Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 6 (1927)
- Issue
- 39 (30.9.1927)
- Date
- 1927-09-30
- Page
- Seite 554 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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§54 mit solchen, aus den Findern gelogenen Behauptungen gegen die jüdischen Deutschen Stimmung gemacht wird. Ein Geheimnis'des Herrn Jseqrimm bleibt es, wie man einen Aufruf zur Einkehr und zur religiösen Weihe als ein „Ausrechterhalten des Ghettos" bezeichnen kann und diese Frage bleibt selbst dann offen, wenn man Herrn Jsegrimm guten Glauben zubilligen will. Er sucht es allerdings mit den: „jüdischen Nntionalismus" zu erklären. Und er will seine Leser dahin belehren, daß die „Treue zum Judentum" nichts anderes sei, als der Beweis nationalistischer Denkungsart. Traurig genug, wenn in einem Blatt, das so oft erklärt hat, es wolle der Klarheit der Begriffe dienen, die Wahrheit geradezu aus den Kopf gestellt wird. Fragen sich denn die leitenden Persönlichkeiten des „Jungdeutschen" gar nicht, wie verhetzend, besonders auf die Jugend, eine solche Verwirrung der Begriffe wirken muß? , p . .' Wenn Herr Jsegrimm so sehr an dem Ausruf unseres Rabbinerverbandes Anteil nimmt, so möge er sich einmal Zeit nehmen, die Gebete zu lesen, die aus Anlaß des kommenden Dersohnuugstages in jüdischen Gotteshäusern gesprochen werden. Auch er kann aus diesen Gebeten etwas lernen. Vielleicht werden die Worte der Schrift, die am Versöhnungstage in Israels Gotteshäusern vorgelesen werden, auch für ihn von einigein Eindruck sein: „Ihr sollet nicht stehlen und,nicht ableuanen und nicht lügen einer gegen den andern; ihr sollet nicht bei meinem Namen zum Falschen schwören, daß du entweihest den Namen deines Gottes." Jom hakkippurim: EtlZ ds? EüE)NUNMN. Von Rabbiner Dr. Salorrrorr (Bayreuth). Ob der Versöhmmgstag zu den ältesten Festen Israels gehört oder nicht, ob er ursprünglich einen anderen Charakter trug oder nicht, das sind Fragen, die in das Gebiet der wissenschaftlichen Forschung Schoren. Für das religiöse Judentum bleibt einzig entscheidend dre irage, welche lebendige Kraft besitzt der Versöhnungstag. Der VersöhnumMag wird hakkippurim, d. h. Tag der Sühnungen, genannt. Gesühnt wurde das Heiligtum von jeglicher Verunreinigung, gesühnt der Mensch von jeder schuld und jeder Verschuldung. Jede Sünde entfernt uns immer mehr von Gott, und da ruft uns der Versöhnungstag ein Halt zu. Wohl bleibt die Sünde bestehen und kann nicht wieder ungeschehen gemacht^werden, aber wie ein gewaltiger Magnet entreißt uns dieser heilige Tag der Bahn der Sünde und zieht uns in die Nähe Gottes. Nicht als ob der Tag an sich mit einer solchen Macht begabt wäre; er ist das Mahnzeichen, unsere sittliche Kraft zu wecken und zu heben und unseren Widerstand gegen das Unrecht zu beleben und zu stärken. Diese Festigung in uns zur Abkehr vom Unrecht nennt das Judentum Versöhnung, wie es heißt, der Frevler kehre um von seinem bösen Wandel, und er ist gesühnt und versöhnt. Zu der Umkehr und Abkehr vom Bosen sind nach dem Talmud vier Dinge erforderlich: Mildtätigkeit, inniges Gebet, Aenderung des Wesens und Acnderung der Handlungen. ' Die Not ist heute allerorten so groß, daß alle Hände zu ihrer Linderung geöffnet sein sollten. Die Opfer der Inflation, die