Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 6 (1927)
- Issue
- 40 (7.10.1927)
- Date
- 1927-10-07
- Page
- Seite 561 (sequence 1)
- Language
- German
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Berlin, 7. Gktobee 1927 VI. Jahrgang * Nr. 40 X Lmzclnummer 10 Bfennio. Verlag u. SchriftleiUnig: Alleinige Anzeigenannahme Normalzeilenmesser Nr^ / WsEMNMHMchWM BieLteljahrsabonnement 1,20 NM. (zuzügl. Bestellgeld). Banlkonto: Dresdner Dan?, Wechsel« ...... Zeile nach Rudolf MosseS breite Reklamezei!e4,80 JIJk. isntiM, M. d. A. Der agrarische Osten Deutschlands ist seit einiger Zeit sozial und Politisch stärker in Bewegung gekommen. Das Landvolk in den östlichen Agrarprovinzen erwacht aus tiefem politischen Schlummer. Tie Politische Macht des deutschnationalen Großgrundbesitzes wäre im Osten längst gebrochen, wenn ihm nicht immer wieder das Kleinbauerntum Gefolgschaft geleistet hätte. Diese wußte sich der Großgrundbesitz gut zu sichern. Parteipolitisch und ebenso wirtschaftspolitisch. Das bildete seine Macht. Bis heute. Viele glaubten damals, als die Truppen heimkehrten aus dem großen Kriege und der alte Obrigkeitsstaat zerbrach, nun sei auch für das platte Land des Ostens eine neue Zeit gekommen, die Freiheit und soziale Erlösung denen bringen werde, über die das Rauschen des bürgerlichen Freiheitskampfes im 19. Jahrhundert einfach hinweggegangen war, ohne sie zu wecken. Die Regimenter, die aus dem Felde kamen, lösten sich aus, und Hunderttausende von Bauernsöhnen kehrten heim auf ihren väterlichen Hos und waren so ganz anders geworden, als sie dereinst gegangen waren. In Berührung mit dem Arbeiter und Bürger der aufgeklärten Großstädte, mit denen sie das Schützengrabenerlebnis teilten, war ihr Selbstbewnßtsein gewachsen, und ihr materieller wie auch ihr ideeller Lebensanspruch gestiegen. Ihrer sozialen Lage waren sie sich bewußt geworden, sie stießen mit ihrer Lebensenergie ans den Machtwillen des agrarischen Feudalismus, der die Bahn ihres sozialen und kulturellen Aufstiegs eng begrenzte. Eine Welle der Unzufriedenheit schlug über das ostelbische Land. Nicht nur die junge Generation des Kleinbauerntums war sozialrevolutionär in Bewegung gekommen, mit ihnen die Landarbeiterschast. Bei den Wahlen zur Nationalversammlung wählte man selbstverständlich rot. Ganze Bauerndörfer in Pommern und Ostpreußen! teils sogar „unabhängig-sozialpolitisch". In manchem Landschloß und Herrenhaus waren die Koffer gepackt. Man war bereit, zu fliehen — vor der „neuen Zeit". Tie großen inneren und äußeren Schwierigkeiten am Ende des Zusammenbruchs, nach einem verlorenen Krieg absorbierten die Kräfte der neuen Machthaber für die wirtschaftete und soziale Problematik der Stadtbevölkerung. Die weltgeschichtlich bedeutsame Agrarreform im östlichen Europa, sonst überall radikal und planmäßig durchgesührt wurde, 6uug^an dem deutschen Osten vorbei, der seitdem eine Insel des Feudalismus in Europa geworden ist. Der ostelbische ^llstnudienbesitz blieb in seiner ganzen Struktur erhalten und damit auch feine soziale und politische Machtstellung. Es änderte sich nichts. Das Landvolk — Kleinbauern und Landarbeiter — verblieb in der Abhängigkeit vom Großgrundbesitz, der den Landbund schuf, um dieses AbhängigkestvverhältniZ zu organisieren und seine Herrschaftsstellung wieder zu festigen. „Ostelbien" blieb! tat das ihrige. Sie brachte der beutfefjen zunächst eine beispiellose Konjunktur. Zu nf Inflation Agrarproduktion jedem Preis konnten die landwirtschaftlichen Erzeugnisse mühelos auf den Markt gebracht werden. Tie junge Bauerngeneration vergaß ihr Leid und ihr Kriegsertebnis. Man ward saturiert. Ter Gegensatz zum Großgrundbesitz trat zurück, da-, für trat er zur städtischen Konsumentenschaft um so stärker in Erscheinung. Ein völliger Sümmungsumschlag war die Folge. Auch politisch. Tie nationalistische und antisemitische Agitation fand im Landvolk guten Boden. Tie Mentalität des Kleinbauern im Osten veränderte sich völlig. Als ihn nach der Stabilisierung der Währung die ersten Sorgen und Nöte wieder packten, schüttelte er sich wohl, ohne einen Ausweg zu finden. Verzweifelt ging er zum Rechtsradikalismus. Tie völkische Demagogie betäubte ihn. Tie Reichstagswahlen 1924 brachten ein beispielloses Anwachsen der völkischen Stimmen auf dem Lande. Nun will die Entwicklung wieder da ansetzen, wo sie 1919 unterbrochen wurde. Ter ostelbische Bauer ist ernüchtert. Bei seiner psychischen Schwerfälligkeit wird er nicht gleich so heute auf morgen und überall die Konsequenzen ziehen. Das braucht einige Zeit. Doch das Signal ist gegeben. Ohne Verabredung setzte im vergangenen Winter fast gleichzeitig überall die neue Bauernbewegung ein. Zehntausende von Bauern haben inzwischen dem Landbund den Rücken gekehrt, um mit eigenen Bauernverbänden selbständige Bauernpolitik treiben zu können. Nicht mit dem Großgrundbesitz, sondern gegen ihn. Es ist durchaus charakteristisch, daß diese Bewegung im scharfen Kamps gegen den Landbund steht, da er bisher in erster Linie das wirtschaftliche und politische Herrschaftsmonopol des Großgrundbesitzes schützen wollte: denn der Landbund war politisch Träger jener Steuer- und Kreditpolitik, die ganz einseitig den Großgrundbesitz begünstigte. Durch die Organisation des Landbundes flössen jene billigen Staatskredite, die im Osten Deutschlands vor allem in die Kassen des Großgrundbesitzes gingen. Ter kleine Bauer pochte zumeist vergeblich an, wenn er an die Kreditgenossenschaften des Landbundes herantrat, um billige Staatskredite Vermittelt zu bekommen. Er mußte sich oft ohne Kredithilse durchschlagen. Tie Steuerlasten wurden ebenso einseitig vom Kleinbauer getragen. Das heutige Steuersystem bedeutet für den Kleinbauer ein Unrecht. I £1N 3 ö s m 3 u & ü I i ör. Alfred Wiener: Oie Jewish Agency. — Aibrechi Montgelas: Ago Malhahn. — Georg Hermann und Rcgierungerai Blum (Heidelberg): Großstadt oder Kleinstadt (Schluß, worie). - Raymond-Naoul Lambert (Paris): Das jüdische Problem in der heutigen französischen Literatur.