Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 6 (1927)
- Issue
- 37 (16.9.1927)
- Date
- 1927-09-16
- Page
- Seite 525 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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525 „fin den Deutschen Reichstag!" Die völkischen Blätter rufen zu einem Reichsgesetz gegen das Schächten ans. In der „Mecklenburgischen Warte", der „Neuen Zeitung" und ähnlichen völkischen Blättern lesen wir folgenden Aufruf: „Wir bitten unsere Leser, Listen folgenden Inhaltanzufertigen, Unterschriften dafür sammeln zu wollen und uns die Zirkulare zuzu-r senden. * Die S-christleitung. An den Deutschen Reichstag. Ter Deutsche Reichstag wolle folgendes besetz beschließen: § 1- Im deutschen Reichsgebiet ist das Schächten der Schlachttiere verboten. § 2. Zuwiderhandlungen werden mit 1ÖOOO Mark Geldstrafe, im Nicblbeitreibungsfalle tritt an Stelle der Geldstrafe Gefängnis nicht unter drei Jahren, geahndet: im Wiederholungsfälle nur mit Gefängnis nicht unter fünf Jahren. § S. Dieses Gesetz tritt sofort in Kraft. Die Parteirichtung der Blätter, die diesen Aufruf bringen, läßt deutlich erkennen, daß der Nuf nach diesem Gesetz keineswegs, wie sonst bemäntelnd behauptet wird, wegen der angeblich mit dem Schachtel: verblmdenen Tierquälerei ergeht, sondern lediglich, um damit den Juden und der jüdischen Religion etwas am Zeuge zu flicken. Gehört es doch zur positiven Aufbauarbeit dieser Parteien, in jeder Nummer ihrer Zeitung mindestens einen Vorstoß gegen die Juden zu machen. Raufmann! Akademiker! Handwerker! Nachächende Ausführungen eines füsischen Cchlossergesellen veröffcmlichen wir mir dem herzlichen Wunsche, daß sie d-azrr beitragen mögen, die van dem Verfasser — vielleicht zu schwarz gesehenen, aber zum Dei! mit Recht gerüzieir Uebehtände abzuftellen. Die Schriftleitung. Als vor Jahren innerhalb des Judentums der Schrei nach dem jüdischen Handwerker lallt wurde, freute ich mich darüber, trug ich doch seit meinen Iiumngsjahren den sehnlichen Wunsch ^in mir, selbst Handwerker zu werden, und zwar wollte ich das Schlosser- Handwerk erlernen. Mit Hilfe führender Juden aus meiner Heimatstadt wurde bei einem liberalen Meister eine Lehrstelle bee. und nach Beendigung meiner vierjährigen Lehrzeit wurde ich le. der nun nach Allsicht aller in Frage kommenden Personen auf eigenen Füßen stehen konnte. Daß diese Ansicht nur von gutsituierten Kausleuteu und Akademikern geteilt wurde, sei nur nebenbei erwähnt. Bisher habe ich nlich mit meiner Familie mehr schlecht wie recht durchs Leben geschlagen und bin — nicht erst seit heute — zu der Erkenntnis gekommen, daß es für einen jüdischen Jungen kein größeres Ideal geben kann, als den Beruf eines Handwerkers zu erlernen. Ich gebe zu, daß man auch gegenteiliger Ansicht sein kanrsi aber ist es nicht etwas Ideales, wenn man als jüdischer Handwerker merkt, daß man von seinen Glaubensgenossen nicht für voll angesehen wird? Ist es nicht geradezu kostbar, wenn man als jüdischer Handwerker nur dazu da ist, um in Arbeiterkreisen eine anti-antisemitische Propaganda zu treiben, sonst aber völlig als Lust behandelt wird? Wenn in einer sonst reichen Gemeinde kein Geld da ist, um dem einzigen jüdischen >^chlossergesellen zur Selbständigkeit zu verhelfen? _ Wenn mir bei einer Gelegenheit gesagt wilrde, daß man für jüdische Handwerker kein Geld übrig hätte, obwohl gerade die jüdischen Handwerker heute der stärkste Schutz des Judentlnns gegen seine Feinde sind? Wenn man scholl Propaganda für den jüdischen Handwerker macht, um dadurch den: Ansehen des gesamten Judentums in der Welt zu dienen, baitu soll man auch emem oder dem anderen zur Selbständigkeit verhelfen. Nicht jeder jüdische Handwerker hat von zu Hanse die Mittel, um eine kleine Werkstatte zu eröffnen. Oder will man die jüdischen Irnlgens dem Handwerk in die Arme treiben, weit die Akademiker- und'Kaufmannsberufe überfüllt sind? Am meisten überfüllt ist doch wohl der Beruf des gelernten Handwerkers. Aus aller: diesen Gründen sollten jüdische Iungens nur dann ein Handwerk erlernen, wenn die Geldtasche des Vaters eine spätere Selbständigkeit im Beruf garantiertsonst doch lieber Akademiker oder Kallsmann und von seinen Mitmenschen einschließlich Jude geachtet, als Handwerker und vor: seinen Glaubensgenossen als Mensch zweiter Klasse betrachtet. Wir Juden zweiter Klasse bedanken uns für Führer, die es doch nur gewöhnlich der gefüllten Brieftasche ihres Vaters zu verdanken haben, daß sie, im Besitze des Doktorhlltes, in eine Führersielle hineinkommen. Wir . Juden brauchen Führer, die als solche den Kontakt mit ihren Glaubensgenossen nicht verlieren, andernfalls