Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 6 (1927)
- Issue
- 43 (23.10.1927)
- Date
- 1927-10-23
- Page
- Seite 606 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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H0d heit hinabscgekn". Und die Tatsachen schienen zunächst diesem Selbsturteil recht zu geben; zehn Jnhre vergingen, che eine zweite Auslage nötig wurde, dann aber war der Bann gebrochen, eine Auflage folgte der anderen. Es wurde die vielleicht volkstümlichste und beliebteste deutsche Gedichtsammlung, die nicht nur in das Herz des Volkes einging, sondern auch auf die großen Dichter der gleichen und der folgenden Epoche einenaußerordentlichen Eindruck machte. -Hebbel, der in Paris dem Dichter persönlich nahegetreten war, begleitete den SiegeZzug des Buches mit einer ticfijrcifctibtu Rezension; Storm bekannte, er sei von diesen stimmungsvollen Liedern wie verzaubert gewesen: Keller feierte Heine in seiner Dichtung „Ter Apotheker von Chamormir", und neuerdings brachten ihm D e h m e l und Arno Holz ihre poetische Huldigung dar. Suchen wir nach dem unvergänglichen Werte dieses Gedichtbuchs, so finden wir ihn in der offenen Selbstdarstellung einer seelischen Entwicklung. Tie literarhistorische Forschung hat ja den tieferen Zusammenhang dieses künstlerischen Organismus in der Liebe: zu den beiden Cousinen Amalie und Therese Heine ermittelt, aber bedeutsam ist doch erst die Art, wie Heine, schon damals ^ein Meister in der Anordnung, den Ablauf seiner inneren Erlebnme zu omem großangelegten und feinabgestimmten Gedichtzyklus znscrmmengefaßt hat. Daher können wir von der bloß begabten „Primanerlyrik" bis zu der künstlerisch vollkommenen Leistung die Abfolge der Stimmungen in der Seele des Dichters als Gesamtprozeß miterleben. Ten Dichter überkam hierbei das große Vermächtnis der deutschen Lvrik: das Erbe der Kunstpoesie empfing er durch Goethes „Westöstlichen Divan" und nicht zuletzt durch die Lehre von der romantischen Ironie, das Erbe der Volkspoesie dagegen durch das für seine lyrische Formgebung richtungweisende alte deutsche Volkslied; neben seine süß betörende Liebespoesie trat vollwertig eine Naturpoesie, die, wie namentlich in den herrlichen Nordsccbildern, einen Gipfel der Raturpoesie darstellt. Es soll dabei nicht verhehlt werden, daß mit Dichtern wie Stefan George, Hofmannstha! und Rudolf Borchardt, die die lyrische Tradition von Klop stock, Hölderlin und P l a * ten fortsührten, der Widerspruch gegen den Stil Heines heftig eingesetzt hat. aber es handelt sich hier um die geschichtlich notwendige Opposition der symbolistisch objektivierenden Reflerionslyrik gegen die subjektiv-naturalistische Erlebnislyrik, deren Beherrscher Heine war. Jedoch auch die positive Heine-Kritik wertet jetzt die spatere lvrische Produktion Hernes höher und stellt sein Altersrverk „Romancero" über das „Buch der Lieder". Seit Ranke ist es der Grundsatz jeder entwicklungsgeschichtlich'en Geisteswissenschast. den einzelnen Epochen einer Entwicklungsreihe ihr eigenes Recht und ihre Besonderheit Zuzugestehen, daher wird das „Buch der Lieder" stets Zeugnis dafür oblegen, daß ein junges Genie zum Instrument seiner Zeit wurde und, mit seinem Meister Hegel zu sprechen, den Geist jener Zeit in seinen Gedanken erfaßte. Fritz Fricdlaendcr. 