Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 6 (1927)
- Issue
- 36 (9.9.1927)
- Date
- 1927-09-09
- Page
- Seite 513 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2277379-2277729-2277764--03939-2284501- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Basel, den 4. September 10*27. I. Die Vorbereitungen der nationalchdischen Schriftsteller und Versammlungsredncr zu dem am 39. August in Basel eröffneken XV. Zionisrenko ngreß t?aüen schon seit Monaten mit erbitterten Kämpfen der verschiedenen Richtungen eingesetzt. Ein gegenseitiges haßerfülltes Berennen ging durch die letzten Wochen. Tätlichkeiten fehlten nicht. Wer aber nach diesem Vorspiel auf dem Kongreß das | traurige Schaustück abstoßenden Bruderkamyscs sozusagen bis zum letzten Blutstropfen fürchtete, hat sich. bisher wenigstens, gründlich getäuscht. Es lag auf den ersten Kongreßtagen eine Art beklemmender Nebel. Ter Ermst der wirtschaftlichen Lage Palästinas drückte wie ein Alp aus jeden. Ter trotz vier-zehnmaliger Kongrcßersahrung bemerkenswert schlecht arrangierte Eröffnungsabend ermüdete eher durch ewigtauge, mein geistlose Begrüßungsreden, als daß er die Herzen der Teilnehmer aus allen ,.vier Ecken der Erde" beschwingte. Chaim Weizmann sprach ehrlich, abgewogen, sachlich: aber nichts Fortreißendes strahlte dieses Mal von ihm aus. Ein ermatteter Führer berichtete seiner wenig dankbaren Kämpferschar. Die Generaldebatte hat diele Tage erfüllt. Tie zahlenmäßig schwache Opposition tarn ausgiebig zum Wort. Iizchak Grünbaum, der Sprecher der radikalen Zionisten. Wladimir Jabotinsky, der forsche, redegeroaltige Führer der Revisionisten, klagten die Leitung ihre politischen Unfähigkeit wegen an, verlangten dringlich den Rücktritt Weizmanns, der. wie Jaboünsky beweisen wollte, in Psychose besangen, von: frühen Morgen bis späten Abend, Englands politische Haltung den Juden gegenüber trotz allem und trotz allem als befriedigend (.^ati^laetorv") erklärt. Aber wo blieb dabei die Wut der Gegensätze vor dem Kongreß? Ter gefürchtete Jabot i ns ky legte bei keinem Satze Zügel und Zaum ab. Rach dieser Kongreßrede wäre die Bezeichnung „Seiner Majestät allergekreueste Opposition* keine Uebertreibung. Ein anderer Weizmann als am Erösftmngsabend, ein Weizmann voll Leben und Farbe, voll Schärfe und Witz focht in der Nachtsitzung des Sonnabend geschickt und erfolgreich unter dem starken Bestall des Kongresses gegen die zwar leidenschaftlich aufrichtige, aber oft zu sehr zwischen Himmel und Erde schwebende, die unabänderlichen Gegebenheiten Mandatarmacht, Araberzahl und Geldknappheit, inuner wieder Geldknappheit) übersehende Opposition. Keine Politik der großen Taten, jo sagte er etwa, dürft ihr für absehbare Zeit in Palästina erwarten. Mit Routine und Kleinarbeit müssen wir nüchtern in Politil und Wirtschaft Schritt vor Schritt vorwärtszukommen suchen. ri War es stillschweigende Verabredung, war es die Tatsache, daß Parteireden selbst in Not und Gefahr nur einmal gehalten werden — von der Krisis in Palästina wurde iu der Generaldebatte zwar gesprochen, aber nicht mit der Ausführlichkeit und Gründlichkeit, die zu erwarten war. Rücksicht nach außenhin wäre unnötig gewesen; denn wer nicht gerade dauernd auf der Ofenbank schlaft, ist doch mit der Lage int Heiligen Lande allmählich vertraut geworden. So ist verständlich, daß Bert Katzelson aus Tel Aviv nun der Führer der Poale Zionisten — des „arbeitenden Palästinas" — als „unverständlich" dezeichnete. „was hier gesprochen werde". „Sowohl der Inhalt." fuhr er fort, „wie die Form sind mir fremd. Der äußerliche Charakter der Sitzungen und die Form der Reden entspricht nicht dem Geist unserer Bewegung. Tie Ruhe entspricht nicht der wahren Lage des Zionismus und der Arbeit in Palästina." Gewiß wird darüber heftig in den Kommissionen gestritten und eifrig beraten werden, in denen, wie Ludwig Holländer in diesen Blättern schon beim Wiener Kongreß 1925 zutreffend aus führte, alles Entscheidende unter Ausschluß der Oessentlichkeit vorgeht. Vielleicht bringen auch die letzten Vollsitzungen des Kongresses ein wenig mehr Licht über die Lage. Wo blieb bisher der Redner, der einmal großzügig. erschöpfend, übersichtlich die Ursachen der Krisis fesistellte, die Tätigkeit der Zionistischen Exekutive, ihre Leistungen, ihr Versagen dabei heraushob? Ten über 8000 Arbeitslosen, um von den Kurzarbeitern, von den so vielen schlecht gestellten Händlern und Kaufleuten gar nicht zu fprccfjcn. muß — W e i z m a n n bat deu Kongreß flehentlich — geholfen werden. Ein tiefer Blick in ihre Lage, in die inneren Zusammenhänge müßte solcher Hilfe, falls sie überhaupt durchführbar ist. vorangehen. Auch wer entschiedener Gegener des Nationaljudcntums ist, wird herzlich wünschen, daß den schweren Leiden der Tausende Arbeitsloser ein Ende bereitet wird. Als Leistung zu buchen ist, daß sich diese armen Menschen trotz nicht zu übersehender gelegentlicher Ausschreitungen in ihr Los fügten, daß diese kleine, al>er kräftige Armee den Ohrenbläsern des Sowjetstaates, der nicht nur in China und Amerika an der Arbeit ist, bisher sich verschlossen hat. Wehe dem gesamten Siedlungswerk, wenn Sichel und Hammer die Stunde regieren! Wer versteht nicht den befehlsartigen, die Herzen erschütternden Mahnruf: „Der Kongreß geht nicht auseinander, bevor nicht den Arbeitslosen geholfen i st!