Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 6 (1927)
- Issue
- 38 (23.9.1927)
- Date
- 1927-09-23
- Page
- Seite 537 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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537 Iuörmum und jüöisthes Volksbewußtsein. Von Mar Hirsch (Stettin). Die folgenden Ausführungen richten sich einzig gegen den politischen Zionismus. gegen desien Devise „Jüdischer Volksftaat"' und gegen die Tatsache, das; den Zionisten bei der Zugehöriges zurN jüdischen Volksstaat Religion Nebensache ist. Rteiner Ansicht nach bedeute: die Errichtung eines jüdischen Volksstaates in Palästina d'en Anfang vorn Ende des Judentums. Wie war es denn? Welches ist die Ursache, daß das Judentum lebt, lebt bis auf den heutigen Tag, trotzdem der jüdische VollsstaaL schon vor fast 2000 Jahren unterging? Nach dem Gesetze des Stärkeren mußte der Staat fallen; aber wieso lebt nicht auch der Hellenismus, nachdem das alte Griechenland fiel. Wodurch hat das Judentum alle Aeit-en Überstunden, die der größten Not und Erniedrigung, ja selbst die des schlimmsten Martyriums? War es der Gedanke an die Wiedererrichtung des jüdischen Volksstaates, oder waren es nicht einzig und allein religiöse S e h n s u ch t s g e f ü h l e nach dem Wiederet it f & a 11 des Tempels, nach Zion? — seine religiöse Hoffnung aus den Messias, und in allererster Reihe der Glaube an seine Mission als Träger und Verbreiter des wahren Gottesgedankens, als Bekenner einer Religion voller Ethik, Moral und Sittenlehre? » Das war es, was Israel all die Zeiten überdauern ließ bis auf den heutigen Tag. — Aber, hatten nicht auch andere Länder, ich nenne Aegypten, Babylon, Griechenland eine hohe Kultur? Wird doch sogar von unseren Gegnern behauptet, wir hätten uns unsere Eottesidee erst von den Babyloniern geholt. Und Griechenland? Nennen die größten Geister nicht noch heute die Namen Aristoteles, Sokrates, Platon mit hoher Ehrfurcht? Haben nicht auch diese Männer Ewigkeitswerte geschaffen? Wo aber lebt ihr Volksstamm, der diese Werte zu den seinen gemacht? Da ist es das eine, das einzige, das Israel ausgezeichnet hat vor allen Völkern der antiken Welt, das Wort des Gottesmannes Mose: „Ihr sollt mir sein ein Volk von Priestern."' Das ist es, was Israel, was die Judenheit unsterblich machte. — Es gab zur Zeit des jüdischen Staates Länder mit großer Kultur, mit größerer als die der Juden, wie manche sagen — aber diese Kultur war nur im Besitz der ^Oberschicht, das Volk blieb eine dumme, einfältige Sklavenmaye. Ihr sollt mir sein ein Volk von Priestern! Das heißt, sie alle kannten die Lehre von dem ewigen, einzigen Gott, die Gebote der Ethik, der Moral und Sittenlehre, sie alle mußten sie kennen, hoch und niedrig. Aber sie mußten sie auch halten, denn es war ja eine Geseheslehre. Wer sie nicht hielt, wurde von Gott und von den Menschen bestraft. So ging diese erhabene, große Eotteslehre den Juden in Fleisch und Blut über — sie wurde Volkseigentum. So nur kam es, daß, als Jerusalem zerstört, als ein kleines Volk Ueberlebender in alle Winde zerstreut wurde, es das Höchste mitnahm, was es besaß: „Die Lehre eines Mose, die Lehre der jüdischen Propheten." Diese Lehre erhielt die Menschen, und die Menschen die Lehre. Wo sie sich niederließen, diese