Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 6 (1927)
- Issue
- 40 (7.10.1927)
- Date
- 1927-10-07
- Page
- Seite 568 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Stern (Berlin) schreibt uns: Bei meinem ersten Spaziergang in den Straßen Pekings, der alten nördlichen Hauptstadt Chinas, die auch im Zeichen der großen Kulturrevolution ch'tehst fiel mir das Hakenkreuz in mannigfacher Verwendung in die Augen. Straßenhändler boten unter allem möglichen Kram, den sie aus einem Leinwandlappen am Boden ausgebreitet hatten, für wenige Pfennige Leuchter aus Messing an, die aus einem Hakenkreuz mit anfgeschraubtem Lichthalter bestanden. Billige Stoffe, die am Eingang der Läden ausgebreitet waren, zeigten gelegentlich auch ein Hakenkreuzmuster. An den Wänden der Häuser war hie und da das gleiche Zeichen in großen: Format mit schwarzer Tusche angemalt, und auch weiße Fahnen mit rotem Hakenkreuz boten sich dem Auge dar. An den Straßenecken standen Zeitungsverkäufer, die unter anderen eine chinesische Tageszeitung mit dem Hakenkreuz feilhielten. Und als ich durch den Garten des alten Kaiserpalastes in der ehemals „Verbotenen Stadt" ging, sah ich im Mosaikfußboden auch das Hakenkreuz. Diese Beispiele ließen sich leicht vermehren. — Was bedeutet diese mannigfache Verwendung des ominösen Zeichens? Tas Hakenkreuz in Peking hat mit Judentum und Antisemitismus nichts zu tun. In der Millionenstadt Peking selbst gibt es übrigens kaum Juden. Wer im Orient gereist ist, für den ist eine solche Verwendung des Hakenkreuzes nichts Neues, wenn auch sein so vielfaches Vorkommen wie in Peking immerhin auffällt. Um mit der Zeitung zu beginnen, so handelt es sich, worauf auch die englische Bezeichung ..Ille Swastika“ hinweist, lim ein neobuddhistisches Blatt, das übrigens gegen den christlichen Verein junger Männer gerichtet sein soll. Die Fahnen mit dem Hakenkreuz weisen auf Hilfe für Notleidende hin. wie denn auch eine vom chinesischen Roten Kreuz abgezweigte Richtung in China das rote Hakenkreuz angenommen hat. Ganz allgemein gesprochen ist es aber das uralte buddhistische Zeichen, das Buddha als angeborenes Mal auf der Brust gehabt haben soll. Tie chinesischen Gelehrten nehmen das Hakenkreuz als Glückszeichen, als Zeichen für die Glückszahl 10 000. Aus Metall oder Stein gefertigt, wird es von Menschen getragen, die aus die Wirkung vertrauen: Buddha schütze mich! Uebruzens sagte mir ein Chinese, daß es in Anam auch eine Frucht gebe, die im Gehäuse das Hakenkreuz zeige. Tas Hakenkreuz im heutigen Peking zeigt also nur seinen rein orientalischen Ursprung und seine rein orientalische Bedeutung. In einer Buchhandlung sah ich ein englisches Buch ..The Dance of Civa“ by Collum (Life’s Unity and Rhythm), das ans dem Umschlag eine indische Tänzerin ans dem hakenkreuzgeschmückten (Sonnen)rade zeigt. Wissen die H'akenkreuzler in Teutschland von diesen Tatsachen aus dem Orient? * Landgerichisrat Tr. Stern vom Landgericht I in Berlin hielt auf seiner Studienreise durch Ostasien am 12. September 1927 in Tokio am japanisch-deutschen K u! t u r i 11 ft i t u t in Verbindung mit d e r japanischen Gesellschaft für Rechtsphilosophie