Von deutsch-jüdischer Jugend
- Journal
- Von deutsch-jüdischer Jugend
- Volume
- 3 (1927)
- Issue
- 6-7 (21.10.1927)
- Date
- 1927-10-21
- Page
- Seite 14 (sequence 2)
- Language
- German
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14 bewegung die sozialen Arbeitsmethoden, insbesondere in der* Anstaltsfürsorge, in erstaunlichem Maße befruchtet, wohl sehen die Wohlfahrtsorganisationen dem Nachstrom solcher, und schließlich aller aus dem Gebiete der Fürsorge leistungs- und hingabefähiger Menschen aus der Jugendbewegung entgegen — der EesanlLbund aber wird im Wirken auf den beiden erstgenannten Wegen seinen besten Beitrag zur sozialen Arbeit geben können. Endlich noch ein Vorschlag, wie sich der Aufbau für den einzelnen Bund gestalten ließ. Jede Landes-, oder jede Ortsgruppe wählt sich einen Fachausschuß für soziale Arbeit oder einen Menschen, der für alle diesbezüglichen Angelegenheiten verantwortlich ist. Wir wollen ihn den Vermittler nennen. Es muß ein reiferer Mensch sein, aus dem Bunde hervorgegangen und ihm zugehörig. Die betreffende Gruppe muß ihm vertraut sein. Er braucht nicht mehr aktiv in ihr zu wirken, ständige Fühlungnahme muß ihm jedoch möglich sein. Der Vermittler muß Kenntnisse von der sozialen Arbeit haben, Beziehungen zu den sozialen Einrichtungen des Ortes, für uns insbesondere zu denen der jüdischen Wohlfahrtspflege. Er wird Besprechungen mit den Führern haben, ihnen Vorschläge machen und Vorschläge entgegennehmen, ihnen Aufgaben zur weiteren Ausführung und Verteilung überlasten. Er wird bei der Durchführung einzelner Arbeiten Helsen und raten. Er wird besonders interessierten Helfern die Möglichkeit zur Ausbildung für die außerbündische Hilfsarbeit geben — selber Arbeitsgemeinschaften schaffen oder etwa in Berlin diese Menschen an die soziale Arbeitsgemeinschaft des Landesausschusses der jüdischen Jugendverbände verweisen. Der Vermittler wird die Slcltercn für die Fürsorgearbeit zu interessieren versuchen, bevor sie abbröckeln. Er wird zum Zwecke größerer Unternehmungen fld) mit anderen Bünden in Verbindung sehen usw. Man kann sich vorstellen, daß bei einiger Ucbung und Geschicklichkeit durch den Vermittler mit Aufwand von wenig Zeit dem Bund^ durch Ausübung von Fürsorgearbeit nicht Kräfte entzogen, sondern entwickelt und erhalten werden. Als Zulassungsbedingung zur sozialen Arbeit sollte grundsätzlich gefordert werden, daß der, der helfen will, mit den sozialen Nöten seines eigenen Lebenskreises sich erfolgreich auseinandcrsetzte oder es wenigstens zu tun versucht hat. Und auch während des Helsens in anderen Kreisen darf diese Seite der sozialen Aufgabe nie außer Acht gelassen werden. Tie ist die wichtigste und schwerste, in ihr betätigt sich wahrhaft soziale Gesinnung, während die zur „Arbeit" osfiziell gestempelte mechanisch oder aus unlauteren Motiven ergriffen wird. Ich meine nicht verstärkten Familienegoisw.ns, sondern verstärktes soziales Verantwortungsgefühl im Alltag aus der Breite des eigenen Lebensweges. ' Ter soziale Gedanke ist der Gedanke, der sich durch die Geschichte des Judentums zieht. Weil das Judentum. nur einen kleinen Menschenkreis umfaßt, hat es persönlichere Möglichkeiten, diese zur Ausführung zu bringen. Aufgabe der Jugendbewegung ist, die gegenseitige Hilfe immer stärker, lebendiger, persönlicher zu gestalten. So führt ein Weg von | der jüdisch-sozialen Arbeit zur jüdischen