Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 6 (1927)
- Issue
- 38 (23.9.1927)
- Date
- 1927-09-23
- Page
- Seite 536 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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SZH was öir politische Geographie lehrt: Achtung, Selbstachtung. In der Ausscheidung und Fernhaltung von allen Elementen, die befremdlich erscheinen, sieht der auf das völkische Programm eingeschworene Kleinbürger den einzigen Weg zur Erhaltung und Behauptung des eigenen Volkstums. Die konsequente Durchführung dieser Gärankengänge mühte zur Schaffung des autonomen Dorfes führen! Es berührt demgegenüber außerordentlich wohltuend, was in einer populären Darstellung der „Essener Allgemeinen Zeitung" vom 13. Juli Tr. Karl Fuß über „Die Bedeutung der politischen Geographie" schreibt. Fuß sieht die wesentlichste Wirkung der Beschäftigung mit der politischen Geographie in der A ch t u n g vor jeder einzelnen Nation: ein noch stärkeres Positivum der neuen Lehre findet er aber darin, daß sie zur Selbstachtung führt. Wir sehen uns im Spiegel der politischen Geographie als eine Nation, der durch ihre geographischen Bedingtheiten ganz besondere Ausgaben zufielen und Zufällen: Pflichten vor der Weltgeschichte. „Werdas Verhältnis von Geographie und staatlicher Entwicklung überdenkt, wird das Fremde achten, aber nicht überschätzen. Es ist Deutschlands geographisch-historisch Ausgabe, als Land der Mitte ein ehrlicher Makler der geistigen Werte Europas zu sein, der Werte, die uns natürlicherweise, fast möchte man sagen, mathemat i scherweise chon Oft und West zusließen. Darüber hinaus fällt es uns zu, der Schmelztiegel aller europäischen Ideen zu sein, sie innerlich zu verarbeiten, zu veredeln. Das haben wir ja je und je getan, und gerade dieser Amalgamierung verdankt die abendländische Kultur Unendliches. Aber diese mehr Passive Nolle kann selbstverständlich nicht das Letzte fein. Die Geographie unseres Landes hat es mit sich gebracht, daß innerhalb unserer Grenzen ein unendlich vielsältiges und reiches Volkstum wie kaum irgendwo erwachsen ist. Es ist ein natürlicher Vorgang, wenn wir als Volk der Mitte nicht nur fremde. Kräfte in uns ausnehmen und verarbeiten wollen, sondern auch eigene ausstrahlen." Alte Erfahrungstatsachen finden also durch die wissenschaftliche Forschung ihre Bestätigung. Nicht in der Analyse liegt der Fortschritt des organischen, also auch des menschlichen Daseins in allen seinen wirtschaftlichen, kulturellen Erscheinungsformen, sondern in der Synthese. Dom Führertag der Deutschvölkischen Freiheitsbewegung. In Porta an der Porta Westfalica fand vom 10. bis 11. September eine Neichsverlretertagung der DeuLschvölkischen Freiheitsbewegung statt. Etwa 350 Personen, unter ihnen etwa 60 Schwarzhemden mit Hakenkreuzsahnen, nahmen an den Kundgebungen und Besprechungen teil. Tie „prominenten" Führer der Bewegung: Reinhold Wulle (Berlin), M. d. L., Professor Da n i ck e (Berlin), M. d. L., Major a. D. Henning, M. d. R., Tr. v. B r e h m e r, M. d. L., als Leiter der Tagung-, Albrecht v. Gräfe, M. d. R., I. v. Ramin, M. d. R., und andere, hielten schwungvolle Reden für die Errichtung eines völkischen Deutschlands, frei von Judenherrschaft, internationalistischen Bestrebungen, Völkerbund, Friedensgedanken usw. Zu allen wesentlichen Punkten des Staats- und des Wirtschaftslebens wurde Stellung genommen, alles natürlich von dem Gesichtspunkte ans: „Ohne Juda, ohne Rom, wird