Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 6 (1927)
- Issue
- 40 (7.10.1927)
- Date
- 1927-10-07
- Page
- Seite 566 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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j * GOKrßkvSVis vsrr und Kss^srmsAVcrs Vkum E^ÄdsWsssX Beim Abschluss unserer Veröffentlichungen der Diskussion zum Thema „G r o s s st a dt oder Kleinstadt?ft (Nr. 29 der „C. V.-Zeitung“) hatten wir angekündigt, dass Georg Hermann, und Regierungsrat Blum, deren Aufsätze ein über jedes Erwarten hinaus starkes und mannigfaches Echo in unserem Leserkreise hervorgerufen hatten, selbst noch einmal Ausgangspunkt und Verlauf der Diskussion in Schlussworten zusammenfassend dar stellen würden, um zugleich den Versuch zu machen, aas der Vielheit der vertretenen Anschauungen eine einheitliche Formel herauszubilden. Mancher der Diskussions „schreibe r<c wird vielleicht meinen, dass er auck zu diesen Schlussworten von Hermann und Blum noch einiges sagen müsste. Man kann selbstverständlich dieses Problem noch von vielen Seiten beleuchten; aber einmal muss ein Ende sein. Die ScJuiftleitung. Georg Hermann schreibt: 3&cnn meine Ausführungen hier: „Großstadt oder Kleinstadt?" so Viole Entgegnungen und Zustimmungen herauslockten, so 'liegt das nicht an ihnen, sondern am Thema, das jeden wohl schon bewußt oder Unbewußt beschäftigt hat und das eine Lebensfrage des dcutschen Judentums berührt. Aber selbst wenn wir, was sch vermied, hier eine Entscheidung getroffen hätten, so würde das vor den Tatsachen uns wenig nützen. Sie vollziehen sich so oder so mit einer Naturnotwendigkeit, und in ihnen wirken sich Machstaktoren aus, die mit unserer Logik, unserem Lenken, inneren Nebcrlegungen, imseren Besürchtnngen, unserem besseren Wiuen nichts gemeinsam haben und ihren eigenen Weg gehen, mag er uns richtig oder falsch erscheinen. Un£> selbst wenn wir erkannt haben, daß er fatsch und gefährlich ist, so fehlt uns doch jede Kraft, ihn abzulenken. Das einzige, was wir hoffen können, ist. daß er von selbst abbricht und einem anderen Ziel zustrebt, wenn sich ihm allzu starke Hindernisse entgegen türmen. Sehen wir doch einmal das Problem mit ganz nüchternen Augen an. Ungefähr 190 000, also fast der dritte Teil der deutschen Juden, ist heute in Berlin konzentriert. Nehmen wir noch Breslau, Frankfurt, Hamburg hinzu, so sind es schon sicher weit über die Hälfte, wenn nicht gar zwei Drittel. Man kann also die Zeit, ohne ins Phantasieren"zu kommen, Voraussagen, da bis aus wenige Neste die gesamte deutsche Judenschast in den Großstädten sich zusammengezogen hat. Was wird die materielle Folge sein? Ein Teil von ihr wird — wie das schon in London. Amsterdam. New Jork ist (vom Osten ganz zu schweigen) — verproletarisieren. Wenn nicht in der ersten Generation, so in der zweiten. Wenn nicht in der zweiten, so in der dritten. Aber eintreten wird es. vor allem, da ja ihre Kopfzahl weiter steigen wird. Bisher ist der deutsche Jude eher bürgerlich oder kleinbürgerlich; jedoch seiner Lebenshaltung und feiner seelischen Konstitution nach n i e proletarisch. In diesem Bürgerlichen oder Kleinbürgerlichen sehe ich eine Quelle seiner Kraft und einen Hauptgrund seiner kulturellen Bedeutung für Deutschland und roeiter für die westliche Zivilisation. Proletarische Lebensführung aber ist nicht nur eine ^ache der Ernährung, des Wohnens, der mangelnden Reinlichkeit an Körper und Kleidung, sondern ihre Gefahren für das Individuum liegen in der veränderten Mentalität, in der Verrohung der Sitten, in der Lockerung der Moralbegrifse im weitesten Sinne und in jenen tausend Veränderungen der Seele, die Armut — und hoffnungslose Armut vor allem — notgedrungen im einzelnen erzeugen muß. Diele andere Gefahren liegen auf geistigem Gebiet. Diese Ansammlungen führen zu einer Gruppcnbildung, die unr so geschlossener wird, je größer die Zahl der vorhandenen Individuen ist. Das macht sich schon meines Erachtens heute geltend: Tie Großstadtjuden — das ist keine Beleidigung, dieses Wort, wie einer der Herren Zuschriftler glaubte, sondern eine Bezeichnung, wie sie hier zur Klärung der Begriffe nötig war — leben für sich; die Kleinstadtjudcn sind in ihrenr Leben (wenn auch nicht immer in ihrenr rein gesellschaftlichen Verkehr, der ja nur Konvention ist und einen geringen Bruchteil ihres Daseins ausmacht) stets völlig eiugegliedert in die sie umgebende christliche, arische oder deutsche Bevölkerung und sind deshalb mit dem Volkstum viel enger verschmolzen als die Großstadtjuden. Ich habe beides kemrengelernt, denn ich habe einige vierzig Jahre in der Großstadt und ein Dutzend Jahre in der Mittelstadt und Kleinstadt verbracht, in der zeitweise nur eine jüdische Familie war, uämlich die meine. Ich habe an meinen Kindern beobachten können, unc sie doch eine ganz andere Bodenständigkeit bekamen, wie ihnen die Großstadt hätte geben