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Central-Verein-Zeitung · 1927-09-02 · 35 (2.9.1927) · p. Seite 503

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
6 (1927)
Issue
35 (2.9.1927)
Date
1927-09-02
Page
Seite 503 (sequence 7)
Language
German
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503 Neue Vorgänge im polnischen Judentum. Jüdisches Lebon und Leiden im Wilnaer Ghetto. — Neue charakteristische Ergebnisse der Stadtratswahlen in groszcn jüdischen Städten. — Neuerlich empfindliche Wahlniederlagen der Zionisten. — Der Stirrnuungsrirckschlag in Polen nach dem Fchlschlag in Palästina in voller Entwicklung. Wie berichtet, haben die letzten Wahlen in den Stadtrat in Warschau, erhebliche Verschiebungen innerhalb der jüdischen Parteien gebracht. Tie Bnndisten (jüdischen Sozialdemokraten) sind als stärkste Gruppe hervorgegangen, während die Zionisten von 26 jiidischen Dt an baten nur drei retten konnten, und dies auch nur durch Koppelung mit anderen Parteien. Tiefes Ergebnis ist für den Umschwung der Stimmung in Polen gegenüber dem Zionismus höchst charakteristisch. Inzwischen haben auch letztens in Wilna die Wahlen ins Stadtparlament stattgefunden, und in B i a l Y st o k stehen dieselben unmittelbar bevor. In Wilna bilden die Inden mit 80 000 Seelen rund45Prozent der Gesamtbevölkerung; diese Stadt ist der Mittelpunkt einer traditionellen jüdischen Kultur und zeichnet sich durch ein besonders reges jüdisches Leben ans allen Gebieten aus. Tie Idee des „Tor" (Organisation zur Ansiedlung von Juden in Polen) hat in Wilna ihren Ursprung und Hauptsitz. Tie bedeutendsten Werke ans allen Gebieten des jüdischen Lebens, in Literatur, Kunst lind Wissenschaft verdanken dem regen Geiste des Wilnaer Judentunis ihren Ursprung. Namhafte jüdische Bibliotheken, zahlreiche jüdische Gymnasien und Lehrerseminare, ja sogar jüdische Forschungsinstitute bilden ein charakteristisches Merkmal jüdisch-kulturellen Lebens in diesem Gebiet des polnischen Ostens. Tie Wilnaer Inden sind Gegner des Heüraismus (Tarbuth) und bedienen sich ausschließlich in Wort und Schrift der „jiddischen" Sprache, die dort schon sehr hoch entwickelte Formen angenommen und sogar eine eigene jiddische Grammatik gezeitigt hat. Die landläufige Bezeichnung des Jiddisch als Jargon lehnen die Wilnaer Juden mit Entrüstung ab. Jiddisch ist ihnen eine Art N a t i o n a l s p r a ch e. Einzigartig ist das Wilnaer Ghetto, ein ganzer Stadtteil, der hier noch alle Lebensformen des jüdischen Mittelalters unverfälscht bewahrt hat. Die Umwälzungen der Technik und der Geisteswipenschäften in den letzten Jahrzehnten sind an dem Wilnaer Ghetto scheinbar spurlos vorübergegangen: ganze Straßen durchziehen Bek¬ und Lehrhäuser, und in vielen derselben wird jahraus, jahrein ohne Unterbrechung bei Tag und Nacht gelehrt und gelernt. Tie letzten Wahlen haben in das jüdische Leben Wilnas starke Bewegung gebracht. Auch dort hat die für die Juden Kongreßpolens charakteristische Parteizersplitterung der Wahlbewegung ihr besonderes Gepräge gegeben. Gewitzigt durch die Warschauer Erfahrungen haben sich jedoch bj_e größeren Parteien zu einer ^Wahlgemeinschast znsammengeschlopen, während die jüdischen Sozialdemokraten (Bnndisten) jedes Zusammengehen mit anderen Parteien ablehnten und selbständig auf den Plan traten. Das zum Himmel schreiende Elend, unter welchem bis 90 Prozent der Wilnaer Judenschaft lebt, die Proletarisierung breiter Volksschichten durch den Weltkrieg und den darauffolgenden Bolschewikenkrieg brachte es mit sich, daß die jüdischen Sozialdemokraten den größten Zuzug aus dem Lager der völlig verarmten Kleinhandwerker und Taglöhner fanden.