Von deutsch-jüdischer Jugend
- Journal
- Von deutsch-jüdischer Jugend
- Volume
- 3 (1927)
- Issue
- 6-7 (21.10.1927)
- Date
- 1927-10-21
- Page
- Seite 13 (sequence 1)
- Language
- German
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Serlin, 21» Gktober 1927!Z MM i: v 4 iJo^w lIM von Silbe Ephraim, FrleöriK Georg Lennhsff, NlKarb -Nsrfmcinn, Emmy Straus. Voraussetzungen un- Möglichkeiten. Von Hilde Ephraim. Im Neichsjugendwohlfahrtsgesetz wird für die Arbeit an der Jugend der Ausdruck „Jugendhilfe" gebraucht. Es sollen darunter Jugendpflege und Jugendfürsorge verstanden werdem Jugendpflege — d. h. Schutz und Hilfe für die gesunde Jugend, Jugendfürsorge — d. h. Heilung und Bewahrung gefährdeter und verwahrloster Jugend. Die Jugendbewegung i st Jugendhilse. Sie ist es vorwiegend im Sinne einer Arbeit an der gesunden Jugend in Form der Selbsthilfe. Und doch ist sie nur Vorbereitung für soziale Arbeit; denn das Helfen geschieht hier — irn ganzen gesehen — weniger dem einzelnen jungen Menschen als der Bewegung. Sehen wir uns die jüdischen Kreise an, die zu dieser Entwicklung drängen. Immer wieder kommt aus den Jugendbünden selber der Wunsch nach sozialer Arbeit. Daß das Problem bisher so mangelhaft gelöst wurde, liegt einmal in der Natur von Jugendbünden, dann aber auch in schlechter Organisation nnd unerwecktem Willen begründet. Man braucht die n a t ü x l i dj e f\ r a f t u n b Frische einer auswärtsstrebenden Jugend für die Wohlfahrtspflege, besonders die Jugendfürsorge. Denn den Bünden, denen es im allgemeinen gelungen ist, die typischen Jugendreaktionen in so gute Bahnen zu lenken und die Triebe in so nützlicher Weise zu veredeln (siehe Hoffmann, „Psychologie der straffälligen Jugend"), wird es durch unbetontes Mitnnd Vorleben besser gelingen, Einfluß Zu üben, als das durch Ermahnungen und bestwillige Zielarbeit Erwachsener oft der Fall sein kann. In den die Wohlfahrtspflege betreffenden neueren Reichsgesetzen wird die Z u s a m m e n 6 r b e i t v o n I u g e n d b e w e g tt n g und öffentlicher Fürsorge ausdrücklich gefordert. Auch von den Organen jüdischer Wohlfahrtspflege wurde in den letzten Jahren diese Zusammenarbeit angestrebt nnd teilweise verwirklicht. Darauf kann hier nicht näher eingegangen werden. Es wird noch eines langen, geduldigen, gegenseitigen Einfühlens bedürfen, um ein Verständnis für die speziellen Möglichkeiten nnd Schwierigkeiten auf jeder Seite;u gewinnen. Schließlich sei noch des Interesses der zu erfassenden Jugendlichen gedacht. In wie vielen von ihnen lebt der Wunsch nach einer jugendbnndartigen Gemeinschaft, zu der sie aus Energielosigkeit doch niemals kommen. Dumpf getrieben lausen sie mit den zweifelhaften Verbindungen ihres Milieus ebenso rnit, wie die Indifferenten höherer sozialer Schichten mit der Jugendbewegung. — Bei den Trotzigen und Asozialen aber wird alles daraus ankommen, wer ihnen Helsen will und wie es geschieht. Einmal enttäuscht, werden diese Typen Mauern Zwischen sich imb der Gesellschaft, die sie ja ohnedies ablehnten, aufrichten, über die hinweg keine Hilfe mehr möglich ist; im ersten Stadium dieser Entwicklung könnte dre Jugendbewegung — selbst in Auflehnung gegen die Gesellschaft — nützlich eingrerfen; ihr wird man die wenigsten Vorurteile entgcgenbringon. Im folgenden soll versucht werden, die praktischen Wege zu sinnvoller sozialer Hilfe durch den einzelnen Bund zu skizieren. Dazu ist allgemein zu sagen: Wohl kann man Möglichkeit und Notwendigkeit sozialer Arbeit durch die Bünde erkennen und beschreiben, nicht aber Art und Maß des von der einzelnen Gruppe Zu Leistenden; das wird immer von der