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Central-Verein-Zeitung · 1927-09-02 · 35 (2.9.1927) · p. Seite 502

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
6 (1927)
Issue
35 (2.9.1927)
Date
1927-09-02
Page
Seite 502 (sequence 6)
Language
German
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:so2 Von völkischer Arbeit in Laien. Sie woAen das Land „erobern". Georg Herrmann und Daurat Blum haben an dieser Stelle auf die besondere Lage der Juden in Südwestdcutschtand, gerade im Hinblick auf unsere badische Heimat, hingewiesen, und sie mit historischen und soziologischen Gründen treffend belegt. Alan hat besonders hervorgehoben, daß in dem badischen „M u jtcr* ländle" die Beziehungen zwischen Juden und Nichtjuden, vor allen Dingen auf dem flachen Lande, weit enger sind als in anderen Gebieten unserer deutschen Heimat. Diese Tatsache findet ihren lebendigen Ausdruck darin, daß die badischen Juden innerhalb aller interkonfessionellen Korporationen und Organisationen zum Wohle der Gemeinschaft Mitarbeiten. Mau kennt den Juden und schafft einträchtig mit ihm zusammen als Volksgenossen. Er lebt daher nicht in der Phantasie der andersgläubigen Mitbürger als jener verrneintliche „gefährliche Drahtzieher", als der er gerade in den Gegenden angesehen wird, in denen keine Juden wohnen. Tie völkischen Wühler haben cs daher bei uns nicht so leicht, ihre Ammenmärchen zn verbreiten, besonders nicht auf dem flachen Lande, weil der badische Bauer aus einem natürlichen Empfinden heraus dafür schwerer zu haben ist. In einer der letzten Nummern des „S ü d w e st d e n t s ch e n Beobachters", des „Kampfblattes" der Nationalsozialisten von Württemberg und Baden, glaubt daher ein unbekannter Verfasser seiner Empörung in übelsten Beschimpfungen der beteiligten Personen darüber Ausdruck geben zu müssen, daß in einer kleinen Landgemeinde Unter bade ns ein Glaubensgenosse anläßlich feiner goldenen Hochzeit die schönsten Ehrungen fast der gesamten Einwohnerschaft erfahren konnte. Der protestantische Geistliche und der Bürgermeister werden als „Judcnknechte" und mit ähnlichen Ehrenausdrücken bezeichnet. Nachdem die Organisation der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei in Baden während der letzten Jahre straffer durchgeführt worden ist, wird nun der Haßfeldzug mit den üblichen Nutteln geführt. Getreu nach dem System, das Dr. I. G o e b b e l s in seiner Broschüre „Wege ins dritte Reich" empfiehlt, versucht man in dem Gau „einige wichtige Hochburgen der Bewegung zu erobern, von wo man dann, ungestört "im Besch der Macht und der Straße, die Arbeit auf das platte Land ausdehnen kann". Es ist unzweifelhaft, daß man sich daher mit aller Energie daran gemacht hat, in verschiedenen Städten unseres Landes, wie z. D. E b e r b a ch, W e i n h e i m , Fuß zu sagen. Hauptsächlich von diesen Zentralen werden die Redner zur „Aufklärung" hinausgeschickt Vor allen Dingen ist es ein entlassener Lehrer Lenz, der die Bevölkerung mit Themen wie Dauern- und Arbeiterelend" belehrt. Jnteregant in der Beweisführung unserer Gegner ist die Tatsache, daß wirtschaftliche Fragen die Hauptrolle spielen. Mit hochgelehrten Rassetheorien, Ritualmordmären und dergleichen kommen sie bei unserer ländlichen Bevölkerung nicht weiter. Das wissen die Herrschaften. Sie können auch die Beschimpfungen von der „Drückebergerei" dem Unbefangenen nicht anfbinden, beim so manches Ehrenmal für die gefallenen Söhne der Dörfer und Städtchen weist mehr Namen von jüdischen Helden als die ersorderliclze ..Prozentuorm" aus. Daher