früher vielfach zu den wohlhabenden und wohltätigen Gliedern unserer Gemeinden gehörten, leiden stark unter dem Umschwung der Verhältnisse, die Arbeitslosigkeit bedrückt weite Kreise und zwingt Arbeitskräftige zur Untätigkeit. Müssen wir nicht bestrebt sein, ihnen mehr denn je zu helfen? Wäre es nicht erforderlich, die Darlehn-kassen für Kaufleute und Cew'crbetreibende zu vermehren und weiter anszubaucn? Die wohltätigen Stiftungen und Anstalten der Gemeinden können bei der geringen Aufwertung ihren Verpflichtungen nicht gerecht werden. Sollten sich nicht edle Männer und Frauen finden, die hier helfend emgreifen? Unser Gebet sei innig und inbrünstig. Es fehlt unserer Zeit vielfach das Vedürsnis zum Beten. Die meiftcrt suchen nach des Tages Mühen und Sorgen Ablenkung und Erholung in der Zerstreuung. Was wir Menschen aber brauchen, ist nicht Ablenkung und Zerstreuung, sondern Sammlung. Wir sollen den Weg zu uns selbst finden — wir finden ihn am besten im Cotteshause. Wenn die Wände der Andachtsstätte uns gegen den Lärm des Lebens draußen absperrcn lind das Getöse des Tages in unserer Brust abklingt, dann haben wir die PsoriKhur inneren Sammlung geöffnet. Es scheint fast, als ob in unseren Synagogen die Gesänge von Kantor und Chor das leise andächtige Gebet verdrängen. Gerade im stillen Gebet erschließt sich die Seele des Beters. Es gibt wohl auch nichts, was zur Andacht mehr führt, als eine betende Gemeinde, dre einen jeden in ihren Bann Wägt. Dieses Versunkensein in Gott weicht wieder von uns, begleitet uns aber wie eine Ausstrahlung in die Arbeit des Lebens und verklärt sie. Die Aenderung des Wesens muß sich in einer Aenderung der Taten und Handlungen erweisen. . Hätte nicht manch einer Grund, bei diesen Worten an seine Brust zu schlagen und an sich selbst zu denken? Ter Wunsch, sich das Leben möglichst angenehm zu gestalten, läßt gar viele Derpslichtungen unerfüllt. Unserem eigenen Leben U'ie der Erziehung unserer Kinder wäre eine bescheidenere Lebensführung wohl zuträglicher. Hat nichr der erschreckende Nückgaug der Minderzahl mit seinen Hauptgrund in der Abneigung der Eltern"gegen Lasten und Pfläch Tn. die ihnen durch Kinder auferlcgt werden? Tie falsche hohle Lebensführung iit ein Hauptschadeu unserer Zeit. Bei der Laugend hat der Nus ruid] einfachem, reinem Leben am meisten Gehör gesunden. Unsere Imgendverbände lehnen bewußt jede Veräußerlichung ab und suchen in der ungekünstelten Natürlichkeit ihr Ziel. Die Jugend ist religiöser und jüdischer geworden, sie wird uns auch wieder den Weg zu dem reinen, bescheidenen Leben unserer Altvordern zeigen. So soll sich das Wort des Talmud verwirklichen, daß die Welt nur durch den Geist der Jugend bestehen wird. Der Versöhnungstag mahne uns zur Mildtätigkeit, innigem Gebet, Aenderung des Wesens und der Taten, dann wird die heilige, ernste Feier sich zum Segen an uns erweisen. Erziehung zur Menschlichkeit. Aus derr Erfahrungen eines Schulmannes. Von Oberfirrdiendirekior Dr. Walter (Lemgo). Es ist eines der erfreulichsten Erlebnisse für jeden vorurteilslosen Erzieher, und macht für ihn ein Stück Glück ans, in seinem durch die prinzipielle Unvollendbarkeit seines Wollens oft tragischen Beruß wenn es ihm gelingt, eine ganze Klasse durch ruhige und richtige Beeinflussung von