wird bei den armen Juden ein Gefühl erweckt, daß man mit dem Worte „Haß* bezeichnen müßte. G. D., Sch lass er geselle. WM , f ■ Der Muß krß XV. ZlEenroWOss. Basel, den 11. September 1927. Beim XlV. Ziollisteukongreß 1925 ging es um Weizmanns Kopf. Ein Vertrauensvotum für seine, d. i. der Exekutive, Politik wurde zwar angenommen, aber, da sich die Rechte und die Linke der Stimme enthielten, erklärten Präsident unb Exekutive ihren Rücktritt. In Basel konnte der aufmerksame Beobachter von vornherein mit Weizmanns Wahl rechnen, zunral ein Vertrauensvotlnn, das als zu starkes Sprengpulver gewirkt hätte, nicht eingebracht worden war. Tie Entscheidungen, die unter Umständen Weizmanns Abgang Hervorrufen konnten, tagen sozusagen ein Stockwerk höher: die AZ ah l der Palästina-Exekutive, das zusammengestrichene Budget. Die Palästina-Exekutive, dessen Vorsitz der bewährte Oberst Kisch führt, sollte von diesem Kongreß ab verkleinert und jedes parteipolitischen Charakters entkleidet werden, d. h. die dem Misrachi (Professor Pick) und den Arbeiterparteien (Sprinzack) zugehörigen Mitglieder mußten ausscheiden. Tagelailg tobten in den Ausschüssen deshalb iuütenbe Kämpfe. Ter Führer der amerikanischen Zionisten, Stephen Wise, der angeblich noch weitergehende Forderungen gestellt hatte, verließ mit dem größten Teil der amerikanischen Delegation Hals über Kops den Kongreß. Sache diplomatischer Geschicklichkeit war es, zu verhindern, daß beide Flügel- Parteien, deren Stimmung a:ls verschiedenen Gründen für die Palästina-Exekutive wahrlich nicht besonders angenehm war, sich gegen die vorzuschlagende Palästina-Exekutive entschieden. Deshalb versuchten die Unterhändler einmal ans rechts, ein andermal auf links einzuwirlen. Schließlich gelang es, die Arbeiterparteien zu bewegen, sich der Stimme zu enthalten. Ter Preis für diesen Dienst war Weizmanns Anerkennung der Arbeitergewerksckaften und Zusicherung der Beschäftigung nur organisierter Arbeiter durch die Exekutive und andere zionistische Körperschaften. Gerade als Weizmann diese Erklärung verlesen hatte, schien noch einmal alle Einigungsarbeii ernstlich bedroht zu werden. Menachem Ussischkin fühlte durch eine den Indischen Nationalfonds angehende Stelle der Erklärung die Selbständigkeit des Nationalsonds erschüttert. Der alte Fenertopf donnerte unmittelbar vor der Wahl los. Aber auch dieses heftige Gewitter zog vorüber. Zuerst wurde Weizmann mit 113 gegen 54 Stimmen Zum Präsidenten der zionistischen Organisation wiedergewählt die neue Palästina- Exekutive (Kisch, der englische Anwalt Zacher, die allgemein beliebte Amerikanerin Frmi Szold) vereinigte 83 Stimmen auf sich. 62 stimmten gegen sie. Die gesamte Linke, unter ihnen die stattliche Vertretung der palästinischen Arbeiterschaft, enthielt sich der Stimme. Ja, die Palästina-Ereklltive mußte am letzten Tage Erklärungen der linken Parteien über sich ergehen lasten, die in ihrer schonungslosen Deutlichkeit bewiesen, daß gütige Feen nicht an ihrer Wiege stehen. Leider kann der aufrichtige Kritiker hier das große graue Fragezeichen nicht übersehen. Wird Palästina die sachliche Arbeit der Palästina-Exekutive, die diesmal nur ans englisch-amerikanischer Kühle und Besonnenheit besteht, vertragen? Wird die Palästina- Exekutive überhaupt tragbare Stützpinlkte finden? Wird das überflüssig gründlich durchgebildete Parteiwesen des winzigen nationaljüdischen Palästina, wird die schonungslos und oft so unklug kritisierende Preiie. überquellend von osteuropäischer Hitzigkeit, trotz Palästinas drückender Lage, nicht die Fundamente unterwühlen, auf denen ernste Arbeit verrichtet werden soll? Weizmann selbst hat eindeutig die schlveren Gefahren ausgesprochen. die hierin liegen. „Nur' wir selbst", ries er aus. „Pflegen Palästina zu zerfetzen, es in Grund und Boden zu kritisieren. Die schwersten Anklagen gegen Palästina kamen aus Palästina, vor allem aus Tel- Awiw, wo alles, lvas Palästina betrifft, aufs schwärzeste gefärbt wird. Wir haben gleichsam ein sadistisches Vergnügen daran, das Schlechteste des Schlechtesten uns zuzuschreiben. Darin tut sich namentlich ein Teil der palästinensischen Presse . . . besonders hervor." Aber selbst wenn diese Klippe umschifft ist, lauert noch manches Verderben. Nicht die Engherzigkeit, nicht das russische Siedlungswerk und dies und jenes noch haben so viele Börsen für Palästina verschlossen. Verschiedentlich ist auf dem Kongreß darauf Hingelviesen worden, wie das Zutrauen zur Zionistischen Organisation, das Vertrauen ans sachliche Palästina-Arbeit gesunken sei. Wer viele vom Kongreß angenommene Beschlüsse richtig liest, wer sich in den letzten