99 < * A Hans Kohn: politische Idee des Judentums". Meyer «. Jessen (München). Ein in der zionistischen Bewegung hervorragend tätiger Schriftsteller, Hans Kohn, gibt eine Studie „Die politische Idee des Judentums" heraus, in der er das „Eigenartige des als Besonderheit nie verleugneten Judentums" schildern will. Das Eigentümliche eines Volkes, meint er, werde weder durch die Sprache noch durch das Land entschieden. Nur seine r n n e r e A r t sei maßgebend. In seiner Totalität sei das Wesen eines Volkes ebenso unfaßbar wie das eines Menschen. Der Jude „enkzeitliche" die Welt. Er schaue nicht so sehr, als er höre. Das Entscheidende sei jüdischen Denkern nicht die Natur, sondern der Mensch und sein Tun: seine Geschichte, gewesen. Tie Quellen des Judentums, aus denen wir seine Pols tischen Ideen bestimmen wollen, müßten davon ausgehen, daß das Judentum keine Religion sei. sondern lebendiges Volkstum, das aus seinem Nationalcharakter im Laufe der Geschichte eine Religion geschasfen habe. Später meint Kohn, Judentum sei nicht nur ein Glaube, sondern ein Für-Wahr- oder Für-Gnt-Halten, es sei Religiosität, Zukunftswille, Politik. In drei Begriffskreisen habe die Idee des Judenturns innerhalb der Geschichte ihre Reife erlangt, in denen des Bundes, des Menschen und des Reiches. Das sind wohl nach Hans Kohn „die politischen Ideen des Judentums". Der Inhalt des Bundes ist WH ScIl©!k©l£I€tfe & V J i €IN KOCHGtNU// i£EMJ£fc-\wE£KE,,rCHV/AläZ££ ß<3 DE ß, LEIPZIG soziale Verantwortung. Die Idee des Reiches, das Reich Gottes, wird durch die sittliche Tat und Haltung der Menschen herbeigeführt, sei aber auch cin Akt der Fügung Gottes. Es verbinden sich Gerechtig. keit, Friede und Freude in dem Reiche des Mesfws. Die Gedanken des Verfassers sind nicht immer klar durchgeführt. Seine nationale Grundanffassung hindert ihn ab und zu an einer wirklichen Durchdringung der Begriffe. Aus dem zweiten Teil des im übrigen sehr fleißig durchgearbeiteten Büchleins könnte man den ersten Teil widerlegen. Immerhin wird man vieles aus ihm lernen können. L.H. * Georg Poposs: „Tscheka, der Staat im Staate Erlebnisse und Erfahrungen urit der russischen außerordentlichen Kommission". (Frankfurter Sozietäts-Druckerei, 1923.) Das Buch ist eine leidenschaftliche Anklage gegen das bolschewistische Terrorsystem und gegen dessen mitleidlose, raffiniert heimtückische Anwendung. Es zwingt durch die Glut und das Feiler der Diktion, durch die Eindringlichkeit der Darlegung eigener Erlebnisse auch den verstaudesmäßig widerstrebenden Leser in seinen Bann. M a n kann dieses Buch keineswegs als eine Darreichung wissenschaftlich zuverlässigen, st i ch - haltigen Materials zur Beurteilung der Tscheka, der politischen Staatspolizei Sowjetrußlands, an sprechen. Poposs ist, wie er selbst beiläufig an einer stelle seines Buches erwähnt, insgesamt sechs Tage Gefangener der Moskauer Tscheka gewesen. Schriftstellerisch ist es ein sabelhafte Leistung, daß er aus dem Inhalt dieser sechs Tage ein Buch 31t machen vermag, das auf seinen dreihundert Seiten auch nicht in einer einzigen Zeile langweilt; aber es geht nicht an. aus dieser Schilderung verallgemeinernde Schl ü s s e zu ziehen. Gerade darauf aber, daß dieses Buch „Wahrheit und Dichtung" ist, mag die schlagende propagandistische Kraft bericheu. Keine nüchterne, sich streng an die Taten haltende Darstellung