^ Jüdische Fuhrwerker, Lastenträger, Schwerarbeiter, Packer, Waperschöpfer u. dgl. nt-, die alle ein menschenunwürdiges Dasein führen, sind eine für den jüdischen Osten durchaus charakteristische Erscheinung. Tie jüdischen Sozialdemokraten haben sich so als stärkste Partei bewährt und konnten 3 Mandate erringen, die demokratische Bolkspartei gewann 2. der Kanfmannsverband und die Handwerker ebenfalls 2, während die Kleinhändler nur 1 Mandat erlangen konnten. Typisch für das Ergebnis der Wilnaer Wahlen ist der 'Niedergang der zionistischen Parteien, die nur in Anlehnung an die demokratischen Gruppen im ganzen 2 Mandate (früher 5) retten konnten. Tie zionistische Berichterstattung hat von einem Sieg der .,N a t i o n al e n L i st e" mit neun Mandaten berichtet. Aber während man in Deutschland unter einer jüdisch-nationalen Liste ganz eindeutig eine zionistische Wahlgruppe versieht, liegen hier die Verhältnisse grundverschieden. In Wilna wie überhaupt in den meisten Städten Polens sind fast 95 Prozent der Judenschaft jüdisch-national — aber nur der geringste Teil zionistisch, ja die meisten jüdischen Parteien, wie z. B. die Bundistcn, die Volkspartei, bie Demokratische Volkspartei usw., bekämpfen den Zionismus als Schädling des Judentums aufs heftigste. Tie „Nationale Liste" in Wilna setzte sich aus der Demokratischen Bolkspartei. dem Kaufmannsverband, dem Handwerkervcrband und dein Verband der Kleinhändler zusammen, und an diesen Block haben sich die Zionisten, die es heute schon nicht mehr wagen, unter eigener Flagge aufzutreten, angeschlossen. um im Wahlkampf noch zu retten, was zu retten war. Tiefe Gemeinschaft. die a u s s ch l i e s; l i ch zum Zwecke der Vermeidung einer Zersplitterung jüdischer Stimmen geschlossen wurde, bedeutet keineswegs eine Verquickung der Tendenzen der jüdischen Demokraten mit zionistischen Belangen. . Auck) das Wahlergebnis der ebenfalls stark jüdischen Stadt L u b - krn zeigt die neuen Wandlungen im jüdischen Volksleben Polens nach dem Fehlschlag in Palästina. Hier errangen die Bnndisten 8 Mandate, die Orthodoxen 3, die Volkspartei 2, die Zion: sten — die auch hier sich an die größeren Parteien angeschlossen haben mußten s i ch im Kompro m ißwege mit 2 Sitzen b c gnügen, während die Poale Zion links, die mehr konmnnnülhch als Zionistisch eingestellt ist, nur 1 Mandat erlangte. In Rowy Dwor erhielt der Bund 5, der Block der Zionisten, Agudisten, Volksparteiler und Kaustnannsverbände 6 Mandate, wovon auf die Zionisten ebenfalls i m Kompromißwcge nur 1 M a n d a t entfällt. Tie Zionisten wagerl heute unter eigener Kampfparole nicht mehr { in den Wahlkampf zu treten. In Luck (Wolhynien) sind sie unter dem etwas merkwürdigen Lchlagwort „Vertreter der Synagogen" aufgetreten. Unter den verelendeten Massen, die der Zusammenbruch in Palästina und die starke Rückwanderung verfehlter Existenzen in den letzten Monaten sehr empfindlich erfaßt hat, herrscht eine große Verbitterung gegen den Zionismus, der den Juden eine Zeitlang als die einzige und beste Lösung der Judensrage erschien. Dr. Fritz Stifter (Biclitzj. Ratholische Zeitfragen. Don Rabbiner Tr. Hahn (Essen). Tic Düsseldorfer Jesuitenpatres halten monatlich in etwa hundert Städten Teutschlands religiös-wissenschaftliche Vorträge. . Behandelt werden dabei wichtige Zcitsragen, soweit sie das religiöse Gebiet berühren. Ter Ertrag einer solchen Jahresarbeit liegt jetzt in zwei Bändchen „Z e i t f r a g e n" (Verlagsbuchhandlung Joseph Bercker, Kevclar) vor. Tie Vorträge führen in prägnanter Form in die wichtigsten Probleme der Jetztzeit ein und versuchen eine Lösung der strittigen Fragen auf Grund des Lehrgehalts