Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 6 (1927)
- Issue
- 44 (4.11.1927)
- Date
- 1927-11-04
- Page
- Seite 613 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Serlin, 4. November 1927 VI. Jahrgang » Nr. 44 ÄLKM im WMM. MkNWrrL / U*2''K*?? >7®,,'^ \{1>‘ ^A Bierttliahrsabounement 1,20 NM. (zuzügl. Bestellgeld). Eittzetnumrner 10 Bfennig. Verlag u. Cchriftleikmg: Berlin 8W 63, Lindenstr. 13. .:. Fernsprecher: Amt DSnhrff 3524,3525. .:. Postscheckkonto: Berlin 30472. .:. Banrkonto:Dresdner Danr,Dechfer- _ stube 0, Berlin LW 6^, Linde nstr. 7, und ron Doldschinidt-Noihlchild L Co., Berlin W8. . Allemrge Anzeigenannahme: Annoncen-E^pedition Rudolf Masse, Berlin SW 19, und deren Filialen. Anzeigenpreise: U,üu jijü jüt die 7gespaltene geile nach Rudolf Mone« Siormarzerlenmesser 3Ir.4, Familienanzeigen und Ltellengesuche (nicht Stellenangebete) für Mitglieder des Centralvereins 0,45 J?<M, die 20 mm breite Rcklamezeile 4,80 K>\^X> Von Dr. jur. Z. Levy. Am 1. November sollte seine „Zukunft", die vor einigen Jahren entschlafen war, ihre Auferstehung feiern; er sollte nicht mehr nötig haben, in freunden Tageszeitungen und Wochenschriften Gastfreundschaft zu beanspruchen, sondern aus eigenem Boden zu neuen Waffengängen frisch und fröhlich antreten und zeigen, daß er noch eine gute Klinge führe. Da hat ihm ein überlegener Widersacher die Klinge aus der Hand geschlagen: fern von der Heimat hat ihm der Tod jählings den Garaus gemacht. Am 30. November ist Maximilian Harden in Montana-Vermala gestorben. Manchem zur Betrübnis, manchem zur Erleichterung, für das deutsche Schrifttum aber, ob man ihn Pries oder schalt, ein schmerzlicher Verlust, der eine empfindliche Lücke zurückläßt. Tenn er war ein Meister der Feder, auch wenn sein eigenwilliger Stil sich mitunter in verschnörkelter Breite gefiel, und er war ein Ritter vom Geist, auch wenn Gegner, die unter feinen Angriffen zuckten, ihm Ritterlichkeit abzusprechen nicht müde wurden. Jahrzehnte hindurch hat kein ^Schriftsteller die öffentliche Meinung in gleichem Maße gesegelt und erregt wie Maximilian Harden. Er fand begeisterte Verehrer und leidenschaftliche Feinde. Er hat aus eigener Kraft eine mit den dürftigsten Geldmitteln gegründete Zeitschrift zu nahezu beispielloser Höhe und Macht erhoben, ganz überwiegend durch seine Persönliche Arbeit; er bewies eine Unerschrockenheit, die ihm hier Anerkenung, dort Verfolgung eintrug. Er hat als Sträfling preußische Festungen kennen gelernt und von einem preußischen Staatsanwalt, der lange wider ihn stritt, als Angeklagter das Zeugnis erhalten, daß er ein — Genie sei. So sprach nach vielen Wochen der Fehde im Gerichtssaal erschüttert Herr I f e n b i e l, derselbe, der die Staatsanwaltschaft die objektivste Behörde der Welt genannt hat. Wann hatte je ein Ankläger seinem Opfer eine ähnliche Ehre erwiesen? Wer der Szene in Moabit beiwohnte, wird sie nicht vergessen. Aber es hat auch Urteiler gegeben, die sich für unbefangen hielten, wie beispielsweise Hans Delbrück, die das schärfste Verdikt über die politische Tätigkeit Hardens fällten, ohne dem Parteihaß Raum zu geben. Dort, wo der Parteihaß wucherte und seine giftigen Blüten trieb, war Maximilian Harden nur der I u d e I s i d 0 r W i