gebaut Cermanias Dom", wie der Vertreter der alldeutschen böhmischen Partei schwungvoll reünte. Die größte Uebeltäterin und Vergifterin allen deutschen Lebens ist für diese Vertreter rein germanischen Volkstums die „jüdische Presse". Sie ist schuld daran, daß der Wagner-Nansch abklingt, ihr wird zur Last gelegt, daß die Beethoven-Feiern „nicht im Sinne des Geistes des Meisters, sondern in der Form der neuen Sachlichkeit-, die weder deutsches Empfinden noch Ehrfurcht vor dem Genie des Meisters kennt", veranstaltet worden sei; sie ist ebenso schuld am Völkerbund wie an der „Eindeutschung der beutfcf;cit Geschichtsbücher", ihre Handlanger sind alle nicht aus völkischem Boden Stehenden Mitglieder der Regierungen, ob sie nun jüdischen Glaubens ind wie Kestenberg und Bruno Walter oder Urchristen wie Dr. Siegfried Kawerau. Wer für Völkerverständigung, tm für Entgistung von chauvinistischem Haß cintrirt, gilt ihnen als jüdisch? Irgendwelche neuen Gedanken sind in den vielen Reden nicht zu stndcn. Daß das jüdische Kapital die Welt beherrscht, daß der Völkerbund eine Judeumache sei, alle diese Schlagworte werden als bewiesene Tatsachen immer wiederholt, und auch Auslegungen wie die folgende, die aus Anlaß der Besprechung des Ncichsschulgesetzes gemacht wurden, setzen uns nicht mehr in Erstaunen: _ „Denen, die in der Bekenntnisschule wegen des Gegensatzes der beiden christlichen Konfessionen eine Gefährdung der Bettsgomcinschast erblicken, sagen wir, daß euch wir diesen Awiestxckt .sehen, daß wir «ber auch andere Kräfte kennen, die die deutschen Volksgenossen nicht zueinander kommen lassen. Wir jedenfalls fühlen uns, soweit wir evangelisch sind, dem deutschen Katholiken blut§ mäßig verbunden, aber alles trennt von dem Juden deutscher Staatsangehörigkeit. Wir behcn die Gefahr, die der deutschen Volkseinheit durch den politischen Katholizismus des Zentrums droht, und wir werden, v>ic beim Konkordat, in den Kämpfen, die sich ergeben werden, alles daran setzen. daß dem Volke Iverdc, was des Volkes ist: aber wir schauen auch mit erschreckender Tentlichkeit den drohenden Untergang des deutschen Volkstums durch die i m Völkerbund geeinten und jüdisch geführten Kräfte innerhalb und außerhalb der de u tschen Grenzen." Hin und wieder besinnen sich die Redner aus die sozialen Forderungen, die in ihrem Programm auf dem Papier stehen, und dann legen sie Entschließungen vor, in denen es heißt: „Wir erkennen mit Troitschke, .trotz aller idealen demokratischen Phrasen', in der neuzeitigen demokratischen Republik mit ihrer Vortäuschung des .souveränen Voltes' nur eim Verschleierung der .Herrschaft der Börse über das Land', und verlangen eine von jedem jüdischen und spekulativ-kapitalistischen Einfluß freie Selbstverwaltung in sozialem Ausgleich urrd unter verantwortlicher Bärwirkung aller schassenden deutschen Berufsstünde." „Wir setzen der jüdisch beherrschten unsozialen Republik der heutigen Verfallszeit bewußt die soziale deutsche Königsrdee der friderizranischen und bismarckschen Aufbauzeit entgegen." Zwei Tage wurde so für das Germanentum gegen das internationale Juden turn mit Worten gekochten. Der Iuöe ist auch ein Mensch! Nationalsozialistische Agitatoren auf Der Anklagebank. „Ter Jude ist auch ein Mensch" — beginnt ein Plakat, das die Nationalsozialistische Arbeiterpartei in B r a n d e n b u r g a. d. Havel verbreiten ließ. „Der Jude ist auch ein Mensch. So salbadert der rote Bonze. Wer hat das je