Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 6 (1927)
- Issue
- 38 (23.9.1927)
- Date
- 1927-09-23
- Page
- Seite 535 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Von Rabbiner Dr. Davin Schönberger (Aachen). Ein Wort der feiertäglichen Heiligung sprechen, Gedanken der ehrsurchtbaren Tage zum Tönen bringen in einer Zeitung, die, wie die „E. B.-Ze:1ung", erfüllt ift und erfüllt sein muß vom Ruf des Kampfes um Menschenrechte unb Menfchenwürde, deren Schrei nach Recht und Gerechtigkeit immer aufs neue das Viel des Tages zu durchdringen sucht, ein solches Wort hat sein Besonderes. — Es ist, als ob der Posaunenton des Jaum hadin, das mächtige Nanfchen von Ewigkeit und Unendlichkeit, die erschütternde Melodie des Festes, da wir Juden uns dem Richter der Welten stellen, unsere vom Lärm des Tages taube Seele zu neuem Allgesühl erwecke. Wie nichtig und belanglos scheint im Angesicht der ewigen Probleme alles Daseins das Zerren und Streiten der Menschen untereinander! Wie klein Mißgunst von Bruder zu Bruder! — Das Rauschhaschono-Fest ist für uns Juden die Zeit des großen Fragens nach dem Sinn unseres Jch-s: „Was sind wir, was ift unser Leben, was unsere Frömmigkeit, was unsere Gerechtigkeit? Unsere Hilfe, unsere Kraft und Stärke, was sind sie?" Wir, die wir diese Fragen . an uns stellen, schauen aus und um und vernehmen ihr Echo aus jeder Blume, aus jedem Stein, jedem Lebewesen, aufregend ihren Nus zum Firmament der ewigen Sterne, von denen es zurückstrahlt Klang und Glanz. Ja, alle und alles ruft bang dieselbe Frage: „Was sind wir, was unser Leben?" Tn wir aber erschauernd vor der Vergänglichkeit und Kleinheit der Menschen unser Herz der Zerknirschung preisgeben, vernimmt unser Geist den göttlichen Ruf: „Kehret um, ihr Menschenkinder! Befreit euch vom Zwiespalt eures Tuns, reinigt eure Seele, daß sie wieder neu das Leben beginnen kann, Nauschhaschonoh ist das Fest des Anfangs!" — Das ist das große Gnadengeschenk unseres Festes, daß die Zerknirschung der Seele nicht sein eigentlicher Sinn ist, sondern die freudige Gewißheit des Anfangs ans ihm ausblüht. Die große Besinnlichkeit, die Vergangenes überschaut. Gegenwärtiges erlebt und Zukünftiges als göttliches Ziel erstrebt, dieses Schöpferische, in ihm sich ausdrückend, ist der wahre Sinn des Tages, an den unsere Weisen den Beginn der Weltschöpsung setzen. So ist auch letztlich nicht asketische Abkehr vom Lebenskampf die heilige Predigt seiner Mahnungen, sondern gegeben wird eine neue Spannkraft des Kampfes, — die Kraft des Anfängen-, gewonnen aus dem sühnenden Willen zur Umkehr, zur Rückkehr in die Reinheit. Seelenreinheit bedeutet, die Ursprünglichkeit haben, welche den Mut zu letzten Zielen und höchstem Menschentum verbindet mit der frischen Kraft zum unentwegten Beginnen de- 635 Werkes, bedeutet Schwerkraft des Besitzes mit der Spannkraft des Kämpfers vereinen. Auch unser Kamps, der Kamps des E. V. gegen den Judenhaß, er wird durch diese Besinnlichkeit herau-gehoven aus dem bloßen Streit um kleinliche Güter! — Jeder Streiter, desien Eifer sich einsetzt für vergängliche, selbstische Zwecke, wird zuletzt besiegt sein. Das B e w u ß t se i n hingegen, um die h ö ch ste n Kulturgüter der Menschheit zu ringen, den eigenen Kamps als einen göttlichen Streit für die Gesamtheit zu wißen, erzwingt den Sieg. Das ist die tiefe Wahrheit