Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 6 (1927)
- Issue
- 43 (23.10.1927)
- Date
- 1927-10-23
- Page
- Seite 605 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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shr SS ss! fM Mss g Ein VeUrag zm Schcichtfrase von NabLinsr Dr. Lehmann (ösrilu). Der dem Kampfe, der Zurzeit um die Frage 'des Schachteus geführt wird, dürfte es für unsere Leser von Wdmwina sein, eine Ttiinrne von dem äunernen linken Flügel des religiösen Judenln:ns zu dieser Fr..^e zu hören. Die S ch r i s t l c i r n n g. Line der setbstverstünd t ichftcn Forderungen der Humanität ist Vermeidung der Roheit auch gegenüber dein Tiere. Einmal, weil solches Verhalten den Men sichen überhaupt verroht, und dann, weil das Tier, der dem Menschen am nächsten stehende nichtmensthliche Organismus, zweifellos ^chmerzenipfindunarn'hat, wenn wir auch den Grad derselben nicht feststellen können. Alle Kulmrreligionen tragen dieser humanen Forderung Rechnung und empfinden ihre Vernachlässigung als Kulturdcfekt. Daher kann es uns nicht gleichgültig sein, wie man in dieser Hin sicht vom Judentum denkt. Da hören wir von scharfen Angriffen, von schöneren Vorwürfen. Cie richten sich vor allein gegen die rituellen Vorschriften beim Schlachten der Tiere. Das brauchte uns liberalen Juden scheinbar nicht zu berühren, die wir in diesen Vorschriften nur Reste alter Opferriten sehen, die für uns erledigt sind. Aber wir können es nicht zulasten, daß mmr mit offenbarem Unrecht eine große Zahl unserer Glanbensbrüder einer Verletzung der Humanität' beschuldigt und damit das Judentum überhaupt zu treffen sucht. Unsere Glanbensbrüder, die das Ritualgesetz als unbedingte religiöse Verpflichtung anerkennen, sollen wissen, daß wir ihnen, unter voller Währung unseres religiösen Standpunktes, dem auch sie Achtung bezeugen müssen, zur ^eite stehen, wenn ihnen Unrecht geschieht und wenn man sie an der freien Ausübung ihrer religiösen Pflichten irgendwie behindert. Und unser Eintreten für sie ist um so notwendiger, als man ihre eigene Verteidigung als befangen anfchen muß, während man uns, bei unserer ablehnenden Stellung diesen Ritualvorschriften gegenüber, die 'Objektivität nicht abttreiwn kann, wenn wir vom ethischen Standpunkt aus zu dieser Frage Stellung nehmen. Wie steht es mit dem Tierschutz im Judentum? Schon unter den sogenannten sieben noachidischon Geboren, den Erundsorderungen der Humanität, die nach der Ansicht des Judentums für alle Menschenkinder gelten, ist eines, das die Grausamkeit gegen die Tiere verbietet. Welch humaner Geist spricht aus dem Worte des fünsten Buches Moses: „Du darfst nicht ruhig mit ansehen, wie der Esel deines Bruders oder sein Ochs aus dem Wege stürzen. Du darfst dich nicht beiseite drücken, sondern du mußt ihm Helsen, sie auszurichten." Und wie aus dem entsprechenden Gebot im zweiten Buche Moses hervorgeht, gilt das selbst dem Ochsen und Esel des feindlichen Besitzers gegenüber. Dein Tier sollte unter allen Umständen schnell aus seiner Not geholfen werden. Aehnlichen Geist atmet das Gebot int fünften Buche Moses: „Wenn du ein Vogelnest vor dir findest aus dem Wege, au irgendeinem Baum oder ans der Erde, Junge oder Eier, und die Mutter sitzt auf den Jungen oder auf den Eiern, so sollst du nicht die Mütter samt den Jungen nehmen. Weit fortscheuchen sollst du die Mutter, dann magst du die Jungen dir nehmen — auf daß es dir wohl ergehe und du lange lebest." Das ist derselbe Zusatz, wie bei der Verehrung von Vater und Mutter im fünsten Gebote. Der große Lehrer Mairnonides sagt ausdrücklich, dasi der Grund dieses Gebotes