antisemitischer Zuchtlosigkeit zu heilen und aus das Niveau echter Menschlichkeit zu führen. Gelegenheiten zu solcher Leitung gibt es ja immer. Grundsätzlich läßt sich doch ein jedes Fach der Ethik und ihrern schulischen Postulat „Menschen schlechthin" zu formen, unterstellen, mögen auch Religion oder Deutsch oder das Griechische hierin eine Vorrangstellung einnehrnen. Ich werde, wenn ich aus eigener Erfahrung berichten darf, die unmittelbare Wirkung auf die Gemüter und den dauernden Erfolg auf den Klaffengeist nie vergessen, den eine Aussprache mit meinen Schülern über den „Triumph des Nein-Menschlichen" im Sein und Sinn Goethes hatte, eine Aussprache, die wir mit der weltweiten und humanen Strophe aus dem „Westöstlichen Divan" ausllingen ließen: Gottes ist der Orient! Gottes ist der Ollzident! Nord- und südliches Gelände Ruht im Frieden seiner Hände. Und gern erinnere ich mich der geistig bewegten Auseinandersetzungen über die ,chzudenfrage", die ich auf Wunsch der oberen Klaffen unserer Schule in den Nachmittags- und Abendstunden in verschiedenen Jahren hatte. Sie erbrachten mir den Beweis, daß in den jungen deutschen Menschen der Adel der Gesinnung, der universelle und humane Geist, der Wille zu reinerem und vertieftcrein Empfinden, das Streben nach Wahrhaftigkeit, Gerechtigkeit und Duldung Gott sei Dank nicht erstorben, nur oft verschüttet sind. Denn das Ergebnis solch freundschaftlicher Besprechungen war die Besinnung der Jugend aus das i h r Wesentliche, war ein frohes, unbekümmertes und freudiges kameradschaftliches Verhältnis unter den Schülern, unter Christen und Inden. Mag nun bei der Stabilisierung der politischen Lage auch der Baum ocs Antisemitismus gestutzt sein, seine Wurzeln sind zu lies gedrungen, als daß er völlig verdorrt wäre. Auch in der höheren Schule ist er nicht erstorben, und erforderlich bleibt nach wie vor der ernste Appell an das G e w i s se n der Jugend, her Jugend, die ein gütiges llnd günstiges Geschick aufruft und bestellt, ihrem Volke und Land einmal Führer und Wegbereiter zu sein! - Geschieht das, so kann der Kampf gegen den Antisemitismus zum Segen werden: eine Station nämlich auf dem Wege zur Menschlichkeit, ein Mittel zur Erreichung unseres erhabenen Erzieherzielcs: in der Jugend den gefesselten Menschen sreizumachen'und zu formen. Anders als Dannenberg! Am gleichen Tage, an dem das Tannenbercz-Nationaldenkmal eingeweiht wurde, ohne daß im Gedenken an die jüdischen Gefallenen und an die noch lebenden Kamps-r von Tannenberg ein jüdischer -Feldgeistlicher das Wort nehlnen durfte, fand in Bochum die feierliche Grundsteinlegung für ein Kriegerdenkmal statt. Anders als in Tannenberg jedoch, wo die Willkür und die politische Verrannthcit.eines Stahlhelmsührers die versöhnenden und einigenden Gedanken des Totemnals zerstörte:-, war in Bochum der Gemeinderabbiner Dr. David vorn Denkmalausschuß offiziell geladen worden und hatte Gelegenheit, gleich den Vertretern der anderen Konfessionen mit den drei Hannnerschlägcn einen Gedenlsprnch zu verbinden. p Demnächst erscheint in unserem Verlage; Br. Alfred Wiener: 1 fffiiisdie Heiss dutäi ßtiMsfiMt Vorbestellungen nimmt schon jetzt entgegen: [ philo Perle ff und Budüinndlnnff 6. tu. l}. 7f. t UJ Dönhoff 8594• BERLIN 5IG66 Lindenstrasse t$* L~J