tkowfki; obwohl er niemals Isidor geheißen und schon als Sechzehnjähriger sich hatte Lausen lassen, auch später den Namen, den er als Schriftsteller führte, in aller Form Rechtens erworben hatte. Ob Harden Jude sei, fragte einmal die Prinzessin Reuß den Fürsten Bismarck. „Na, im öffentlichen Leben", antwortete der Altreichskanzler, „soll man sagen ähnlich wie im Code Napoleon: l.a recherclie de la röligion cst interdite." Die Nassenschnüffler und Hakenkreuzler, die sich sonst auf Bismarck zu berufen pflegen, sind weit entfernt, diesem seinen Rat zu folgen. Im Gegenteil, sie haben die Hetze gegen den Juden Isidor Wrtkowski so eifrig betrieben. daß schließlich Mordbuben ihm das Schicksal seines früheren Freundes Walther Rathenau zu bereiten suchten. Nur daß der volle Erfolg dieses Mal nicht erreicht wurde. Jrumerhin mußte er geraume Zeit im Krankenhaus liegen und dann noch lauge feiern, um wieder zu Kräften zu kommen. Volle Genesung hat er nicht mehr gesunden. Also, er war als Jude geboren, am 20. Oktober 1861 in Berlin, besuchte das Französische Gymnasium bis zur Prima, wurde Apostata, will sagen abtrünnig, dem Glauben seiner Väter untreu, weshalb er sich vielleicht nachmals als Schriftsteller in bewußter Selbstironie des Decknamens Apostata bediente, legte 1886 den Familiennamen ab und wurde, wie sein Bruder, der spätere "Oberbürgermeister von Posen und noch spätere Direktor der Nationatbank für Deutschland, der sich in Witting umtaufte, fortan Maximilian Harden, aber nicht alsbald Schriftsteller, sondern Schauspieler. Aus kleinen Bühnen, zuletzt bei Pollini, ohne nennenswerten Erfolg. Dennoch hat dieser und jener Beobachter in ihm immer den Schauspieler zu finden geglaubt. So enthält der von Mar Geißler herausgegebene „Führer durch die deutsche Literatur des zwanzigsten Jahrhunderts", erschienen 1913, folgende Charakteristik Hardens: „Der Schauspieler, der nicht aus seiner Haut kann, mag er beginnen, was er will — er ist immer Schauspieler. Doch muß ihm bleiben, was er besitzt. Und er hat manches ganz allein, auch in Sensationsmacherei, die er in der Literatur versteht wie kein zweiter. Ist ein Stilkünstler und Porträtist — der Lenbach der Literatur; denn er hat die feinsten „Köpfe" gemalt. Klarheit, Rechthaberei, temperamentvolle Energie, Scharfe und kritische Einsicht, kurz alle Eigenschaften des gerisienen, aber geistig eine Welt umfassenden Publizisten vereinigen sich in ihm zu eigenartigem Gemisch, und so liegen seine wachen Sinne stets aus der Lauer nach einem „Fall", der sich aufblasen läßt zur Größe eines-Luftballons." Das Bild enthält mancherlei lebenswahre Züge, im Guten wie im Bösen. In der Tat war Harden die Schauspielerei zur Gewohnheit, zur zweiten Natur geworden, wie man sehen konnte, wenn er im Theater saß, und hören, wenn er in der Versammlung stundenlang freien Vortrag hielt — wobei er übrigens recht lieblos und grundlos gegen frühere Mitarbeiter, wie Georg Bernhard, vom Leder ziehen konnte. Wie denn * 1 □ d-ZM ServssS Was lehrt der Schwarzbard-prozeß? - Ludwig Holländer: „König der Könige- - Dr. Erwin Lichienfiein (Danzig): Wahlen zum Oanziger Vollstag. - Dr. Hans Wesemann (vuenor Aires): Lei den Siedlern in Lucienville. - Walter Rosenberg: ln memorlsin Malier Fiex.