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Central-Verein-Zeitung · 1927-09-09 · 36 (9.9.1927) · p. Seite 510

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
6 (1927)
Issue
36 (9.9.1927)
Date
1927-09-09
Page
Seite 510 (sequence 2)
Language
German
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510 ein Haus baut, ist das etwas anderes; denn er schasst etwas, was wir nicht erwarteten und uns nicht vorstellen konnten. Und das, ist es einmal geschaffen, als neue Form nicht mehr aus unserem Vorstellungskreis zu löschen ist. Damit aber erst beginnt der Begriff der 'Kulturleistung, so wie ich sie verstehe. Und unterstrichen wird dieses Wort noch, wenn dieser Messel- Bau die Form ist für ein neues, auftauchendes Bedürfnis des Kleinhandels, das unerkannt halb schon vorhanden ist, halb erst geschaffen und geweckt werden must eben dadurch — durch diesen Bau. Auch ein Gemälde braucht keine Kulturleistung zu sein, aber ein Gemälde von Lieber m a n n ist es. Und daß es das ist, wird uns noch deutlicher, wenn wir es uns einmal vorstellen innerhalb der Malerei, der eklektischen deutschen Kunst jener Zeit, da es entstanden ist. Gin guter Arzt ist gewiß der Freund des Menschen; auch wenn er nur die vorhandene und überkommene ärztliche Erkenntnis verwendet. Aber die Kulturleistung beginnt erst dann, wenn er an dieser Erkenntnis sich nicht genügen läßt und neue Wege geht, wie ein Behring oder ein Ehrlich. Ter Leiter eines großen Bankhauses oder Konfektionshauses mag nicht ohne Verdienste sein, aber wäre er es nicht, so wäre ein anderer an seinem Platz. Die Kulturleistung beginnt erst dort, wo man neue H a n d e l s m ö g l i ch k e i t e n erkennt und a u s b a u t, und wo sich die Kraft findet, die sich mit ihnen eine Welt erobert. Also sagen wir in einem Schöpfer der AEG, in Eeheimrat R a t h e n a u. Das Wort „die Welt erobern" gibt hiervon eigentlich ein schiefes Bild. Man denkt dabei an Schützengraben und Trommelfeuer. Tie „Welt erobern" sielst die Welt vom Standpunkt des Untenverfers, der seine Macht vergrößert. Kultnrleistnngen aber gipfeln darin, dem einzelnen innerhalb der Gesamtheit erhöhte Lebensmöglichkeiten zu verschaffen, ihm zu Helsen, ihn reicher, unabhängiger, sein Leben glückhafter und qnatenloser zu machen. Und das kann ich ebenso tun mit einem Kunstlverk. einer Sinfonie, einem Gemälde wie mit einer elektrischen Glühbirne. Oder daß ich ihn lehre, seine Maschinen leichter zu betreiben und Wasserkräfte auszunutzen. Also Kulturleistung ist nicht das, was seinem Schöpfer nutzt, sondern das, was der Bereicherung und Lebenssiche ru n g der Allgemeinheit dient. Nicht das, was zerstört, sondern das, was aufbaut. Und deshalb ist das raffinierteste Giftgas keine Kulturleistung, aber die S t i ck st o s s v e r w e r t u n g durch Frank ist es. Ein Theaterstück, ein Roman, ein Gedicht braucht deshalb trotzdem keine Kulturleistung zu sein, auch wenn sie von Tausenden und aber Tausenden ausgenommen werden, sondern auch dann ist es nur eine mehr oder minder wertvolle und nötige ästhetische Funktion innerhalb jener künstlerischen Werte, die geschaffen werden müssen, um den Bedarf einer Zeit und einer Nation zu decken. Es ist jedoch deshalb durchaus kein Grund, davon schlecht zu denken! Ein Land wie Dänemark zum Beispiel — das keinen Romankitsch kennt! — produziert jährlich mindestens hundert Romane von gutem künstlerischen Niveau. Aber kaum einen trotzdem, auf den die Signatur „Kulturleistung" passen würde. Aber ein Stück von Schnitzler oder Ster n heim, ein Gedicht von Werfel, ein Roman von Doeblin ist oder war eine Kulturleistung wegen seiner neuen und überzeugenden Kunstform, seiner neuen, seelischen Möglichkeiten, und, weil in ihnen Dinge, die damals dem Heute und Morgen angehörten, zum erstenmal sich künstlerisch auskristallisiert haben. Ob das ein Bruderschaftsgefühl ist — das in einerrussischen Staatsidee später den Urgrund bildete! —, wie in Werfels „Weltsreund"; oder ob das die Unberechenbarkeit der Massenseele und der Massenpsychose ist, die wir bald genug so kennenlernen sollten, wie sie in Doeblins „Sprünge des Wan Lun" vorgcahnt war. Also, das ungefähr verstehe ich unter Kulturkeisrungen . . . ja noch weiter: es sind eigentlich die, die zwar ganz in der Wesenheit einer Nation wurzeln, aber weit über diese Nation hinaus übernationale Weltgeltung haben. Flaubert, Balzac, France sind Vollblntfranzosen, aber ihr Werk ist eine Bereicherung und Weiterbildung der Weltseele der Literatur gewesen, sowie Dostojewski, H a n s u m, sowie der Roman eines G a l s w o r t h y oder ein W e d e k r n d, den Japan hellte mehr verehrt als Europa. Ich persönlich habe, solange ich mich erinnern kann, eine fanatische Verehrung für die Kulturleistung gehabt, für die Leistung einzelner, die schöpferisch und unerwartet ist und