Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 6 (1927)
- Issue
- 40 (7.10.1927)
- Date
- 1927-10-07
- Page
- Seite 569 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Mische Problem in öer heutigen französischen Literatur. Wie in vielen europäischen Ländern, so ist auch in Frankreich das jüdische seit dem Kriege unleugbar Mode geworden. Tie Hauptgründe dafür sind die teilweise Verbreitung zionistischer Ideen, das Erwachen der Völker, die Entwicklung des Traditionalismus, wie er in Maurice Barres „La Ter re et les Morts“ Symbol gewo/den ist. Es entstand sogar eine jüdische Revue, die allerdings trotz des hohen Ranges von Mitarbeitern wie Einstein, Z a n g - will, Freud, B u b e r, W a l d o F r a n k und einer ganzen Gruppe junger Franzosen nur ein kurzes Leben gehabt hat. Tiefe Mode trat besonders in: Roman zutage. Tie Ueberfetzung der Werke Israel Zangwills. ein Novellenbuch Georges C l 6 m e n c e a u s : „Au Pied du Sinai“ (1920) und I. R. Blochs „Levy“ (1912), jjie Geschichte einer jüdischer: Familie in der französischen Provinz, bereiteten das große Publikum gewissermaßen vor. Tie großen Werke aber über das Problem, welcher das Judentum in der heutigen Welt bietet, sollten erst nach dem Kriege erscheinen. Teils ist es Marktware ohne jeden künstleri'chen Ehrgeiz, lediglich bestimmt, dem herrschenden Geschmack des Publikums zu schmeicheln, wie etwa die weit verbreiteten Romane „Les Pollaks“ und „Mon Hab bin cliez les Riehe s“, von ein und demselben Schriftsteller stammend, der aber, um seine Mache zu verbergen, bald unter dem Pseudonym Pierre Samuel, bald unter Jakob Levy schreibt. Auf der anderen Seite jedoch stehen Werke von Künstlern und Schriftstellern, welche sich in sich selbst versenkt haben, um einen Weg zu jinden und ihre Mitmenschen zu erleuchten. ,jj u G h e 11 o a 19 Ü n i v e r s i 16“ (1923) ist das Merk einer wenig bekannten Frauenrechtlerin, Ida See, welche das Problem der Verwurzelung der Ausgewanderten, der nach dem Okzident verpflanzten, behandelt und die Gefahren des Partikularismus zeigt, der einen Stamm bis zu einen: Grade schwächen kann, daß er zuweilen sogar in Mahnsinn verfällt. Ter junge protestantische Schriftsteller, Jacques de Lacretclle, veröffentlichte im Jahre 1923 seinen berühmten Roman „Silbermann" und erhielt dafür den vielbegehrten Literaturpreis „La Yie Heureuse“, der jedes Jahr von einer Jury von Schriftstellern verteilt wird. Jacques de Laeretelle, ein Schüler Gides, ist einer der begabtesten der neuen Ceneration, und sein Roman ist zugleich ein psychologisches und historisches Tokument. Er ist ein Gemälde der jüdischen Freundschaft von einem Nichtjuden, die Geschichte der ewigen Verbannung derer, die sich nicht assimilieren können, die Ausdeutung des Ressentiments der Verstorbenen. Tas jüdische Problem schien so lebendig zu sein, daß der Romanschriftsteller, welcher sich am geschicktesten der Mode zn bedienen versteht, der Meister des Abenteuerromans, Pierre Benoit, nicht zögerte, im Jahre 1924 „Le Puits de Jacob“ zu schreiben. Tiefer Roman sucht das Zionistische Problem dem großen Publikum naheznbringen. Er ist das Abenteuer einer intellektuellen Frau und Kurtisane, welche den Orient verläßt, um in Paris zu leben, dem Ruse ihres Blutes folgend aber nach Palästina zurückkehrt. Ter Roman zeichnet einige Tpen, stellt das Problem, ohne es jedoch Zu lösen. Im Jahre 1925 endlich schrieb ein junger Tichter, Bernard Lecache, einen sozialen Roman voll malerischen Lebens, „Jako b", in dem wir den Ausstieg einer russischen Auswandererfamilie in Paris miterleben. Es ist die Geschichte eines jüdischen Strebers, der, um hcchznkommeu, seinen Glauben verleugnen muß und dem sein Vater schließlich verzeiht! Sogar in der Tichtnng hat sich der Einfluß der jüdischen Mode fühlbar gemacht. „La Dansedcvant 19 A r c li e“ von H enri Frank, einem der begabtesten Tichter des Borkricgsfrankreichs, der 1912, mit erst 23 Jahren, starb, zählt zu den reichsten Werken, die uns das letzte Jahrhundert hinterlassen hat. Schon er brachte den messianischen Traum wieder in Mode, den ein junger Franzose des 19. Jahrhunderts noch einmal erlebt. Er war Jude, wie Barres Lothringer war, aber sein Ideal erweiterte sich und ließ sich nicht von einer politischen Floskel gefangennehmen. Seine Tichtungen drücken die Schwächt eines Menschen aus. der Gott erreichen null, der aber die Größe der Goetheschen Philosophie des „Stirb und Verde" versteht und, von jeder Illusion befreit, sich damit begnügt, wie die Elut in hoffnungslosem Feuer zu verzehren. Staatlid) anerkannte Realschule mit Schüler