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Central-Verein-Zeitung · 1927-10-07 · 40 (7.10.1927) · p. Seite 565

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
6 (1927)
Issue
40 (7.10.1927)
Date
1927-10-07
Page
Seite 565 (sequence 5)
Language
German
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565 Rothenburg ob ösr Caubsr. 2lus (Segenwart rrnv Bergangenheit. Lchon längst hatte ich den lebhaften Wunsch, daalte Nothouburg, b\: Z tadt des lOtcrnni Not Heuburg unb der blutgetränkten jüdischen Gescbichte, einmal kennengnlernen. An einem schonen Scptembersennmge sah ich nee inen WunTH erfüllt. Ter schmucke Bahnhof, gradlinige, alleeartige Bahnhosstre.ße mit ihren Billen hatte noch erraT Modernes. Aber gleich beim ersten Toreingang grüßte das Aiiuetalter, das volle, rein erhaltene Mittelalter, Tvrhaus, Graben, Lradtmauer, dann im Inneren Achnaale T fraßen mit niedlichen Handwerkerhäuschen, bunten Zun stab reichen, Fenstergiebeln, Feustergiitern, Fensternischen, dann in der Blüte der 3tnbt hohe und vornehnne P.ttrizierhäuser, im Ttile bald der Gotik, bald der Renaissance, bald bes Barocks. Imponierend der Blarktplatz mit dem wunderbaren, im betten Renaissancestil aufgeführten Nathause. scheinbar denn Brennpunkte des Stadtbildes, der Ttadtgeschichte nnb des hente geivaltig flutenden Fremdenverkehrs. - Acich dürstete cs gewaltig, die O n e l l e n d e r j ü d i s eh e n G eschichte aufrusuchcn. Tie sollen, so sagte mir der frcunölidjc israelitische Lehrer Lifsgens, in der Hauptsache noch in den Archiven zu 'Rothenburg und Nürnberg ruhen, wo sie einer kundigen Land und einer geübten Feder warten! Doch einige Duellen sind zu sehen, sie führen eine lebendige Sprache. Tie Tteine der Toten reden zn uns, am Burgwalle draußen vor der Ttadt gegenüber dem Lapidarium sind sie zur Beschau ausgestellt wie eine steinerne Phalanx, wohl 10 an der Zahl, onus dem 13. Jahrhundert stammend, in der Tchrift roch ausgezeichnet erhalten, charakteristisch mit der stereotypen Wendung: ionuach nafscho be^an eden, alef, alef. selah. Tie sind dorthin gewandert, weil der alte Judenfriedhof als Baugelände benutzt worden ist. Im Lapidarium selbst befinden sich auch zwei Grabsteine, der eine mit inhaltsreichen, klage getränktem Epitaph, der andere in Bruchstücken, scheinbar von einem früheren Aaw kündend. Wie ich höre, will sie alle einmal Tr. Erunwald (Wien) näher beschreiben. Das ist das h i st o r i s ch e Judentum Rothenburgs, das moderne zeigt sich in der Form eines schonen Tchn(Hauses, in dem Kaiser Mwimilicm einmal eine Nacht gewohnt, eines darin gelegenen würdigen Betsales unb eines noch gut erhaltenen Franenbades. Die alten Bäder sollen sich im früheren Jndentanzhaus am weißen Turm befinden, das aber leider nicht zugänglich ist. — Bon 3b Meir Rothenburg, der großen Leuchte, zeugt kein Denkmal, von seinem ergreifenden Klagelied: „Scliaali serufo" kündet nur die Geschichte und der TL?che-beab! Wehmutsvoll gedenken wir im Geiste der vielen grausamen Derfolgnngcn und Folterqualen, welche die Juden im 13. und 14. Jahrhundert dort zu erleiden hatten! — Aber auch heute ist dieser Geist der Verfolgung noch nicht ausgestorben! 