Reife und dem Interesse des betreffenden Kreises abhängen. Darum nur grob schematisch: Es werden d r e i A r b e i t s m e t h o de n in Frage kommen: Hineinziehen der Ausgaben in den Bund Mitarbeit an der allgemeinen Fürsorge durch den Bund, aber außerhalb desselben — und U ebergang einzelner Menschen aus der Jugendbewegung in die soziale Berufsarbeit. Hineinziehen der Aufgaben in den Bund! Merkwürdigerweise ist diese Art, die die einfachste nnd breiteste Ausführlmrkeit bietet, die, die am meisten vernachlässigt wird. Dabei ist sie Grundlage, Ausgangspunkt zur Gewinnung auch der Jüngeren und Jüngsten; die Führer müßten sich nur endlich einmal entschließen, die Angen aufzumachen, zu sehen, was nottut — und dann die Arbeit der Heim- und Bastelabende mehr unter den Gesichtspunkt ernsthafter Nützlichkeit stellen. Die Anfertigung und Allsbesserung von Spielwerk, Kleidungsstücken, Eebranchsgegenstäuden, Büchern und Kunstgegenständen zu sozialen Zwecken kann Antrieb zu ^intensiverer Arbeit sein und bald mehr befriedigen als bloße Spielerei; die Gestaltung eines Festes 31t dem Zwecke, andere arme und gefährdete Jugendliche daran teilnehmen zu lassen, kann den Festbereitern zum sozialen Erlebnis werden; die selbstlose geduldige Beschäftigung mit den schwierigen Elementen in der Gruppe, die Uebernahme einer Schutzaufsicht nnd deren kameradschaftliche, unauffällige Durchführung innerhalb des Bundeslebens werden dem Führer wie dem Geführten beste Entwicktungsmvgtichkeiren geben. Mit der anßerbündischen Hilssarbeit ist es schon schwieriger. Als Leistung eines Lundes oder^ einer Gruppe wird sie verständnisvoll vorbereitet sein münen (man denke an Theater- Vorführungen für Altersheime, Heimabende und Wanderungen mit Fürsorgezöglingen); als Leistung eines einzelnen erfordert sie vertieftes soziales Verständnis nnd — wo es sich um Mitarbeit an offizieller Fürsorge handelt — Kenntnis der allgemeinen Wohlsahrtsgesetze. Viele Führer geben an, daß Vorbereitung und Ausübung solcher Arbeit die Gruppen zu sehr belaste, wertvolle Kräfte der Bundesarbeit entziehe und deswegen nicht geleistet werden könne und solle. Das muß man bi* zu einem gewissen Grade gelten lassen; die Bewegung muß erst in sich feit, klar, zielstrebig geworden sein, ehe sie nach außen etwas leisten kann; der einzelne muß erst von dem Gedanken der Jugendbewegung durchdrungen sein, ehe er in ihrem Sinne Helsen kann. Fest, klar, zielstrebig darf aber nicht sein festgelegt, unproblematisch, programmstrebig — und von den Gedanken der Jugendbewegung durchdrungen sein, darf nicht heißen, znm ewigen Wandervogel, weltfremden Schwärmer, fanatischen Politiker geworden sein. Solange braucht man nicht zu warten. Tie Berührung mit der ganzen Breite menschlicher Not — leidenden Lebens muß vor der Erstarrung erfolgen. So kann die außerbündische soziale Arbeit für die Bünde ein Mittel zur Ileberwindnng von Lebensfremdheit sein —- vielleicht auch ein Mittel zur Ileberwindung der „Aelterensrage". Und da sind wir auch gleich bei der dritten M ö g l i ch - k e i t, der.Bernfsarbeit.Wie bei denWunderknänsen imMärchen wird hiernach wie nach dem „goldenen" am häufigsten gegriffen. Und wie im Märchen lockt auch hier sehr oft der schöne Schein. Wohl haben Persönlichkeiten ans' der Jugendhrtftt tttftnff» Ephraim: Bür<ni?sch,!»§cn "CIU jjiliJUii« und Möglichkeiten_Friedrich Georg Lernrhoff: Selbsthilfe der Jugend. — Richard Rockmann: Ratschläge für die Praxis. — Alfred Hirschbcrg: Seesen. — Emmy Strauß (München): Wohlfahrtsarl'eit als Beruf. — Alfred Kevi: Vom Bundestag der Kameraden 1927. — Hans Oppenheimer: Jugendtreffen in Brieselang.