Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 6 (1927)
- Issue
- 37 (16.9.1927)
- Date
- 1927-09-16
- Page
- Seite 523 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Film arbeitet für das A n g e. Und wenn er es unternimmt, in dramatischer Form Leben und Menschenschicksal wiederzugeben, ist er dabei immer wieder auf spezifisch filmische, d. h. mit anderen Warten optische Wirkungen beschränkt. Die äußeren Formen der Welt und des Daseins einzufangen, ist für ihn leichter, und er ist hierin reicher und an Wirkung starker als die Bühne. Umgekehrt ist es mit der filmischen Wiedergabe inneren Geschehens. Hier kann das vom BühnendarsteLer wiederholte Dichtcrwort unendlich feiner nuancieren als die Kamera des Filmmannes, die auf das Sichtbare, auf die äußere Kontur, auf das dem Auge „Einleuchtende" beschränkt ist. Also vergröbert der Film. (Was kein Tadel, sondern eine Konstatierung fein soll.) Er geht nicht so sehr aus das Individuelle und Gestufte, als aus das Typische aus. Zeigt der Spielfilm beispielsweise soziale Schichten, so muß er ihre typischen Attribute in ihrer äußeren Erscheinung und in ihrer charakteristischen Geste so sinnfällig in Erscheinung treten lasten, daß der Zuschauer sofort weiß, mit welcher Menschengattung er es zu tun hat. Diese allgemeinen Feststellungen sind notwendig, wenn man die Gestalt des Judenso wie er im Film aufzutreten Pflegt, gerechterweise beurteilen will. Man wird dann nämlich vorausschicken mästen, daß die typisierende und ihrer Natur nach stark auftragende Augenkunst des Films geradezu prädestiniert ist. das Jüdische am Juden Zu übertreiben bzw. ihn so zu zeigen, wie er zwar in Wirklichkeit nicht ist, aber wie ihn alte, populäre Vorurteile sich gern vorstelleu. Es muß ohne weiteres zugegeben werden, daß diese Klippe sich bei gutem Willen und richtigem Takt leicht umschiffen läßt. Im Gegenteil: es hat Filme ausgesprochen jüdischen Charakters gegeben, die der richtigen Kenntnis vom Judentum und seinen wirklichen Eigenschaften durchaus Vorschub getan haben — ein Beispiel für viele ist der amerikanische Judenfilm der Universal „Seine Söhn e", der auch in Deutschland mit großem Erfolge durch die Lichtspielhäuser gegangen ist. Bei der e i n z i g a r t i g e n Reichweite des Films als Werbe- und Ausklarungsm ittel der Masse möchte man nur wünschen, daß recht viele solcher Filme das Licht der Projektionswand erblicken mögen. Aber gerade wegen der dem Film innewohnenden SuggestionZkraft, wegen seiner enormen internationalen Breitenstreuung ist die Gefahr um so größer, wenn gerade er sich dazu hergibt, die gegen das Judentum herrschenden Vorurteile zu schüren. Und die Verlockung ist gerade hier so groß! Es gehört wenig Witz und Ideenreichtum dazu, einen Komiker in jüdischer Karikierung auftreten zu lasten und auf diese billige Weise Lachersolge einzuheimsen. Und leider muß festgestellt werden, daß es gar nicht wenige Filmfirmen sind, die derartige verwerfliche Wirkungen nicht verschmähen. Vor allem war in den zahllosen deutschen M i l i t ä r f i l m e n der letzten Kinosaison die Gestalt des jüdischen Soldaten in karikierender Formern sehr beliebtes Requisit, um unfehlbar Heiterkeit im Publikum auszulösen. Ein Musterbeispiel war der Domo-Strauß-Film „Die dritte Eskadron", wo ein guter Schauspieler wie Siegfried Arno mißbraucht wurde, um eine jüdische Mißgestalt übelster Mache auf die Beine zu stellen. In den Zwischenterten fehlt es natürlich auch nicht an (sozusagen) jüdischen Witzen. So gibt es Zwischen Siegfried Arno und einem Leutnant folgende Unterhaltung. Der Leutnant fragt: „Wie heißt du?" Antwort: „Rappaport." Frage: „Was bist du in Zivil?" Antwort: „Mosaisch." Nächster Titel: „Warum hältst du die Beine so krumm?" — „Ich halte sie wcht so, sie sind von Natur so." Und endlich schließt dieses anmutige Frage- und Antwortspiel: „Wie kommst du zum Regiment?" — „Ich komme nicht, mein Kaiser hat mid> gerufen." Dies ist das klassische Beispiel für die Nolle, die mau dem Juden im Militärfilm zuweist' Auch durch andere deutsche Militärhumoreskeu flattert, feige und frech, körperlich und moralisch u.inderwertig. der jüdische Soldat. Und nicht nur durch die deutsche Fitmproduktion. Der große amerikanische For Film „Rivalen" erbringt den Beweis, daß ähnliches auch in Amerika möglich ist. Gerade in diesem Film, der an sich ein so ungewöhnlich hohes Niveau hat, wirkt es besonders Peinlich, einen jüdischamerikanischen Soldaten zu sehen, der durch seine schlechte Figur auffällt, einem Wirt im