Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 6 (1927)
- Issue
- 42 (21.10.1927)
- Date
- 1927-10-21
- Page
- Seite 590 (sequence 2)
- Language
- German
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5-0 Wirkung der wichtigen Ergebnisse der Juristenkonferenz in diesem Winter befassen werden, und daß die Bekämpfung des Antisemitismus in Schulen und Hochschulen unser Hauptziel sein muß. Die bevorstehenden Wahlen zu den Parlamenten stellen uns schon jetzt vor große Ausgaben. Wer die vorbereitenden Arbeiten der Teutfchnatioualcn Partei aus Wahlausrusen kennt, weiß, daß man auch bei den nächsten Wahlen in den Rechtskreisen mit dem Antisemitismus wird pol-trsche, Geschäfte machen wollen. Vor uns liegt eine Fülle von diesen Ausrufen, die geradezu von antisemitischen Ausfällen strotzen und scharfe Kämpfe vorherschen lagen. .Zu tun gibt es also genug. Und wir hoffen, daß diese unsere Arbeit reiche Früchte tragen wird, erkenntlich daran, daß im neugewählten Reichs- und preußischen Landtag der Antisemitismus auch nicht die geringfügigste Rolle spielen wird. „Das öpnamo-elektrrfche prtn3!j>." Was Tannenberg uns lehrt. Werner v. Siemens entdeckte im Jahre 1866, daß der Feldmagnet zu Beginn der Rotation des Dynamoankers wesentlich verstärkt wird, wenn man den erzeugten Strom zunächst um die Dcagnetjchenkel leitet und bah bicfcr verstärkte Magnet seinerseits wieder zur Erzielung eines verstärkten Stromes befähigt ist. Diese gegenftitige Kraftstürkung von Atagnet ltnö rotierenden! Anker nannte Siemens das dynamo-elektrische Prinzip. In ganz ähnlicher Lage befinden wir Juden uns gegenüber Antisemiten. Unsere Gegner entwickeln stets von neuen! Kräfte, ersinnen immer wieder neue Methoden, um uns Juden schütz- und rechtlos zu machen. Aber jede neue Krastäußenmg von ihrer Seite belebt gleich einem „dynamo-elektrischen" Impuls auch unsere Kräfte. Als ein "solcher Impuls wirkt die Feier von Dannenberg auf jedes jüdische Genrüt. Tie auch in diesen Blättern aussührlich besprochenen bedauerlichen Vorgänge bei dieser Feier stimmten uns ernst und nachdenklich und mahnen uns: Verdoppeln wir unsere Kräfte! Verdreifachen wir unsere Aufklärungsarbeit! Vervierfachen wir — und das gilt besonders den Vermögenden unter uns — unsere materielle Hilfe? Sehen wir doch, daß bei allen schon^errunaenen Erfolgen es uns bisher nicht gelungen ist, die große Mage des 'Mittelstandes genügend aufzuklären. Noch ist die geistige Einstellung dieser Masse derart, daß man keine besonderen Gewigenskonslikte empfindet, wenn die Juden ein bißchen zurückgesetzt werden. Die Gründe für diese Aust faffung mögen darin zu suchen sein, daß die Zeit seit der formellen Gleichberechtigung der Juden noch zu kurz, oder daß der einzelne ein ihm unangenehmes Erlebnis mit einem jüdischen Deutschen gehabt hcck, — vielleicht ist auch nur der verlorene Krieg, der solche Reaktion wieder auskommen ließ; wie dem auch sei: mit der Tatsache dieser geistigen Einstellung weiter Kreise müssen wir rechnen, und danach unsere Arbeitsmethode richten. Gelingt es uns nicht, im Lause der Jahrzehnte, diesen unbewußten Antisemitismus zu schwächen, so bleiben unsere großen Erfolge gegen die organisierte völkische Bewegung nur Scheinerfolge. Wer nicht nur für uns Juden, sondern auch für alle wahrhaft toleranten Nichtjuden in unserem deutschen Vaterland müßte es etwas Erstrebenswertes bedeuten, diese an unseren! Volkskörper zehrende Krankheit des Antisemitismus zu Hecken. Solange cs keine parlamentarische Partei gab, die als Hauptprogrammpunkt