der bibchchen Erzählung! Solange Moses die Hände anshob zum Hinunel, solange das Volk seinen Kamps gegen Amalek um des Göttlichen willen erkannte, obsiegte es. — E i n Grundgesühl muß unseren Abwehrkamps beherrschen: Nicht selbstische und kleinliche Streitigkeiten sind es, die wir führen, nein, es ist der alte Kampf Israels gegen Amelek, gegen Lüge und Niedrigkeit, gegen Haß und Menschenfeindlichkeit; ein Kamps ist es um hohe und göttliche Ziele! Diese Reinheit d es E. V. - G e d a n k e n s immer aufs neue z u gewinnen, muß unentwegte Ausgabe sein. Nur diese stete Rückkehr zur Ideenwelt jüdischen Woltideals vermag die Spannkraft zu geben, die das Ermatten und Lahmwerden in unserem so notwendigen Streit verhindert. Anfängen im Sinne des Nauschhaschonoh. heißt, sich mit frischer Seelenkrast für ferne, göttliche Ziele einsehen. Wie leicht das Streben für eine Idee ermattet, spürt der G e n t r a l v e r e i n immer und immer wieder. Meist ift es doch so, daß diejenigen, die Streiter seiner Reihen fein sollten, Träger seiner Gedanken sein müßten, erst in Zeiten persönlicher Not des E. V. sich erinnern und die Notwendigkeit einer Abwehr begreifen. Ist ihre Augenblicksnot beseitigt, versinke das Ziel des E. D. ihrem kurzsichtigen Blick. Zuviel der Mitläufer, zuviel der von selbstischer Notwendigkeit Getriebenen, um den Sieg gewiß - zu machen! E s gilt, wieder einen Anfang zu machen, zurückz u s i n d e n zu der großen Linie der Idee unseres A b w e h r k a in P s e s, der ein Weg zur Menschheitsk u l t u r f e i n soll. Nauschhaschonoh kann uns auch -auf diesem Weg „Fest des Anfangs" bedeuten. Rückkehr zur Reinheit der E. D. -Idee, Neubeginn. Anfang eines Streben-, dessen Ziel ist, die Menschheit zu befreien von der Niedertracht und Niedrigkeit eines jahrhundertlangen Hasses, der sie schändet! Nicht allein, weil es Haß gegen uns ist, sondern weil er Abgründe schafft zwischen Mensch und Gott; nicht nur, weil die Flamme unser Haus verbrennt, sondern weil es eine Feuersbrunst ist. die den hehren Tempel der Menschheitsidee niederzubrennen droht, kämpfen wir. Ein solcher Kamps erfordert das siete Bewußtsein seines Zieles, das immer ausneue des begeisterten Streben- Anfang findet. Soziale versöhnungsaröelt in Amerika. Im Jahre 1922 wollte eine kleine Gruppe Amerikaner eine „Nationale Konferenz für christliche Lebensführung" zusammenberufen. Diese Konferenz sollte zeigen, njclchc Bedeutung dem Christentum und der Kirche für die menschlichen Lebensbeziehungen zukomme, und zwar mit besonderer Berücksichtigung der Konflikte, die aus dem Zusammenleben von Menschen der allerverschiedeusten Herkunft entstehen. Der Plan, eine solche Konferenz abzuhalten, wurde aber — einstweilen wenigstens — aufgegeben. Das ganze Unternehmen wandelte sich aus einer großen öffentlichen Kundgebung mit Vortrügen und Diskussionen zu einer — Untersuchung, und znmr zu einer Untersuchung, die aus dem Geiste angelsächsischer Demokratie ganz neue Methoden amvendek, um die obgedachten Probleme einertheoretischen und praktisch!! Lösung entgegenzuführen. „Die Untersuchung" (The Jnquiry) ist der Titel einer Schriftenreihe, in der die bisherigen vorläufigen Resultate dieser Gruppe ihren literarischen Niederschlag gefunden haben. Drei größere Schriften liegen mir vor: 1. And who is iny neighbour?