Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 6 (1927)
- Issue
- 43 (23.10.1927)
- Date
- 1927-10-23
- Page
- Seite 603 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2277379-2277729-2277771--04036-2284609- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
603 Ausdruck. Die Bayrische Volkspartei spricht von einem Trauerspiel, die Abgeordneten Koch und Kahl suchen nach einem Ausweg, sogar der Teutschnationale Graf Westarp bemüht sich um eine Lösung. Herr Stöhr hat den traurigen Mut, festzubleiben. 46000 Nentner im Saargebiet können ihm ihren Dank abstatten. Tie öffentliche Meinung, die Präsident Lobe als Richter angerufen hatte, hat ihr Urteil gesprochen. Es stimmt mit dem der Parteien überein. Es nützt den Herren vom äußersten rechten Flügel nichts, wenn der „Völkische Beobachter" mit einer „Haltet den Tieb"- Taktik versucht, gerade die Unzulänglichkeiten der Vorlage als Grund für das Verhalten des Herrn Stöhr ins Treffen zu führen. Die wenigen Nationalsozialisten hatten diesmal Gelegenheit zu zeigen, daß sie die beiden Hauptpunkte ihres Programms, national und sozial zu sein, nicht nur als Phrase empfinden. Soziale Pflicht war es, armen Menschen zu helfen. Nationale Verantwortung gebot, Volksgenossen, die politisch vom großen Neichskörper abgetrennt leben, die Fürsorge der Heimat empfinden Zu lassen. Die Herren Nationalsozialisten haben versagt. Mag eine ganze Volksgruppe ins Elend geraten, wenn nur ihr Eigensinn siegt! Das Parteiinteresie über alles! Die Oefsentlichkeit wird sich erinnern. Die Wahlen werden die Antwort geben.!Nr!öerung öes numerus clausus in Ungarn. - Die Erklärung öes Ministerpräsiöenten. - Furcht vor öem völkerbunS! — Der gerechte Graf Ulebelsöerg. - Theaterunruhen in öuöapest. - Lfguede l'ordre kn Paris. Budapest, Ende Oktober 1927. Ministerpräsident Graf Dethlen hat dieser Tage in einer Versammlungsrede das Versprechen gegeben, die Negierung werde den numerus clausus mildern, „loeil das Gesetz von einem Teile der Bevölkerung Ungarns als gravaminös empfunden wird". Es würden nur die Bestimmungen des Gesetzes aufrechterhalten bleiben, die aus sozialen Gründen auch heute noch unentbehrlich sind. Bethlens Ankündigung hat die öffentliche Meinung beider Lager, sowohl die Liberalen wie die Antisemiten, aufs höchste überrascht, denn in der letzten Zeit konnte man eher eine lltechtsals eine Linksschwenkung der Regiernngsvolitik feststellen. Man fragte sich verwundert, was denn BethUn zu seinem Entschluß veranlaßt haben mochte. Am meisten Wahrscheinlichkeit hat die Erklärung für sich, daß Bet h len ein neues Einschreiten des Völkerbundes befürchtet, das Ungarn besonders jetzt, wo der Prozeß der stebenbürgischen Optanten in Genf entschieden werden soll, die größten Unannehmlichkeiten bereitet Hütte. Tie Ungarn klagen fortwährend vor dem Völkerbund über schlechte Behandlung ihrer Minderheiten durch die Nachbarn. Ter numerus clausus war eine wirksame Waffe für die Gegner. Wie konnte denn das Ungarn, mit Erfolg anftreten, das seine jüdische Minderheit des elementarsten Rechtes,'der Lernfreiheit, luwauble? Doch, es ist schließlich von untergeordneter Bedeutung, w a s Bethten zum Einteuken veranlaßt hat. Wichtig ist nur, ob das „Gravaminöse" des numerus clausus wirklich ausgehoben werden soll. Unterrichtsminister