können. Auch dm durch Antisemitismus vergiftete Jugend ist ihnen so erspart geblieben. Ja, sie haben den Begriff Antisemitismus kaum je kennengelernt. Trotzdem. hat es mir völlig ferngelegen. den Inden der kleinen Stadt oder des flachen Landes gegen den der Großstadt ansznspielcn. Als ein Großstädter, der. wenigstens von mütterlicher Seite. — und sie sott ja 'gerade die geistigen Eigen festen uns vererben (wie schon Goethe vershast und viel zitiert fcftftellt) — fünf bis sechs Generationen Berlin schon in sich hat, weiß ich zn genau, was unser geistiges und Seelenleben der großstädtischen Umgebung zu danken hat, die uns Rhythmus, Bewegung, Motor, Weite der Horizonte, seelische Einftcllnng gibt. Ich weiß auch, wie sie ' in zwei, drei Generationen völlig umzuformcn vermag. Und nur nur sie eigentlich den Boden hergibt, aus dem die höchstgezüchictcn Blüten kommen.^ Plato .nmr kein Böotier, sondern, ein Athener: Shakespeare wäre in Stratsord nie er selbst geworden; Blichelangclo ist in Chioggia unmöglich, er braucht Rom und Florenz. Also bin ich weder dumm noch reaktionär genug, um zugunsten des Inden der Klenistadt eine Attacke gegen den Juden unserer Großstädte zn reiten. Ich spreä>e hier ja nicht vom Eiuze!- individunm. sondern von einer in absehbarer Zeit mitlionenstarlcn Gesamtheit der deutschen Juden. Solche Gesamtheit aber hat eine Summe von Schichtungen. Und so frage ich: Ist cs für dicst Gesamtheit von Vorteil, wenn sie, wie cs nun den Anschein hat, danach tendiert, sich absolut in den wenigen Großstädten Deutschlands zusammenzuballen.' Das aber will mir bod) h ö ch ft dubios erscheinen. Nicht wahr: über diesen Prozeß also sollten wir zum mindesten einmal Nachdenken . 1 selbst wenn wir ihn auch vielleicht nicht aushalten können. Gewiß: Ich möchte jedenfalls das Bild des durchkultivierten deutschen Großstadtjuden (des Rachcnau-Typ^zum Verspiel) nicht missen unter meinen deutschen Elaubcnsgeaollcu: fettst den Däracinö nicht .. diesen modernen jüdischen Japaner, glaubenslos, wurzellos und doch weltbekennend und zukunststrächtrg, wie er in manchen jüdischen Forschern und Akademikern lebt! Aber -- ich weiß ebenso genau, daß die ganze Welt mit ihren bald 2000 Millionen Menschen nicht Raum genug hätte für eine einzige Million von ihnen. Ich schätze auch den ideenreichen Wagemut des jüdischen Großkaufmanns großstädtischer Physiognomie; aber auch für eine Million von ihnen würden nicht einmal die Bereinigten Staaten von Amerika oder die zukünftigen von Europa Platz haben, geschweige denn das kleine Deutschland, das nicht größer und reicher als Texas ist, aber dreißigmal so bevölkert. Also: trotzdem die Großstadt auch in Deutschland die menschlich - höchstgezüchtcien Exemplare jüdischer Art geschaffen hat, so kann doch die Großstadt — und das wollte ich sagen! — sür die Gesamtheit der deutschen Juden, wenn sie sich dort konzentrieren sviltc, aus vielen Gründen eine Gefahr bilden. Sie kann: P r o l e t a r i s i c r rr n g eines Teiles von ihr bedeuten. Sie kann: Isolierung und eine Entfremdung v 0 m B 0 lksganzen und v 0 m M n t t e r b 0 d e n bedeuten. Eine tatsächliche oder zum mindesten eine von den Judengegnern konstruierte. Sie kann: eine Ausgleichung vorhandener oder eingebildeter Gegensätze z w i - scheu den Deutschen und den deutschen Juden hindern und dadurch einem nicht gerechtfertigten Antise m i t i s m u s stets neue Nahrung geben. Denn eine in sich geschlossene Gruppe wird dem Instinkt der Mafien immer fremdartiger und geistig und seelisch undurchdringlicher erscheinen als zwar etwas abweichende, einzelne I n d i v i d u e n, die doch innerhalb der Mape und m i t der Mayc leben. Das letzte aber trifft auf den Juden der Kleinstadt zu. Deshalb also halte ich es für die deutschen Juden sür nicht glücklich, ninm das numerische Verhältnis des jüdischen Bewohners der Großstädte zu dem des jüdischen Bewohners der kleinen Städte und des flachen Landes weiter noch zuungunsten des letzten sich verschieben sollte. Sie gegeneinander auszuspielcn, hat mir ferngelegen: aber ich meine. sie benötigen einander in ihren Wechsclbcziehüngen. Regierungsrat Alfons Blum (Heidelberg) schreibt: Wenn zugegeben werden müßte, daß die vermehrte Ucbersiedlung von Juden ans den kleinen Gemeinden nach den größeren und größten Städten an den Lebensnerv dessen geht, was wir unter dem Aegriffe Judentum zu sauuucnzn fasst!! pflegen, so wäre damit ans' gesprochen, daß die nach langen Kämpfen vor etwa 60 Jahren auch der deutschen Judcnheit endlich gewährte Frei.; ü g i g k e i t cigcnb lich bester nicht gekommen wäre. Denn die Erscheinung des „Zng^ vom Lande nach der Stadt" auch bei den Juden Deutschlands ist nichts anderes als die ganz natürlich Folge des Rechtes aus freie Wohusitzwah! zusammen mit dem Bcrmmftansprnch, sich für seine Errstcnzgestaltnng die besten Voraussetzungen sichern zu dürfen. Es