* III. Marnher von uns erinnert sich noch der Paläslinahoffuung Maienblüte etwa vor sieben Jahren. Ter jüdische autonome Staat unter Englands Oberhoheit schien erregten, gegenwartsfremden Zionisten eine Frage von Wochen. Was selbst eilt so ruhiger, verantwortnngsbewußter Mann wie Arthur Ruppin damals durchzusetzen hoffte, schilderte er mit frohlockender Feder in seinem „Ausbau Palästinas". Ter Reif der Frühlingsnacht ist nicht heute erst auf diese üppigen Blüten gefallen. Tie kleine Heimstätte, die zu erreichen trotz allem eilt Kabinettstück zionistischer Politik bedeutet, muß vor der Gleichgültigkeit der Mandatarmacht geschützt werden. Das ersehnte Freitand wird nicht ausgeliesert. Jeder Fortschritt muß den englischen Behörden — oh, diese saumselige Dureaukratie! — abgetrotzt werden. Sollten wir mit der Patästinaregierung etwa brechen? Welch Wahnwitz, sagt der bedächtige Weizmann mit Recht. Zn ungleich wäre die Kräfteverteilung. Und barum Kleintarups, Kleinarbeit, Geduld, Routine und die Methoden — welche verblüffende Genugtuung! — die bewährten des — Central- Vereins, die in solcher .Lage die allein möglichen sind. Ta werden Vorstellungen erhoben, da werden Eingaben gefertigt, da werden eiisttußrciche Persönlichkeiten besucht und unterrichtet, da werden Aufklärungsbroschüren verbreitet, da.werden die gleichen Methoden an einem oft gar nicht unserem Arbeitsgebiete so unähnlichen Gegenstand erprobt. Ries nicht ein gewisier „man" vor einiger Zeit und manchmal recht hämisch: Ihr Herren vom C. V. kuriert au Symptomen! Ihr Flügellahmen könnt euch nie über eure Kärnerarbeit in leuchtende Gefilde erheben. Wir wißen, biefe Vorwürfe schießen am Ziel vorbei. Aber welche trockene Arbeit, die wir gewiß nicht herabsetzcn wollen, muß die Zionistische Exekutive in Palästina verrichten? Kleinarbeit! Sie muß gegen Symptome angehen, wird auch mit neuen Anregungen und Wünschen (wie der C. V. auf seinem Gebiete) kommen, — die himmelstürmenden Taten — vielleicht sind sie, sagt Weizmann, einer späteren Zeit Vorbehalten. „Ich kann solche Wunder nicht vollbringen." IV. In dieser n ü-ch t e r e n G r u n d fr i m m u n g tft der Kongreß auch weit empfänglicher für die Erkenntnis. daß nach sieben Jahren Wirtschaft aus dem vollen, nach den zahlreichen kostspieligen, oft überflüssigen Experimenten, besonders korporativer Natur, nun endlich der unerbittliche Rcchenstist des Kaufmanns zu Ehren kommen muß. Welche Lorbeerkränze würden den nicht beneidenswerten Fmanzdiktator zieren, der ohne programmatische Handfesseln das einzig mögliche Programm der Konsolidierung auf Grund der Bankeingange rücksichtslos durchsührte! Was Weizmann, was seine Anhänger und auch manche, die nicht imnter seine Fahne Hochhalten, was die deutschen Zionisten unter Kurt Blumenfelds Führung wünschen, ist, trügt nkcht alles, solches Vorgehen, das sie vielleicht nicht so kraß formulieren. Aber wie groß ist davon wirklich dar Unterschied von der Forderung nach „V e r a n t w o r t u n g s p o l i t i k", nach Konsolidierung! Ob ein so zugeschniuenes, beträchtlich verkleinertes Budget für Palästina den Kongreß passieren wird, werden die nächsten Tage lehren. Wie mich immer, die Geburt wird nur unter Blitz und Donner verlaufen. Und selbst dann muffen die Nichtzionisten, so sie wollen, beispringen, ist mit anderen Worten die Schaffung einer neuen Jewish Agency, um die mm schon seit Jahren der Kampf hin und her wogt, unvermeidlich. Tiefes Problem, das anscheinend, rvcnn Weizmann richtig verstanden wurde, in nächster Zeit an das nichizionistischc Judentum der verschiedenen Länder in zwingender Form herantreten wird, wird demnächst gesondert zu behandeln sein. V. Und mm die Gretchenfrage. Wie hält es der Kongreß ut 11 der nationalen Idee? Hier klafft der unüberbrückbare Spalt zwischen dem Zionismus und uns. Zwar können alle Einheitsbeteuerungen auch auf dem Kongreß die sich scharf ausprägenden kulturellen Verschiedenheiten zwischen Ost- und Westjudentum nicht überspannen. Und weder haben dreißig Jahre Zionismus im ^Galmh" noch in Palästina selbst die nationaljüdischen Herzen so verschmelzen können.