Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 6 (1927)
- Issue
- 40 (7.10.1927)
- Date
- 1927-10-07
- Page
- Seite 564 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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564 für ihn Freisprechung. Ter Anwalt der drei Beklagten beantragte die Vorladung des Neichstagsabgeordncten Dietrich als Zeugen. Der diesem Antrag stattgegeben wurde, mußte die Verhandlung ausgesetzt werden. Der bisherige Verlauf hat aber bereits mit aller Deutlichkeit ge.^igt, wie gewissen- und skru;>el(os die drei Angeklagten mit der Ehre ihrer Ncbenmenschen umgehen und wie sie anderseits feige znrückweicheu. wenn sie die gerechte Strafe ftzr ihre Bosheiten zu gewärtigen haben. # Zn Nr. 24 der „C. D.-Zeitimg" konnten wir berichten, daß der Herausgeber des „Echo Germania" in Erfurt, Adolf schmalix, wegen Beleidigung des Rechtsanwalts Wind es he im zu einem Monat Gefängnis verurteilt worden ist. Bor wenigen Tagen fand sich dieser Held erneut vor Gericht ein. Wegen Beleidigung der Ncastsanwälte Harry Stern und Heilbrunn I in Erfurt war Schmalix in erster Instanz in einem Verfahren, das die Staatsanwaltschaft von Amts wegen durchsührte und in dem die beiden Anwälte als Nebenkläger zugelasfen wurden, zu 4 0 0 Mark Geldstrafe verurteilt worden. Zn, der Berufcmgsverhandlung machte der Vorsitzende Schmalix darauf aufmerksam, daß er, da auch der Staatsanwalt Berufung eingelegt habe, zu einer noch höheren Strafe verurteilt werden könne, und daß ihm die Abgabe einer rückhaltlosen Ehrenerklärung anzuraten sei. Herr Schmalix krümmt sich, muß sich aber schließlich zu der Verpflichtung bequemen, ohne jeden Zusatz in seiner Zeitung eine Erklärung zu veröffentlichen, wonach er sich überzeugt habe, daß die kränkenden Anschuldigungen gegen die beiden Anwälte „unwahr" seien, und er die Herren bäte, ihm die „Kränkungen zu vergeben". Aus prozeffuellen Gründen erfolgte trotz dieser Erklärung noch eine Verurteilung Schmalix' zu der geringsten zulässigen Strafe von 5 Mark. MgS MÄtzM. Ein notwendiger Nachruf. Wie viele von seinen zahlreichen Bekannten und von den Tausenden, die ihn nur „ans der Zeitung" kannten, mögen wohl gewußt haben, daß Ago Maltzan mit seinem vollen Namen Adolf Georg Otto v. Maltzan', Freiherr zu Warten borg und Penzlin hieß? Und wie gleichgültig wäre es denen, die es nicht wußten, gewesen, hätte man es ihnen gesagt. Ago Maltzan oder Maltzan schlechthin genügte ihnen. Denn diesem Namen hat er durch seine Persönlichkeit und durch seine Leistung Bedeutung und Prägung gegeben. Noch etwas anderes werden die meisten nicht gewußt haben. Ter „Völkische Beobachter" fügt zur Meldung über das Flugzeugunglück bei Schleiz den Saß hinzu: „Wir trauern nicht um den Halbjuden Maltzan." Also dieser gescheite und tüchtige Deutsche, dessen plötzlicher Tod eine fast nicht auszufüllende Lücke hinterläßt, war „ H a l b j u d e Seine Mutter nämlich, die im Frühjahr 1924 verstorbene Baronin Adelheid v. Maltzan, war ein Fräulein B i e r b a u m aus Berlin. Wie gleichgültig! werden die sagen, die nur auf den Mann, sein Können und seine Leistung sehen. Wie interessant! andere, die sich vielleicht bisher wunderten, woher dieser mecklenburgische Junker die geistige Lebendigkeit her hatte. Ob gleichgültig, ob interestant, es ist nicht gleichgültig und nicht einmal-interessant, daß Deutschland das einzige Kulturland ist, wo es diese Art blöden und schädlichen AntiscnritiZmus gibt. * Es