Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 6 (1927)
- Issue
- 42 (21.10.1927)
- Date
- 1927-10-21
- Page
- Seite 593 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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lil \uS^ Von Or. N PRVZWN LKNMWKN Gertrud Klausner, Mitglied des Landtags. Religiöse Vorschriften haben seit Jahrtausenden die Juden gebunden, im Tier das Mitgeschöpf zu sehen. Es würde einen Widerspruch in sich bedeuten, wenn diese Gesetze nicht auch beim Schlachten der Tiere augewendet würden. Für das Tier, denen Fleisch genauen werden sollte, waren früh bindende Vorschriften entstanden. Jahrtausendelang sind sie unangefochten ausgeübt worden. Das Schächten galt als die humanste Form der Tötung von Tieren, und weit üver den Kreis _der jüdi'-chen Konsumenten hinaus wurden Tiere, deren Fleisch genopen werden sollte, durch Schächten getötet. Auch die preußische Armeeverwaltung benutzte füx ihre Armeekonserven ausschließlich Fleisch von geschachteten Tieren. Die Verfechter eines erhöhten Tierschutzes glaubten richtigzugehen, wenn sie diese uralte Methode als Tierquälerei ablehnten und zu verschiedenen Zeiten in verschiedenen Ländern versuchten, ihr Verbot durchzusetzen. Mit dem Einsetzen eines starken Antisemitismus in Deutschland und mit seinem Erstarken nach dem .Kriege hat die politische Richtung dieser Art diese Anträge der Tierschutzbewegung ausgenommen, wenn auch aus anderen Motiven. Auch in Preußen ist es jetzt zu einem Antrag der Völkischen gekommen, jedes betüubungslose Schlachten von Tieren zu verbieten. Tie Ausschußverhandlungen im März dieses Jahres verliefen ergebnislos, weil die Mitglieder bei den widersprechenden Angaben der Druckschriften, die ihnen zur Verfügung standen, nicht zu einer einheitlichen Ausfaffung gelangen konnten. Damals wurde der Beschluß gefaßt, Sachverständige gehören, und zwar Tierärzte, Schlachthaus- Lirektoren, Hochschulprofessoren, Vertreter der Ministerien und auch Vertreter orthodoxe rjüdi sch er Gemeinden. In der Zwischenzeit sind zum Beweise, daß das Schächten durchaus nicht tierqu-älerisch in, in-genügender Zahl und von genügend eutorativer Stelle Gutachten gesammelt worden, die diese Meinung stützten. Gelehrte von Weltruf aus verschiedenen Landern, unter ihnen R u b e n e r, sprechen sich günstig aus. Selbst rechtsgerichtete Blätter Veröffentlichten. Artikel, in denen auf die Gefahr hingewiesen wurde, die darin bestehe, daß nach dem Schächtverbot ein konsequenter Tierschutz daraus ausgehen müue. das Schlachten von Tieren und ihre Verwendung zur menschlichen Nahrung überhaupt zu verbieten. Auch Jagd und Fischfang würden derselben Beschränkung unterliegen müssen, und dieser Meinung gab, als irr der letzten Woche der landwirtschaftliche Ausschutz des Preußischen Landtags Zu der entscheidenden Sitzung Zuscnnmenkam, ein hervorragendes Mitglied Ausdruck, ändern es sagte: „Ich bin Jager, meine Herren, das sagt alles!" Bei den Vorträgen der sachverständigen, unter ihnen auch der Vorsitzende des Tierschutzvereins Berlin, stellte sich heraus, daß der Zahl nach mehr Schächtgegner zu Worte kamen als Schächtfreunde, wenn man sie so nennen darr. Von den Reden der Schächtgegner machte die des Schlachthausdirektors Tr. Klein aus Lennep den tiefsten Eindruck, rveil hier, ganz fern von jedem parteipolitischen Einschlag, ein reiner Wille zur Abwehr jeder Grausamkeit Tieren gegenüber zum Ausdruck kam. Profepor Dr. Bongert lehnte die Bezeichnung „schachtfreunD' oder „Schächtgegner' für sich ab. Aber er äußerte sich mit strengster Sachlichkeit über alle Fragen, die zum Schächten in Beziehung stehen. Er war der einzige der Sachverständigen, der einen grundsätzlichen Unterschied machte zwischen dem rituellen und dem „wilden' Schächten. Das wilde Schächten sei unbedingt zu verurteilen, weil die Vorteile der rituellen Tötung dabei fortsallen, weil statt des einmaligen Schnittes mit dem genau geprüften haarscharfen Mesier, das schärfer^ sei als alle chirnrgischm Instrumente, ein grausames Töten vor pch gehe, mit schartigen, nicht genügend gereinigten Mcnern, in ungeübter, nicht sachverständig vorgebildcter "Hand. Außerordentlich interen.ant waren die Darlegungen, die sich mit den KleinicheN Beobachtungen befaßten. Tie „ordnungsmäßigen physiologischen Bewegungen', die Tr. Klein beobachtet und photographisch scstgchatten hot. habe er auch bei Tieren beobachtet, bei denen er die Zufuhr von Blut durch die Vertebralarterien durch Abbinden vorher unmöglich gemacht hat, die alfp nach dem Schächrichnitt nicht neue Nahrung "ins Gehirn hätten bekommen können. Die gleichen Neflere, die gleichen scheinbar ordnungsmäßigen Bewegungen hätten sich gezeigt. und er setze sie in Parallele zu dem Fliegen e<r Tauben, denen wau den Kops abgeschnitren hat, und dem Gehen der Hühner, -denen der Hals abaedreht worden sei; Vorgänge, bei denen man auch nicht wehr an bewusstes und gefühltes Bewegen d-enken dürfe. Auch die Betäubung der Tiere durch den neuen Bolzensickußapparat biete keine absolute Sicherheit gegen Tierquälerei. Seibswerstündlich müsse jede moderne Vorrichtung zur Sck)mcrzvermcidu!ig geprüft und nach positivem Ergebnis cingeführt werden. Beim Schächten fet das '^wzige, wobei man von Tierquälerei sprechen könne, das Niederlegen der Tiere, und er sprach seine Verwunderung darüber aus, daß man nicht schon längst zu dem stieder schnüren überaegangen sei, das sich-n vor dem Kriege in Rußland sich bewahrt habe. Wenn die Experimente, von denen tr.id) entere Sachverständige ausführlich berichtet haben und die jetzt wieder in München stattßnden, erfolgreich verliefen, so sei zu wünschen, daß auch für das Schächten etwas Derartiges eingeführt würde. Diese Münchener Versuche mit Schwachstrombetäubung und mit Gleichstrom von wenigen Volt Stärke werden jetzt von dem Direktor Dr. Opel und Professor Dr. W. Müller angestellt. Rabbiner Dr. M unk stellte als jüdischer Sachverständiger auf eine erste Frage des Vorsitzenden das Wesen der Vorschrift des Schächtens als eines religiösen Gebotes dar. Auf die Frage des Vorsitzenden, wie sich die jüdische Religionsgemeinschaft zu einer elektrischen Betäubung der Schlachttiere verhalten würde, erwiderte er, datz, falls durch dieses Verfahren kein inneres Organ des Schlachtticres verletzt oder gelähnrt würde, die jüdischen Gesetze des Schächtens erfüllt werden könnten; datz also, wenn diese Vorbedingungen zum Schächten nicht aufgehoben würden, die jüdische Religionsgemeinschaft eine Verminderung der Aengsiigung der Tiere nicht nur cirrführeu dürfte und wollte, sondern mützte. Denn das Gebot des Tierschutzes gehöre zu den biblischen Geboten des Alten Tcstarneuts. Dr. Munk hatte damit für den weiteren Verlauf der Verhandlung bedeutende Erleichterung geschaffen. Gegen die Stimmen der Deutschnationalen wurde dann der deutschvöltische Antrag, bei dem die Deutsch-völkischen, barste keine Fraktion bilden, nicht mitzustimmen hatten, abgelehnt. Tie übrigen