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Central-Verein-Zeitung · 1927-10-23 · 43 (23.10.1927) · p. Seite 602

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
6 (1927)
Issue
43 (23.10.1927)
Date
1927-10-23
Page
Seite 602 (sequence 2)
Language
German
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ö02 Juden müssen, das ist immer wieder seiner Weisheit letzter Schluß, als ein fremdnationales Element erkannt und anerkannt werden, und insbesondere muß aus dem Namen eines Menschen zu entnehmen sein, ob er Jude ist oder nicht. Irgendwelche gesetzliche Maßnahmen aus der Anerkennung dieser Tatsache zu ziehen, lehnt Belloc fast entrüstet ab. Aber die Entrüstung ist nur erheuchelt, denn so unwisiend er — auf diesen Punkt kommen wir noch zurück — in allen historischen Dingen ist, kann er unmöglich verkennen, daß eine solche Politik der absoluten Trennung und des gelben Flecks, des sozialen Ghettos, schließlich zu einem wirklichenGhetto und zu einer scharfen Ausnahmegesetzgebung Logisch führen muß. Und in Wahrheit fordert er auch praktisch den Beginn der Entrechtung, indem er besondere Gerichtsbarkeit für Streitigkeiten unter Juden und^von Juden mit Nichtjuden für angebracht hält. Seltsam ist, was man bei einer solchen geistigen Einstellung doch an sich annehmen müßte, daß Belloc an den Zionisten und ihren Theorien keine reine Freude hat. Er ist eben Engländer und er kennt demnach unsere deutschen Ideologien mit ihren Sorgen nicht. Für ihn ist der Zionismus lediglich eine Macht, die England politisch in Abenteuer und Kosten stürzt, und der Aufbau Palästinas ist ihm nur ein neuer Beweis für die überragende Macht des Judentums. Klatzkins nationale Theorien kennt er noch nicht, und er weiß darum auch nicht, daß seine Meinungen über das Wesen des Judentums und die Wege zur Lösung der Schwierigkeiten im zeitgenössischen nationalzüdischen Schrifttum bedenklich ähnliche Parallelen haben. Eine bezeichnende Kritik übt bereits der Uebersetzer Theodor Ha eck er in feinem Nachwort aus, obwohl man ihn wahrhaftig nicht als Freund der Juden ansehen kann. Bezüglich der Anschauungen Bellocs über manche deutsche Angelegenheiten wirst er ihm „Ignoranz" vor als „Frucht einer gewissen andauernden Kriegs- und Haß - psy.chose, die aus dem Herzen Europas gern ein Ghetto machen würde". Das Urteil ist für alle Teile des Buches so ausgezeichnet, daß ihm kein Wort hinzugefügt zu werden brauchte. Wenn der Uebersetzer von jüdischen Dingen auch nur halb so viel verstünde wie von deutschen, würde er seine kritische Meinung über das Ganze des Buches ausdchnen können. In einem Punkte hat er, der offenbar ein Kenner der Bibel ist, esgetan, hat den geradezu hahnebüchenen Unsinn Bellocs ad absurdum geführt und gezeigt, daß die religiöse Lehre des Judentums nicht kommunistisch ist, sondern daß sie das Privateigentum kennt und schützt. Ebenso betont er. daß das angebliche besondere Uebertegenheitsgesühl der Juden eine Einbildung ist, daß alle Gemeinschaften so denken wie die Juden. Aber leider kennt er weder die Geschichte noch das Wesen des nachbiblischen Judentums, io daß ihm die Fülle der faustdicken, auffallenden Jrrtümer Bellocs, bei denen es oft schrver ist, ihm den guten Glauben zuzuerkennen, keinen Anlaß zur Kritik gibt. Im ganzen aber hat er in seinem kritischen Nachwort das Rechte gesehen, wenn er das gefährlichste und bedrohlichste Uebet der heutigen Zeit im irregeleiteten Nationalismus sieht. Nur verkennt er, daß Bellocs Buch selber ein Produkt dieses irregeleiteten, beschränkten Nationalismus ist, der in der Weltgeschichte alles Bestehende wegen der Tatsache seiner Existenz für gut und erhaltenswert hält, der keine sittliche Wettkultur mit dem Endziel eines auf Verständnis und Gerechtigkeit sich gründenden Friedens kennt. Sachlich das Buch von Belloc im einzelnen zu widerlegen, ist darum nicht erforderlich, weil es geistig mit den .Weisen von Zion" fast ganz übereinstimmt, so daß die bereits vorhandenen Kritiken über dieses Machwerk auch ihm gelten. Der moralischen Seite sei aber ein ernstes Wort gewidmet. Ich kenne in der ganzen antisemitischen Literatur kein Brich von einer so widerlichen inneren Verlogenheit! Unter dem Anscheine Des Wohlwollens predigt cs durch die Wiedergabe aller nur erdenklichen unbeweisbaren Beschrrldignttgen Haß, unter dem Vorgehen, objektiv zu sein, gibt cs diese und jene Methode des antisemitischen Kampfes tadelnd preis, um andere rrrn so intensiver zu empfehlen, unter dem Vorwände, ein gerechtes und friedliches Verhältnis zu den Juden |u ermöglichen, weist es auf Den Weg Der Trennung, Der Ansnahmegesctzgebuug, der des Ghettos hin, und es droht — gewiß gewunden