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Central-Verein-Zeitung · 1927-10-23 · 43 (23.10.1927) · p. Seite 604

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
6 (1927)
Issue
43 (23.10.1927)
Date
1927-10-23
Page
Seite 604 (sequence 4)
Language
German
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604 francaise ist, trotz ihrer antisemitischen Haltung, für eine scharfe Betonung dieses Standpunktes zu gewinnen. So blieb denn nichts übrig, als den üblichen Weg zu beschreiten, auf dem man in Frankreich die Propaganda für bestimmte politische Zwecke betreibt, die Gründung einer Liga. Das ist seit einiger Zeit geschehen, und wir haben jetzt eine Organisation nüt dem schönen Namen „Ligne de Tordre“ vor uns. lieber das Blühen und Gedeihen dieser politischen Neugründung liegen aus verständlichen Gründen keine zuverlässigen Angaben war. Dafür gibt aber die Liga eine einstweilen nur alle zwei Monate erscheinende Zeitschrift heraus, die über ihre Tendenzen vollen Aufschluß gibt: die „Cahiers de Tordre-. Die Liga stellt sich die Dinge so vor, daß die „jüdisck)e Großfinanz" und Freimaurertum, sei es einzeln oder verbündet, überall Unruhe stiften, Kriege schüren und die Versklavung, schließlich die Vernichtung der katholischen und orthodoxen Länder herboiführen wollen. Das ist im wesentlichen das gleiche Programm, wie es der Antisemitismus der Drehs us-Zahre, wie es vor allem T r u m o n t vertreten hat. Tie „Cahiers de l'ordre“ folgen D t u m ont in seinem Haß, der sich gegen Judentum und Freimaurertum gleichzeitig wandte. So geben die Beziehungen des Judentums zur Freimaurerei schon ans den Orden der Tempelritter zurück. Weshalb diese seltsame Verbindung der Inden mit einem christlichen Ritterorden? Weil im Jahre 1594 der Papst den Orden der Templer verurteilte, und weil im gleichen Jahre der König von Frankreich die Inden vertrieben hat. Natürlich waren die Juden die Urheber der Revolution von 1789, obwohl sie erst 1794 das Bürgerrecht erwarben und obwohl kaum hundert jüdische Familien (unter Ludwig XIV. waren cs nur vier) im eigentlichen Frankreich lebten. Tie Linie der Orleans, die den Freimaurern naheftand, ist selbstverständlich mit den Juden verbündet. Und schließlich Napoleon, trotz all seiner Freundschaft für die Juden, nur von ihnen zu Fall gebracht worden. Außerdem hat die Zeit von 1789 bis 1815 ihre Wurzeln nicht in den Fehlern des Aneien Regime, in der Arbeit Rousseaus und der Philosophen, sondern einzig und allein in der Iudcngasse zu Frankfurt, iiu Stammhause der Rothschilds. Nach diesen Beispielen von den historischen Elementen, aus denen sich die Anschauungen der „Lrdnungsliga" ausbauen, kann man sich eine Vorstellung von ihrer Beurteilung der Gegenwart machen. Poincar^. der ""Allgewaltige von heute, ist nur ein Spielball in der Hand der „jüdischen Finanz* (Heft 4, S. 314). Tie Juden sind schuld an dem „schlechten Frieden'. Tie wichtigste Tatsache der Frredensvertrage ist die Begründung des national home in Palästina. Aber wenn die Juden die Väter des Bolschewismus sind, so geht anderseits aus sie auch all'das Böse zurück, was der Völkerbund an- Serichtet hat. Jede Entscheidung, die sich gegen Frankreich richtet, ist daraus zurückzusühren, daß die Juden im Völkerbund „herrschend* sind. Sie gehorchen einer „Geheimregierung', dem Kahal. Tiefe jüdische Geheimregierung bat nach Ansicht der Ordnungsleute überhaupt die meisten politischen Ereignisse der letzten Jahre auf dem Gewissen. Wir finden also hier in französischer Fassung die gleichen Märchen wieder, wie sie den Leichtgläubigen der anderen Länder täglich vorerzählt werden. Da Frankreich allmählich in die Wahlkampagne eintritt, werden die Bemühungen, durch die internationalen Märchen über das Judentum für die äußersten Rechtsgrupven zu werben, sicher zunehmen. In diesem Sinne hat diese antisemitische Renaissance in Frankreich nicht nur einen Kuriofltätswert, sondern auch eine gewisie aktuelle Bedeutung, die ihre iveitere Beobachtung erforderlich uracht. g. Steinfeld (Paris). Schwarzbarö-prozeß in Paris. Eigener Bericht der „C. B.