der katholischen Kirche zu geben. Von besonderem Interesse für uns sind zwei Vortragsthemen des zweiten Bandes. Unter der Ueberschrist „Der völkische u n d biblische Gott" behandelt?. Fritz Pieper die Bestrebungen völkischer Kreise, die den Gott des Alten Testaments aus dem Bereich des Christentums entfernen wollen. Pieper zeigt, wie diese aus j u d e n feindlichen Gesinnungen hervorgcgangene Bewegung in Wirtlichkeit ch r i st e n t u m s feindlich ist. Tenn dm Schriften des Alten wie des 'Neuen Testaments kennen nur einen Gott. Tie Absetzung des mosaischen wäre darum gleichzeitig auch die Entthronung des christlichen Gottes. Für den aufrechten Christen unserer Tage könne es darum nur die Losung geben: Treue dem biblischen Gott! Weniger entzückt sind wir von den Ausführungen des Paters Ludwig Kösters über „A n t i s e m i t i s m u s und Christentum". Kösters stellt die Frage: Kann ein Christ Antisemit sein? Und er meint: „Tie Antwort läßt sich nicht mit einem glatten Ja oder Nein geben." Muß diese Stellungnahme bei einem Vertreter der Religion überraschen, so klingt die sich anschließende Behauptung noch merkwürdiger: „Der dogmatische Antisemitismus, der sich gegen die Lehre des Judentums richtet, ist für den Christen eine Selbstverständlichkeit." Erstaunt fragt man sich: seit wann ist die Wahrung der eigenen Auffassung, das Festhalten am eigenen Glauben gleichbedeutend mit — Antisemitismus? Hier liegt doch eine gefährliche Vegriffsumdcutung vor, die zu den schlimmsten Folgeerscheinungen Anlaß bieten kann. Solange es verschiedene Religionen gibt, wird cs auch verschiedene Glanbensformen geben. Ist man deshalb berechtigt, den Christen, der an seiner Lehre dem-Judentum gegenüber sesthält, zum Antisemiten zu machen? Heißt das nicht mit dem Feuer spielen? Hier wird offenbar um eines im Volk beliebten Wertes willen eine an und für sich selbstverständliche Situation zwischen Juden und Christen zu einer — antisemitischen gestempelt. Aehnliches geschieht, wenn im weiteren Verfolg des Vortrages die Frage: Kann ein Christ Anhänger des politisch-wirtschaftlichen Antisemitismus sein? folgendermaßen beantwortet wird: „Verstehen wir darunter den haßerfüllten Antisemitsmus nuferer Tage, so lautet die Antwort: Nein. Anders ist es, wenn dieser Kampf ans Haß und Unrecht verzichtet." Es wird nun das Schreckgespenst einer Vorherrschaft der Inden im politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Leben an die Wand gemalt. Dieser durch „Geschicklichkeit und Gewandtheit" erworbene jüdische Einfluß könne leicht zum Schaden des Christentums ausgenutzr werden. Der Christ habe daher die Verpflichtung, jeder wie immer gearteten Behinderung seines Glaubens und religiösen Lebens durch jüdischen Einfluß entgegenzutretcn — natürlich nur mit gesetzlichen und religiös erlaubten Mitteln. Es lohnt sich nicht, mit dem Verfasier über den angeblichen übermäßigen Reichtum der Juden und ihren besonders ausgeprägten Geschäftssinn zu diskutieren. Ein Blick in die gegenwärtige wirtschaftliche Lage der deutsche:! Jndenheit dürste ihn leicht von der Haltlosigkeit seiner Theorie überzeugen. Man greift sich aber an den Kopf und fragt sich, wo in aller Welt haben "Juden von Rcligions wegen Christen an der Entfaltung ihres Glaubens gehindert? Daß unter den Religionsgegnern schlechthin auch Inden zu finden sind, weiß jeder. T-abei handelt es sich aber, wie der Verfasser selbst sagt, um „entwurzelte" Inden, die dem religiösen Judentum vollständig entfremdet sind und mit christlichen Religionsverächtern dem Nntzlauben Vorschub leisten. Der religiöse Jude aber, der zu säst allen

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