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Central-Verein-Zeitung · 1927-11-04 · 44 (4.11.1927) · p. Seite 614

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
6 (1927)
Issue
44 (4.11.1927)
Date
1927-11-04
Page
Seite 614 (sequence 2)
Language
German
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ähnliche -Oerabwürdigung auch ''ein alter Freund Ra then au noch nach seiner Ermordung in der .Zukunft" erfahren hat. bin Künstler von impulsivem Temperament, jeder Stimmung des Augenblicks unterworfen, machte Harden auf Stetigkeit der Anschauungen und Gefühle kaum Anspruch, auch wenn er die Feststellung krasser Widersprüche durch Aenderung der Fassung bei der Wiederholung zu erschweren suchte. Für ihn galt eher das Goethe-Wort, daß die Weisen durch Irrtum zur Wahrheit reifen. .Die im Irrtum beharren, das sind die Narren/ Nur daß er eigentlich nicht zuaab, je geirrt zu haben. So ermangelt denn auch sein Verhältnis zu leitenden Personen der Zeitgeschichte keineswegs der Wandelbarkeit. Wer erinnert sich heute, daß Harden sehr hüb'che Aufsätze gegen — Bismarck int „Berliner Tageblatt" veröffentlicht hat? Man kennt ihn nur noch als den Herold, den Homer Bismarcks. Hat er doch in der Tat, wie er versichert, mit dem Eisernen die historische Flasche Teinberger Kabinett leeren dürfen! Und verdankt ihm doch die Welt manche wichtige Mitteilung über die Unterredungen von Friedrichsruh, beispielsweise die Geschichte von der Emser Topesche, die Bismarck aus einer Schamade in eine Fanfare — nach Molrkes Dort — verwandelt habe. Daß Bismarcks gewaltige Persönlichkeit Hardens frühere Abneigung besiegte, wer will es nicht begreifen! Tie neue Vorliebe für diesen Heros wird nicht wenig beigetragen haben zu der Schärfe und Beharrlichkeit, womit Harden den Baron Fritz von Holstein, den treulosen Jünger des ersten Kanzlers, einen der Urheber seines Sturzes, verfolgte. Aber mit derselben „grauen Eminenz" hat sich, ala sie selbst abgehalstert war, Harden so eng befreundet, daß er, als die Dokumente über die Börsenspekulationen Holsteins veröffentlicht waren, Ln ihre Echtheit nicht glauben wollte. Inwieweit Holstein an dem Feldzug Hardens gegen Eulenburg und die Homosexuellen in der Umgebung Wilhelms II. beteiligt war, ist noch nicht völlig aufgeklärt. Dieser Feldzug, der in den Prozessen gegen den Generaladjutanten Grasen Moltke und dann gegen den Fürsten Philipp zu Eulen bürg gipfelte, bezeichnet den Höhepunkt in Hardens politischer Wirksamkeit. Ter Kronprinz war es, der Hardens Artikel zur Kenntnis des Kaisers brachte und dessen Einschreiten gegen die Hofleute veranlaßte. Tie Art, wie Harden hier auftrat, hat keineswegs in weiten Kreisen nur Beifall geerntet. Im Gegenteil. Doch ist auch keineswegs Philipp Eulenburg als tragischer Held, geschweige als Unschuldsengel aus diesen Irrungen und Wirrungen hervorgegangen. Bezeichnend ist auch hier, daß der Schloßherr von Liebenberg, wie man in seinen Erinnerungen leien kann, sich über S chw e n i n ger, Bismarcks Arzt, aufhalt, weil der sich „mit Herrn Witkowski aus Posen, alias Maximilian Harden", in Zwiegespräche einlane. Und an anderer Stelle heißt es wieder: ,Mitkowski - Harden" aus Posen" und nochmals „der gewissenloseste aller Zeitungsschreiber", dem Bismarck sogar fein Haus verboten habe. Hat er? Tes zum Beweise bedurfte <es anderer Zeugen als des Fürsten Eulenburg, der unter der Anklage des Meineides im Kerker saß und es nicht zur Freisprechung bringen konnte. Und aus diesem Munde gilt auch Las Wort dom gewissenlosesten Zeitungsschreiber nicht mehr als der Aufschrei dessen, der die Peitschenhiebe empfangen hat. Wenn nichts mehr helfen will, wird auf den Juden geschimpft. Es muß indessen verzeichnet werden, daß Maximilian Harden sich ganz und gar nicht als Jude gefühlt, ja, Bemerkungen nicht immer gemieden hat, an denen die Antisemiten ihre Freude haben konnten. Er hatte einen jüdischen Kops; aber auch ein jüdisches Herz? Heine und Börne, als deren geistiger Nachfahre er bisweilen bezeichnet worden ist, haben dieses Herz allezeit, auch nachdem sie die Taufe empfangen hatten, bewiesen. Harden ist es zumeist abgestritten worden, obwohl es auch nicht an gegenteiligen Ansichten fehlt. Indessen, wer kannte sich endgültig in Apostata aus? Gestern war er mit Franz Mehring, Bruno S ch o e n l a n k, Heinrich Braun intim, und heute war er ihnen spinnefeind; erst verkehrte er mit Paul Lindau vertraut und herzlich, und dann beschwor er den Sch abatski-Skandal über ihn herauf. Er war bald wilder Imperialist und Annexionist, bald ebenso radikaler Pazifist. Nichts war bei ihm dauernd als der Wechsel und die Sucht, immer die andere Meinung zu haben. Die er dann mit unleugbarer Geschicklichkeit und selbstbewußter Rücksichtslosigkeit vertrat. Nur daß ihn, der stolz darauf war. Schule gemacht zu haben, gelegentlich einer der vermeintlichen Schüler zu übertrumpfen