einen Vortrag über: „N a t u r recht und Weltreckst im Lichte der Nechtsentwicklung I a p an s und E h i n a s". Er behandelte den Gegensatz zwischen östlichem, von naturrechtlichen Erwägungen geleiteten, und westlichem, auf dem strengen Recht des Gesetzes beruhenden Rechtsdenken. Zur Versöhnung dieses Gegensatzes kann der Aufstieg von Normen des Naturrcchts zum Weltrecht beitragen. Hier liegt eine wichtige Aufgabe Japans als der wie überhaupt auch aus dem Nechtsgebiet führenden Macht des Ostens. Anschließend an den Vortrag gab Landgerichtsrat Wakizaka (Tokio) dessen Grundgedanken in japanischer Sprache wieder. Ter Vortrag, dem hervorragende Nechtslehrer und Philosophen der Universität Tokio, die Spitzen der Rechtspflege sowie zahlreiche Deutsche beiwohnten. soll in deutscher, japanischer und chinesischer .S p r a ch e e r s ch e i n e n. Aufbauarbeit im Osten. Veranstalt«u«gen ves Hilfsvcreins Scr Deutschen Juden unv des „Lrt". Ter Hilfevcrcin der deutschen Juden eröffnet? mit einem Prcffctce in dem gastfreundlichen Haust' des Herrn Verthold Israel eine Werbeaktion/mit der er das Anden.km Tr. Paul Nathans, der einer der Begründer "und Führer des Hilssoereius war, aus würdige Weise ehren will- Einleitend schilderte der Vorsitzende, Tr. h. c. James Simon, die Leistungen des Hstssvercins stit seiner Gründung im Jahre 1001_ bis zur Gegenwart. In den Rachkriegsjahren gilt die Arbeit des Hilssvereins hauptsächlich den jüdischen 'Aus- und Nückwanderern, sowie der Erziehung und Unterbringung von Waisenkindern aus der Ukraine und der Fürsorge für ausländische iübird>e Studierende in Teutschland. Um diese Arbeit im Sinne der Begründer und insbesondere auch Paul Nathans leisten zu fömurt, Wendel sich der Hilfsverein mit einem Ausrufe an die Oefsentlichkeit, in dem er um Zuführung neuer Mittel bittet. Tr. Mark Wischnitzer, der General'etretär des Hilfsvcreins, schilderte dann in anschaulichem Vortrage die Eindrücke, die er svcbcn bei einer Reise durch die russischen Kolonien, in der Krim, in der Ukraine und Weißrußland gewonnen hat. 213 jüdische Törfer sind dort bereits entstanden, während in der U k r a i n e u n d Weißrußland die Siedlungsgebiete nicht mehr wesentlich erweiterungsfähig sind, weil das Land schon im Besitz vo-n Bauern ist, bietet die K r i m noch für viele Tausende von Familien weitere Ansiedlungsmöglichkeiten. Tr- Wischnitzer schilderte die segensreiche Arbeit der Hilfsorganisationen, der J. C. A. (Jewish Colonisation Association) und des Agro-Joint, die dort . ritffifdjc Juden, welche die Binnenwanderung der Auswanderung vorzi.hen, angesiedelt und sie Getreidebau, 'Milchwirtschaft, Obstbau, Geflügelzucht nsw. gelehrt haben. Besonders schlimm wird nach dem Eindruck, den Tr. Wischnitzer gewonnen hat, der Mangel. an sanitären und kulturellen Einrichtungen, von Krankenhäusern, Schulen, Kindergärten, Ambulatorien und Badehäusern empfunden. Und wenn auch J. C. A. und Joint in den Jahren 192G/27 derartige Bauten teils in Angriff genommen haben, teils planen, so fehlen doch immer noch 81 Schulen, 20 Badehäuser, neun Krankenhäuser und Ambulatorien. Hier helfend einzugreisen, ist der Wunsch