Von deutsch-jüdischer Jugend
- Journal
- Von deutsch-jüdischer Jugend
- Volume
- 3 (1927)
- Issue
- 6-7 (21.10.1927)
- Date
- 1927-10-21
- Page
- Seite 15 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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15 Das Landerholungsheim Des Reichsausschusses Der jüdischen JugendverbänDe Deutschlands. In das Haus der Jacobson-Stiftung in Seesen, das im Jahre 1923 der letzte Zögling verlassen muhte, weil keine Mittel mehr vorhanden waren, um es als Waisenhaus weiterhin ausrechtzuerhalten, zogen im Sommer 1927 die ersten Mitglieder von Jugendverbänden ein, denen es als L a n d e r h o l n n g s b e i m künftig dienen sollte. 75 Jahre nach seiner Begründung ist aus dem Waisenhaus, in dein junge Menschen deshalb Objekte menschenfreundlicher Fürsorge waren, weil das Schicksal sie der natürlichen Schutzträger beraubt hatte, ein Heim geworden, in dem die Jugend Träger der Wohlfahrtsarbeit an sich und für sich selbst geworden ist. Keine Anstalt mehr, in dem Wohltätigkeit sich bemüht, schaden, die das Schicksal angerichtet, wieder auszugleichen, sondern ein Heim für junge Menschen, die in ihm, als ihren: Besitztum, für die Erfüllung der Anforderungen des Lebens neue Kräfte sammeln wollen. Doch nicht nur diese Wandlung ist kennzeichnend für die Stellung, die eine verantwortungsbewußte Jugend sich innerhalb der größeren Gemeinschaft geschaffen hat. Auch daß die Jugend, der spöttelnde Unkenntnis so gern ein wirklichkeitsfremdes Verweilen in Wolke nkuckuckshei men nachsagt, entschlußkräftig ein lehr erdfestes Haus in Besitz nahm, sei bloß als befriedigendes und beruhigendes Zeichen festgestellt. Biel wesentlicher und verheißungsvoll in die Zukunft weisend ist die Tatsache, daß Seesen Angehörigen aller Jugendverbände ein Heim sein soll. Nebeneinander werden orthodoxe junge Menschen und liberale ihre Ferien verbringen, nationaljüdisch gerichtete neben solchen, denen das d e u t s ch - j ü d i s ch I d e a l formend das Leben gestalten soll. Jeder wird jedes Aufsagung und seine Bundeszugehörigkeit sofort erkennen können: unaufhörliche Auseinandersetzungen müßten, bei der Tiskutiersreudigkeit der Jugend und der ihr besonders eigenen Schärfe und Härte in der Vertretung ihres Standpunktes, die Erholungszeit stören und Unfrieden zwischen gegensätzlich gestimmten Menschen schaffen — wenn man nur von außen her die Lage beurteilt und wenn man in der Jugend nur eine Heranwachsende Generation erblickt, die nichts als die Kontinuität der Tätigkeit der Aelteren zu bewirken als ihr Ziel ansieht. Dem Außenstehenden mochte es so als ein bedenkliches Experiment erscheinen, daß man sich traute, so viele Gegensätzlichkeiten unter ein Dach zu bringen. Tie Führer der Jugendbewegung dagegen zogen mit der Errichtung des Heimes lediglich den Schlußstrich unter eine n Teil ihrer Erziehungsarbeit. Sagt man etwas Neues, wenn man feststellt, daß die Unkenntnis über die Lieferen Zusammenhänge der eigenen Anschauung oft recht groß ist und daß man von der gegnerischen Idee meist nicht mehr als auf die verzerrende Formel eines Schlagwortes gebrachte allgemeine Ansichten weiß? Formel gegen Formel gestellt, bedeutet Erstarr u n g. Wipen von der Verwandtschaft einzelner Formelglieder jedoch gibt die Möglichkeit ihres Ausgleiches, und wenn zum Schluß Nest gegen Nest unkürzbar bleibt, so wird Gegner den Gegner voll Achtung grüßen, und beiden Teilen erwächst aus solcher Auseinandersetzung Gewinn und Mehrung des Wissens. Zu solcher Art des Kampfes haben die Führer ihre Jugend zu erziehen versucht: Sie lehrten sie lernen, die Grundlagen der eignen Wesensart und ebenso