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Central-Verein-Zeitung · 1927-10-14 · 41 (14.10.1927) · p. Seite 582

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
6 (1927)
Issue
41 (14.10.1927)
Date
1927-10-14
Page
Seite 582 (sequence 6)
Language
German
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S82 Mit diesen Feststellungen soll sich indes unser Epilog nicht befassen; er soll das Prozessnalifche als das, was es ist: als ein Akzidens einer etwas zu temperamentvoll betonten journalistischen Zufälligkeit beiseite stellen und das Wesentliche hervorheben. Dieses Wesentliche liegt darin, daß es für die öffentlich politische Auffassung geradezu ein Aergernis darstellt, wenn im deutsch, jüdischen Lager derartige Befehdungen, wie wir sie erlebt haben, vorkonnnen. Die deutschen Juden verschiedener politischer oder religiöser Einstellungen haben doch wahrlich Besseres zu tun, als sich zum Gaudium "der Antisemiten mit dem Austrag vermeintlieher Diskrepanzen einander in die Haare zu geraten und die Del ei d i g n n gsp a r a gra Phon in Anspruch zu nehmen. Verschwiegen darf freilich unter keinen Umständen werden, das; die Angriffe aus dem Kreise der nationaldeutschen Juden kommen. Die grundsätzliche Einstellung dieser nationaldeutschen Juden ist eben falsch. Diese Terminologie: Nationaldeutsche, Zwischen» schichtler — die Zionisten scheiden aus — gibt es gar nicht. Es rst eine ganz unglaubliche Unterstellung, dem Eros der deutschen Juden die hundertprozentige nationale Gesinnung abzusprechen und sie für die nationaldeutschen Juden zu reservieren. Auch wenn man den Naumannianern die romantisch-politische Ideologie bereitwillig zugesteht, kann man doch nie und nimmer dazu kommen, gegen Hunderttausende den Vorwrrrf zu erheben, sie seien „Zwischenschichtler", das heißt Leute ohne hieb- und stichfeste nationale Gesinnung. Hast und Engherzigkeit gingen im Kulturkämpfe so weit, den Katholiken die deutsche Gesinnung zu bestreiten. Sollen wir ein solches Schauspiel, ins Jüdische übersetzt, wieder erleben? Dr. Naumann ist ein geistvoller Mann; er hat, anders wie Dr. Pehser. durch sein besonnenes Auftreten vor Gericht einen vortrefflichen Eindruck erweckt. Kann er nicht cinsehen, daß seine Ideologie so absolut in subjektiven Vorstellungen und unkontrollierbaren Repentiments verwurzelt ist, dast sie die Kritik der reinen Vernunft in der Tat nicht vertragt? Daß hier zärtlich gehegte Vorstellungen einen Tatbestand schassen, der vor der Logik der Wirklichkeit nicht standhalt? Kann Tr. Naumann angesichts der ungeheuerlichen Ausschreitungen des Antisemitismus, angesichts einer Leistung, wie der des Herrn L u d endo r f s auch nur eine bekunde des Glaubens leben, durch Beteurung seiner nationaldeutschen Gesinnung neue Drücken des Verständnisses von ihm zu den blindwütigen Feinden des Judentums zu schlagen? Fühlt er nicht, dast dort die Parole heißt: „Ter Jude wird verbrannt", daß der moderne Antisemitismus sich immer ausschließlicher auf dem Blut- und Rassebegriss aufbaut? Kann er nicht erkennen, daß Vorwürfe, wie er und seine Gesinnungsgenossen sie erheben, das Dogma der Antisemiten von der Pravalenz des Nasse- und Dlutsnräßigen stützen? Wenn irgend etwas dazu beitragen sollte, die ihrer Entstehung und ihrem ethischen Werte nach verständliche Ideologie des Tr. Naumann einer neuen Neberprüsung zu unterziehen, dann müßte es dieser Prozeß tun, den ich von seinen Anfängen an verfolgt habe. Seine Lehre gipfelt für mich in der Aufforderung: „Haltet Frieden und lockert die Reihen nicht durch Dilettantismus eines ebenso billigen wie dekorativen Nationalismus." Der Außenstehende, aber scharf Beobachtende kann das Gefühl nicht los werden, daß es sich bei dieser ganzen nationaldeutschen Bewegung in ihren Uranfängen um die Tätigkeit jüdischer Journalisten handelt, die ihre Verbindung mit der Hugenberg-Presse nicht ausgeben mögen. Das kann aber für Männer wie Naumann und Pehser kein Grund sein, das Gebot der stunde: Einigkeit im jüdischen Lager, zu verkennen. < V/ Der Meister von Nürnberg. Völkischer Protest gegen die Nürnberger Aufführung. Fahnenweihen. Wehrwolftage, Traditionsabende geben keine zugkräftigen Parolen für die völkische Bewegung mehr her, und so hat ein emsiges Suchen nach Gelegenheiten begonnen, etwas für die Mitgliederwerbung zu tun. Und nun hat der Film daran glauben müssen. Die Phöbns Film A.-G. hat mit erheblichen Mitteln einen Film hcrgcstellt, der Wagners „Meistersinger" bilddramatisch gestaltet. Zum Regisseur wurde Ludwig Berger auserschen, der sich mit seinem „Walzertraum" einen Weltersolg geholt hat, den seine rein künstlerische, jeder Geschäftskonzession ans dem Weg gehende Art für diese delikate Ausgabe besonders empfahl. Der Film „Der Meister von Nürnberg" ist bei seiner Berliner Uraufführung mit Respekt und Beifall ausgenommen worden. Einstimmig wurde das künstlerische Niveau des Films anerkannt. Tie Phöbus-Film A.