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Central-Verein-Zeitung · 1927-11-04 · 44 (4.11.1927) · p. Seite 615

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
6 (1927)
Issue
44 (4.11.1927)
Date
1927-11-04
Page
Seite 615 (sequence 3)
Language
German
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Zx // / Sm M-n vorr avft^Mder Wirkung. Seit einigen Tagen läuft in einem Berliner Kiuotheater der Film „König der Könige". Er stammt aus Amerika und soll, nachdem er in 27 Sprachen über jeist worden ist, uumnehr in allen Erdteilen gezeigt werden. Ein wesentlicher Teil der Passiorlsgeschichte Eöristi ist mit technisch zum Teil ausserordentlich wir!samen dritteln ver'ilmr worden. Man sieht die Bekehrung der Bcaria von Magdala, die Erweckung de? Lazarus, Teuchel- und Abendmahlsszeneu, den Gang nach Golgatha. Kreuzigung und Auferstehung. In Amerika hat in der „California Jewish Voice“ ein Rabbiner bereits daraus hingewiesen, daß „gerade Zn der Zeit, wo der Ku-Klur- Klan im Abnehmen begriffen ist und Henry Ford die jahrelang von dem „Dearborn Independent“ verbreiteten Lügen zurückgezogen hat, durch den Film „König der Könige" ein neues Anwachsen der antisemitischen Bewegung zu befürchten sei. Der FUur enthalte eine Drohung, insbesondere gegen die Inden Ost- und Mitteleuropas, und es bestehe die Gefahr, das; er die ttnwissenden zu religiösem Wahnsinn und zu Blutvergießen aufreizcn werde. Wie von zuverlässiger Seite verlautet, soll der Film von der englischen F i l m z e u s u r verboten worden sein. Der Eindruck, den die Darbietung in Berlin erweckte — und das haben auch christliche Zuschauer bestätigt —, läßt das Urteil der „California Jewish Voice“ als berechtigt erscheinen. Zunächst eine Bemerkung: Wer alle Weltanschauungen sittlichen Inhaltes mit Ehrfurcht betrachtet, wer insbesondere der gewaltigen Erscheinung christlicher Erkenntnis und christlicher Gläubigkeit höchste Achtung entgegenbringt und ihre ungeheure Bedeutung für die Menschheit in vollem Umfange anerkennt, wird und kann nicht wünschen, daß durch solche Vorführungen die Glaubenswahrheiten des Christentums veräußerlicht und die Empfindungen, die Millionen von Menschen heilig sind, zu Sensationsszenen gemacht werden. Was nun weiter uns als Juden besonders angeht, ist das Folgende: Für uns Juden ist es beschämend, daß Schildkraut Vater und Sohn in der Person des Lbcrpricsters und in der Person des Judas Gestalten geschaffen haben, wie sie verzerrter nicht gedacht werden können. Welche bildhafte Vorstellung der einzelne auch von der Person des damaligen Hohenpriesters haben mag — es sollte eine Unmöglichkeit sein, daß ein Jude sich dazu hergibt, eine Maske zu tragen, die in jedem Blick, in jeder Handbewegung von so unsagbarer Niedrigkeit der Gesinnung Zeugt. Wenn man sämtliche Beschimpfungen, die in langen Jahrhunderten von Hetzern gegen die Juden zusammengetragen worden sind, in einer Person verkörpert, dann gewinnt man jenes Bild, welches Schildkrant dem Oberpriester Kaiphas in jener Darstellung gegeben hat. Die Hausung der Gemeinheiten, die in dieser Figur enthalten ist, muß entsetzen. Niemand wird die Wirkung des Bildes vergessen, das die Ehebrecherin — an sich eine herrliche Gestalt —, vor' dem Tempel liegend, darstellt, als sie von dem zusammengelaufenen Volk gesteinigt werden soll. Tie Ehebrecherin trügt edle