sorgfältig die der gegnerischen zu erkennen. Sielehrten sie, Sachlichkeit als oberstes Gesetz dem Gegner gegenüber zu beobachten. Sie lehrten sie so, im Andersgesinnten nicht den Gegner, sondern den Mitstrebenden, wenn auch auf anderen Wegen und zu anderen Zielen, mit verschiedenem Gedanken in halt, aber mit gleichem men sch lich - s i t L l i-che n Erfüllt sein zu erblicken. Für Führer wie Jugend ist deshalb Seesen der Prüfstein für die Echtheit des Arbeitserfolges, für das deutsche Judentum ein Zeichen, daß seine Jugend mit guten und reinen Waffen an die Arbeit für ihre Gemeinschaft gehen will. Von diesem Geiste war die Eröffnung des Heimes durchweht, zu ihm bekannten sich die verantwortlichen Führer aller Verbände. Diesen Inhalt erhoffte unser Freund Ludwig T i e tz, der V o r s i tz e n b e des Reichsausschusscs der jüdischen Jugend verbände Deutschlands, dein Heim, denn unter seinem Zeichen hatte er die schwierigen Arbeiten seiner Errichtung mit eingeleitet. Und die Vertreter der Organisationen der Aelteren begrüßten den Willen der Jugend. Mehr nur als ideelles Interesse mögen auch unsere Freunde dem Seesener Werk zuwenden. Fast vierzig junge Menschen werden also jetzt ständig für weniges Geld in Seesen ihrer Erholung leben können. Das stattliche Gebäude wird mit fernem Garten, fernen Spielplätzen, den Rahmen für frohe Menschen bilden. Ringsum grüßen die Wälder der Harzberge Und durch die geöffneten Fenster weht ihr starker Duft in die Räume. .Alfred Hirschderg. Wohlfahrtsarbeit als Beruf. Die Entwicklung der Wohlfahrtspflege — auch der freien Wohk^ fahrtspfleae — von planloser Liebestätigkeit Zu organisierter Fürsorge hat "den beamteten Fürsorger geschaffen. Je verwickelter die sozialen Verhältnisse werden, je straffer die Fürsorge, um ihnen gerecht zu werden, sich organisieren muß, desto mehr wird sie geschulte Menschen brauchen, die ihre ganze Zeit und Kraft dieser Arbeit widmen können, denen sie Beruf ist. Ist also schon die „Konjunktur" heute für diesen Berufszwergs relativ günstig, so erklärt sich doch wohl der Zustrom Zu ihm noch aus einem anderen Grund: Tie Fürsorgerinnen, die in den letzten Jahren in die Arbeit' fanicn, auch die, die jetzt noch in der Ausbildung sind, kommen Zum größten Teil aus der Jugendbewegung oder doch aus ihr nahestehenden Kreisen. Es ist dies leicht erklärlich. Wurde doch hier die Mechanisierung unserer Zeit als geradezu unerträglich empfunden/ mit) die, die nicht in ihrer Verzweiflung darüber die Lösung in romantischer Weltflucht in Siedlungen u. ä. erstrebten, sondern verantwortungsbewußt ihren Weg im Leben suchten, die wandten sich nun ab von den vielen wirklich „entseelten" Berufen den Berufen zu, die noch eine Totalität übrig ließen. Und das sind wohl alle die Berufe, in denen man unmittelbar mit Menschen — und zwar mit dem ganzen Menschen — zu tun hat. Und das hat man zweifellos in der Fürsorge. Und das ist's, was nicht nur zu diesem Berus drängt, sondern was trotz allem letztlich wohl die meisten in ihm fcsthält. Trotz allem — denn es ist viel Schweres, was dieser Beruf seinen Trägerinnen bringt, und die meisten — und zeitweise wohl alle — leiden auch sehr unter ihm. Es ist diese ständige unmittelbare Berührung mit leidendenkrankcn, unglücklichen Menschen, es ist die Verantwortung, die man hat für d-as Geschick derer, die sich einem anvertrauen, es ist das Gefühl der Unzulänglichkeit des Jchs, der Mittel und der Verhältnisse, die dieses Leiden am Beruf auslösen. Und täglich und stündlich wird dann immer wieder die -Frage wach: ja hat denn dieses ganze Tun einen Sinn? Wird denn wirklich Hilfe geschaffen? Und das