Mitleid mit dem Tiere sei, da so der schmerz des Muttertieres bei der Fortnah me und Tötung der Jungen vermieden wird. Und in gleichem Sinne deutet Philo das Gebot im dritten Buche Moses, daß man ein Tier und sein Junges nicht an einem Tage' schlachten soll. Auch das Gebot, daß man das Böckchen nicht kochen soll in der Milch der Mutter, wie man dieses Wort las und eine Fülle eigenartiger ritueller Vorschriften aus ihm herteitete, bedeutete nach einem berührnten jüdischen Bibclerklärer des Mittelalters ähnliches wie obiges Gebot, und in der Deutung „a n der Milch der Mutter" dasselbe wie die Bestimmung im dritten Buche Moses, daß man das Junge in den ersten acht Tagen nicht von der säugenden Mutter fortnehmen solle. Humanen Geist atmet auch das Wort im fünften Buche Moses, daß man Ochs und Esel, die ungleichen Schritt haben, nicht vor denselben Pflug spannen soll, und daß man dem Ochsen das Maul nicht verbinden soll, wenn er drischt, um so dem Tiere nicht Oualeu zu bereiten, indem man ihm die Nahrung, die es ständig vor sich hat, entzieht. Diese Schrifttzebote könnten als Beweise für die Hunmnität der Bibel dein Tiere gegenüber genügen. Doch müssen wir noch Hinweisen auf die bedeutsame Forderung im vierten Gebote des Zehnwortes, im Sabbatgebote, daß der Segen des Ruhetages auch den: Tiere zugute kommen soll. Höchst bezeichnend sür die Auffassung des Judentums aber ist auch der stete Hinweis der Bibel aus die Barmherzigkeit Gottes als Vorbild für den Menschen in seinen; Verhalten gegen die Tiere. So Psalm 147: „Er gibt dem Vieh sein Futter, den jungen Raben, die da rufen", Psalm 145: „Aller Augen harren auf Dich und Du gibst ihnen ihre Speise zu ihrer Zeit; Du öffnest Deine Hand und sättigst alles Lebende in Gnade." Änd ebenso Psalrn 104 und Hiob 38. Und diese Gesinnung der Bibel geht in das ganze spätere Schrifttum über, wie schon die obigen Ausdeutungen der späteren Erklärer beweisen. Man beruht sich schon, in versteckten Andeutungen der Schrift solch humane Forderungen zu entdecken. Co schließt man aus der Wortfolge eines Satzes der Schrift die Forderung, daß man zuerst für das hilflose Haustier sorgen muß, ehe man sich selbst zu Tisch setzt. Und wie zartfühlend ist eine Forderung, daß man einem Huhn nicht Enteneier zun; Brüten unterlegen darf, um dem Muttertier nicht Qualen zu bereiten, wenn die Entlein nachher allein im Wasser schwimmen. Bei dieser Einstellung des Judentums ist es völlig ausgeschlossen, daß die Humanität in den alten Opfer- und Schlachtriten außer acht gelassen wäre. Im Gegenteil, zur Ehrenrettung auch dieser Epochen des Judentums und derer, denen sie vorbildlich blieben, minien auch wir vor aller Welt feststellen, daß wir aus genauester Kenntnis aller einzelnen Umstände diese Art der Tötung der Tiere noch für die humanste halten. Wir wissen, mit welcher Vorsicht zu Werke gegangen werden muß, u:n jede Quälerei zu vermeiden, und wie eine Ptißachtnng dieser Vorschriften schon den Genuß des Fleisches unmöglich macht. Und die Tatsache, daß man einen besonderen Kultusbeamten mit diesem Amte betraut, mag uns persönlich noch so abwegig erscheinen, hat aber zweifellos dazu beigetragen, Roheitsakte, die bei handioertsmäßiger Tötung nur zu leicht sich einstellen, völlig zu vermeiden. Darum sehen auch wir liberale Juden, denen diese Schlachtvorschriftcrr in religiöser Hinsicht nichts bedeuten, in dem Toben und Treiben der Gegner dieser Methoden nicht das Bestreben, den Tierschutz zu fördern, sondern nur einen jener inhumanen Versuche, gegen Juden und Judentum in gehässiger Weise vorzugchen. Will man Roheitsakte beseitigen, wir tonnten diesem