des Hilst- Vereins verdeutschen Juden. Tie Ausführungen Tr. Wischnitzers ergänzte zum Schluß noch Herr Wilsried Israel durch einen Bericht über eine Reise durch die russischen Kolonien, von der er soeben zurückgekchrt ist. * Am 21. September fand im Hause von Professor Tr. Ludwig Stein ein Vortrag des Herrn Tr. A. S i n g a l 0 w s k h, Mitglied der Zentrelverwaltung 'des „Ort"-Verbandes über „Tie Judensrage im europäischen Osten und die neue jüdische Kolonisation in Sowjetrnßland" statt. Unter den zahlreich erschienenen Gästen sah man Tircktor Oskar W a s s e r - mann, Ehesredakteur Georg Bernhard, Justizrat Brodnitz, Geheimen Kommerzienrat F r e n k e l, Reiästtagsabgevrdneten Tr. Ludwig Haas, Prvsesior Rahel Hirsch, Berthold Israel, Professor N 0 s t n, Geheimen Justizrat Salinger, Legationsrat Sobcrnheim und andere. Tr. Singalowskh wies darauf hin, daß bei der heutigen ausschlaggebenden Bedeutung der Wirtschaft sproblcme für die Politik, die wirtschaftliche Lage der acht Millionen zählenden ostjüdischen Bevölkerung von großer Bedeutung für die Normalisierung östlicher Verhältnisse überhaupt ist. Ten Schwerpunkt der jüdischen Frage im Osten bildet nicht mehr die politische Gleichberechtigung der Juden, sondern deren sozial-wirtschaftliche Gleichstellung mit der nichtlüdischen Bevölkerung. Ten Prozeß des Ueberganges der Massen 3 u Industrie. Hand w erk und landwirtschaftlicher Arbeit zu erleichtern, haben sich der „O r t" - D e r b a n dst der amerikanische Joint und die J. C. A. zur Ausgabe gemacht. Es bestehen in Polen und in Rumänien zahlreiche jüdische Kolonien, jedoch nur in Rußland bat die Siedlungsbewegung, deren Förderung die Negierung als eine allgemein staatliche Ausgabe betrachtet, einen großzügigen Charakter angenommen. Tie Lösung des jüdisckx'n Problems im Osten sei nur ans die Weise zu erzielen, daß sich die jüdische Bevölkerung dem Iwsvnderen wirtschaftlichen Charakter der betreffend.n Länder anpaßt. Tie Grundprinzipien der Aufbauarbeit des „Ort" faßte der Redner in folgenden Worten zusammen: st a t t unsicheren Gelegen heit? Handels — produktive Arbeit in und auf d c m L a n d e; st a t t A l m 0 s e n — Kredite; ft a 11 Bevormundung — Selbstt ä t i g k e i t. 3PPH Zweimonatsschrift Herausgeber und 'Scbriftleitunq: Prof. Dr. Juliu* Goldjtcin (Darmttadt)* 3. Jahrgang: Heft 4 soeben erschienen Aus dem Inhalt des vierten Heftes: A. Slngalowsky: Aufbau und Umbau. Zum Problem des jüdischen Wirtschaftslebens ln Osteuropa. — Fritz Friedlaender: Heine und sein Verhältnis zu Goethe. — Ida Lubllnskie: Jacob und Esau. — Robert Arnold Fritzsche: Herder und die Humanität. — 6. Jacob: Begräbnis und Hochzeit. — Wilhelm M i c h e 1: Kampf gegen Gräber. Nachwort. — Gurt Horn: Synagogale Kunst und ihre Gestaltung auf der Juryfreien Kunstausstellung Berlin 1927. — Mich ael Müller-Claudius: Geist und Weisheit des Werkunterrichts. — Wilhelm Michel: Vorn Ausdruck des Menschen. — Erna Buschmann: Lassalles letzte Tage. Paul Michaelis: Das jüdische Schulwesen in den haitischen Randstaaten. — Besprechungen. Zu beziehen: Philo Verlag, Berlin SW68, Lindenstr. 13. Einzelheft 2,25 M.> Jahresabonnement 12 M.