Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 6 (1927)
- Issue
- 41 (14.10.1927)
- Date
- 1927-10-14
- Page
- Seite 579 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Erinnerungen an schwarze Tage. Däotto: „Tie Pogrome helfen die Disziplin im Heere aufrechtzuerhalten." Petljura. I. JL. II« In den nächsten Tagen gelangt in Paris der Prozeß Schwarzbard zur Verhandlung. Man wird sich erinnern, daß der ukrainische Ataman Petljura, der militärische Führer der „Weißen Armee" im Kampfe gegen die Bolschewisten, von Schwarzbard am 25. Mai 1926 in Paris getötet wurde. Der aus der Ukraine gebürtige Echwarzbard, der auf französischer Seite den Weltkrieg mitgemacht hatte und schwer verwundet wurde, hat vor wenigen Jahren seine Heimat besucht; dort mußte er erfahren, in welch schrecklicher Weise seine Angehörigen ermordet worden waren. Die furchtbaren Tatsachen, die ihm dort mitgeteilt wurden, brachten ihn zur Verzweiflung, so daß er das Törichste und Bedauerlichste tat, was er tun konnte: er Lötete Petljura. Tie Berichte über den Prozeß werden in der Tagespreise nachzulesen sein. Bedeutsam für das Verständnis der gesamten Zusammenhänge ist das soeben in Paris erschienene QuellcnwerP): „Los Pogromes en Ukraine“, dessen Wert als Kulturdokument ersten Ranges für die Weltgeschichte schon heute feststcht. Das Werk zeichnet sich dadurch aus, daß es in erheblichem Umfange Photographien über die in der Ukraine verübten Mordtaten und in einem Anhänge Berichte von Augenzeugen, Protokolle, Veröfseutlichungen aller Art bringt, die den beschreibenden Text urkundlich beweisen und beleuchten. Wir lesen, d-aß allein in der Stadt Proskurow am 15. Februar 1919 1500 Inden ermordet worden sind, ohne diejenigen, die später ihren Verwundungen erlagen, und das; in Schitornir in den Pogromen vom 82. bis 26. März 1919 320 Juden in der gräßlichsten Weise umgcbracht wurden. Die Zahl der in der Ukraine Ermordeten beträgt viele Zehntausende. Wir müssen seststellen, daß wohl kaum ein zweites Mal im Verlaufe der so tränenreichen siidischen Geschichte in kurzer Zeit so viele Männer, Frauen und Kinder ermordet, geschändet, gequält worden sind, wie anläßlich der Pogrome in der Ukraine. Auch wer durch die Ereignisse des letzten Jahrzehnts abgestumpft ist, wen das Unglück in dieser Welt nicht mehr im einzelnen aufregt, wird von dem Entsetzen j ch w er 1 oskommen, das ihn bei dem Studium dieses Werkes beschleicht. Wie die spanischen Stierkämpfer die Stiere aus allen nur denkbaren Wegen reizen und quäken, um sie in Wut au bringen, so sind die sicherlich an sich verhältnismäßig harmlosen ukrainischen Truppen direkt und indirekt zur Erhöhung ihres Kampfmntes und zur Erweckung ihres Zornes gegen ihre Widersacher im Bürgerkrieg in Siedehitze gegen die Juden gebracht worden. Wer von den ausgesuchten Opsernnur seinen Tod durch Erschießen saud, war begnadet. Tie meisten sind in unendlicher Weise gequält worden, bevor sie den Tod fanden. Wenn man liest, wie die Spfer sich gegenseitig auspeitschen mußten, um dann gezwungen zu werden, den Boden, auf dem die gegenseitigen Mißhandlungen stattfanden, zu küssen, wenn man dann liest, wie Frauen ausgeschlitzt, wie Kindern auf Steinen der Schädel zermalmt wurde, kurz, wenn man das Viehische, das unter den Angen der zivilisierten Welt Wochen, Tage und Jahre hindurch