragt. Die Diebe der schwarzrotgoldenen Fahne sind vom Amtsgericht in Gera mit je einer Woche Gefängnis bestraft worden. MiLgetcih wird ferner, daß die Polizeiverwalwng Gera zum Schutze der jüdischen Geschäftshäuser in den in Frage kommenden Straßen verstärkte Polizeiposten ausgestellt habe. Professor Hans Driesch. Zu seinem 60. Geburtstage am 28. Oktober 1927. Ter wissenschaftliche Werdegang des Leipziger Ordinarius für Philosophie, Professors Tr. Hans Driesch, erscheint uns in der Nückbetrachtung symbolisch für den Wandel im weltanschaulichen Denken um die Jahrhundertwende. Bon der exakten Naturwissenschaft ausgehend, ein Schüler H a e ck e l s, überwand er die mechanistischmaterialistischen Naturlehren seiner Zeit und wurde der Neubegründer einer v i t a l i st i s ch e n Theorie, w e l ch e die Eigengesetzlichkeit der Lebensvorgände lehrt. Schon die Fragestellungen, die der Ausgangspunkt zu seinen berühmten biologischen Versuchen waren, verrieten den elementar philosophischen Geist Hans T^rieschs. Und so war es konsequent, daß die logische Fundierung seiner naturwissenschaftlichen Ergebnisse mtb die Philosophie des überpersönlichen Geschehens ihn in die Philosophie hineinführten. Heute hat Driesch, der als Brologe Weltruf besitzt, auch als Philosoph weit über die deutsche Kultursphäre hinaus Anerkennung und Gefolgschaft gefunden. Doch gerade an dieser Stelle gilt es mehr als den Logiker und Metaphysiker den M e n s ch e n Hans Triesch zu feiern, den gütigen, verstehenden Menschen, den Kämpfer für liberale Ideen. Wie ernst Sokrates und Spinoza i ft er nicht nur Philosoph, sondern er handelt wie ein Philosoph. Tie großen Gedanken der Bolls- und Völkerversöhnung finden in ihm einen begeisterten, stets vornehmen Verkünder, und in der Zeit der unheilvollen Verengung des Nationalbegriffs betont er entschieden die Tatsache der Einheit der Menschheit, jene Tatsache, die in dem Sich-gegenseitig-verstchen-Könneu und dem einigen Drang nach Wahrheit ihre Wurzel hat. In diesen Blättern hat Triesch verschiedentlich zur Nassenfrage und zur Frage der' B o l k s g e tu e i n f □) a j t Stellung genommen. Für ihn^der als Biologe und Ceistcswigenschastler das Problem von vielen weiten sieht, ist Nape nichts Trennendes, ja — soweit z. B. der europäische Kulturkreis in Frage kommt — auch nichts „WeltwesentlichesTie Linie sittlicher und geistiger Bervollkommnung geht durch Angehörige der verschiedensten Nassen und Böller und hat nur cm n großes Endziel, eben B e r v o l l k o m m - n u n g. Tie Ergebnine seiner moralphilosophischen Betrachtungen hat uns Triesch übrigens in der gerade an seinem Geburtstag erschienenen Ethik („T-ie sittliche Tat"; Verlag Emanuel Reinecke, Leipzig) vorgelegt. Wir begrüßen in Hans Triesch somit den Denker und einen Mitstreiter gegen den Antisemitismus und sprechen ihm unsere besten Wünsche aus. Hans Herz seid. Oscar Heimann 60 Jahre alt. Am 29, Oktober hat der Vorsitzende der Verwdltungskommission des Ceniralvereins, das Mitglied seines Eaupfvorsfandes, unser bewährter Vorkämpfer und Mitarbeiter Oscar H ei mann, die Feier seines 60. Geburtstages begangen. Es ist an diesem Platz nicht möglich, alle jene Verdienste aufzuzählcn, die sich Oscar Eeimann im öffentlichen Leben Berlins und Deutschlands um Wirtschaft und Kidtur erworben hat. Wer insbesondere die Entwicklung des Messelebens in der Reichshauptstadt verfolgt hat, rveiss, dass Oscar Ecimann der eigentliche Schöpfer aller der grossen Veranstaltungen gewesen ist. Er tveiss auch, wie das Organisationstalent dieses grosszügigen Mannes selbst gewaltig scheinende Schwierigkeiten leicht überwinden lässt. Wenn Oscar Eeimann somit von der deutschen Wirtschaft hervorragend geehrt wurde, §6» ist das der selbstverständliche Dank für eine ungeheure, zeitraubende und nicht immer leichte Aufgabe gewesen. Die Leitung des Ceniralvereins hat es aber diesem Manu besonders zu danken, dass er auch f ür unsere Bewegung innerstes und wärmstes Interesse gefunden u nd es in unermüdlicher Tatkraft zu allen Zeiten bewiesen hat. Er war da, wo man ihn brauchte, und er war auch da, wo er wusste, dass sich Schwierigkeiten ergeben werden. Und sein Ziel war es, keinen grossen Namen in der Welt, aber desto wärmere innere Anerkennung bei den Kreisen seiner ihm durch Religionsgemeinschaft verbundenen Freunde zu finden. Ihnen hat er in allen schweren Tagen gezeigt, dass wir noch Männer in unserer Milte haben, die die Heiligkeit der Arbeit für unsere Gesamtheit zu jeder Zeit als eine Aufgabe höchster Pflicht empfinden. L. R. Oscar Heimann

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