französischen Onartier eine, falsche Dollarnote andreht und vom Fenster aus zuguckt, wenn sein Bataillon gegen den Feind rückt. Doch nicht nur im militärischen Gewände wird der Jude ebensogern wie ungerecht karikiert. Wer kennt nicht die jüdischen A n - waltstypen Paul Morgans, mit schlechten Manieren imb mauschelnd, die sich ewig wiederholende betont jüdische Gestalt des Pfandleihers (Garrison), die die Aermsten der Armen bewuchert, die jüdischen Schieber, Agenten, Konfektionäre und Kommerzienräte, die immer wieder die unserem Publikum Vorgesetzten Filme bevölkern und fast stets den antisemitischen Instinkten schmeicheln. Die Titelmacher, die Verfaster der Zwischenterte, tragen dann gern noch das ihrige dazu bei, um diese Wirkung zu verstärken. In dem Mary-Picksord-Film „Die kleine Annemarie" erscheint während eines Kampfes zwischen Kindern ein kleiner Judenjunge, dem der deutsche Betiteler des Films folgenden Satz andichtet: „Isidor Levy sieht lieber der Schlacht als Berichterstatter zu." Oder: in dem Jackie-Coogan-Film „I a ck i e, der Außenseiter", sagt der jüdische Jockei Ist, als er auf eine schmutzige Stelle an seinem Anzug, aufmerksam gemacht wird: „Spaß, Hab' ich erst vor acht Tagen gebürstet." Und nun kommt das Peinlichste an diesem ganzen widerwärtigen Ge s chä f ts a n t i s e m i t i s m u s: Nicht nur, daß jüdische Darsteller sich gegen entsprechende Honorare für solche Rollen verdingen, nicht nur, daß sich jüdische Regisseure finden, um derartige Szenen zu stellen, und jüdische Titelmacher, um die entsprechenden Tertpointen einzusügen, vor allem sind es meist jüdische Unternehmer, die als Filmfabrikanten für dieses Treiben letzten Endes verantwortlich sind! Man schämt sich, diese Feststellung zu machen. Aber wenn der Centralverein einen erfreulicherweise nicht erfolglosen Feldzug gegen die Selbstbeschmutzung des Judentum§ in gewissen Kabaretts unternommen hat. so scheint eine Aktion gegen die weit gefährlichere Selbst- Verhöhnung der Juden im Film mit seiner ungleich größeren Verbreitung bei den Massen noch viel wichtiger. Wir hoffen, daß der Appell zur Selbstbesinnung, den dieser Aufsatz darstellt, schon ausreichen wird, um einen radikalen Wandel zu schassen. Im übrigen aber werden die Filmprogramnrc der soeben begonnenen neuen Saison sorgfältig darauf beobachtet werden, ob sich die gerügten Miststände wiederholen. Sollte dies der Fall sein, so werden wir uns nicht scheuen, die Verantwortlichen auch namentlich zu brandmarken. Wer sind die MedhMchanöer? Die völkischen Zeitungen haben sie entdeckt . . . Wir haben bereits in Nr. 34 der „C. V.-Zeitung" au? Anlas; der Schändung des Belgarder evangelischen Friedhofes die Vermutung ausgesprochen, daß die völkischen Zeitungen den Juden selbst die Schändung nicht nur der christlichen, sondern auch der jüdlsckxm Friedhöfe demnächst zur Last legen werden. Jetzt haben wir ganz deutlich die traurige Bestätigung dessen, was wir damals erst als logische Folgerung aus völkischer Tarstellungskunst schlossen. Das „Deutsche Tageblatt" beschäftigt sich in seiner Nummer vom 10. September mit nuferem Artikel „Ein evangelischer Friedhof geschändet", be'lßulptet. daß feine Beschuldigungen — gegen die wir uns in eben diesem Artikel wehrten — uns „die Rede so ziemlich verschlagen hal>en" und führt daun aus: „. . . Wir sagten des weiteren, daß dieser Gorst des Verbrechens von der jüdischen November-Revolution, der jüdischen Presse, den jüdischen Theatern .und Kinos erzeugt worden wäre, und wenn das Blatt;trm E<but; der jüdischen Staatsbürger nur einen Blick in die Svielpläue der jüdischen Theater oder in die Feuilletonspalten der jüdischen Presse werfen wollte, würde cs unsere Ansicht als richtig erkennen. Statt dessen sucht cs zu einem sovhistrch.'n Widersprach zu konunen, indem es bemerkt, daß wir also die Schuld für die Schändungen Der jüdischen Friedhöfe auf die Juden legten, was eine vollkommen ungereimte Sache sei. Natürlich tun wir das. (Von uns fett gesetzt. Schriftleitung.) Wenn der Geist de? Verbrechens erst einmal entfesselt ist, wendet er sich auch gegen die, die ihm die Fesseln lösten. Kennt man in der Redaktion nicht das Wort des Goetheschen Zauberlehrlings: .Die ich rief, die Geister, lverdc ich nun nicht los'? . . .* Aber roas das „Deutsche Tageblatt" kann, kann Herr Alfred Roth in seiner „Reichssturmfahue" noch besser. Wie erinnerlich sein dürfte, hat der gewiß „deutsche" Schriftsteller Wilhelm M i ch e l in einem Aufsatz „Kamps gegen Gräber" im „Morgen" (Juni 1927) als