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Central-Verein-Zeitung · 1927-09-09 · 36 (9.9.1927) · p. Seite 514

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
6 (1927)
Issue
36 (9.9.1927)
Date
1927-09-09
Page
Seite 514 (sequence 6)
Language
German
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514 daß die Nahtstellen umich'bar wären. Ja, blitzartig erschaut der Veobachter nulten in den Berbandlungen, in wie gefüllten Paketen die Natioualjuden auden einzelnen Staaten das auf dem Nucken tragen, jvas ihnen nicht nunc ihr Judentum, sondern auch in hohem Maste ihre Vaterländer ans den Lebensweg gegeben haben. Begründete Zweifel sind berechtigt, ob cs jemals dem Zionismus gelingen wird .— welche eigenartige Bestätigung wieder unserer Weltanschauung! —, den großen „Echmelstops" für das Judentum abzugeben. Hat bisher Palästina versagt (Zweifler werden durch die zionistischen Stimmen im Sonderhefte „Erziehung" des „Juden" darüber belehrt werden), wie sollen es der Kongreß, wie die immer so laut gepriesene, aber kaum ernstlich durchgesetzte national-hebräische Kultur schasseg? Trotz dieser beachtlichen Zeichen muß aber keine Unklarheit obwal/en, daß in der nationalen, allerdings graduell verschiedeuen Gruudeinstellung der Zionisten noch „alles beim alten ist". Auch wir sind, auch wir müssen in unserer Stellung zum deutschen Volke die alten bleiben. Hier steht Weltanschauung gegen Weltanschauung, und keine Drücke führt hinüber und herüber. «Ms MSLMS £»-':? OttdSNsKMI m MWssA.-' Unter der Ueberschrift „Für Rettung des Judentums in Rußland" verbreitet die „Jta" in ihrem Bulletin vom 27. August das Resumü eines Leitartikels von Tr. Ernst Simon im Frankfurter „Jüdischen Wochenblatt", worin die westeuropäischen Juden aufgcfordert werden, die jüdi'che Kolonisation in Rußland nur unter der Bedingung zu unterstützen, daß die '^owjetregierm:g ihre Politik in bezug aus die jüdische Religion und den hebräischen Unterricht andern wird. „Tas Kolouijanonswerk der Sowjetbehörden in ^üdrußlaud und der Krim", schreibt Tr. kirnen, „verdient die moralische und auch die materielle Unterstützung der Weltjudenheit, aber nicht die bedingungslose Unterstützung. Vielmehr sollen die verantwortlichen Führer der Judenheit in Unterhandlungen mit der Sowjetregiernng treten und als Gegenleistung für jede Hilfe die Freiheit der religiösen und kulturellen Entwicklung verlangen." Hierzu wird uns von beftinsormierter Seite geschrieben: bekanntlich hat in den letzten Jahren die aus mechanische Komrnunisiernng der Wirtschaft hinchelende Politik der Sowjetregierung eine erhebliche Milderung erfahren. Auf dem Gebiete des geistigen Lebens (des Schulwesens ir. bgL) hingegen ist eine Einschränkung der Diktatur noch immer nicht zu verspüren. Wohl haben die religiösen Verfolgungen, wie der Feldzug gegen die Kirche, längst ausgehört; der christliche ebenso wie der jüdische Gottesdienst ist freigegeben. Auf dem Gebiete der Jugenderziehung jedoch herrscht noch immer die kommunistische Toktrin. Offenbar läßt sich in der Schule viel leichter experimentieren als in der Fabrik ... Diese Frage ist indesien eine allgemeine russische, und es mutet komisch an, wenn man, wie Herr Tr. Simon, in dem Verbot des jüdisck^n Religionsunterrichts eine besondere „Judenpolitik" erblickt. Die antisemitische Behauptung, wonach die bolschewistische antireligiöse Politik die jüdische Religion verschont hätte, ist, tote sieder Eingeweihte weiß, grundfalsch. Ebenso unzutreffend ist anderseits die