-Zeitung". J. W. Paris, 22. Oktober. Fünf Tage verhandelt das Pariser Schwurgericht \dpn gegen Samuel Schwarzbard, der im vorigen Jahr den ehemaligen Hetman der Ukraine, Petljura. tötete, und ist noch nicht über die Vernehmung der von der Staatsanwaltschaft geladenen B e - l a st u n g s z e u g e n hinausgekommen Der Prozeß wird in einem Moment geführt, in dem das Thema „Sowjetrußland" aktuell ist. Und trotzdem uruß man sich wundern, daß geheime .strafte mn Werk sind, die durch geschickte Propaganda den Eindruck erwecken wollen, Schwarzbard habe als Agent der Sowjets gehandelt, Petljura sei ein Freund der Juden geweien. Die Pogrompolitik, so erklärt man weiter, ist von allen Negierungen in Rußland befolgt worden: die Kommunisten handeln nicht anders als die Zaristen. Tatsächlich muß die VerterDi- Aung täglich gegen diese Formeln ankämpfen. Alle Zeugen, die bis letzt zu Worte kamen, sind Freunde des ehemaligen Oetmans gewesen, ob es sich um Generale oder ehemalige Minister handelt. Sie erklären inhaltlich, aber nicht immer geschickt, Petljura habe den Dingen ihren Laus lassen müssen, die Ereignisse seien stärker gewesen als sein Wille. Und in der Tat. der in Prag lebende ukrainische Professor C h u l g u i n e legte gestern Kundgebungen Petliuras gegendie Pogrom Politik vor, aber als man ihn fragte, was fein ehemaliger Herr nach den Pogromen in Schitomir und Proskurow getan habe — schwieg er! Ist doch schon vorgestern einwandfrei festgestellt worden, daß man einige-Juden vor das Kriegsbericht stellte,. dünn freigesprachen wurden. Die Führer der Divisionen, die die Massenmorde begingen, aber ließ man laufen. Neben all diesen Erörterungen hat es keinen schlechten Eindruck gemacht, daß Schwarzbard selbst wiederholt nicht nur seine Bereitwilligkeit, die volle Verantwortung für seine Tat zu übernehmen, aussprach, sondern mich auf Fragen des Vorsitzenden erklärte, daß, da er die Judenpogrome habe rächen wollen, er Befriedigung darüber empfunden habe, jenen Mann getötet zu haben, der nach deiner festen Ueberzeugung die größte- Verantwortung für die Pogrome der Nachkriegszeit trage. Der Prozeß dürste, da noch etwa 110 Zeugen zu vernehmen sind, mindestens noch etwa zehn Tage in Anspruch neh:::en. In der össtntlichen Meinung zeigt man kein besonderes Jntereüe für den Prozeß. Der Durch'chnittssranzose kennt die Ukraine nur dem Namen nach, er begeistert sich nur für das, was ihn unmittelbar berührt. Aber die russischen Flüchrlinge sind voller Begeisterung, denn es rollt sich im Gerichtssaal ein Stück Geschichte ab, an dem sie interessiert sind. Man braucht sich also auch nicht zu wundern, daß das Tribunal zur Szene wird. Das Publikum spielt mit, und die beiden Advokaten, der der Zivilpartei, Eampinchi, und der Schwarzbards, worrös, sehen es offenbar nicht ungern, wenn ihre Ausmhrungeu unterstützt werden von dem Beifall des „Chores", der gar oft das offenbart, was die zwölf Bürger denken, die in Kürze über eines der traurigsten Kapitel der russischen Geschichte ein Urteil abzugeben haben. Das Hakenkreuz am Schneeschuh. Der srrveterrverttsche Sportverbarrv lehnt Den Arierparagraphen ab. Wir berichteten vor einiger Zeit über die Prekäre Situation, in die der Deutsche Skiverband infolge der antisemitischen Jntransigenz österreichischer Ski-Sportvereine geraten war. Ter Deutsche Skiverband, der bekanntlich den: Internationalen Skiverband (Confed6ration international de Ski) augeschloß'cn ist. wollte im vorigen Jahr bei