6s gibt neuzeitliche Brunnen- Vergiftung! co wenn in dem „Führer durch 'Rothenburg" (M. Weigel, Verlag von Mar Kloppenburo) zur Erklärung des historischen „Tchasertanzes" eine Predigt dos Herrn Archidiakonns Tepboth vom Jahre 1776 cnn Tchäsertage angeführt wird, die damals geradezu vergiftend wirken rnnßte und ans die heutigen Leser die gleiche Wirkung ausüben muß. Hier wird in breiter Ausführlichkeit erzählt, daß zwei Juden den „Bronnen Herterich" vergiftet haben, ihr Gespräch über diesen Anschlag zufällig aber von einem vorübergehenden cchäfer belauscht und cm schwerer _ Prozeß mit kaiserlichen Hose gegen sie angestrengt wurde, deinen unlder Ausgang sie noch zu einer größeren Schnrkcntest ermutigt hatte. Tie wollten an einem Gharfreitag, an dem die ganze Bürgerschast^ nach Tetivang wegen Umbau der eigenen Kirche gehen mußte, dst Ttadt überrumpeln, die Ttadttore besetzen, alle Znrückbteibenden mrdermachen, die Heimkehrenden überfallen und die Ttadt in ihren Besitz bringen. Derselbe Tchäser hätte den Plan entdeckt, der in einer geheimen großen Versammlung der vornehmeren Inden und Rabbiner (!) der Ttadt ausgesonnen worden sei. To sei die Ttadt gerettet worden und als Ttrase waren die Juden massakriert, verjagt und ins Gefängnis geworfen worden. Wozu die breite Ansmhrlichkeit von IT Testen? Wohl, um den Eindruck gründlicher Geschichtsforschung zn machen? och fürchte, daß das leitende Motiv moderne antisemitische B r u n n e n v e r g i s t u n g ist, ivclche die wunderbare Errettung der chT.dt als göttliche Tühne für jüdische Verbrecher feiert. Tie sollte in einer Neuauflage unbedingt ausgemerzt werden, denn aus dem „Führer" wird sonst ein „Verführer", das Wasser des „Herterichbronnens" wird e:n ..Wasser der Versuchung"! Hier zeigt sich.die gebieterische Notwendigkeit einer gründlichen quellenmäßigen Geschictstsforschung! Rabbiner Dr. Krorrcr (Obcrdorf-Bopsirlgcrr). . „Juden und Ziqcirncr." Verschiedene Tageszeitungen melden, daß stl dein 7. Heft der E. v. T c p d! i \] scheu G c o g t a v h i c f n r () i> b e r c g o h r a n st alte n („Erde und Btcnsch", Ansgaöe -10-7) in dem Abschnitt-. -Ugeuieiue Ttaatenkllnde ans ^eite ttl, folgende Tape enthalten sind: 'TI iß die Vereinigung von Menschen einer polieren Knltnrstnfe wiier einheitlicher Leitung in einem bestimmten, fest abgegreuchen Gebiet, ^um Ttaat gehören daher riotwendiacNveist ein Erdraum und fein Volk: menschenleere 3!ämne sind böchsiens Teilgebiele eines ctaates, und olmc Land sind st a a t e n! v » lv i e die Z i g e u uc t un b d i e Juden." Diese durch keinerlei wissensclwstuime Lehre zn ^rtiaenben beleidigenden Anssührnngcn sind von uns bereits vor Ts Meldung durch die große Presse zum Gegenstand der Bearbeitung 'sL,-r worden. Wir werden nufere Leser über den Ausgang unserer ^^unhnngen in kurzem unterrichten. MWLrsak'sNLS. Betrachtung zum LauShüttenfest. Wenn wir immer von neuem den Vorwurf hören, daß unser Judentum nur die Religion eines Stammes, unser Gott nur der Gott eines eng begrenzten -Kreises sei, der nur für diesen eine Sittlichkeit iestsetzte, und unser Herz nur für die Unseren -in Erbarmen öffnete, so können wir iünner wieder ans die Liturgie dieses Monats gewaltiger Feste Hinweisen mit ihren weltumfassenden, die ganze Menschheit einschließenden Hochgedanken. To sprachen wir am Neujahrs- und Versöhuungssest aus tiefster Seele das Gebet: „M ö g e n sie alle zu einem Bunde werden alle deine Werke, alle deine Geschöpfe, um mit ganzem Herzen deinen Willen zu erfülle n." Aber auch das Letzte der Feste dieses Monats, dessen Bedeutung scheinbar mehr aus die engere Gemeinde Israels hinweist, indem es sie ihrem Gotte innigen Tank für ihre Erhaltung im Wüstengraus des Völkerwirbels der Weltgeschichte ausiprechen läßt, ist in seinen universalen Ausblicken ein würdiger Abschluß der großen Tage des Beginns. Wenn wir an jedem Morgen in banger Erwartung und gläubigem Vertrauen flehend rufen: „Hilf doch, o H e r r, laß d o ch gelingen unser W e r k", so denken ivir dabei nicht engherzig nur an das Wolst und Wehe der eigenen Glaubensgemeinde. Wir fühlen uns verbunden mit dem Leide und der Hoffnung der ganzen 'Menschheit. Wielen doch schon die als engstirnig verschrienen Talmndisten .darauf hin, wie an diesem Feste siebzig Opfer dargebracht