Zweifeln verstärkt sich durch all die vielen Fälle, denen gegenüber man einfach hilflos ist, sei es, daß vererbte Krankheit den Menschen von frühester Jugend an zerrüttet hat, daß seine wirtschaftlichen und persönlichen Berhältniffe ihn so verbittert haben, daß er sich und seiner Familie das Leben unerträglich macht, daß die Ehe tief vergiftet ist o. ä. Und ganz selten nur hat man das Gefühl, einem Menschen wirklich Helsen zu können. Meist sind Tage, die nur Trostloses bringen, das sich in seiner ganzen Schwere dann auf die Fürorgerin legt. Wie soll sie dieses ertragen können? Die Fürsorgerin, die sich diesen Berus erwählt hat, weil sie Befriedigung inr Beruf suchte, weil sie sich von ihm erfüllen, ausfüllen lassen wollte. Liber das ist wohl eine Forderung, die man zu Unrecht an diesen Beruf, an den Beruf überhaupt gestellt hat. Ter Beruf kann wohl bereichern, und gerade der Beruf der Fürsorgerin wird cs in hohem Maße alle die7 die nicht an ihm zugrunde gehen oder verkümmern — aber er wird es nur dann, wenn man nicht mit dem Anspruch an ihn heran geht, sich nun von ihnr völlig aussüllen zu lasten. Gerade die Arbeit der Wohlfahrtspflege braucht „erfüllte" Menschen, die aus der Fülle ihres Seins — nennen wir es Religiosität, Liebe wie auch immer — kraftvoll und sieghaft die Arbeit tun. Rur ein Optimismus, der bei allem Leid, bei aller Trauer, aller Unzulänglichkeit ein starkes „ja", ein „ja trotz allem" zur Welt sagen kann, wird die nötige Kraft und Frische zur Arbeit behalten können und wird durch diese Kraft und Frische, durch diesen religiösen Optimismus wirklich helfen können. Emwy Strauß (München). vom wert öec Aussprache. Aus Essen wild uns geschrieben: Hier fand eine unter der Leitung von Tr. Nikolaus Ehlen stehende' Friedenskundgebung der katholischen Jugendbewegung statt, an der auch Rabbiner Tr. Hahn (Essen) als Vertreter der jüdischen Jugendorganisationen teilnahm. In der Tiskussion zeigte er an dem Problem des Antisemitismus, wie vergiftend das Nacbsvrechcn abfällig gebrauchter Schlag- Wörter auf ganze Volkskreise cinwirken kann. Im Anschluß an diese Tagung wies Tr. Hahn in einem Schreiben an Tr. Nikolaus Ehlen darauf hin. wie vor allem der falsche Gebrauch deS Begriffes „Pharisäer" und „pharisäisch" ein großes Hindernis bei der Verständigung Zwischen Juden und Christen sei. Im Januarheft der „G r o ß d e u t s ch e n I u g e n d", des von Nikolaus Ehlen hcrausgegcbcncn Nachrichtenblattes der katholischen Jugendbewegung, findet sich nun unter der Ueberschrist „Etwas Gutes von den Pharisäern'" folgende Schilderung: „Wir Christen haben oft das Wort Pharisäer zur Hand, wenn wir etwas recht Häßliches bezeichnen wollen, nämlich: Schein- Heiligkeit und Heuchelei. Nun ist es aber gar nicht so, daß alle Pharisäer solche Heuchler waren. Tcshalb tut es Menschen, welchen die Phrisäer noch näher stehen wie uns. weh, wenn wir das Wort Pharisäer in so bösem <-inne verstehen, so ähnlich etwa wie cs uns wehtut, wenn ein Mensch das Wort „jesuitisch" im Sinne von verschlagen-klug gebraucht. Mir hat das ein Rabbiner neulich einmal gründlich klargemacht, als ich in einer Friedensversammlung das Wort Pharisäer mißbrauchte. Ich glaube, daß ick) das Wort fernerhin mit Vorsicht anwende, auch wenn kein Jude zugegen ist. Man soll gewiß nicht weichlich sein, aber man soll vor allem gerecht sein, weil alles Unrecht sich mit Recht gegen uns wendet und unsere Arbeit untergräbt . . .* Tiefe Feststellung macht dem Charakter Nikolaus Ehlens alle Ehre und wird sicherlich auf weite Kreise der katholischen Jugendbewegung Eindruck machen unb zur besseren Kenntnis des Judentums beitragen.