Annahme, daß die jüdische Religion eine strengere Behandlung als andere Religionen erführt. Nach Lage der Tinge sind A u s n a h m e n zugunsten der jüdischen Religion unmöglich. Sie würden auch unter den gegebenen Verhältnissen für das allgemeine Wohl des russischen Judentums wenig förderlich sein. Wer jedoch eine erfolgreiche Intervention zugunsten der jüdischen Religion für möglich hält, müßte überlegen, ob man nicht dem russischen Juden damit schließlich einen Bärendienst erweisen würde... Herr Dr. Simon weist auf die jüngst erfolgte Kundgebung des griechisch-orthodoxen Patriarchats hin, worin es der Sowjetregiernng gegenüber strengste Loyalität verspricht und die Geistlichen zur Aufgabe jeglicher politischer Opposition auffordert. Herr Tr. Simon spricht hierbei die Vermutung aus, daß die Sowjetregierung dem Patriarchat eine Gegenleistung versprochen hatte, nämlich eine Abschwächung der antireligiösen Propaganda u. dal. Gesetzt nun, daß diese Vermutung zutrafe, was folgt daraus? Toch nichts anderes, als was Herr är. Simon selbst ausführt: „Aendert sich aber die gesamte Religionspolitik in Rußland, so muß sich auch das Verhalten gegenüber den Inden ändern." Die Ausführungen des Herrn Dr. Simon sind insofern richtig, als die Repräsentanten der jüdischen Bereinigung e n t n jeder den Verhältnissen Rechnung tragenden Form auf eine Aenderung der allgemeinen russischen Religionspolitik n a ch M ö gll t d> f c i t hinzu w i r k e n habe tt. Jedenfalls ist die analoge Anwendung des Begriffes „Gegenleistung" in diesem Zusammenhang nicht am Platze. Die Hilfe der JOINT, des ORT und der 1CA gilt einzig den russischen Juden. .Die jüdische Kolonisation ist eine der wirksamsten Maßnahmen, wirtschaftlich haltlose jüdische Massen vor dem Untergänge zu retten. Wie kann man angesichts dieser^Tatsache Forderungen stellen, die zu der Konsequenz führen: Ta die cowjetregierung dem russischen Juden keine Gewissensfreiheit gibt, wollen wir dem russischen Juden keine materielle Hilfe gewähren!" . . . Mmerikanische Zeitungen über öen <£♦ V. Eine Unterredung mit Jnstizrat Brodnitz. Ter Vorsitzende des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, Justizrat Dr. Julius Brodnitz, gewährte vor einiger Zeit dem Berliner Vertreter der Jewish Telegraphie Agency in New 2)ork eine Unterredung über die E n t st e h u n g, Tätigkeit und Ziele des Centralvereins, die zuerst in dem „cke^ish Daily Rulleiin" vom 31. Juli 1927 zum Abdruck kam. Tiefes Interview, das sehr ausführlich auf alle Fragen, die von seiten des amerikanischen Vertreters an Justizrat Brodnitz gerichtet wurden, einging, hat in der amerikanischen Presse lebhaften Widerhall gefunden. Unsere amerikanischen Freunde erkannten wohl zum ersten Male im vollen Umfange, welche Unsumme von Arbeit seit nunmehr 33 Jahren von dem Centralverein geleistet wird. Wir geben nachstehend auszugsweise einige besonders interessante P r e s s e ä l l ß e r u n g e u w i e d e r: „The Jewish Tribüne, Xcw York“ schreibt in der Nummer vom 5. August dieses Jahres: „ . . . Dieses Interview zeigt vor allem, daß die deutschen Juden eine viel größere Anzahl ernster antisemitischer Probleme zu lösen haben als wir. Ter moderne Antisemitismus wurde in Teutschland gemacht. Es bestehen politische Parteien, die den Judenhaß als solchen in ihr Parteiprogramm ausgenommen haben. Es gibt Zeitungen, deren einzige Aufgabe nur darin zu bestehen scheint, antisemitische Propaganda zu betreiben. Die Tatsache, daß den Indern trotz aller dieser