wurden für die siebzig Völker, in welche sich nach ihrer Vorstellung das einst einheitliche Geschlecht der Menschen gespalten hatte. Aber auch sie spönnen damit keinen neuen Gedanken aus. Sie kamen nur zurück auf die erhabene Vision vom Ende der Zeiten, die einst der Prophet Tacharja geschaut, als er nach schwerem Ringen die Völker der Welt in der gemeinsamen Feier dieses idyllischen Festes vereint sieht. Nach Urväterwene hört man in diesen Tagen Israels Söhne mit den köstlichen Pflanzen des Heiligen Landes in der-Hand dem Herrn Hosianna singen.' Aber wieder läßt jüdischer Glaube nicht selbstgenügsame Freude in den Herzen seiner Bekenner auskommen. So klingt das Lied aus: „Auf daß alle Völker der Welt erkennen, daß der ewige Gott ist im Himmel oben und ans Erden unten." So lehrt der Beginn seines neuen Jahres Israel die ganze Menschheit in sein Herz e i n s ch l i e ß e n. Sehet es euch an, wie es in seinen Gotteshäusern leer und dem Gott . seiner Väter dient. T-as ist das wahre und echte Israel. Lernet es kennen- und ihr werdet es achten und lieben. * Hoffmanrr. „Ein vollbürtiger, wahrer unö tiefer öeutscher Patriot." Gerhart Harrptmann iiber Walther Rathenau. Ter 60. Geburtstag Walther R a t h e n a u § vereinte seine Freunde und Verehrer zu Gedenkfeiern in Freiemvalde und Berlin. Im Plenarsaale des 3teichZwirL''chaftsrates, in den die Walther-3iathenau-Stistnng geladen hatte, hielt G e r h a r t H a u p tntann eine Gedenkrede auf seinen toten Freund, ans der wir folgende Sätze wiedergeben: „Ich habe gebeten, die voenigen Worte meines Nachrufes am Schluß dieser Feier sagen zu dürfen. Tie sollen, so habe ich mir vorgesetzt, nur in ein schlichtes Bekenntnis ausklingen. Ta ich Gott sei Tank außerhalb der Bereiche der großen Verbissenheiten unseres össentlichen Lebens stehe, bin ich zwar durch das Wissen davon schmerzlich berührt, aber unbeirrbar durch sie in meinem Urteil. WKilther 'Rathenau war ein vollbürtiger, wahrer und tiefer deutscher Patriot, wenn es je einen gegeben hat. Tie Tatsache seines lebenAvichtigen Wirkens im Kriege ist bekannt. Sein verzioeiselter, wenn auch nutzloser -Knf nach dem letzten Aufgebot bleibt rührend und unvergeßlich. Ein an sich unkriegerischer Mann ivird im Augenblick naher Verz'.veislung kriegerisch. Es war 3rathenans unpopulärster Augenblick. Ich ivürde denken, das seien sprechende Tatsachen. Wer aber, wie ich. mit Walther 3lathenau 3st'ichte hindurch in Kummer und Torgen das deutsche Tchicksal erwogen hat, bedarf der Sprache dieser Tatsachen nickst, um zu erfahren, ndc dieser Mann mit jeder Faser seines Wesens, seines Herzens mit dem Wohl und Wehe unseres Vaterlandes verbunden gewesen ist. Ich habe ihn unter Teprcssiouen gesehen, die ihm sein eigenes Leben ivertlos machten, als sich der deutsche Horizont mehr und mehr verdüsterte. Wenn er mich dann verlassen hatte, nachdem ich, mit dem Aufgebot meines ganzen Optimisnuns ihn nicht hoffnungsvoller ZU stimmen vermochte, ist dieser mein Optimismus ' ZUiveilen für lange Zeit gleichsam gelähmt geivesen. Walther Rathenau, iviederhole ich, war ein vollbürtiger, wahrer und tiefer deutscher Patriot, wenn cs je einen gegeben hat. Tie meisten Menschen sind denkfaul und denken nicht, das ist eine trübe Tatsache. Andere sind mit einem peinlichen Tenksleiß behaftet und tun etwas mit großem Eifer, was sie für Teufen halten, was ein noch viel trüberer Umstand ist. Andere denken richtig und vergehen sich als Fälscher am eigenen Tenken, was das Allerbitterste, Allerschmerzlichste ist. Tiefe traurige Tatsache bringt es mit sieh. daß. ein solches Zeugnis für Walther Rathenau abzulegen, heute noch nicht gänzlich überflüssig geworden ist."

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