den Antisemitismus hatte, so lange lag für die übrigen Parteien auch kein Grund vor. sich mit drestm Problem zu befaßen. Nachdem aber in den verschiedenen Parlamenten im Reich. Land und Stadt Vertreter sitzen, deren Ntandat sich auf die Parole „Kampf gegen die Juden" stützt, sollten die politischen Parteien sich mehr als'bishcr mit der Materie befassen. Viele, die den politischen Antisemitismus Unbedingt ablehucn, verwechseln T o l e r a n z m i t G l c i ch- -üktrgkeit. Die wahre Toleranz schweigt nicht, wenn sie Unrecht in der Welt sicht, sondern kämpft für das Neckt. Und wenn jeder, der die Juden als vollberechtigte, politisch gleichwertige Staatsbürger anerkennt, auch in jeder Lebenslage, ob es angenehm oder weniger angenehm ist. für diese Ueberzcugung ciutritt und uns in unserer Aufklärungsarbeit unterstützt, können wir lwsten, daß die ..Judenfrage" aus dem politischen Leben verschwindet/ Wer diesem Ziele zuarbeitet, befolgt damit auch ein Wort des „Alten Frrtz", dessen Rat gerade von völkischen Kreisen sonst so gern befolgt wird. Er beantwortet in seinem „Moralischen Dialog zum Gebrauch des jungen Adels" die Frage: Worin bestehen die Pflichten der Gesellschaft? folgendermaßen: „Unsere Stellung als Bürger verpflichtet uns. dre Gesellschaft im allgemeinen zu achten, alle Menschen als Glieder eines Geschlechts anzuerkennen, sie als Gefährten, als Brüder au Zusehen, die die Natur u n§ g egeben ha t, u nd gege n si e n u r so zu h andern, wie wir wünschen würden, da ß sie gegen un§ handekn möchten." Professor L. Basrrizki (Heidelberg). Staatsbürger zweiter Klaffe. Immer wieder Jirdenrazzken in Ungarn. Budapest, im Oktober 1927. Ter Antisemitismus hat sich in Ungarn sozusagen konsolidiert. Seine Träger sind nicht nrehr „unverantwortliche Elemente", wie mau seinerzeit die Detachements der Weißgardisten, die ..Erwachenden Magyaren" und andere gegenrevolukiouäre Formationen nannte. Heute gehört der Antisemitismus schon offiziell zu den selbstverständlichen Grundsätzen der Regierungskuust und der staatlichen Verwaltung. Der Jude ist Staatsbürger zweiter Klasse, man läßt ihn nicht aus d i e H o ch s ch u l e — läßt ihn womöglich schon bei der Aufnahmeprüfung zur Mittelschule durchfatten, er bekommt keine KinokonZession, keine Tabaktrafik. keine Gasi^ Hauskonzession, und wenn er nicht ungarischer Staatsbürger ist, auch keine Aufenthaltsbewilligung. Was immer man vom Staat verlangt, man kann von vornherein auf eine ungünstige Erledigung gefaßt sein, wenn in einer genügen Rubrik, bescheiden abgekürzt, „isr." steht. Und diese Rubrik fehlt aus keinen! staatlichen Formular, sie muß auf jedem Gesuch ausgesüllt werden. Meist hat man auch auf die Frage zu antworten: „Welchem Glauben gehörte Bittsteller vorher an?" Jahrzehnte hindurch war es das Bestreben der ungarischen Staatsgewalt gewesen, die Juden national zu assimilieren; deshalb erleichterte man die Magyarisierung der Rainen in der Weise, daß jedermann gegen Erlegung einer Gebühr von einer Goldkrone ohne lveiteres einen ungarischen Namen annehmen konnte. Da die Staatsgewalt — und auch die Gesellschaft — sich nicht darum kümmerte, ob der Jude gleichzeitig auch seine Religion ablegte, verschmolzen die ungarischen Inden rasch national und gefühlsmäßig mit dem übrigen Ungartum. Es ist bekannt, das; sie nteift an Chauvinismus den „Origiualmagyareu" noch nberbotcn. Heute gib! es für Juden keine Namensänderung mehr. Man müßte schon ganz hohe Protektion haben, um die Bewilligung dazu zn bekommen. Tie Juden haben sich an