* 1) 2. All colors.5) 3. Alien registration. Alle drei behandeln die Nassenfrage, wobei allerdings das englisch Wort „race“ etwas viel weiteres bedeutet als bei uns, nämlich auch Gruppen mit eigentümlichen kulturellen und sprachlichen Herkunstsmerkmalen, die ihrer neuen Umwelt noch nicht völlig eingegliedert sind. Die Art, wie bei uns die Fragen behandelt werden, unterscheidet sich durchgreifend von der amerikanischen. Wir gehen von Begriffen aus und nehmen nur so viel Tatsachen auf, als dem ciuniat festgesetzten Begriffe zuträglich ist. Der Amerikaner verführt um. gekehrt: Er will die Fülle, die Vielheit und Konkretheit der lokalen und individuellen Tatsachen haben, Tatsachen, die ans dem Leben des Alltags stammen, gesammelt von Menschen, die aus Persönlichen Erlebnissen sprechen und die es sich znr Aufgabe gemacht haben, die Konflikte mit sittlichen Mitteln zu lindern oder aus der *) An outline for the Study of Raco Relations in America. 1 A Study Outline on Woman’s Part in Race Relations. Welt zu schaffen. Der Amerikaner kann gar nicht genug soziales Tatsacl^enmaterial haben, die Folgerungen, die er daraus zieht, sind vorsichtig abgewogen. Wir sind e r g e b n i s h u n g r i g, die Amerikaner t a t f a dj c n r) u n g ri q, weil sie ein stärkeres Realitätsbewmßtsein haben als wir. ^ie sind pluralistisch — wir monistisch. <sic haben die Skepsis gegen allgemeine Begriffe, — wir sind oft hochmütig gegen „den Pöbel der gewöhnlichen Erfahrung". Wir neigen zur starre und Endgültigkeit, die Amerikaner zur Biegsamkeit und zur Vorläufigkeit. Wir steigern ein Problem leicht ins Metaphysisch-Abstrakte, die Amerikaner bleiben in der menschlichen Ordnung. — Die Organisation der Inqniry reicht über das ganze Gebiet der Vereinigten Staaten. Lehrer, Beamte, Kaufleute" und Geistliche sammeln ans ihrem Lebenskreise die konkreten Einzelfälle, in denen die Spannungen und Schwierigkeiten des Verkehrs zwischen Menschen verschiedenster Herkunft znm Ausdruck kommen, wobei das Wort „Herkunft" nicht nur im anthropologischen, sondern auch im kulturellen ^inne zu nehmen ift. Es sind kleine Geschichten, halb Anekdoten, halb Zwischenfalle, sie lesen sich manchmal wie „Vhermischte-", ob sie gleich den Vorzug der Lebenswirklichkeit Halen. An dieses dem unmittelbaren Dasein entnommene Tatsachenmaterial knüpfen sich dann Fragen und Diskussionen ethischer, religiöser und sozialpolitischer Art, Fragen, durch welche der Einzelfall hinübergeleitet wird zu den letzten Voraussetzungen der menschlichen Ordnung. Und hier erheben sich daun die Entscheidungen der Lebensführung, nicht abstrakt und formal, sondern erfüllt mit der Un- Mittelbarkeit des pulsierenden Lebens. Es wird dann die Aufgabe der religiösen Institutionen, ausgleick-end und vermittelnd, Wege zeigend und Wege bahnend, einzugreisen, und den Abstand zwischen dem sittlich-religiösen Ideal und der von Hemmungslosen Vorurteilen geleiteten Wirklichkeit wenn auch nicht auszuheben, so doch zu verkleinern und das Gewissen im Sinne echter Toleranz zu erziehen. Das calvinistische Angelsachsentum lischt in der Behandlung sozialer Konflikte eine gewisse ethische Genialität, von der wir lernen könnten, wenn wir uns entschlössen, mit den in den religiösen Gemeinschaften und Institutionen niedergelegten sittlichen Werten Ernst zu machen in den Fragen de- Tages. Professor Dr. Julius Goldstcin (Darmstadt).