Gras Kuno Klebelsberg hat in einer Zeitungserktärung die allgemein gehaltene Ankündigung Bethlens dahin präzisiert, daß aus dem § 3 des Gesetzes der Satz gestrichen werden soll, der die Beschränkung der Aufnahme jüdischer Hörer an den Hochschulen ausspricht. Das wäre jedenfalls ein Riesenschritt nach vorwärts — wenn man nicht andere Mittel findet, um die Inden doch von den Hochschulen fernzuhalten. Es bleibt im § 3 noch immer die Bestimmung, das; die sich meldenden Hörer auf ihre „nationale Verläßlichkeit" zu prüfen sind, wobei das Profcsiorcnkoücgium souverän entscheidet. Man kennt nun die Ausfasiung gewiper, im Prosessorenkollegium der Hochschulen zahlreich vertretener Kreise, wonach der Jude einfach ein „Feind der ungarischen Nation" ist. Diese Bedenken sind um so gerechtfertigter, als man auch sonst unmer wieder die Erfahrung macht, daß untergeordnete Behörden selbstherrlich ihre eigene Politik machen. Im vertrauten Kreise hat Bethlen selbst oft darüber geklagt, daß ihm der administrative Apparat nicht immer pariert — und gute Kenner dieses geriebenen Balkanpolitikers behaupten, er Pflege sich manchmal der „Widerspenstigkeit" seiner Organe zu bedienen, loenn er aus Rücksichten auf das Ausland liberale Verfügungen erlasie. deren ernste Durchführung er aber gar nicht haben will. Man muß nun abwarten, ob der numerus clausus nur für Genf oder auch — für die jüdische Jugend Ungarns aufgehoben oder wenigstens gemildert wird. Praktisch könnte Bethten den numerus clausus, wenn er ihn ernstlich nicht haben will, selbst ohne Abänderung des betreffenden Gesetzes leicht ausheben, denn die Jernhaltrrng der Juden von den Hochschulen wird unmöglich, wenn man das Gesetz vom numerus clausus im Sinuc der Staatsgruudgcsetze interpretiert. Das Gesetz vom numerus clausus spricht nämlich nur von der prozentuellen Verteilung des für die Hochschulen festgesetzten Hörerkontingents ans die einzelnen „Nation a l i t ä t e n" Ungarns, die Inden sind aber nach den Staatsgrundgesetzen — keine Nationalität, sondern eine vollberechtigte K o n f e s s i o n s g e m e i n s ch a f t. Bethlen brauchte also die Hochschulbehörden nur auf das Staatsgrundgesetz aufmerksam zu machen, und es gäbe keinen numerus clausus mehr. Sehr entschieden nimmt Unterrichtsminister Graf Kuno Klebelsberg für die ehrliche und praktische Aushebung des Dumerus clausus Stellung. Er erklärt, er habe sich nie mit diesem Gesetz identifiziert, das er als lästige Erbschaft von seinem Amts- Vorgänger übernommen habe. Klebelsberg gilt seit langem als ernster Konkurrent des Grasen Bethlen, und wiederholt schien er nahe daran zu fein, an Bethlens Stelle zu kommen. Daß er sich jetzt so warm für die Juden einsetzt, läßt vielleicht darauf schließen — daß er selbst nicht an Bethlens judenfreundliche Absichten glaubt. Sehr tapfer hat sich Graf Klebelsberg auch in der Affäre des jüdischen Bühnendichters S z o m o r i gehalten, desien Stück „A Nagyasszony44, entgegen dem wütenden Protest der rechtsradikalen Kreise, dieser Tage im Nationattheater ausgesührt wurde. Als die Absicht der Leitung des Nationalthcaters bekannt wurde, dieses vor siebzehn Jahren mit großem Erfolg zum erstenmal ausgesührte Stück Wiederaufleben zu lassen, setzten die Rechtskreise alles in Bewegung, um den Juden Szomori von