die das Dasein aller bereichert und erhöht. Wnb damit Hand in Hand gehend habe ich eine tiefe und, wie ich zugebe, unberechtigte Gleichgültigkeit gegen jede anständige und hochwertige Normalleistung stets gezeigt, tmb am meisten gegen eine solche, die mit einem Posten, einer Stelle, einem Berns verknüpft ist. Meine sehr geringe Achtung vor allem Bonzentum, ob es in der Wissenschaft, in der Partei oder in der Kunst isß^rührt daher. Mich reizt — Signatur und Erbschaft meines Stammes! — nur die Weiterbildung, das Schaffell und Auskundschaften neuer, noch nicht ausgemünzter Möglichkeiten: ob im Handel, im Recht, in den Nnturwisse'.ischasten, in der Politik oder im Staatsleben, das heißt: mich reizt das, lvas eilte wirkliche Weiterbildung, eine Verbesserung jeder Unzulänglichkeit des Einzeldaseins wie des Gemeinschaftslebens bedeutet oder auefj nur in Aussicht stellt. Für jene aber, die sie hervorbringen und die die schwere und unpraktische Karre der Welt weiterschieben, habe ich von je eine solche Verehrung, daß mir die Stimme zittert, wenn ich nur von ihnen spreche. Leistung, und zwar persönliche, nicht erwartete Leistung, imponiert mir maßlos, und ich beurteile alles nach ihr. Sie ist mir ein Freibrief für seinen Schöpfer -- komme, was mag. Und wenn ich mich in den letzten Jahren mehr für fcen deutschen Juden als „Rassewesen" interessiert habe, denn vordem — denn, um es nur einzugestehen, meine anderen Verbindungen zum Judentum sind reichlich locker —, so liegt dcw nur daran, weil mir stärker und stärker zum Bewußtsein gefontmen ist, welche Summe von Kulturleistungen, die für Deutschland in der Welt warben, in den letzten dreißig bis fünfzig Jahren gerade ans dieser kleinen Gruppe von Menschen emporgewachsen ist, aus jener, aus die heute so viel Steine von Haß und Verachtung geschlendert werden, nämlich aus uns deutsche Inden. Reihen von Namen, von M esset bis Einstein, habe ich im „Doppelten Spiegel", der an dieser Stelle zuerst erschien, aus allen Gebieten zusammengestellt, aber sie ließen sich mühelos verdoppeln, diese Reihen. Tie Welt ehrt heute einen L i e b e rma n n. Unter den besten Schriftstellern Deutschlands unb Oesterreichs sind Dutzende jüdischer Herkunft. Reihen von Mathematikern, nicht nur Einstein, sind Juden. Die gesamte neue Form der Psychotherapie — gleich wichtig als Erkenntnisfortschritt denn als Bekämpfung geistiger Erkrankung — ist von einem Juden geschaffen und von Juden weiter ausgebaut worden usw. Tie Namen allein aus allen Gebieten würden weiten füllen . . . Nein, wenn mich eines überhaupt an das Judentum glauben macht, neben seiner menschlichen und überstaatlichen (nicht antistaatlichen) Eesamteinstellung, so ist es die Summe von in die Zukunft der Menschheit weisenden K u l t u r l e i st u n g e n, die mit so vielen seiner besten Namen heute verknüpft ist und die sich über alle Gebiete der Kunst, der Wissenschaft und des Lebens verbreitet. Rumänien tvill eins Anleihe Misrörmgen. Die Bemühungen Rumäniens um Unterbringung einer Anleihe in Deutschland gehen weiter. Wir haben schon wiederholt die bedrängte Lage der Inden in Rumänien geschildert und auch schon im Zusammeuhange mit den Judenverfolgungen dort zu den Bemühungen Rumäniens, die Anleihe zustande zu bringen, Stellung genommen. So hat Paul Nathan noch am 31. Dezember 1926 in einem Aufsatz in der „E. V.-Zeitmig" geschrieben: „Wer dieses rumänische Svstern finanziell unterstützt, versündigt sich ebenso gegen 'die Humanität wie gegen den Geldbeutel jener, die er zur Hergobc von Kapital all einen Staat veranlaßt, der seiner Jugend bereitwilligst Krawalle, Plünderungen, wilde Brutalitäten, also anarchische Ausschreitungen gestattet. Wenn die öffentliche Meinung der zivilisierten Welt es will, kann sie ohne die Wei-steit schwerfälliger und lnit Verantwortung überreim belasteter Kadi,leite, ohne internationale Noten, ein segensreiches politisches Erziebungswerk <m Rumänien vollbringen. Für Staaten, in denen Besitz und Leben der Einwohner, gebildeter und ungebildeter, in Frage steht: feinen Pfennig, aus finanzieller Klugheit und aus Humanität." Das Joint Foreign Committee in London, das, wie wir bereits früher mitgeteilt haben, ebenso wie die deutsche und die amerikanische Judenheit gegen die Jndcuhetze in Rumänien Protest erhoben hat. hat jetzt in einer sehr interessanten Tenlschrist die erschütternden judenfeindlichen Vorfälle zufaimnengestellt, die sich in den letzten Jahren in Diuntamen zugetragen haben. In der gleichen Schrift ist auch ein Briestvcchsel wicdergegebcu, der zwischen dem Joint Foreign Committee und der rumänischen Regierung über diese Greuel geführt wurde. Die rumänische Regierung hatte nämlich, ähnlich wie das in dem Brief des MinisteNwäi identen Averescn an die deutschen

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