Kräfte, in Teutschland die schlimmsten Auswüchse des Judenhasses erspart geblieben sind, verdanken sie zum größten Teil der Rührigkeit des Centralvereins. . . .Tie große Mitgliederzahl ist nicht nur dararrf zurückzuführen, daß die Judenfrage in Teutschland akuter ist als in unserem Lande, sondern ohne Zweifel aus die durchschnittlich große Intelligenz der beutfefjett Inden. . . . Es stimmt, daß bei uns die Notwendigkeit einer Verteidigung gegen jndenfeindliche Angriffe nicht so groß ist wie in Deutschland, aber es ist auch bei uns genügend Raum für eine Propaganda vorhanden, wie sie der Centralverein betreibt, und die zum Ziele hat, Inden wie Christen über Dinge aufzuklären, die im gegenseitigen Interesse liegen und deren genaue Kenntnis Voraussetzung für ein gutes Einvernehmen bildet..." Tie „California Jewish (Review, Tos Angeles“ schreibt in ihrer Nummer vom 12. August dieses Jahres: „In Amerika haben sich 395 000 Inden zusammengesunden, um darüber zu beraten, was geschehen müpe, um die antisemitischen Vorurteile zu zerstreuen. Tausend aktive Ortsgruppen sind in den verschiedenen Städten und Provinzen des Landes entstanden. Wöchentlich erscheint eine Zeitung, die in einer Auflagenhöhe von 330 000 Exemplaren an die amerikanischen Juden verteilt wird. Es wird eine Monatsausgabe dieser Zeitung speziell zur Versendung an Christen in einer Auslagenhöhe von 182 500 Stück verbreitet. Eine Zeitschrift, die nur den Interessen der Jugend gewidmet ist, wird in 347 500 Exemplaren der jüdischen Jugend Amerikas zugeleitet. Nein, es besteht in Amerika heute keine Organisation, die sich dieser Aufgabe unterzöge oder die ihrer Ausdehnung und Tendenz nach dazu geeignet wäre, etwas Derartiges zu vollbringen. Aber in Deutschland gibt es das! . . . Wenn wir die Ausführungen von Herrn Dr. Brodnitz prüfen, dann müssen wir unzweifelhaft eine Aehnlichkeit zwischen der Lage in Amerika und Teutschland seststellen. Wir Inden in Amerika besitzen auch „gleiche Rechte", aber auch bei uns gibt es in der Praxis Falle, in denen wir zurückgesetzt und beleidigt werden. Haben wir es weniger nötig als unsere deutschen Glaubensgenossen, dagegen a n z u k ä m p f e n? Brauchen nicht auch wir immer wieder neuen Antrieb, der uns daran erinnert, unser I ud e n t u ni zu lieben? Sind unsere politischen Rechte niemals beschrankt worden? I st der friedliche jüdische K a u f m a n n in den k l e i n c rt Städten des Südens und W e ft e n § nicht oft genug genötigt, gesetzlichen Schutz in Ans p r u ch z u n c h m cn, um seine Rechte z u verteidigen? . . . Nein, die Politische und gesellschaftliche Lago in Amerika ist durchaus nicht so verschieden von der in Deutschland. Ter Unterschied liegt nicht in unseren Gegnern, sondern in uns selbst. Ein deutscher Jude i ft einfa ch ein deutscher Jude, ein amerikanischer Jude aber kann den verschiedensten Klassen an« gehören. Er kann ein Lithuaiiian-Judo, er kann ein polnischer, russischer oder deutscher Jude sein. Was wir sogenannten „amerikanischen Inden" mehr als alles andere brauchen, das ist eine mächtige Zentrale, die energisch genug ist, die Vorurteile zu zerstreuen. Eine derartige Vereinigung wird wohl mit der Zeit geschaffen werden, aber es geht nur langsam vorwärts . . Wir sehen ans diesem Presseecho, wie wichtig es ist, Aistklärung über unsere Arbeit zu verbreiten, damit auch die Juden in den anderen Ländern die Ideenwelt des überwiegenden Teils be.x deutschen Juden kennenlernen.

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