Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 6 (1927)
- Issue
- 38 (23.9.1927)
- Date
- 1927-09-23
- Page
- Seite 538 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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53$ der Juden richtig gesehen, Seine Erklärungsversuche ermangeln aber des sicheren ttrüergrrmdcs. Weder kennt er die beschichte des Judentums genauer, noch sind ihm anscheinend die Quellen der jüdischen Religion, Talnnid, Btidrasch und Teeisoreu, zugänglich. Er kennt aber vor allem die Seele der Inden nicht, er sicht nur die hervorstechenden Eigenheiten, die das Glied einer anderen Kulturanschauung sonderbar anmuten, aber weiß nichts von ihrem Wurzeln in den Tiefen der gläubigen ^eele. Jeremias hat das Judentum des Ostens „besichtigt", eifrig und sleisiig „besichtigt", aber nur studiert, ohne daß er ans die Ströme des religiösen Lebens im Inden gestoßen wäre. Er weis; nichts von seinem innigen Gottvertrauen, nichts von seiner lebendigen Meffiashoffmmg. nichts von seiner Standhastigkeit gegen die Versuchungen zum Abfall, nichts von seiner Hilfsbereit« schuft gegen den Mitmenschen, nichts von der Höhe seiner sittlichen Anschauung. Wohl fühlt er, das; es darauf ankommen muß, das letzte Sehnen und Empfinden dieser Massen des Ostens zn erfassen, er mag auch den Willen dazu haben, aber es gelingt ihm nicht, dazu ist sein Standpunkt zu erhaben, zu „wohlwollend", zu herablassend. Er sieht in den Juden nicht gleichberechtigte Menschen, die es in ihrer Eigenart zu verstehen und zu würdigen gilt, sondern Objekte der Fürsorge, erotische Schaustücke! Auf zweierlei sei besonders hingewiesen. Wir sind nicht Land gegen das Wort der Kritik, und wir machen uns keineswegs die Ungereimtheiten Sanunh G r o n e m a n n s zu eigen, der^ in seinem Buche „Hawdolo und Zapfenstreich" die Ostjuden im scheine der höchsten Heiligkeit zeigt und ans die „entarteten" Westjuden jede nur erdenkliche Herabsetzung häuft. Gewiß muß es bei einer Masse, die in so furchtbaren sozialen Verhältnissen lebt wie die Oftjuden, bedauerliche Erscheinungen geben, die dem Erwerbsgeist, der Sittlichkeit, der Sauberkeit des einzelnen zuwecken kein gutes Zeugnis ansstellen. Aber weder darf man — dieser sollte chür einen deutschen llniversitätsproscssor denn doch feststehen — die Seele ei lies Volkes nach denen werten, die im Drucke sozialen Elends ihre Widerstandskraft verloren haben, noch darf man — und das ist von noch größerer Wichtigkeit — über jüdische Frömmigkeit im allgemeinen schreiben, wenn man lediglich gewisse mehr oder weniger chassidisch eingestellte ostjüdische Kreise kennt. Daß im Osten nicht nur Warschau existiert, sondern auch das religiös völlig anders orientierte, der jüdischen Kultur nach litauische, rationalistische Wilna, ist Jeremias ganz entgangen. Und besonders schmerzlich ist, daß er das religiöse Leben der deutschen Inden mit einer Handbewegung beiseite schiebt. Cie sind ihm die „Reformer", die Abtrünnigen, die Unechten! In einem Buche über jüdische Frömmigkeit mit keinem Worte die deutsche Orthodoxie und den deutschen Liberalismus zu würdigen, ist ein starkes Stück? Daß als Exponent der modernen religiösen Strömungen im Judentum einzig und allein ausgerechnet — ein anderes Wort paßt nicht — Martin Duber (!) genannt wird, ist für den Kenner unbegreiflich, aber es ist typisch süm die Methode von Jeremias. Man könnte lachen, wenn nur der Schlag nicht uns gälte. Wie wenig Verständnis dieser Cchilderer des Judentums für die Wirklichkeit besitzt, ergibt sich aus seiner Aufsasstmg des Zionismus. Er halt ihn trotz seiner „betonten Unreligiosität" für eine religiöse Bewegung und erkennt nicht, daß umgekehrt der rvestliche Zionismus eine Säkularisierung des Judentums bedeutet, daß er die Flucht der religionslos gewordenen Juden, die den Glauben verloren haben und einen Inhalt sür ihr durch den Antisemitismus erwecktes Judentum suchen, in die Form des politischen Nationalismus darstellt. Es sei zugegeben, daß es schwer ist, in das Wesen des Judentums und des Juden einzudringen. Auch der beste Wille hilft allein nichts. Man muß philologisches und historisches Verständnis beweisen, muß religionsgeschichtliche Studien treiben, muh lebendige Gegenwart von innen heraus studieren. Das Buch von Jeremias besitzt typische über den Einzelfall hinausgehende Bedeutung, weil es zeigt, wie es nicht gemacht werden darf. Kein deutscher Nniversitätsprosesior wird wagen, über buddhistische oder griechisch-orthodoxe Frömmigkeit zu schreiben, ohne in jahrelanger Arbeit in das Wesen der Tinge theoretisch und praktisch eingedrungen zu sein. D e m I u d e n t u m gegenüber i st es g e - stattet; und keiner