sich ereignet hat. in urkundlicher Weise belegt, kenncnlerneu muß. dann wird mau den Glauben an die Menschheit fast verlieren. II. 11 nb wozu das alles? Petljura, einer der hauptberantwortlichen Männer für diese Untaten, ist nicht etwa eine besonders juden feindliche Persönlichkeit gewesen. Man könnte fast das Gegenteil sagen: Aus den Urkunden geht hervor, daß er sogar gern mit einer Art demokratischer Gesinnung in den Vordergrund rückt und immer erklärte, die Juden seien in seinen Augen Bürger wie andere auch. Dabei lvar er aber doch sittlich so verkommen, daß er — lediglich um einen ihm genehmen politischen Erfolg zu erzielen — jedes Gebot des Rechtes, der Moral, der Sittlichkeit, des Anstandes mit Füßen trat. Nichts ist für feine Persönlichkeit so bezeichnend wie die diesen Ausführungen voraugestellten Worte: „Die P o g r o m e Helsen die Disziplin im Heere a n frech Lzuerhalten", die Petljura zu dem ehemaligen ukrainischen .uricgswiuister Joukowski gesprochen hat. Um Haß zu erregen, rnn die Truppen durch PlLinderrmg.cn zufrieden und durch un'.ncuschliche Grausamkeiten irr ihrem Blutdurst zu allem sähig zu erhallen, wrrrden die Pogrome angcftifLct. Das damalige ukrainische Ministerium sprach sich forwsteht gegen die Pogrome aus und forderte von dem ol>ersten Feldherrn Petljura die^Bestrafung der Schuldigen. Petljura sagte sie zu. harte vielleicht auch ab und zu eine Gewissensregung und wollte eiuschreiten, konnte 1) Comir6 dos dßlcsrationes Juivrs. „Lcs Pocrrorces en -Ukraine" •ous Jes j»ouvernoments ukr&ines. (1917—19-Jö.) Paris li>27. flu beziehen der (cmißrations-SJcrciiiigiiuß Berlin, Berlin .W 62, Kursürsieustraße 81a. aber die Geister nicht mehr loswerden, die er gerufen hatte.. So nahmen die Schändlichkeiten, die seine Unterführer zu einem großen Teil immer und immer wieder die Truppen begehen ließen, ihren Fortgang, wenn Petljura sie vielleicht auch in der letzten Zeit seiner unheilvollen Tätigkeit nicht mehr direkt förderte. NI. Man müßte das jetzt erschienene Werk in alle Kultursprachen übersetzen; in den Schulen sollte über dieses Buch gesprochen werden. Nicht nur etwa in jüdischen Kreisen. Tenn diese wissen und sollten wenigstens wissen, was noch das zwanzigste Jahrhundert an nicht wicderzugebenden Gemeinheiten über Hunderttausende von Juden ausschünen konnte. Auch die jüdischen Menschen find zum Teil trage und faul, wenn sie sich persönlich nur weit genug vom Schüsse glauben. Aber sie sollten Nachdenken und sich sagen: das Wort Pogrom, das zrrm Bestandteil aller Weltsprachen geworden ist, bedeutet nichts anderes als die von staatlicher Macht angeordnete oder geduldete tierische Ermordung und Beraubung unschuldiger Inden. Es liegt zunächst in dem Begrist das Wesensmerkmal: Gegen Juden gerichtete Gewalttaten! Man merke: Nicht etwa ein Bürgerkrieg, der Opfer erfordert, sondern die von der Obrigkeit gewünschte, wenn auch fast immer von ihr nachher a b g e l e u g n e L e Dergeivaltigung jüdischer Menschen. Eingeführt ist die Methode von den russischen Zaristeu. Sie wurde nicht etwa geübt, Unrecht, das es natürlich auch bei den Juden gibt, zu bestrafen, sondern sie wurde immer nur daun angewandt, wenn man des Pöbels Blutdurst und Plünderungssucht befriedigen wollte. Man warf ihnen dann die Juden hin. Somit ist Petljuras Wort: „Die Pogrome helfen die Disziplin