heim. C,rr l Gesunde Waldlage. Neuzeitlich auSgestattete Zlaume. Luftige, r 1 _ Helle- Arbeils- und Schlafzimmer für kleine Gruppen, kleine __J l ^lassen (10 bis 20 Schüler), Unterricht im Freien. Pflege der i r Mufieunier besonderer künstlerischer Leitung. Ständige ärztliche ) s Ueberwachung. Anfragen an Studienoireklor Dt. Doidorf. j Tem epischen Lyrismus eines Frank steht die satirische Tichtnng Andre Spires gegenüber, der in Werken wie „La Cite Frese nt e“ - (1903) oder „Lo Secrot“ (1919) voll Bitterkeit das jüdische Ideal mit der zeitgenössischen Kultur vergleicht. Andre Spire kann seine ewige Unruhe nicht verbergen. Wenn er sich von der Natur und der reinen Kunst abwendet, so tut er es, um unter den Menschen und im Volke die Berechtigung zu leben zu suchen. Edmond Fleg-, geboren im Jahre 1874, ist im Begriffe, den größten Platz unter den jüdischen Literaten Frankreichs einzunehmen. In „Ecoute Israel“ (1913) und „Le Mur des Pleurs“ (1919) hat er die Bibel paraphrasiert und die Behauptung ausgestellt, daß der jüdische Geist nichts anderes ist als der I n st i n k t der Freiheit, der sich von Abraham bis Wilson zu entfalten gesucht hat und seine Erfüllung erst am Ostern der Völker finden wird, wenn der Tempel wieder ausgerichtet sein wird. Tie Reinheit seiner Lyrik, die orientalisch gefärbte Musik seiner Verse und ihr tiefer Symbolismus stempeln Edmond Fleg zu einem originellen Tichter. Er verössentlicht soeben einen Roman „L9 En fan t Prophet e“, in^dem er die Geschichte eines jungen jüdischen Franzosen schildert, dessen Gewissen im gigantischen schatten von Notre-Dame de Paris erwacht. Tas prophetische Kind ist das Judenkind vom Seinestrand. Es ist eine wahre, aufrichtige und rührende Geschichte. In der warmen Intimität der Familie beginnt ein kleiner Franzose zu verstehen, warum er von seinen Schulkameraden verschieden ist, warum die kleine Christin ihn nicht wird heiraten können und welche Mission er auf Erdeu zu erfüllen hat. Aus allen diesen Werken, ob es sich nun um den Roman eines Franzosen oder um ein biblisches Gedicht handelt, läßt sich eine Schlußfolgerung ziehen. Tas jüdische Problem in Frankreich ist, in der heutigen Welt gesehen, kein quälendes Problem mehr. Vom religiösen Standpunkt aus stellt sich das Problem nicht mehr, da das offizielle Judentum eine Konfession wie jede andere ist. In intellektueller Beziehung hindert das Judentum niemanden, sich auf das Niveau der Menschheit zu erheben, und aus dieser Ebene versteht man sich stets. Raymond-Raoul Lambert (Paris). * Tas Buch des jungen Schriftstellers Armand L u n e l „Nicolo Peccavc" konnte sich einen der b e m e r k e n s w e r t e st e n R o m a n p r e i s e holen. Es handelt sich dabei nicht etwa um die üblichen Preisverteilungen üb-erholter Institutionen, die keinen Maßstab für die wirklichen Auffassungen abgeben können, sondern dem jungen Lunel ist als erstem cm Preis zugefallen, den die Pariser Journalisten- und Schriftstellerverbünde gewissermaßen als Protestaktion geschaffen haben: der Preis T h e o p h r a it e Reil and ot, der nach dem ersten französischen Journalisten und Schutzpatron der Presse benannt worden ist. L u n c l gibt in seinem neuen Buch zum ersten Male eine in sich geschtosiene Tarstellung des jüdischen Lebens in der Provence, das'in vieler Hinsicht Aehnlichkeit mit dem Leben der deutschen Juden am Rhein aufweist. Mau könnte nur wünschen, daß auch in deutscher Sprache Gegenstücke vorhanden wären, daß man sich weit mehr,'als dies bisher geschehen ist, mit dem jüdischen Volksleben in den Zentren, in denen es seit eineinhalb Jahrtausenden wurzelt, befaßte. Tas Buch ist eine Reminiszenz an die Rückwirkungen der Treyfus-Assäre in dem kleinen Prvvencestädtchcn Carpentras, reicht also bis in die unmittelbar durchlebte französische Geschichte hinein. Aber im Mittelpunkte steht doch ein ganz anderes, ein seelisches Problem: das des Renegaten, oder vielmehr der Erinnerung des jüdischen Blutes an seinen Ursprung. Es handelt sich also um eilt Problem, das das gesamte Judentum im weitesten Maße interessiert, und deshalb verdient Lunels Roman auch über Frankreich hinaus Beachtung. i tragen Sie m j srfchespfaen&v \(> nur Chxisdtfii-Sch u h eV ■ Schuhe 'vjfsjh(n J?' c! - f o? -* - r* i1? - VW! •>, s 1»*;.% -jwtw-if -- .-ns wS*«.; v und Ihre Füfee bleiben gesund. O.Engelhardt &Co. ,ehaoa£a-Schuhfabrik A.-G.Kassel. OPfa 11711101 Einem Teil der Auflage dieser Nummer liegt ein Prospekt „Herbst-Preisliste 1927 von Walther illWoeifert in Erfurt, Sdilachthofstrasse 81“, bei, auf den hierdurch noch besonders aufmerksam gemacht sei•