findet etwas dabei! Und damit berührt der Fall Jeremias die Centralvereinsinteressen und den Kamps um die Gleichberechtigung aus das ernsteste. Es mag vielleicht manche auch unter unseren Freunden geben, die solche Auseinandersetzungen für literarisches Gezänk halten. Sie sind es nicht! Tenn Gleichberechtigung ist ein weit ansholender, alles umspanneuder Begriff, und wer da meint, daß mit der Erringung der politischen Gleichheit alles erreicht sei, ist ein kurzsichtiger Politiker. Wir kämpfen um Gleichberechtigung nicht nur der Inden, sondern aus des Judentums, um gleiches Recht auch in der Achtung der Menschen. Ein Buch wie das von Jeremias zeigt klar, wie notwendig es ist, das; für jüdische Wissenschaft an allen deutschen Universitäten P r o f e s s u r e n errichtet werden, d a m i t ein sür die G e i st e § - und K u 11 u r g c f d) t d) t e der Welt s o unendlich wichtiger Faktor z u n ü ch st äußerlich seinen Platz im Kreise der Universitas litterarum c \ n n c f) m e. Erst wenn das erreicht ist, wird man auch dem Judentum die : u n c t c Achtu n g erweisen und wird seine Lehre und sein Leben wissenschaftlich nach jenen Grundsätzen untersuchen und darstellen, die für alle anderen Gebiete der Wissenschaft längst selbstverständlich sind. Tie jüdischen Sorgen des Tages und der Politik sind gewiß drückend, aber man darf über ihnen unter keinen Umstanden den Blick sür das Große, das Dauernde verlieren! Und darum ertöne immer und immer wieder die Forderung: Gleichberechtigung der jüdischen Wissenschaft! •« HIE Ai me Pallicre: X^e sanetuairc incouiuj, a:a eosi- Tcrsion au judaisme1). Paris 1026. 1. KiederdC'ie, Man fragt sich oft, wie es denn komme, daß die Lehre Israels, die einst Tausende und Tausende Zu gewinnen vermochte, die nicht durch Geburt und Erziehung ins Judentum eingewöhnt waren, heute so ganz und gar^auf den Kreis der als Juden Geborenen beschränkt bleibt. Wir wißen, daß es nicht an der mangelnden Werbekrast der jüdischen Ideen liegt, sondern daran, daß das Judewerden unter den Verhältnissen der Gegenwart eine Frage der sozialen Geltung ist. Mit um so stärkerer Anteilnahme liest man darum dieses Buch, in dem ein tiefreligiöser, suchender Mensch schildert, wie er schrittweise von der Macht der jüdischen Ideen ergriffen worden ist, bis sie ihn nicht mehr losließcn, und sein ganzes Sein sich ihnen zuwandte. Ter Erzähler ist selbst Träger des Erlebnisies, und er erzählt fein Leben. Ein katholischer Jüngling, der dem Beruf des Priesters sich zu weihen die Berufung in sich fühlt, gerät auf einem Spaziergang durch Zufall — gibt es einen Zufall? — tu die Synagoge seiner Heimatstadt Lyon. Es ist der Versöhnnngstag, an dem er den Tempel betritt, und die Gemeinde ist eben beim Neckahgebet. Tort fühlt er sich ganz eigentümlich ergriffen; was ihn packt, ist zunächst der äußere Anblick der betenden Gemeinde, wie ieder in den Taliß gehüllt dasteht und damit gleichsam dem Irdischen entrückt, von tijin ab gegrenzt ist und zugleich durch die Gleichheit des Gewandes in eine Gemeinsamkeit Gleichgesinnter hinemgestellt ist; und ferner fallt ihm der Gesichtsausdruck der Betenden auf, aus ihrem Auge Ici:cT>tet ein Suchen und Ringen, das ganz anders ist als die ihm aus seiner Frömmigkeitssphäre gewohnte Sicherheit des Besitzes der Gottes nähe. Sein Erlebnis wirkt in ihm nach, er erlernt das Hebräische, nur die Heilige Schrift im Urtext zn lesen, eine Fügmrg spielt ihm die französische Uebcrsetznng eines Werkes des jüdischen Schriftgelehrren Leon Modena über die jüdischen Riten und Gebräuche in die Hand — merkwürdigerweise übrigens ein Buch, das fein Verfasser, ein zerrineuer und in seinem Charakter schwankender Mensch, nicht nur zun; Ruhm und zur Ehre des Judentums geschrieben hatte —, er versenkt sich darin, lernt aus ihn; die Wett des jüdischen Rituals kennen. Immer stärker wird er von ihr angezogen, die unmittelbare Anschauung und häufiger Besuch der Synagoge verstärken die Anziehungskraft. Er fertigt sich selbst Tesillin an. die er nach eigener Idee als Erinuernngszeichcn im biblischen Sinne ständig bei sich trägt. Seine Mutter entdeckt seinen Seelenznstand, sie macht alle möglichen Bemühungen, ihn in ihrem Glauben zu erhalten, er ist ihr zn Willen, begibt sich in die Klostereinsamkeit, um seiner Zweifel Herr zu werden; aber weder hier, noch während einer zeitweiligen Mitarbeit in. der Heilsarmee findet er seinen Seelenfrieden. Immer deutlicher wendet sich seine Seele unter dem Einfluß der Bibel beni Judentum zn, ettt Aufenthalt in Livorno bringt ihn in das Haus des Mannes, der den entscheidenden Einfluß auf ihn ausgeübt hat, des i) Das unbekannte Heiligtum, meine Bekehrung zum Iudcntnne.