Streben ganz andere Gebiete ausweisen, wo der Tatbestand ganz klar zutage liegt. Wer wüßte nicht, welche Grausamkeit die Jagd der Tiere mit sich bringt! Dieses Hetzen und Jagen der Tiere in dauernder Todesangst bis zur Erschöpfung, die furchtbaren Verwundungen und Verftü'mmeluugen bei nicht 'sofort bewirkter Tötung. Warum schreit man nicht über die Roheiten bei der raffinierten Tötung der Tiere zur Herrichtung bestimmter Speisen? Warum unternimmt man nicht große Aktionen wegen der Ausrottung ganzer Vogelarten, nur um eitle Menschenkinder mit Federputz zu schmücken? Don Einzelheiten in gewissen Gegenden will ich nicht reden. Sie sind zu widerwürtig, um sie auszuzählen. Wer aber bei uns ans dem Lande sogenannte ^chlachtcsoste erlebt hat, der kann Zeit seines Lebens diese schrecklichen Eindrücke nicht los werden. Ja, die Tatsache eines Schlachtfestes spricht zur Genüge, ganz abgesehen von dar Art der Tötung. Wer im Sinne des Judentums handelt, wird nicht nur selbst all solche Roheiten vermeiden, sondern wird auch seine Kinder von frühester Jugend an nachdieser Richtung beeinslusien und alles im Kinde unterdrücken, was in seinen Trieben und Anlagen dazu verlocken könnte. Gerade schonende Behandlung der Tiere ist geeignet, das Kindesgemüt zu verfeinern. Wer Kinder beobachtet in der reinen Freude, die sie am Tierleben haben, in der liebevollen Fürsorge sür ihre Lieblingstiere, in der gegenseitigen rührenden Anhänglichkeit und Treue, — der weiß, welche Erziehungsmöglichkeiten sich hier bieten. Vor allem ist hier ein Weg gegeben, die Naturliebe im Kinde zu stärken, den Sinn sür das Schöne in ihm zu wecken und so sein Seelenleben zu bereichern und zu vertiefen. Und die Gefühle des Mitleids, des Erbarmens, der Fürsorge werden, einmal geweckt, nicht auf die Tierwelt beschrankt bleiben, sondern zu allgemein-sittlichen Empfindungen erstarken. Darum sollten wir stets tief in die Seele des Kindes schreiben die echt jüdische Mahnung des frommen Spruchdichters der Bibel: „Der Gerechte erbarmt sich seines Viehes, aber das Herz der Frevler ist grausam!" Ein IahrhunZert seines „buch öer Lreöer". Oktober 1827—Oktober 1927. Es ist wohl Sitte, die Erinnerung an die Gebltrts- und Sterbetage berühmter Männer ehrerbietig z'u pflegen: heute fordert die Jahrhundertfeier eines literarischen K u n st werk s unsere Aufmerksamkeit. eines Werkes, das den Weltruhm seines Schöpfers begründet hat. Hundert Jahre sind vergangen, s e i t - dem Heines „B u ch d e r Lieder" in die Welt getreten ist. Dieses Ereignis, das in der deutschen Literaturgeschichte geradezu Epoche machte, ist von der Ocffeutlichkeit keineswegs sofort und nicht einmal vondem Verfasser selbst in seiner ganzen Tragweite begriffen worden. „Einige Freunde dringen draus, daß ich eine auserlesene Gedichtsammlung, chronologisch geordnet und streng gewählt, herausgeben soll, und glauben, daß sie ebenso populär wie die Bürgersche, Goethesche, Uhlandsche usw. werden wird", berichte: Heine selbst. Aber er. der durch die Neuheit und Kühnheit seiner chReisebilder" eine unerhörte Wirkung erzielt hatte, hegte keine allzu hohe Meinung von seiner Gedichtsammlung, er meinte, sie würde „wie ein harmloses Kausfahrteischifs. unter dem Schutze des zweiten Neisebilderbandes ruhig ins Meer der Vergehen- Dr. Alfred Wiener spricht im Rahmen der Freien jüdischen Volkshochschule Berlin SW 61, Yorkstr. 88, am Montag den 7. Xoveniber, 814 bis 10 Uhr abends, im Vortragssaal der Synagogo Fasanenstrasse, über „üeiseemdrüdse aas dem neuen Palästina". Karlen auch durch Landesverband Gross-Berlin dos C. V. (Dönhoff LM), Berlin SW 68, Liiidensir. 13.