könnte so überzeugen wie diese Dichtung, der man inunerhin die innere Wahrheit zutraut, der man immerhin zutraut, daß sie, bei allen Fehlern und Entstellungen im einzelnen, den Geist des verwerflichen S y st e m s getreu ersaßt. Tie Sowjets erklären, Poposs sei unter Spionageverdacht verhaftet worden, und man habe ihn sreigelassen, als sich eine harmlose Deutung der Verdachtsmomente ergab. Das ist möglich, aber nicht darauf kommt es au. Poposss Persönliches Schicksal ist völlig gleichgültig. Um so stärkeren Anteil nimmt die Kulturwett an der allgemeinen Frage, ob Poposss Mitteilungen über das btjftcm der Tscheka (Fehlen jeglicher Rechtsgarantien, Willkürregiment, Mißhandlungen, seelische und körperliche Folterungen, Fallen und Kniffe, erpreßte Unterschriften usw.) zu treffen. Hierzu sollte sich die Sowjetrcgierung ganz ausführlich und mit Belegen äußern, wenn sie Popoffs Buch der Propagandakrast berauben will. Dr. Carl Misch. * Rudolf Kirchner: „Engländer". Franksurter Sozietäts- Druckerei, Abteilung Buchverlag, 1926. Der Autor des Buches „Engländer" ist der Korrespondent der „Frankfurter Zeitung" in London. Daß er nicht nur Berichterstatter ist, sondern auch Politischer Wegweiser, hat er im Laufe der letzten Jahre häufig bewiesen. Für uns Juden hat das Buch besondere Bedeutung. Tenn er ergründet an dem Beispiel Lord Reading, dem Vizekönig, das Problem des englischen Inden. Er zeigt die Juden in der englischen Geschickte als die gemäßigten Rebellen und zugleich die gesunden Stützen ihres Landes. Er beweist an dem Lebensschicksal Lord Readings, der früher einmal Rufus Jsaacs hieß, die Vorurteilslosigkeit des englischen Volkes gegen den Juden, und'er ist aus dieses Beispiel nicht allein angewiesen. Er weist auf D i s r a e l i hin und auf Sir Alfred M 0 n d, den großen Industriellen. Er übergeht nicht, daß auch in England gesellschaftliche Hemmungen für den Juden bestehen. Aber er zeigt die Form und die Reserviertheit, in der sie sich äußern. War diese Reserviertheit einmal überwunden, dann war diese Anerkennung „rapid und umfassend". Der deutsche Jude, der im politischen Kampf um die wirkliche Gleichberechtigung mit Argumenten und nicht mit Sentiments allein mitkämpft, wird bei dieser Lektüre nicht besonders stolz aus sein Vaterland. Die politischen Folgen dieser Gerechtigkeit Englands gegen seine Juden sind unabsehbar. Kirchner schildert die enge Verwach senk) eit des englischen Juden mit seinem Vaterland. „So werden Hnnderttauscnde jüdischer Staatsbürger immer enger ans britische Reich gezogen und so erwirbt sich England den Beifall von Millionen von jüdischen Menschen in allen Ländern." Dr. Norbert Einstein. * Jogues Stern, Erich Eyck, Bruno Weil: „Deutsches Judentum und Rcchtskrisis". Philo Verlag, Berliu 1927. Frei von einseitiger Tendenz und jedem Schlagwort behandeln die drei Vorträge, die auf der Juristenkonferenz des C. V. gehalten wurden, das Problem „Deutsches Judentum und Rcchtskrisis". Die allgemeine philosophische Grundlage des völkischen Gedankens kritisiert Landgerichts rat Dr. Stern in tiefgründigen geschichlsphilosophischen'Ausführungen, in denen er die Grundfragen menschlichen Zusammenlebens, die Gestaltung von Recht und Staat von hoher Warte aus behandelt und die wissenschaftliche Unhaltbarkeit völkischer Rechts- und Staatsphilosophie dartut.