der Bühne des Staatstheaters sernzuhalten. Gegen das Stück selbst, das ein historisches Drama aus der Zeit- Maria Theresias ist, konnten sie nichts Vorbringen, ober die bloße Tatsache, das; der Autor Jude ist, brachte sie in Wut. Graf Klebelsberg lehnte aber jede Intervention ab und er sorgte sogar dafür', daß das Nationaltheater an den Abenden, wo Szomoris Stück gegeben wurde, entsprechenden Polizeischutz bekomme. Die rechtsradikalen Organisationen marschierten in Mayen aus. einige Dutzend Ruhestörer verschafften sich unter Vorweisung von Eintrittskarten sogar Zutritt ins Theater selbst, aber die Polizei setzte es durch, daß das Stück ohne ernste Störung bis zu Ende gespielt werden konnte. Ob diese Symptome einer Wendung zum Besseren ernst zu nehmen oder ob sie nur der Ausfluß eines hinter den Kulipen vor sich gehenden politischen Kampfes sind, wird erst die Zukunft zeigen. Tie politische Polizei hat, wie ja in der letzten Nummer dieser Zeitung berichtet wurde, in den letzten Monaten 2800 Juden aus Ungarn a n § w eisen lassen, wobei sie die Opfer nach dem Gottesdienst vor der Synagoge absing. Das deutet keinesfalls aus eine ernste Einkehr der maßgebenden Kreise. Paris, 24. Oktober 1927. Ter Antisemitismus in seiner modernen Erscheinungsform hat von Anfang an das Bestreben gehabt, die nationalen Grenzen zu sprengen und die Hilfe des Auslandes, sei es auch des feindlichen, weitgehend in Anspruch zu nehmen. Wir kennen auch in Deutschland Fälle internationaler Annäherung antisemitischer Gruppen. Die Entwicklung der Nachkriegsjahre hat dazu beigetragen, die Fäden, die der internationale Antisemitismus um die Welt gesponnen hatte, und die die Jahre 1914 bis 1918 nur scheinbar zerrissen hatten, wieder fester zu knüpfen.' Für diesen großen Welttrust gegen das Judentum kommen heute in erster Linie von den Weltmächten Deutschland, England und die Vereinigten Staaten in Frage, von den kleineren Ungarn und Rumänien. Aber es scheint, daß auch in Frankreich Kräfte am Werk sind, u m das Land, das einen wirklichen A n t i s e m i t i s m u s n u r als v o r ü b e r g eh e n d e E r s ch e i - nung gekannt hat, in den internationalen Ring h i n ü b e r z u z i eh e n. Da wirkliche Grundlagen für eine starke antisemitische Bewegung in Frankreich nicht vorhanden sind, nutzen die Gruppen, die sich dem Geschäft des Hetzens widmen, nach Kräften die wi r t sch a f t l i ch e n Zustände aus. Die Lage bietet hierzu gewisie Anhaltspunkte. Ter kleine Mittelstand leidet schwer unter der Pseudostabilisierung des herrschenden Systems. Zu der allgemeinen Enttäuschung, die der Frieden den Franzosen gebracht hat, kommt die große Steuerlast, die sich erst gegenwärtig im ganzen Umfang bemerkbar macht, und ein Rückgang der Geschäftstätigkeit, der nach nun mehr als einjähriger Beruhigung des Devisenmarktes immer wieder zum Durchbruch kommt. Mit einem Wort: Die Aussichten für den Sozialismus der Dummen sind nicht schlecht. Aber diese Momente würden nicht genügen. Daher sucht der Antisemitismus, der in Frankreich durchdringen will, A n - lehnung an die klerikalen und nationalistischen Richtungen, die latent ähnliche Gedankengänge enthalten. Dafür bleiben allerdings nur die äußersten rechten Gruppen übrig, deren Anhängerschaft recht gering ist. Nicht einmal die Actioa