Ausschußmitglieder nahmen insgesamt die vom Berichterstatter gestellte nachstehende Entschließung an: Das Staatsministerium wird ersucht, geeignete Maßnahmen zu treffen, datz 1. das Schlachten von Tieren durch das rituelle Schächten nicht über den Bedarf der jüdischen Bevölkerung an geschachtetem Fleisch hinaus . erfolgt und das Verbot des wilden Schächtens streng durchgcführt wird; 2. das Schächten ordnungsmäßig ansgeführt, ferner bei der Vorbereitung des Schächtens, insbesondere bei der Niederlegung der Tiere, Vorkehrungen getroffen werden, die geeignet sind, die Schlachttiere vor unnötigen Aengstigungen und Schmerzen zu schützen; 3. beim Schlachten überhaupt die vorhandenen technischen Verbesserungen in humanitärer Hinsicht angewandt und alle Roheiten verhindert werden. Dieser Ausschußantrag wird dem Plenum vorgelegt werden. Es ist nicht anzunehmen, daß ein mit so großer Majorität angenommener Antrag Schwierigkeiten bereiten wird. Die Antragsteller aber, die seinerzeit das <rchächtverbot herbeiführen wollten, mögen einmal Nachdenken, ob in einer Zeit wie der heutigen, die Kriege mit den notwendigen Folgen der Masienverstümmelung von Menschen noch nicht abgesckpsft hat, die Jagd und Fiscknwei erlaubt, die Henker heranbildet, um lebendige Menschen zn Tode zu bringen, ein derartiger Antrag, selbst lvenn er sachlich im geringsten zu verteidigen wäre, schon Berechtigung hat. Der jüöilche Dauer auf deutscher Scholle. Die Kundgebung Des R. I. F. Der Reichsbund jüdischer Frontsoldaten ist bei der Bemühung um Vertiefung seiner Arbeit auf den Sicdlungsgedanken gestoßen. Er hat ihn geprüft und ausgenommen. Er hat sich nicht mit einer platonischen Begeisterung für Berufsumschichtung und Ueberführnng junger Inden in 'die Landwirtschaft begnügt, sondern die praktische Durchführung dieser vielseitig vertretenen Forderungen — wie auch in der „C. B.-Zeitung" schon berichtet wurde — tatkräftig begonnen. Die Kundgebung im Herrenhause vorn 15. Oktober, die im Dienste dieser Siedlungsidee stand, ist nach mehr als . einer Richtung hin bemerkenswert. Professor Franz Oppenheimer (Frankfurt a. M.), dessen Name allein schon ein Progrannn bedeutet, war der Hauptredner des Abends. Er begründete die Forderung nach bäuerlichen Siedlungen durch eine wirtschaststheoretische Beweisführung, die kurz, aber schlagend eine Fülle ökonomischer Probleme anszeigt, die er vom Beginn des Kapitalismus bis zum gegenwärtigen Stand der sich aus dem. Weltmarkt begegnenden Imperialismen in die Betrachtung einbezog. Getreu seiner wipenschastlichen Ueberzeugung Predigte Oppenheimer den Kamps gegen den Feudalisnms mit einer schärfe, die in einer Veranstaltung des Reichsbundes Indischer Frontsoldaten hätte Verwunderung erregen müssen, wäre sie nicht getragen gewesen von einer Persönlichkeit, in Oer theoretische Unerbittlichkeit, entschiedener Wille zur Beperung der Welt und ein jugendsrisches Temperament eine einzigartige Vereinigung eingegangen sind. Zeigten schon die Ausführungen Oppenheimers bei aller Hervorhebung deutscher Notwendigkeiten stellenweise eine unverkennbar nationaljüdische Färbung, so waren die Worte des zweiten Redners, Domänendirektors Dyk, der die Praxis der Siedlungsarbcit des Frontbunde? beleuchtete, noch stärker in nationaljüdischem Geiste gehalten. Das veranlagte Rechtsanwalt Dr. Klee, der als Vertreter der zionistischen Vereinigung sprach, die beiden Referenten völlig für seine Weltanschauung zn beschlagnahmen und das Thema des Abends