Vertriebenen, da erfüllten sie ihre Mission — damals wie heute —. Wohl klingt aus ihren Gebeten die Dehnsucht nach Zion — aber es ist nur die Sehnsucht der Religion. nach dem Tempel Gottes. Und wie im Wandel der Zeit nichts ständig bleibt, sondern sich mitwandelt, so wandelte sich auch die Form der Religion; aber — „nur" die Form. Wer ober auf rein völkischer, nationaler Grundlage das jüdische Volkstum neu schassen will, zerstört nicht nur die Vergangenheit, sondern auch die Zukunft. Die Lehre altern und nur diese hat das Judentum, auch zur Zeit des jüdischen Reiches, lobenswert ge nr acht, nur als Re ligious Vereinigung hat es auch heute Existenzberechtigung. Das Judenturn wird eine Religion s ge nr eins chaft sein, oder es wird nicht fern. Feiertag«? Bücher schenken! A Unterhaliung Sdiickele, Das Erbe am Rhein. Maria Capponi. 8,— M. Galsivorthij, Der silberne Löffel (5. ßd. der Forsyte Saga).,,, 7,— M. Hesse, Der Steppcntrolf. 7,— M. Nettmann, Der Teufel. . 7,50 M. Kurtzlg, Ostdeutsches Judentum. 3,80 M. Fleg, Der kleine Prophet. 4,80 M. Teller, Hoppla, wir leben. 2,50 M. Toller, Justizerlebnisse. 4,— M. Zweig, Caliban oder Politik und Leidenschaft......10, — M, Friedlacnder, Das Leben Gab riet Riezsers.. 7, — M. Maller, Ern Buch für unsere Mütter.6,50 M., Leinen 7,50 M. Philo Verlag und Buchhandlung G. m. b. i Femspr.: DSnliuff zz»j BERLIN SW 6S Lladc-nsirasse 1 l f Pä! 01 (I ü f iJjfviijiS/Mjl an deuffHen WöeOA Von Rabbiner Dr. Felix GolDmann (Leipzig). t Ein Büch leim das unter dem Titel „I ü d i s ch e F r ö m nr rate i t" von dem Profepor der Theologie in Leipzig I). Dr. A. Iere nvijt s") herausgegeben morden ist, gibt uns Anlaß, einmal an dieser stelle von einer Zeile der Gleichberechtigung des Judentums zu sprechen die zwar nichts mit Gesetzen und Parlamenten und Behörden zu tun hat, um die sich leider die große Masie unserer Glaubensgenossen nicht kümmert, die aber trotzdem unter allen Umstünden ihrer grundlegenden Wichtigkeit wegen errungen werden muß. Denn ein grundsätzliches Recht, das allen Wissensgebieten zugeftanden wird, pflegt man dem Judentum zu entziehen. Von jedem, der von der Welt gehört werden will, wenn er sich zu einer Zache äußert, verlangt man, daß er etwas von ihr versteht. Zcharf wird jeder in die Grenzen zurückgerviesen, der etwa ohne ein ernstes Studium der Zache sich zu Problemen der Physik oder der Geschichte äußern wollte. Beim Judentum ist es anders! Wenn der „geniale Dilettant" Housten Stewart C h a m b e r la i n , der weder vom Hebräischen noch vom Wesen des Judentums eine Ahnung hatte, dicke Bände über Jüdisches schrieb, wurde er und wird er heute noch als Autorität bestaunt. Und er ist nicht der einzige! Man darf freilich Jeremias nicht in einem Atemzuge mit Chamberlain nennen. Gewiß, wenn man sein Buch das ersten tat lieft, glaubt man es mit einem recht bösen judengegnerischen Machwerk zu tun zu haben. Er konstatiert als „ge me i n s a m e Bindung" (!) aller Juden die tiefe Abneigung gegen das Christentum, die sogar später zu einem „Haß (!) gegen die Tochterreligion" wird. Er spricht mit einer naiven Selbstverständlichkeit von der „zersetzenden Intelligenz" und dem „G e - s ch ä f t s g e i st" der Juden, er sagt dem Juden ein „G e l d d e n k e n" nach, das