-G. war nun sicher, für die Eröffnung ihres neuen Lichtspieltheaters in Nürnberg ein repräsentativeres Filmwerk nicht finden zu können, und rüstete zu einer feierlichen Eröffnungsvorstellung. Zumal man annehmen ntußte, daß die ^tadt Nürnberg besonders dankbar 'ein würde, daß der Ruhm dieser alten deutschen Stadt nun von der Projektionsfläche zahlloser Lichtbildtheater der Alten und Neuen Welt herabstrahlt. (Was für den Fremdenverkehr nicht ganz gleichgültig ist.) Statt dessen geschah etwas völlig Unerwartetes. Nicht zustimmender Enthusiasmus wurde laut, vielmehr kam ein geharnischter Protest an die £ c f f e ti 11 i dj f c i t. Zunächst wurde kühl und klar gesagt, daß die Verfilmung überhaupt e i n e 6 n t w e i h u n g deutscher K u l t urgü t e r darstellt. Mit dieser etwas verblaßten Redewendung kann inan sich abfinden, Millionen und aber Millionen deutscher Lichtspieltheaterbesucher geben darauf die Antwort. Aber diese Begründung ist nur die Kulisse. Der „Münchener Beobachter" schlägt den kulturgesüttigten Thcaterplunder beiseite und erklärt mit erhobener Stimme: „Das ist kein deutscher Hans Sachs, sondern ein jüdischer." Das Pech des „Münchener Beobachters" beginnt bereits mit der Feststellung, daß der Darsteller dieses „jüdischen" Hans Sachs der deutscheste aller deutschen Schauspieler ist, nänllich Rudolf R i t t n e r. Aber das muß schließlich keinen Eindruck auf parolewütige „Führer- Persönlichkeiten" machen, zumal der Regisseur des Films, Ludwig Berger, hinreichend verdächtig ist. kein hundertprozentiger Arier zu sein. Und damit ist das ehrliche Motiv dieser Kampagne enthüllt. Was sonst an kultureller Entrüstung und Klagegeschrei darum drapiert ist. ist eben nicht mehr als ein Feigenblatt. Immerhin muß hierzu ein ernstes Wort gesprochen werden. Ter deutsche Film verdankt gerade der Mitarbeit d e u t s ch e r I u d e n Entstehung und W a ch s t u m. Es war Ernst Lubitsch, der den Ruf des deutschen Filius zunächst durch alle Lande trug. Es war ein Filmmann von dem Format des kürzlich verstorbenen Paul Davidson, der mit seiner Produktion, seinen Atelier- und Theaterbauten den Grundstein 31t der heutige!: Entwicklung der Filmindustrie legte. Ich habe den Werdegang des deutschen Films seit 1913 praktisch mitgemacht, ich kenne keine entscheidende Tat im deutschen Film, an der nicht deutsche Juden entscheidend mitgewirkt halwn. Ich hoffe, daß diese Feststellung um so unverdächtiger wirk:, als ich gebürtiger Christ bin. Es sei mir die private Bemerkung erlaubt, daß ich die Durchschlagskraft des letzten Arguments bezweifle. Vor etwa Zwanzig Jahren habe ich mit einem Aufsatz „Taufscheinhistorik" den seither geistig verstorbenen Adolf Bartels angeregt, ein dickes Buch über Heine 31t schreiben und eine Broschüre daran anzuhängen, die mich und ehi£ Reihe anderer Literarhistoriker und Kritiker, die einiges über seine Unbildung und Oberflächlichkeit zu sagen wußten, an die Gurgel gehen sollte. Aber was soll man gegen eine Logik machen, die mit eisener Stirn erklärt: wenn ein Nichtjude au die Seite seiner jüdischen Volksgenossen tritt, beweist er damit nur, daß er mit jüdischem Geist vergiftet ist. Man könnte über die neue Komödie in Bayern zur Tagesordnung übergehen, wenn der plötzlich erwachte Rasseschutz nichtauch ein paar repräsentative Persönlichkeiten mitgerissen hätte, ihren Namen unter die Proteste zu sehen. -Münchens Oberbürgermeister S ch a r n a a l steht an der Spitze, Generalintendant v. Fr a n t e n st e i n , Hans Pfitzner u. a. folgen. Die Herren haben den „Meistersinger"-.Fi!m niemals gesehen, sie haben keine Unterlage für ihr Urteil: es genüg: ihnen, daß Wagners Meisterwerk verfilmt ist, und kurzerhand zünden sie den Scheiterhaufen an. Vermutlich haben sie keine A h n u n g , daß sie vor den völkischen P a r t e i w a g e u gespannt werden — aber ich meine, daß sie bei einern bißchen Nachdenken doch dahinter kommen müßten, wie grotesk es ist, im Jahre 1927 gegen die Verfilmung eines großen deutschen Stoffes zu protestieren. Gerade die an der kulturellen Förderung interessierten Kreise rufen fortwährend nach großen etoffeu für den deutschen Film: folgt eur^ Filmunternehmen diesem Ruf, steckt es Kapital und Arbeit in die ^ache. so riskiert es, für seinen ehrlichen Kunstwillcn in Acht und Dann getan zu werden. Zumal, wenn es so unvorsichtig ist, einen Mann alZ Regisseur, zu verpflichten, der nicht mit den: Hakenkreuz an: Stahlhelm in das Atoller kommt und seine Mitarbeiter nicht nach Herkunft und Religion fragt. Die Phöbus-Film A.-G. hat dankenswerterweise dafür gesorgt, daß die Nürnberger Rasfeschützer und ihr Gefolge Gelegenheit haben, süv

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