Züge. Ungeheurer Schmerz wird in ergreifendster Weise zum Ausdruck gebracht. Ihre Peiniger dagegen, Angehörige des gleichen Dolles, erscheinen zum Teil wie Fratzen aus einem antisemitischen Pamphlet. Ihren entmenschten Zügen steht man es an, daß sie in ihrem rohen Fanatismus zu allem fähig sind. Wer die Mittel politischer Tendenz bis in ihre feinsten künstlerischen Ausstrahlungen hinein zu verfolgen gewohnt ich muß 'bei Betrachtung des Films den bestimmten Eindruck empfangen, das; die Regie nicht absichtslos Vorlegungen ist. Zwar folgen die Torte treu den Worten der Evangelien. Aber die starken Wirkungsmöglichkeiten, die das lebende Bild dem toten Worte gegenüber voraus hat, sind eindeutig zu u n g u n st e n der jüdischen Volks Massen a u s g e n u tz t. Die Darstellung der jüdischen Typen laßt in Maske und Gebärde ein volles Zugeständnis an die Vorstellung der Judenfeinde erkennen. An den mauschelnden Bewegungen, an der shylockhaften Geldgier, die in den Angen des Hohenpriesters glüht, erkennt man das Bestreben, die damaligen Juden mit den gleichen Eigenschaften zu versehen, die in bewußter Verzerrung heute der jüdischen Allgemeinheit zur Last gelegt werden. Taß damit der historischen Wahrheit ins Gesicht geschlagen wird, die aus jener Zeit von einer unverbildeten, ackerbauenden Bevölkerung ohne die im Ghetto erst erworbenen Zeichen körperlicher und seelischer Verkrüppelung berichtet, sei nur nebenbei erwähnt. Tie zu Christus Haltenden dagegen, die doch auch Juden waren, werden von der Regie mit ganz anderen Augen gesehen: In ihrer Haltung, in ihren Zügen, in Gang und Auftreten kennzeichnen sie sich als eine von der Masse deutlich abgehobene Oberschicht, deren geistiger Ileberlegenheit — wie selbstverständlich — auch eine körperliche Andersartung entspricht. Ter Film „König der Könige", der als Verherrlichung des Stifters der christlichen Kirche gedacht ist, ist ihres hohen sittlichen Gehaltes nicht würdig. Tie Gefahr jeder Filmdarstellung, die darin besteht, daß das Fehlen des Wortes durch eine Vergröberung der bildhaften Wirkungen ausgeglichen werden muß, führt hier zu einer deutlich erkennbaren Ungerechtigkeit. Tie Ueberlieferung der tatsächlichen Ereignisse spricht scheinbar sür den Regisseur; aber die individuellen und sozialen Beweggründe, die ganze Atmosphäre eines in der Zersetzung begriffenen Gemeinwesens, das durch den letzten Willen zur Selbstbehauptung zu Gewalttaten gegen den Künder einer neuen Welt getrieben wird — all das, was mildernd und versöhnend zwischen den Worten des Evangelimns steht, wird in der Darstellung bewußt unterdrückt. Eine religiöse Forderung und eine Verinnerlichung heiliger Empfindungen kann sie daher unter keinen Umständen bieten. Gerade Christus, der erfüllen und nicht auflösen wollte, dürfte nicht zum Vorwand einer Verzerrung jüdischer Typen der damaligen Zeit werden. Ter einfache Mensch, der die Tinge ohne viel Nachdenken betrachtet, muß notwendigerweise gegen die Juden sanatisiert werden. Und wenn der amerikanische Beurteiler schreibt, der Film werde die Unwissenden zu religiösem Wahnsinn und zu Blutvergießen aufreizen, so muß man in der Tat namentlich für Osteuropa mit dieser Gefahr rechnen. Traurig genug, wenn wir hören, daß der Regiffeur jüdisches Blut in sich trügt, und daß die Hauptdarsteller Juden sind. Traurig genug, daß auch einem so vielen