auch die Religion beherrscht, er berichtet von einem ostjüdischen Redner, der in einer zionistischen Versammlung zu Leipzig am 2. September eines nicht näher festzustellenden Jahres die uns Leipzigern bisher ganz unbekannte Aeußerung getan haben soll: daß die Juden im Weltkriege in einem Punkte einen Vorteil über alle Völker gehabt hätten — sie seien am meisten im Krieg reich geworden! Alle diese Entgleisungen, die dem wohlbekannten Jargon der antisemitischen Preye und Volksversammlung entnommen zu sein scheinen, die völlig unbeweisbare Behauptungen wiedergeben, mögen einem zunächst den Gedanken nahelegen, das Büchlein ebensowenig zu beachten wie irgendeine andere tendenziöse judenfeindliche Tagesbroschüre. Aber man täte damit trotzdem dem^ Verfasser unrecht, und das ist das Tragische an der Sache! Profeyor v. Dr. A. Jeremias ist Profesior der Theologie und Pfarrer ^an der Lutherkirche in Leipzig; er war oder ist deutschnationaler Stadtverordneter und Sradtrat, und er steht keineswegs im Rufe eines gehässigen Judenfeindes. Zudem verrat sein Buch, ebenso auch ein Bericht, den er im April in den „Leipziger N e u e st e n Nachrichten" über eine Reise nach Warschau veröffentlichte, daß er sich mit Liebe zur Sache in das Leben der Juden hat vertiefen wollen, daß er durchaus objektiv sein möchte, daß er sogar das Judentum und die Juden auf seine Art liebt. An seinem guten Glauben zu zweifeln, wäre fraglos ein Unrecht, und so steht man an sich vor einem Rätsel. Wer das Büchlein liest und sich über die Fülle von Mißverständnissen und seltsamen Urteilen teils ärgert, teils auch amüsiert, fragt sich, wie ein geistig so hochstehender Mensch derart danebengreifen kann. Er wird zuerst glauben, daß die Diktatur der judenfeindlichen Phrase, die ja heute weiteste Teile der Deutschnationalen Volkspartei beherrscht, auch über Jeremias, ohne daß er es will und weiß. Mackst gewonnen hat. Bald wird er aber erkennen, daß hier ein Grundsüßliches vorliegt, ein Mangel an Gleichberechtigung des Jüdischen, über das jeder urteilt, auch wenn die sonst zu einem Urteil erforderlichen Voraussetzungen fehlen. Das Schicksal Judentums in der Welt der Wissenschaft ist ein getreues Abbild seiner bis in unsere Tage hineinreichenden Rechtlosigkeit in der Politik. Eirw kleine Auswahl von Behauptungen, die die Zchrift von Jeremias entl)ält, möge das beleuchten. Er läßt die jüdische Scholastik von Ben Jehuda (wen meint er damit?) und Marino nides geschaffen sein!! Von den Talmud-Kommentaren nimmt er an, sie seien in aramäischer Sprache geschrieben. Er macht den Bau der Laubhütten mit dafür verantwortlich, daß in Palästina — Baumöde herrscht! Das Kaddisch läßt er von dem „Erbsohn" sagen, der einen Vertreter halten und bezahlen muß. wenn er keine Zeit für das Beten hat! An dieser Stelle, die keine wissenschaftlichen Erörterungen zuläßt, seien als Beispiele nur die obigen angeführt. In Wirklichkeit steckt aber das Büchlein voll von halbrichtigen Beobachtungen, halbrichtigen Darlegungen und mißverständlichen Auffassungen. Und das Halbrichtige 'ist ja bekanntlich viel gefährlicher als das gänzlich Falsche! Jeremias hat nämlich wahrend seines Aufenthalts in Polen dies und jenes aus dem Leben *) Zm Berlage der Hiurichscheu Buchhandlung zu Leipzig.