Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 6 (1927)
- Issue
- 40 (7.10.1927)
- Date
- 1927-10-07
- Page
- Seite 562 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Sö2 Das Landvolk ist wieder in Bewegung gekommen, es rebelliert. Die Scheu vor dem „Herrn" ist gewichen. Die Söhne der Bauern, die keine volle Ackernahrung finden können, hungern nach Land. Sie murren gegen den Großgrundbesitz, der ihnen den Boden vorenthält. Man muß in ostelbischen Landversammlungen oft über den Radikalismus staunen, den die unzufriedenen Bauern zum Ausdruck bringen. Politisch noch unklar, meist rein gefühlsmäßig begründet. Darum hier und da noch der Pendelschlag, der unruhig politisch hin und her geht. Die Nationalsozialisten versuchen, durch radikale Siedlnngsforderungen wieder Anhänger zu gewinnen. Vereinzelt dürfte es ihnen gelingen, aber nicht, um die Bewegung im ganzen aufhalten zu können, die politisch und wirtschaftlich vom Landbund weit hinweg will. Dazu reicht die völkische Ideologie nicht aus, sie kann nur täuschen, nicht erwecken und erlösen. Doch es gilt, den sozialen Vorgängen auf dem flachen Lande erhöhte Aufmerksamkeit zu widmen. Die politischen Träger des neuen republikanischen Staates haben vielfach die ländlichen Bezirke weniger aufmerksam behandelt als die großen Städte. Das hat sich gerächt: denn zweifellos wäre die soziale Freiheitsbewegung oer ostelbischen Bauern und Landarbeiter politisch und ideell heute schon klarer entwickelt, wenn in den letzten Jahren eine besiere Verbindung bestanden hätte. Dann 'wäre es für die völkische Agitation unmöglich gewesen, den sozialen Lebenswillen des Kleinbauerntums politisch noch zu verunreinigen und dadurch seine Kraft praktisch zu schwächen. Ter deutsche Osten wird sozial und politisch nicht eher zur Ruhe kommen, bis in ihm die längst fällige Agrarreform durchgeführt ist. Sie würde nud) erst politisch den neuen ^taat im Herzen Ostelbiens tatsächlich befestigen. Wir stehen hier erst am Anfang einer neuen kulturgeschichtlichen Epoche für den Osten Deutschlands. Eine unterrichtende Darstellung von Dr. Alfred Wiener. Im Mandat für Palästina, vom Völkerbund unter dem 24. Juli 1922 genehmigt, lautet der Artikel 4 folgendermaßen: „Eine angemessene jüdische Vertretung (Jewish Agency) soll als eine öffentliche Körperschaft anerkannt werden zu dem Aveck, die Verwaltung Palästinas in solchen wirtschaftlichen, sozialen und anderen Angelegenheiten zu beraten und mit ihr zusammenzuwirken, die die Errichtung der jüdischen nationalen -Heimstätte (Jewish national home) und die Jntcrcpen der jüdischen Bevölkerung in Palästina betreffen und, immer vorbehaltlich der Kontrolle durch die Verwaltung des Landes, zu Helsen und teilnmehmeu. Tie Zionistische Organisation soll, solange ihre Orgmrisation und Verfassung nach der Meinung des Mandatars angemencn sind, als solche Vertretung anerkannt werden. Sie soll, im Einvernehmen mit Seiner Britischen Majestät Regierung, Schritte unternehmen, um die Mitarbeit aller Juden zu sichern, die gewillt sind, bei der Errichtung der jüdischen nationalen Heimstätte zu helfen." Aus diesem Artikel ergibt-sich deutlich zweierlei. Zuerst, daß die englische Regierung nur unter genügen Vorbehalten die Zionistische Organisation als vcrhandlnngsfähiges Instrument anerkennt: Vorbehalte, die derart gestaltet sind, daß die englische Negierung jederzeit in der Lage ist, der Zionistischen Organisation dieses Recht abzusprechen. Zweitens richtet die englische Regierung an die Zionistisch Organisation die nicht zu übersehende A u f f o r d e r u n g, die Bildung einer erweiterten „jüdischen