Menschen heiligen, allen aber tiefernsten Ereignisse letzten Endes zu geschäftlichen Zwecken Sensation gemacht wird. Ludwig Holländer. Fortsetzung von Seite 614. aus diesem Prozeß zu lernen? Was ist zu tun, um die Pogrome, deren furchtbares Bild jetzt wieder ausgerollt ist, für die Zukunft zu verhüten? Vor allem sind alle Kräfte zu sammeln, welche die wirtschaftliche und kulturelle Hebung der ukrainischen Juden bezwecken, um die Wiederholung der furchtbaren Pogrome in Zukunst zu verhindern. Abwanderungs- und Siedlungsmöglichkeiten müssen überall geschaffen werden, alle Maßnahmen, die denkbar sind, um die Spannungs- Verhältnisse zu beseitigen, müssen ergriffen werden, namentlich solche wirtschaftlicher Art. Falsch ist es zu glauben, wie die „Jüdische Rundschau" meint, „daß ein geeintes und organisiertes Volk, welches sich zu verteidigen wisie, irgendwie die vorhandenen Zustände bessern könne". Nicht diep o l i t s ch e Neuschaffung eines jüdischen Volkes, nicht die nationale Autonomie, nein, nur eine durchgreifende Hebung der gesamten jüdischen Massen wird und kann helfen. Und daneben Aufklärung in allen Ländern der Welt, ein wirklicher und nicht nur phrasenhafter Appell an das Weltgewissen, der immer-wiederholt werden muß! Es ist erwiesen, daß die jüdischpolitische Note aus Aulaß der verschiedenen Umwälzungen in der Ukraine die Dinge nur verschärft hat. Es wäre ein Glück, wenn Man dies im Judentum eiusehen würde. Durch die Tat Schwarzbards ist keins der Pogromopfer zum Leben erweckt worden. Unsere Religion lehrt uns, daß der Rächer eine schwere Sünde auf sich geladen hat. Aber wir wollen aus der Vergangenheit lernen. Auch in unserer Heimat gibt es genug moralische P o g r o m i st e n. Reißt ihnen die Masken herunter! am 13. November 1927. Am 13. November wählt Danzig zum dritten Male sein Parlament. Aus den kürzlich veröffentlichten 21 Wahlvorschlägen geht hervor, daß die Völkischen in drei Gruppen austretcn. Die Richtung Hohnseldt nennt sich „Vereinigte Liste der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei rrnd der AuswcrtungS- und VolkSrcchtSpartei" — Kennwort: Hitler- Bewegung für Volksrccht und A ufwert u n g. Tie zweite Liste, unter Führung eines bisherigen deutschsozialen Abgeordneten, nennt sich „Deutsche MittelstandS- und Arbeiterpartei", und daneben gibt es noch als dritte eine Liste „Dcutschsozialc Partei". Ob die Völkischen durch Einfangen eines Teiles der Aufwertler (ein anderer Teil geht mit den Mietern zusammen) ihre verlorene Position werden "»biedergewinnen können, ist sehr zweifelhaft. Und cs bleibt auch fraglich, ob cs einer dieser drei Gruppen gelingen »wird, einen Abgeordneten ins Parlament zu bringen. Die bisher dort geleistete Arl>eit ist so minimal gewesen, daß die Anhängerschaft des Jahres 1923 heute anderen Göttern nachläuft. Und an diesen ist kein Mangel, da sich neben den alten politischen Parteien mancherlei Gruppen aufgetan haben, deren Ausgabe in: wesentlicher: in der Sammlung der Unzufriedenen zu bestehen scheint. Ein „Wirtschafts, block", der im Jahre 1923 unter der Flagge „Rationale christlichsoziale Ausgleichspartei" sich ergebnislos betätigte, ruft nach der Diktatur als dem Allheilmittel, und daneben hat fast jeder Berufs» stand seine eigene Partei: die Hausbesitzer, die Mieter, die Beamten,.

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