diese Lage schon gewöhnt und dulden sie still. Vor nicht zu langer Zeit ist es ihnen ja noch viel schlimmer ergangen. Heute ist w e n i g ft e n s ihre körperliche Viche rh ei t ge w äh r l e iste t. Wirtschaftlich haben sie sich auch zurechtgefunden. Die „christliche Mittettlaiw". das heißt der Beamtcnadel, der durch den Verlust von zwei Dritteln des Landes um seine alten Existenzgrundlagen gekommen war und die Juden aus den ihren verdrängen wollte, begnügt sich mit den staatlich konzessiioniertcn Geschäftszweigen — und macht gerne ein Kompaniegeschäst mit dem der Konzession verlustig erklärten alten jüdischen Kinobesitzer oder Gastwirt. Ter numerus clausus hat den Juden Ungarns bisher keinen materiellen Schaden zugefügt, denn in Ungarn gibt es heute kaum schlechtere Berufe als den Berus eines Rechtsanwalts, Arztes oder Ingenieurs. Es ist nicht übertrieben, wenn man sagt, daß die Angehörigen dieser Berufszweige in Ungarn heute buchftäblrch darben. Unerträglich aber ist für jeden Inden die moralische Brandinarkurrg, die der numerus clausus für ihn bedeutet. Aber da muß man sich wieder fragen, ob der Staat, der ein solches Gesetz aufrechterhält, sich damit nicht selbst arn ärgsten brandmark!. Am schlversten empfinden ^die ungarischen Juden die Verfolgung durch die Fremdeupolizei. ^ie hat schon viele jüdische Existenzen vernichtet. In Ungarn gibt es heute, mit Ausnahme der Bauern, die schon seit Jahrhunderten auf derselben Schotte sitzen, nicht viel Menschen, deren Staatszugehörigkeit einwandfrei geregelt ist. Die städtische Bevölkerung — deren Entwicklung ja nur auf einige Jahrzehnte zurückgeht — setzt sich irr ihrem jüdischen wie in ihrem christlichen Teck hauptsächlich aus Zugewanderten zusammen, die ans Gebieten stanrmen, die jetzt unter fremde Herrschaft gelangt sind. Es gibt wohl Gesetze und Verordnungen, die jedem aus „Großnngarn" stanunenden Einwohner des heutigen Gebietes die Erwerbung der Zugehörigkeit zum heutigen Ungarn erleichtern, doch versteht man es. durch die unmöglichsten burcautratischen Kniffe Gesuche, aus denen das ominöse „isr." steht, abschlägig zu erledigen. So wurden Juden, deren Fa mi l ien seit vielen Jahrzehnten in Ungarn ansässig find und die gar keine andere Sprache sprechen als die ungarische, nach der Tschechoslowakei, Rumänien oder Serbien ansgewiesen. Häufig sind jüdische Familien, die schon in der zwecken oder dritten Generation iu Ungarn lebten, ausgcwiesen worden, weil sie die Formalitäten der Erwerbung der ungarischen Staalsar.- gchörigkeit außer acht gelassen haben, obzwar man nach den ungarischen Gesehen^nach einer gewissen Zeit der Ansässigkeit automatisch die ungarische Staatsbürgerschaft erwirbt. Nicht selten erfahren die ausgewiesenen Juden erst ans dem Bescheid der Behörde, woher sie eigentlich stammen. Die Fremdeupolizei veranstaltet in der letzten Zeit häufig wahre Razzien auf „fremde" Juden, besonders in V'» Grenzgebieten. Dabei resultiert sie nicht einmal die Gotteshäuser. Jüngst umstellte sie er ne Synagoge und faßte die Juden nach de m Gottesdi eu st e i n z e l n a b. u n d verlangte von ihnen an Ort und Stelle Nachweis ihrer Staatszugehörigkeit. Stolz meldete die Polizei dieser Tage, den Fremdenrazzien der letzten Zeit seren 2500 Menschen zmn Opfer gefallen. Tech, wie gesagt: der heutige Zustand bedeutet immerhin einen großen Fortschritt gegenüber den Zeiten, in denen um», wollte man nicht Leben oder wenigstens Gesundheit riskieren, in Budapest nach acht llhr abends am besten nicht auf die Straße ging ... A.