suchte, indem er ihn selbst, wie es der Fackel -Krauß tat, mit der ätzenden Lauge grausamer Satire überschüttete. Hermann 3 u Serin ann, den Harden einst zur Strecke zu bringen meinte, mag lächelnd gesehen haben, wie sein Richter einen unerbittlichen Richter fand. Trotz alledem, er war nicht von der Sorte, von der zwölf auf ein° Dutzend gehen. War er vielfach ans den Schein gestellt, von Grundsätzen weniger bestimmt als von Beifallshunger, so zeigen doch die Bücher, die seinen Namen tragen, und die Bände seiner Zeitschrift, daß in ihm ein Pamphletist ersten Ranges dahingegangen ist. Nicht ein adliger Charakter wie Paul Louis Courier, der Verfasser des Pamphlets der Pamphlete, nicht so vielseitig und dichterisch begabt wie lUotro Aretmo, an der manche seiner Eigenschaften erinnert: aber wenn auch nicht, wie Jsenbiel meinte, ein Genie, so doch ein hervorragendes Talent, wie es seinesgleichen nicht allzuviel in der deutschen Presse gibt. Für die „Völkischen" war, ist und bleibt er freilich nur der Jude Isidor Witkowski ans Posen. Und ihre Leichenreden sind neue Hetzreden gegen die Juden. Sei's drum! Tie deutschen Juden unterdessen wissen, daß sie auf Apostata weder stolz sind, noch verantwortlich für seine Taten. } ) VV'’ V li. II. Schwarzbard ist freigesprochen. Tie Geschworenen haben durch ihren Wahrspruch festgestellt, daß der durch die Ereignisse in seiner Heimat auf das tiefste aufgewühlte Mann nicht .zu bestrafen ist. Das Urteil befriedigt völlig, wenn man es als Volk smeinung wertet, die unter dem Eindruck der entsetzlichen Judenverfolgungen in der Ukraine entstanden ist. Wenn in dem Verfahren wiederum durch Zeugenaussagen belegt worden ist, daß alle die Grausamkeiten vertierter Menschen in der Ukraine nur möglich waren, weil Petljura sie duldete und billigte, und wenn man sich dann auch nur einen Augenblick in die Städte und Dörfer hineinversetzt, in denen lebenden Menschen die Haut vom Körper gerissen, die Zungen ausgebrannt, die Augen ausgestochen wurden, dann versteht man den Spruch, dann weiß man, wie ein Mensch, grüblerisch veranlagt und tiefsinnig, durch alle die Ereignisie dazu getrieben wird, zum Revolver zu greisen. Nicht in Einklang bringen laßt sich das Urteil mit dem Gesetz der Religion, mit dem Gesetz des Zehnwortes: Tu sollst nicht töten! Jeder, dem diese Forderung ein Heiligtum ist, muß unter allen Umständen auch den aus den politischen Hintergründen noch so verständlichen Mord verdammen. In einem Teil der deutschen Presse ist die Tat Schwarzbards mit der der Rathenau-Mörder verglichen worden. Da, so wird behauptet, die Juden für die Tat Schwarzbards so viel Verständnis zeigen, so mögen sie sich daran erinnern, wie schwer sie die Nathenau-Mörder verurteilt haben. Gemach, meine Herren! Gegen wen richtet sich denn das Urteil der Welt bei dem Rathenau- Morde? Nicht in erster Linie gegen die jungen Leute, die sich zum Morde hergaben, nachdem sie durch Hetzreden und politische Brunnenvergiftungen zum Morde aufgereizt worden waren, sondern gegen die eigentlichen Täter, die in: Hintergrund e b l i e b e n , und die Jugendlichen als ihr Werkzeug mißbraucht haben! — Wer aber waren hier die eigentlichen Täter? Die Pogrom Helden der ganzen Welt! Tie „Deutsche Zeitung" schreibt am 26. Oktober, die internationale Presse arbeitet daran, daß der Schwarzbard-Prozeß sich zu einem Mürtyrerprozeß für das gesamte I u d e n t u m auswachse und fügt dann wörtlich hinzu: „Man kennt diese Melodie zur Genüge. Tas letzte klassische Beispiel dieser Art hatten wir in der ekelerregenden Verhimmelung des Eisenbahnsrevlers Schlesinger, den die jüdische Presse mit allen zu Gebete stehenden Mitteln der gerechten Sühne für die Vernichtung von einundzwanzig deutschen Menschenleben zu entziehen trachtete." Ein Blatt, das solches zu veröffentlichen wagt, gehört zu den niederträchtigsten Presseerzeugnissen, die man sich denken kann. Ter solches geschrieben hat, weiß ganz gut, daß Schlesinger nicht das Allergeringste mit dem Judentum zu tun gehabt hat. Er weiß auch, daß die jüdische Presse den Prozeß überhaupt nicht berichtet hat, und daß einige der fälschlich als „jüdische Presse" bezeichneten Tagesblätter eine Begnadigung Schlesingers — um nichts anderes handelte es sich — zu befürworten suchten aus Gründen, die lediglich in der Tat als solcher lagen. Tie Herren von der „Deutschen Zeitung" mögen bei der Beurteilung des Schwarzbard- Prozesies sich selbst an die Brust schlagen und-sich sagen: „Unsere Art der Berichterstattung ist cs, die zu Pogromen aufreizt!" Sie. die sich stets als gut christlich bezeichnen, sollten endlich einmal erkennen, wie sie sich mit ihren E u t ft e l l u n g o u und Verdrehungen an der Menschheit versündigen! Auf den Schwarzbard-Prozeß im einzelnen hier noch einzugeben, ist zwecklos. Für uns bleibt die Hauptfrage: Was hat die Welt

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