stirbt ein Deutscher. Stirbt durch ein sinnloses Geschick, das das Vaterland eines Mannes beraubt, der aus wichtigstem diplomatischen Posten B e st e 8, ja Unschätzbares geleistet. Tie spontanen Nachrufe, die aus allen Teilen der Vereinigten Staaten und von allen Kreisen ihrer Bevölkerung dem toten deutschen Botschafter gewidmet wurden, sind dafür Zeugen. In Berlin zerbricht man sich den Kopf, wen man nach Washington schicken könnte. Zur rein menschlichen Trauer gesellt sich also neue staatliche Sorge. Der völkische Tölpel aber muß seinen geifernden Spruch sagen. Und hätte man nicht tausend Beispiele, dieses eine, letzte, würde schon genügen, die Dummheit nicht nur, nein, den Schaden aufzuzeigen, den blödes oder verbissenes Rassenvorurteil dem eigenen Vaterlande zusügt! & Neulich besprach ich mit einem bekannten englischen Schriftsteller des Franzosen Andrö Maurois neue D i s r a e l i - Biographie, die man ins Deutsche überseht und die, französisch geistreich, ohne Emil Ludwigs größere Tiese. den Mann und Staatsmann und sein Werk aus dem „Ghettokomplex" zu erklären sucht. Ich äußerte Bedeuten über die Nützlichkeit einer solchen Übersetzung, weil bei der törichten Einstellung eines Teiles unseres Volkes eine objektive Würdigung des Mannes aus diesem Buch nicht zu erwarten sei, der Antisemitisnurs im Gegenteil sogar vermeinen wird, neue Argumente gesunden zu haben. „How stupid“, sagte Arnold Beunett. Ter Engländer versteht uns darin nicht. Die Leistung, die seinem Lande nützt — und auf Disraelis geistig-politischer Leistung ruhte bis zur ersten „Imperial- Conference" nach dem Weltkrieg der Bau des britischen Imperiums — die Leistung dankt er dem englischen Mann, gleich welcher Abstanunung. Und nur die Leistung imponiert dem Angelsachsen. Nicht, wie dem Kontinentalen, dem Deutschen und Franzosen vorab, Geist und .Geistreichigkeit schlechthin. In Paris und Berlin wäre der Romanfchriftsteller Tisraeli wahrscheinlich in der Literatur stecken geblieben. Doch das gehört nicht eigentlich hierher. Lder doch? Albrecht Montgelas. sksHafiMchlen in Völkische Kandivaterr auf der VeutschnaLionalsn Liste. Am 9. Oktober wird das hamburgische Stadtparlament neu gewählt werden. Tie verschiedenen Parteien strengen sich außerordentlich an, um die große Zahl der Wähler für sich zu beeinflussen. Es sind im ganzen nenn Wahlvorschläae eingereicht worden, außer ben politischen Parteien haben auch eilte Deutsche Mickelstandspartei und eine Volksrechtpartei Listen zcir Wahl gestellt. Was uns besonders bei dieser Wahl irtteressiert, ist der Umstand, daß die D e u t s ch v ö I k i s ch e n keine eigene L i st e a u f g e - stellt haben. Bestimmungsgemäß dürfen nämlich nur solche Parteien eine Liste aufjMIen, deren Wahtvorschlag von 3000 Wählern unterschrieben ist und die gleichzeitig 3000 Mark bei der Zentralwahlkommission hinterlegen. Beides scheint den Deutschvölkischen nicht möglich gewesen zu sein. Sie haben sich daher der Deut s ch - nationalen Volks Partei angeschlossen und in deren Listen sieben Kandidaten ihrer Richtung ausgestellt. Aus der deutschnationalen Liste steht auch an wenig aussichtsreicher Stelle der Universitäts- Professor Dr. Pass arge, der Verfasser des kürzlich hier angekündigten und besprochenen „Buches vom Kahal" und anderer antisemitischer Schriften. Tie Nationalsozialisten entfalten eine besonders scharfe Agitation, so hatten sie bereits am 11. September eine große öffentliche