tm$ verblümt, aber doch klar erkennbar — mit dem Pogrom! Und alle diese üblen Bestandteile des von ihm servierten Gerichts sind mit der Tunke der widerlich wirkenden Freundschafts- und Achtungsbeteuerurrgen übergosfen. Wrlloe will Frieden für Israel! Wenn seine Wünsche Erfolg hätten, wäre es der Friede Des Grabes, der der völligen Vernichtung folgt. Wer unbefangen die Entwicklung des jüdischen Problems in der Geschichte der letzten zwei Jahrtausende untersucht, wer insbesondere die geistigen und politischen Strömungen des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts in ihrer Wirkung ans Kultur und Rechtslage der Juden kennt, weiß, daß es in Wahrheit nur eine Lösung der Judenfrage gibt, die ^Hardenberg in die klassischen vier Worte goß: „G l e i ch e P s l i ch t e n , gleiche Rechte." Und wenn auch der geradlinige Weg zum Ziel oft genug versperrt wurde — die Zeit des Petljura- Prozesses ist gewiß geeignet, die Erinnerung an ganz traurige Rückschläge zu wecken —, so ändert das nichts daran, daß — vom Standpunkte der Weltgeschichte aus — der langsame Ausstieg unverkennbar ist. Solange in der Welt die sittlichen Postulate des Rechtes und der Menschenliebe gelten, solange die Gewisiensfreiheit als ein Ziel der sittlichen Entwicklung gilt, solange wird der Antisemitismus ein Unrecht sein, das von allen ehrlichen Kulturmenschen bekämpft werden muß. Wir verkennen nicht, daß unsere von nationalistischer Engherzigkeit und Menschenhaß bestimmte Zeit für den Ausblick auf die Höhen reiner Menschlichkeit wenig Sinn hat. An der Nichtigkeit der Ziele und an der Notwendigkeit des Kampfes ändert das nichts. Und antisemitische Angriffe jeder Art, vor allem so scheinheilige lote der Bellocs, mögen wohl henunen, nie aber dürfen sie das Ziel verwirren und unseren Willen ablenken. Dr. Felix Goldmann (Leipzig). ^Aaiional" und „sozial". Tlg. Tie nationalsozialistischen und völkischen Abgeordneten im Reichstag bilden, da beinahe jeder einzelne eine Splittergruppe für sich darstellt, kein-e Fraktion mehr. Zwar hat man von dieser Seite auch in jenen wenigen Monaten, als noch eine völkische Fraktion bestand, von aufbauender Arbeit weder in nationaler noch in sozialer Hinsicht gehört. Jetzt aber haben diese Herrschaften gegenüber chren enttäuschten Wählern die Ausrede, sie seien zu schwach, als daß ihr „Ja * bedeutungsvoll sein könne. Tie Geschäftsordnung des Reichstages macht nun unter bestimmten Umstanden das „Nein" jedes einzelnen Abgeordneten ausschlaggebend, und dieses „Nein" ist von völkischer Seite gesprochen worden, als es galt, für einen nationalen und sozialen Zweck Mittel bereitzustellen. Vor wenigen Tagen, als der Reichstag sich auf einen Monat vertagte, sollte noch eine Vorlage verabschiedet werden, durch die man 4 6 0 0 0 armen Men schen, Sozialrentnern im Saargebiet, die dringendste Not lindern wollte. Im Aeltestenausschnß war beschlosien worden, die Vorlage ohne Aussprache im Plenum anzunehmen. Die Nationalsozialisten, die im Aeltestenausschuß ihrer geringen Zahl wegen nicht vertreten sind, erhoben hiergegen durch den Abgeordneten Stöhr Einspruch. Es fand also eine Aussprache statt, nach der die Vorlage in erster und zweiter Lesung angenommen wurde. Tie sofortige Vornahme der dritten Lesung ist jedoch davon abhängig, daß kein Abgeordneter widerspricht. Und hier zeigte sich die Größe des Herrn Stöhr: er sagte „Nein". Ter Neichstagspräsident redet ihm zu: „Bis zum Januar m ü s s e n die Sozialrentner i m S aargebiet auf die Erhöhung ihrer Renten w arten, Herr Stöhr, wenn Sie bei Ihrem Widerspruch bleiben. Ich weiß nicht, ob Sie das verantworten können:" Herr Stöhr fühlt sich als Macht: „Ich halte meinen Widerspruch ausrecht." Ungeheure Entrüstung durchtobt den Reichstag. In der Verachtung eines solchen Verhaltens sind bis auf Herrn Stöhr und seine Freunde alle Parteien cinifl. Ter Reichstagspräsident erklärte unter Zustimmung des ganzen Hauses: „Ich muß bekennen, cs ist in der Geschichte dieses Hauses noch nicht vorgckornnrcn, daß jemand ohne jeden Grund die Verabschiedung einer Vorlage vereitelt, die für viele Tausende Sozialrentner von so großer Bedeutung ist . . . Es ist unerhört in der Geschichte des Reichstags, daß durch einen derartigen Widerspruch ein solches Gesetz vereitelt wird." Herr Stöhr bleibt stur, und der Reichstags- Präsident, auch in solcher Lage Hüter der Geschäftsordnung, muß erklären: „Ich kann nichts dagegen tun, wenn auf diese Weise die 46 000 Sozialrentner des Saargebictes geschädigt werden; ich kann nur die Öffentlichkeit als Zeugen dafür aufrufen." Die Führer aller Parteien geben ihrer Empörung

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