den Meisterschaslskümpscn des Internationalen Skiverbandes in der Schweiz auch österreichische Sportleute in seiner Mannschaft starten lauen, da die österreichischen cki-^portverbäude dein Internationalen Ski-Sporiverband nicht angeschlossen sind, ihre Mitglieder daher nicht startberechtigt waren. Der Internationale Skiverband nimmt nur solche Verbände ans. die aus dem Staatsbürgerpriltzip aufgebaut sind und alle am Skisport interessierten Kreise ihres Landes umfassen. Ein großer Teil der deutsch-österreichischen Ski- Sportverbände hat in jener nachgerade genügend bekannten Verquickung von Politik und Sport den „Arierparagraphen" in seine Satzungen ausgenommen urtb Juden von der Mitgliedschaft ausgeschlossen. Es war daher bisher nicht möglich, einen für den Anschluß an den Internationalen Skiverband geeigneten repräsentativen deutsch-österreichischen Skiverband zu schaffen. Um nun wenigstens einigen hervorragenden österreichischen ^portsleulen die Teilnahme an den internationalen Skikämpfen Zu ermöglichen, wollte der Deutsche Skiverband diese in seiner Mannschaft starten lasten. Nur nach schweren Konflikten mit dem Vorstand des Internationalen Skiverbandes wurde dies und ausdrücklich nur für die vorjährigen Kämpfe gestattet. Beinahe hätte jedoch diese Rücksichtnahme auf die österreichischen „Arier" dem Deutschen Skiverband die Teilnahme an den internationalen Kämpfen unmöglich gemacht, zweifellos hätte dies der internationalen Geltung des deutschen Sports sehr geschadet. In wohltuendem Gegensatz zu dem österreichischen Fanatismus steht die Haltung des größten sudetendeuischen ^portverbandes: des Hauptverbandes deutscher Wintersportvereine, der am 9. Oktober auf seiner Tagung in Leitmeritz die Ausnahme des „Arierparagraphen' in seine Satzungen mit 800:568 Stimmen abgelehnt hat. Die dem Verband angeschlogenen Skiriegen des DeutsaPvölkischen Turnbundes hatten den Ausschluß der Juden beantragt, fanden jedoch bei der Mehrheit des Verbandes, insbesondere bei seinem Vorstand, keine Gegenliebe. Der Vorstand erklärte, es läge dem Verband fern, auf die einzelnen Vereine einen Gewissenszwang arrszntrben, er stelle ihnen daher frei, ob sic Inden ausnchmen wollen oder nicht. Er müsste sich jedoch dagegen verwahren, das; von außen aus ein Gewissenszwang von den derrischvölkischcn Turnvereinen ansgeübt würde. Wenn den deutsch-völkischen Turnvereinen dieser Bescheid nicht Passe, so stehe cs ihnen frei, den Verband zu verlassen. Die Vertreter der deutsch-völkischen Turnvereine verließen darauf demonstrativ den Saal. Man kann den Hauptverband deutscher Wintersportvereine zu seiner energischen Haltung nur beglückwünschen. Im Gegensatz zu anderen großen Verbänden — die sich, wie etwa der Deutsch-österreichische Alpenverein, von einer völkischen Minderheit ihren Willen aufzwingen ließen — hat er es verstanden, sich die im Interesse seiner sportlichen Bestrebungen unerläßliche politische Neutralität zu bewahren. W. N. Völkische Acrzte gegen den Aerztckalender. Der von den Temmler-Werken, Vereinigte Chemische Fabriken, herausgegebene Aerztckalender enthält eine reiche Auswahl vielbelachter Anekdoten, aber auch eine große Anzahl hochstehender Zitate aus Literatur. Philosophie und religiösen Schriften. Auch einige wertvolle Sentenzen aus jüdischen Quellen führt der Kalender au. Dies allein schon veranlaßte einige völkische Aerzte. ihre Kollcgenschast zum Boykott der chemischen Erzeugnisse der Temmler-Werke auszufordern. Ob die Herren wohl immer so konsequent sind und in ihrer Praxis alle wissenschaftlichen Errungenschaften eines Ehrlich, Jacob i, Otto Marburg, Wassermann auszuschalten wissen? — Der Inhaber der Tenunler-Wcrke, Kommerzienrat Temmler, ist übrigens nicht Jnde. .

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