Vertretung" (Jewish Agency) in die Hand zu nehmen. Seit mehr als vier Jahren mm verhandelt der Präsidender Zionistischen Organisation, Tr. Chaim Weizmann. mir den amerikanischen Juden und auch mit Juden anderer Länder, um eine Jewish Agency zu bilden. Tie Verhandlungen, über die noch zu sprechen sein wird, haben bereits ihre Geschichte. Trr XlV. Zionistcnkongreß in Wien, 1925. der XV. in Basel, 1927. haben sich eingehend, im freundlichen und im scharf gegnerischen Sinn, mit der Bildung der erweiterten Jewish Agency befaßt/ Sie ist bis henke noch nicht vorhanden, wenn auch ihre Gründung in den letzten Monaten in den Bereich der Möglichkeit gerückt worden ist. Warum hak die Leitung der Zionistischen Organisation den Wunsch, eine erweiterte Jewish. Agency herzustellen? Es dürfte nicht ungerecht sein, statt „Wunsch" Zwang .puschen. Ter entscheidende Grund ist die in allen verantwortlichen Kreisen des Zionismus unumstößliche Erkenntnis, daß mit eigenen Geldern das jüdische nationale Heim zu errichten, c i n a n s s i ch ts l o s e s U n t e r s a n g e n ist. Die Zahl der organisierten Zionisten aus der Welt betrügt rund 409000') — von den etwa 14 Millionen Juden der Welt ganze *) Dre „Kongrckzcrtung, Organ des XV. Zionistcnkongrcsscs in Safcl", vcr. rcichnct <Nr. 3, S. 7) eine „Schckcl.AnfstcUnng für die Jahre 3686 und 5687". Danach betrugen die Schrkrlzahlcn 5C>8G: 212 605, 5687: 400 706. Die B c. rechnung für A m c r i la, die einer unvermeidlichen Willkür r:r:!rr« liegen rriußre, gestartet aber, die für 5687 (1927.28) ohne weiteres hcrabzusetzcn. 2K Prozent —, und selbst wenn man die Schar der Nichtorganisierten Gefolgschaft als gewiß nicht gering ansieht, vermag aller geldlicher Opfermut nich:, ein P a l ä st i n a b u d g e k wie das für 1927/23 tut Betrage von 631832 Pfund Sterling und dazu noch die veranschlagten 300 000 Pfund Sterling für den Indischen Nationalfonds (Xeren Knjemeth) allein aufzubringen, geschweige denn, was alle Zionisten sehnlich wünschen, es ansehnlich zu erhöhen. Tie organisierten Zionisten haben auch, warnicht übersehen werden darf, das Budget der Zionistischen Weltorganisation in London, veranschlagt für "1927/28 auf .38 000 Pfund Sterling, zu decken. Also werden n i ch tz i o n i st i s ch c Gelder in erheblichstem U m f a n g e benötigt. Daß die Nichkzionisten, soweit ne überhaupt sich finanziell zu beteiligen bereit sind, nun auch an der Ausgabe der Gelder und an der Arbeit der Jewish Agency ernstlich teilzunebmen wünschen, erfüllt die Zionisten trotz aller entgegenkommender Beschlüsse in Wien und Basel mit Sorge und Unbehagen. Tiefer eine, finanzielle, Grund für die Erweiterung der Jewish Agency ist vollkommen klar. Der zweite beruht für den Außenstehenden nur auf Mutmaßungen. Es sieht so aus, als ob die Palästinaregierung selbst Wert darauf legt, die Jewish Agency entsprechend dem Artikel 4 des Mandats in absehbarer Zeit erweitert zu sehen. Wenigstens kann das sicher von der Mandatskommission des 'Völkerbundes behauptet werden, die in ihren fragen an die Mandatarmacht stets lvissen will, welche S ch r i t t e n n t e r n o m m c n w u r d e n, um die Mitarbeit aller Juden zu veranlassen. So liegt die Möglichkeit sehr nahe, daß die Zionistische Organisation unter diesem sausten, aber spürbaren Truck die Erweiterung der «Jewish Agency betreiben * muß. Schließlich ist die erweiterte «Jewish Agency für die Zionistische Organisation auch eine Art Sicherhei:-:- veutil. England kann nach dem Wortlaut des Artikels 4 die Zionistische Organisation der Bertreterschaft als Jewish Agency verlustig erklären. Solches Vorgehen würde beträchtlich