in: Heere ausrechtzuerhalten" ein offenes Geständnis einer furchtbaren Verirrung des M e n s ch e n g e i st e s. Diesen Verirrungen werden wir Juden in allen Ländern so lange ausgeseht 8n, als eine Minderheit leicht Gegenstand der Befriedigung von belinstinkten werden kann und solange das religiöse und sittliche Bew uß tsei n in den herrschenden Kreisen sich auf dem heute überwiegenden Ties st and bewegt. Dagegen Helsen leine jüdischen P r o t e st v e r s a m m I u n Q c n. Ost genug hat sich unser verewigter Freund Paul Nathan gegen diese verständliche aber zwecklose Regung menschlicher Solidarität gewandt. Etwas anderes muß eintreten: Zunächst einmal müssen die Inden in ihrer Gesamtheit und nicht nur in einzelner: Teilen die Schmach empfinden, die ihnen allen angetan ist. Sie müssen die Vertreter der Religionen, des Staates in den verschiedenen Ländern immer und immer wieder ermahnen, damit endlich in der n i ch t j Ü d i sch e n Welt jene Stimmung erwachse, die eine Wiederholung derartiger furchtbarer Vorkommnisse u n in öglich m o ch t. Leider muß festgestellt werden, daß die nichtjüdische Welt zu einem erheblichen Teile den Dingen bisher vollkommen kühl gegenübergestauden hat. Gewiß hat es überall Männer und Frauen gegeben, die Abscheu vor derartigen Bestialitäten bekundeten. Aber dieser Abscheu war zum Teil sehr p l a t o it i | ch. Bk an sollte insbesondere von den Vertretern aller Religionen und Konfessionen ein machtvolles Wort und vielleicht noch mehr erwarten, damit sie allen Vckcnnern göttlicher Gerechtigkeit und göttlicher Gnade den Absehen einhämmern "vor solchen Taten. Es wird heute noch in der Welt viel ideale Kraft und sehr viel Geld für die sogenannte Judoumission verwandt. Wäre es nicht richtiger, wenn diese Kraft und diese Mittel zunächst einmal aufgewandt würden, um die Vertiertheit im Menschen zu bekämpfen und um jeden Mord für die Zukunft unmöglich zu machen? Man sollte jeden Meusckfeusreund bitten: Widme einen Abend dem Studium des Werkes „Lcs Pogromes cn Ukraine“, damit du siehst, was heute noch möglich ist, und darüber nachdenkst, wie die Menschheit von solchen Taten der Schmach befreit werden kann. Ein zweiter „SnH Waldenburg". Am 6. Juli d. I. wurde der praktische Arzt Tr. Fuchs in Lange nberg^ durch einen Boten benachrichtigt, daß soeben ein Radfahrer aus der Straße verunglückt sei, er möchte schleunigst dem. Verunglückten Zu Hilfe kommen. Tr. Fuchs fragte darauf in Gegenwart einiger anderer junger Leute, die sich bei ü)iu befanden, ob der Verunglückte etwa ein Jude sei? In diesem Falle würde er ihm eine Spritze neben, daß er verreckte! Wenn es nach ihm ginge, würde cs überhaupt keine Juden in Deutschland geben. Dr. Fuchs, der in der gleichen Zeit seine Anmeldung zur Ausnahme in den örtlichen Aerztevcrcin. cingeleitet hatte, wurde durch den Vorsitzenden daran sinn veranlaßt. Zunächst sein Ausnahinege.snch zurückzuziehen. Die Angelegenheit ist ferner dem Ehrengericht bei der Aerztekammer in Krefeld (Vorsihender: Dr. Rumke) zur weiteren Erledigung unterbreitet worden. In kurzer Zeit hat sich hier zum zweitenmal der außerordentlich bedauerliclx Fall ereignet, daß Angehörige des ärztlichen Standes sich gegen die primitivsten Pflichten nicht nur Uwes Stands, sondern der allgemeinen Menschlichkeit in gröblichster Weise vergangen haben.