bezweifelt! Der Floh ist auch ein Tier; aber gewiß kein angenehmes, ebensowenig wie der Jnde ein angenehmer Mensch ist. Ebensowenig wie man den Floh behütet und beschützt, weil er uns beißt und zwickt und uns das Blut anssangt, ebensowenig hüten und beschuhen wir den Juden, der uns wie ein Vampir das Blut aussaugt!" Als Verbreiter dieses Plakats hatten sich der inzwischen aus der Partei ausgeschlossene frühere Vorsitzende der National sozialistischen Arbeiterpartei in Brandenburg a. d. Havel Keller und zwei jüngere Nationalsozialisten vor dem dortigen Schöffengericht wegen Aufreizung zum Klassen haß zu verantworten. Den Mut, sich zu ihrer Tat zu bekennen, besaßen sie nicht. Kleister topf und Pinsel waren ihnen nur zufällig von irgendeinem großen Unbekannten in die Hand gespielt worden. Im übrigen reize ja auch der Inhalt des Anschlages nicht zu Gewalttätigkeiten an. Tie Nationalsozialisten würden andere Wege als Gewalttat finden, um die Judenfrage zu lösen. Mit Recht wies der Vertreter der Staatsanwaltschaft aus die Früchte der völkischen Heharbeit hin. Nur zu oft würden jüdische Mitbürger von völkischen verhetzten Elementen überfallen und die nichtswürdigen Schändungen jüdischer Friedhöfe wären die Ernte solcher Saat. Zweifellos verstoße der Plakatinhalt gegen ß 130 StGB. (Aufreizung zum Klassenhaß); denn er enthalte in feiger, versteckter Form die Aufforderung, die Juden tute Ungeziefer zu behandeln, sie also durch Gewalttätigkeiten zu vernichten. In seiner Erregung über den Strafantrag des Staatsanwalts erklärte dann auch der Angeklagte Keller, „er wolle im Gefängnis darüber Nachdenken, wie nian der Judenbande an die Gurgel springen könne". Er enthüllte so die wahren Absichten seiner Anhänger, die sich durch verklausulierte Formeln der strafrechtlichen Verantwortung entziehen zu können glauben. Das Gericht sah den Plakatinhalt als Anreizung zu Gewalttätig' feiten an und verurteilte den geistigen Urheber des Plakats zu 200 Mark Geldstrafe, einen der Verbreiter zu 5 0 M ark Geldstrafe wegen Aufreizung zum Klaffcnhaß. Das Manöver der Nationalsozialisten, ihre gewalttätigen Ziele durch angeblich „straf, rechtlich unangreifbare" Fassungen der Kundgebungen zu bemänteln, ist also erfreulicherweise mißglückt. Rei. .,Die Sturmglocke." Ter traurige Ruhm, den sich Herr Streicher in Nürnberg mit feinem „Stürmer", Herr Haselmeyer mit seiner „Freiheitsfahne" in Frankfurt und die Pfälzer Nationalsozialisten mit ihrem „Eisenhammer" erworben haben, läßt ihre Gesinnungsgenossen in Gera nicht ruhen. Seit dem 1. August erscheint dort ein Revolverblatt „Tw Sturmglocke", die sich Kampfblatt für das schaffende Volk nennt und ihre Aufgabe natürlich vor allem darin erblickt, die Bevölkerung gegen die Juden und vor allem die jüdischen Geschäftsleute aufzuhetzen. Besonders h-at es ihnen das Kaufhaus Hermann Tieh angetan, mit dem sich fast die ganze Nummer I dieses Geistesproduktes befaßt. Wir hätten keine Veranlassung, auf die Hetzschrift weiter einzugehen, wenn nicht als Folge dieser Verhetzung am 18. September drei Fensterscheiben der dortigen Warenhäuser Hermann Tietz und des Kaufhauses S. Bütow eingeworfen worden wären, und wenn sich nicht herausgestellt chatte, daß die Tater Nationalsozialisten waren. Es ist dringend zu hoffen, daß sich die dortige Polizei auf Grund dieser Vorfälle einmal etwas näher mit der „Sturmglocke" und ihrem Schriftleiter besaßt und dafür Sorge trägt, daß friedliche Bürger unbehelligt bleiben.