schwieriger sein. wenn nichtzionistische Teile der Judenheit, insbesondere' auch einflußreiche britische selbst, an der Jewish Agency Mitwirken. Tie Zionisten sehen nun in der Erweiterung der Jewish Agency erhebliche Gefahren für die Zionistische Organisation und für den Zionisnn'.s. Sie halterr das Hineinreden von Nichlzrenisteri in rein zionistische Angelegenheiten für höchst bedenklich. Treten Nichtzionisten in die Jewish Agency zur tätigen. Wahrhaften Mitarbeit ein — und nur nebenberuflich kann das nicht geschehen —, so Wirken sie in dem entscheidenden Instrument der Aufbauarbeit überhaupt mit. Wer garantiert dann, daß die Jewish Agency und der dazugehörige Rat (council) unbedingt die Wege wandeln, die der Zionistischen Organisation genehm und, oder gar die der Z io niften kongreß, das höchste und letzte nationaljüdrsche Organ, beschlossen hat? Wird und kann sich überhaupt solche Jewish Agency den Beschlüßen des Kongreges unterwerfen? In dieser vielleicht zu verneinenden Möglichkeit sehen viele Zionisten den Keim der Zersetzung, wenn nicht gar Zerstörung der Zionistischen Organisation. Tr. Max Soloweitjchik. der den „radikalen Zionisten" angehört, hat^ diese Befürchtung auf dem Wiener Kongreß folgendermaßen zumAusdruck gebracht: „Wenn Ihr die Leitung der Geschäfte der Jewish Agency übergeben werdet, und das sieht der Plan vor, und das hat auch unser Präsident Weizmann feierlich zu Jerusalem erklärt, indem er sagte, daß von dem Tage an, an welchem die Jewish Agency ihre Tätigkeit beginnen wird, die zionistische Leitung in Palästina nichts mehr zu tun hat, dann wird unser Kongreß mit Palästina auch nichts mehr zu Um haben. Tie (zionistische) Organisation wird eine leerlaufende Maschine werden, die in ihre Teile zerfallen und keine allgemeine zionistische Organisation mehr sein wird, sondern eine Art technischer Zusammenschluß von fünf bis sechs Parteien, von denen jede separate Tagungen abhalten wird, weil das gemeinsame Band, das sie bis jetzt zusammenhielt, fehlen wird')/ Um einem entsck>eidenden und vermeintlich bedrohlichen Einstuß der Nichtzionisten in der Jewish Agency vorzubeugen, fordert Wladimir JabotinfkH, der populäre und gewitzte Führer der Revisiomsteu- Ziouisten, seit langem das Zweikammersystem für die Agency: eine Kammer, die zionistifcl)c, soll die politischen Geschäfte besorgen, der zweiten, mchtziouistischen, ökonomische genannt, soll es gnädig gestattet sein, die Mittel für den Ausbau zusammenzubringen und zu bewilligen. Von den politischen Geschäften hat sie aber die Hände zu lasten. Ein allzu durchsichtiger Vorschlag. Abgesehen davon, daß die Art der Geldbewilligung ja auch schon politischen Anstrich hak, ist zu erwarten, daß ein tjalbwegs tlarsehender und auf seine Würde bedachter nichtzionistischer Palästinafreund in dieses Garn nicht laufen wird. Nun würde der Leitung der Zionistischen Organisation, insbesondere dem Präsidenten Dr. Weizmann, eine schlechte Zensur gebühren, hätte sie nicht selbst bisher schon eine Reihe von Vorbeugungsmaßnahmen getroffen, die in den vom XIV. w i e XV. Z i o n i st e n k v n g r e ß an g rno m m c n e n B eschl ü s s c u enthalten sind. Diese Beschlüsse verlangen, daß als „ u n n b - änderliche Grundlagen" in „der Konstitution der erweiterten Jewish Agency verankert werden: 1. Dauernde Verstärkung der E i n.w a n d e r n n $ (Alijah), 2. Anslös u u g des B o d e n s als B o! k 8 b e s i tz , 3. I a n d w i r k s ch a f t l i ch e Kolonisation auf Grund der jüdischen Arbeit. 4. Hebräische Sprache und Kultur." Ebenso muß in der 2) Protokoll drs XIV. Ziorüslcnkougrcsscs. (19im 19*23.) ctitc 538.