Gemeinschaft. Von Friedrich Georg Lermhoff. Kriegselend und Jnflationsnot! Neue Probleme tauchten mit ihnen auf, für die Welt der Erwachsenen schon schwer ^und kaum lösbar — für die deutsche Jugend in ihrer Fülle fast erdrückend und von ungleich tieferer Bedeutung. Die Spannkraft. dies höchste Gut derer, die jung sind, half, daß all das Fürchterliche nicht vernichtete, sondern zur Erkennung neuer Ausgaben führte — zum Erkennen nicht nur, sondern oft auch zur. wenigstens vorläufigen Lösung. Die Not der Zeit hat gewiß manchen in Kinos und Bars getrieben, hat gerade in den gesellschaftlich am tiefsten stehenden Volksschichten viele dem Alkohol überliefert. Aber wie viele haben sich gesunden, denen diese Not, dieser drohende Verfall Veranlassung wurde, gleichgesinnte Kameraden zu suchen, um mit ihnen ein neuartiges Gemeinschaftsleben zu schaffen. Wenn der neue S ta a t aus einer Verantwortlichkeit nicht mehr einer Herrschaftskasie, sondern des ganzen Volkes sich ausbaut, wenn die Mitwirkung des einzelnen am Gesamtschtcksal sich nicht mehr im Dulden erschöpft, so mußte gerade in der Jugend der Drang zu neuartigem Tun sich besonders stark geltend machen. Es ist heute nicht mehr die Ablehnung des „Alten" — welch farbloser, unklarer Begriff dies doch ist! — der geistige Inhalt der vorstrebeuden Jugendbünde. Getan, geleistet mußte etwas werden. Und es fand sich dazu bald mehr, als zu schassen war! Es kann nicht die Aufgabe dieser Zellen sein, alle Schritte zu beleuchten, die von der Jugend gewagt wurden. Es kann noch weniger ihr Zweck sein, die Arbeit einzelner ihrer Gruppen zu schildern, und wenn sie noch so eigenartig sich gestalten mag. Wesentlich genug, um an dieser^ Stelle betont zu werden, erscheint aber die Tatsache, daß alles suchen, alles „strebende Bemühen" in vielen sogenannten Selbsthilfeorganisationen der Jugend es Zu eigentlicher, wirkender Arbeit noch nicht hat kommen lassen, daß alles noch unklarer Sturm und Drang ist und nicht viel mehr dabei herauskommt als eine Feierabendverschönerung für die sogenannten Helfer. Es ist ein erfreuliches Zeichen, daß allmählich derartige Erscheinungen seltener werden. Auch die Jugend hat gemerkt, daß sie stark wird nicht durch ihren Willen allein, sondern daß auch sie den Zusammenschluß dringend braucht. Die vielen Gruppen, vor allem in Berlin, die gegen Nummelumvesen und Schundliteratur ankämpften, errangen Erfolge dadurch, daß sie in Mengen auftraten. Erst jetzt war es auch den Behörden möglich, helfend und stützend einzugreifen. Ein stolzer Sieg ward der Jugend gerade auf diesen, eben genannten Gebieten. Denn der Staat? der ihre Maßnahinen als richtig erkannte, hat sie ansgegrisfen und in dem größten Maßstabe, dessen er allein Herr ist, durchgcsührt. Ein zweites noch verdient besonderer Erwähnung. Suchen ist zwar der Inhalt der Jugend. Aber, wenn es zum Selbstzweck wird, wird's zur Gefahr. In den Gruppen, die Kindcrtagesheime schufen, aus kleinsten Anfängen heraus, mußte sich eine neue Form der Arbeit am Kinde entwickeln. Ter Jugendliche, der, jeder Vorbereitung bar, Schutzaufsichten über straffällig gewordene Jugendliche führte, der mit Ermittlungen betraut wurde/— er mußte sich seine Arbeitsweise erst suchen. Nicht Moralprediger wollte er sein und nicht der Feind, der von drüben kam, vorn gesicherten User; nicht als Helfer imrfte er aitftreten, um den bedauernswerten Gestrandeten aufzurichten