Versammlung einberufen (Eintritt 60 Pfennig), bei der natürlich den Juden der Zutritt verboten war. Als ein fozialdeinokratischer Redner den Versammelten (nalnentlich Jugendliche) vorhielt, daß es doch nicht denkbar sei, daß die geringe Zahl der deutschen Juden 60 Millionen christlicher Deutscher angeblich um Gängelband führten, wurde er einfach nicdergeschrien und konnte nicht zu Ende sprechen. Don sonderlichem Einfluß auf das Hamburger Parlament werden weder die gewählten Nationalsozialisten noch die Deutschnationalen sein, da in Hamburg die Demokratie auch in Zukunst die Majorität haben dürste. Ll. B. „Menschenfreunöe" von Heruf. Waldenburger Aerzte erhalten ihre Entlassung. Das kleine schlesische Jndustriestädtchen Waldenburg erregte jüngst unliebsames Aufsehen durch eine Skandalasfäre, in deren Mittelpunkt zwei Aerzte des dortigen Kreiskrankenha uses, Dr. Föhr st und Dr. Schneider, standen. Diese trafen in einem Cafö mit einem angesehenen jüdischen Bürger der Stadt zusammen und begrüßten ihn mit unflätigen Beschimpfungen. In der darauf folgenden Auseinandersetzung, die bald in Tätlichkeiten ausartete, äußerte Tr. Fährst u. a.: „Wenn solch ein Judenaas ins Krankenhaus kommt, lasse ich den Kerl verrecken." Der unerhörte Vorfall wurde von dem Vorsitzenden unserer Waldenburger Ortsgruppe sofort 3 um Ausgangspunkt geeigneter Maßnahmen bei den zuständigen Stellen gemacht, meiner Forderung, die sofortige Entlassung der Aerzte zu bewirken, ist zwar nicht in vollem Umfange entsprochen worden, der Landrat hat ihnen aber zum 15. Oktober ihre Stellung gekündigt. Kurz nachdem dieser Ausgang des Zwischenfalles bekannt geworden war, erschien in den „A e r z t l i ch e n Nt i t t e i l u n g e nh dem offiziellen Organ des Verbandes der Aerzte Deutschlands (H a r t m a n n * B lt n b) Nr. 38 eine Warnung, „bis zur Klarstellung des Sachverhaltes" Bewerbungen imi die sreiwerdcnden Stellungen beim Kreiskrankenhaus Waldenburg einzureichen. Als Grund 'wurde die Mitteilung der Herren Fährst und Schneider angegeben, das; ihre Kündigung „zu Unrecht, mindestens aber zu einem vertragswidrigen Zeitpunkt erfolgt sei". Dieses rückhaltlose Eintreten der Leipziger Zentralorganisation der Aerzteschaft für die beiden Standesgenofsen, bereu rohe, ja unmenschliche Aenßerungeu jede Bindung der Kollegialität hätten lösen müssen, war geeignet, heftiges Befremden nicht nur in jüdischeu Aerztekreisen zu erregen. Wie wir jedoch erfahren, ist der Aerzteverband gegen seinen Willen das Opfer der einseitigen Berichterstattung der Waldenburger Aerzte geworden, der zunächst keine berichtigende Darstellung cntgegeustand. Nachdem der Tatbestand nun einwandfreie Klärung erfahren hat, wird in einer entsprechenden Notiz in Nr. 39 der „Aerztlichen Mitteilnngeu" die Warnung als erledigt erklärt, „nachd e m erwiesen i st, daß die Inanspruchnahme de s Schutzes der Organisation zu Unrecht erfolgt w a r". Ein tiefes Erschrecken mutz alle Menschen befallen, die von den; Waldenburger Vorfall hören. Wenn Vertreter des durch praktische Menschenliebe, durch Selbstlosigkeit und unbedingte Hilfsbereitschaft am meisten aus der Sphäre des Tageskampfes hinansgehobenen Standes, wenn Aerzte sich so schwer vergehen können, dann sieht selbst der gutgläubigste Optimist, wie tief'das Gift der Volksverhetzug in unser Volk gedrungen ist. Tie Arbeit des Eentralvereins, die Entgiftung vorzunehuicn, ist der Unterstützung aller Einsichtigen würdig und sicher.