und zu stützen, — denn Jugend null kein Mitleid; der Kamerad sein mußte er, und doch bedurfte er einer F ü h r e r stcllrrng, die erst zu schaffen und dann zu halten war. Nicht Taktgefühl und ^Mitempfinden allein konnte da ausrcichen; es war ein gerüttelt Maß von Wissen not; pädagogische Kermtnipe mußten erworben, wirtschaftliche Voraussetzungen verstanden werden. Die Arbeit eines Winters in Kursen, die die Jugend selbst veranstaltet, in denen aber, in^ bewußter Selbstbeschränkung neben ihr auch der bcrnfsumßige Fachmann eine bedeutende Nolle spielt, verschafft heute dem Jugendhelser solches Wißen. Und jetzt ein Ausblick n o ch i n e i n e Z u k n n f t, die heute zwar ncch weit eutferut scheint, und doch vielleicht schon naher ist, als man glauben mag. In diesen Kursen sindd sich alles zusammen, was der Mitjugend und so dein Volk und dem ^taat vorwärts Helsen will. Helfer aus allen-Kreisen sind zu finden; politisch von ganz rechts bis ganz links, konfessionell vom Christen und Inden jeglichen Bekenntnisses und jeglicher Schattierung bis zum Freireligiösen und Atheisten; und alles verträgt sich und alles versteht sich imD niemand denkt auch nur der Gegensätze. Jsi cs verwesten. aus diesem, in unserem Vaterlande leider so seltenen Verhältnis eine besiere Zukunft heraufdämmern zu sehen? Eine Zukunft, in der gegenseitiges Verständnis, Duldung und Achtung der über allem stehenden, selbstverständlichen Einigkeit entspringen! Ratschläge für öle Praxis. Soziale Arbeit kann von alt und jung, arm und reich geleistet werden. Die Jugendbewegung hat eine besondere Art sozialer Betätigung. Ihre Tätigkeit geschieht nicht irr der Oeifenttichkeit, wird nicht in den Zeitungen gepriesen, verletzt nicht buvrf) die Art und Weise ihres Gehabens die Unterstützten, wie das bei vielen sozialen Instituten leider allzuost der Fall nt. Man weiß da oft nicht recht, ob die Milde aus dem Herzen kommt, oder ob sie nicht dem Ehrgeiz, sich geschmückt zu/'eheu, entspringt. Denn unter sozialer Arbeit versteht die Jugend nicht materielle Unterstützung, sondern Mitfühlen' und Mithelscn nicht durch Kräfte des Geldbeutels, sondern durch Kräfte des Kopses und Herzens. Tie Jungen im Alter von 6 bis 18 Jahren etwa mögen gleichaltrige Kameraden unentgeltlich auf Fahrten mitnehmem für Kleidung und Verpflegung mit Unterstützung der Eltern sorgen und sich" ihrer Kameraden auf den Wanderungen anuehnicn. Äe werden ihren Pfleglingen geistige Unterstützung gewähren, ihnen Bücherreihen, gemeinsam mit ihnen Vorträge besuchen. Doch außer dem Führer weiß niemand in der Jngendgruppe, wer eine Unterstützung erhält. — Damit ist aber die Tätigkeit der Jungen nicht erschöpft. Ihre Hilfe kann audi dem Alter zuteil werden. Sie werden dort für Nahrung und Kleidung sorgen. An den Abenden werden sie in Altersheimen die Unterhaltung bestreiten durch Tänze und Vorträge, Musik und Spiel und so die Sorgen des Alltags für einige Stunden vertreiben. Ein wuchtiges Kapitel der sozialen Arbeitest, dar wechselseitige Verstehen zwischen 'Alter und Jugend zu fördern. Die Jungen gehen zu den Führern, erzählen ihnen von ihren Nöten, und das Vertrauen, das sie in ihre Führer setzen, wird nicht enttäuscht werden. Wir sind leider nicht in der Lage, viel zu geben, aber das, was die Jugendbewegung gibt, kourmt aus dem Herzen, und alles, was aus vollsten! Herzen kommt, viel oder wenig, ist gut. Richard Nockmann.