werden von den Nationalsozialisten Tinge vorgetragen, die nicht so leicht kontrollierbar sind, Vorgänge, über die sich der gewöhnliche Mensch naturgemäß nur schwer ein Bild machen kann. Was kann der einfache Bauer von der Technik dos Bank- und Börsenwesens und von den schwierigen Problemen der Wirtschaft wissen, um nur so leichter zu glauben, daß das „internationale jüdische Kapital" an allem Unglück schuld ist. Diese Ausführungen können die „Aufklärungsarbeit" nur in großen Zügen wiedergcben. Auf die nicht minder gefährliche Kleinarbeit der "Nationalsozialisten soll nicht eingegangen werden. Andere auf völkische Weltanschauung verpflichteten Verbände spielen bei uns in Baden eine untergeordnete Rolle. Dafür haben cs aber die Hitler-Leute, das muß zugegeben werden, fertiggebracht, an einzelnen kleineren Plätzen durch starke Versammlungstätigkeit Fuß zu fassen. Es gibt einige Dörfer, ivie L i e d o l s h e i m (bei Bruchsal), Altlußheim (in der Mannheimer Gegend), in denen ihr Einfluß in der Gcmeindepolitik auch zahlenmäßig zum Ausdruck kommt. Sie scheuen sich nicht, mit üblen Angriffen gegen die Führer anderer Parteien zu arbeiten. Sie -naschen alle schmutzige Wäsche, die es zufällig im Rathaus, in der Gemcindepolitik, irgendwann zu waschen gibt. Wir b a d i s ch e n I u d c n werden unsererseits alles tun, um Klarheit in die Köpfe zu bringen, um unseren rücksichtslosen Feinden das Handwerk zu legen, die nunmehr auch bei uns mit Eifer sich bemühen, Haß in eine Gemeinschaft zu bringen, wo er bisher keinen Platz hatte. Wir fürchten uns nicht vor den Schmähungen derer, die sich so gern mit dem Npmbns der „edlen Kämpfer für das ko m m ende dritte R e i ch!" umgeben. Unsere Freunde aus dem Reich mögen aus diesen Vorkommnissen die Lehre ziehen, daß ohne unsere unermüdliche Aufklärungsarbeit selbst in den Gebieten unserer deutschen Heimat die systematische Wühlarbeit sich auswirken muß, in denen Juden und Nichtjuden in bestem Einvernehmen bisher zusammenlebten. Dr. Josef Weil (Karlsruhe). Reichenhall — Harzburg — Rijsingen. Kein Betätigungsfeld für Störenfriede. Harzburg, Ende August. Da gibt es einen nationalsozialistischen Abgeordneten Tr. Buttmann im bayrischen Landtag. Jede Rede muß ein ^ck-lager sein. Wie könnte er sonst ans die Tauer das Agitationsbedürsnis befriedigen! Zur Abwechslung verliest er zwei Zuschriften aus einem sehr schönen Fleckchen bayrischer Erde. Schauermärchen über das Leben und Treiben jüdischer Kurgäste in Reichenhall. Einer der Lchrciber macht aus seinem Herzen keine Mördergrube: „Es wäre zu wünschen, daß Hitler einmal hicrhcrkämc und den Leuten ein Licht aussteckcn würde."_ Neichenhall Hitler-Paradies? Wie kann man sich solchen Zukunftshojfnungen hingebcn! In Reichenhall gibt es nur Kurgäste. Nach der Konfession wird n i ch t g e s r a g t. Tie heilende Wirkung des Klimas und seiner Kurmittel wird niemandem vorenthalten. Man will lediglich der leidenden Menschheit Helsen. Für die an Agitationsstoss leidende Hitlerei hat die Kurverwaltung wirklich nicht viel übrig.. In Harzburg haben die Hakenkreuzler scheinbar die Hoffnungen zweier biederer Neichenhaller Bürger in Erfüllung gehen lassen wollen. Aber auch hier war kein Betätigungsfeld für Störenfriede. Es ist ganz eigenartig: sehr viele jüdische Kurgäste in Harzburg haben von dem gewaltigen Aufruhr der Hitlerianer dort gar nichts geivußt und haben Einzelheiten erst auf den! Umweg über die Berliner Presse erfahren. Solch Ueberfall kann, wenn bei der Verwaltung wirklich der gute Wille besteht, das schöne Harzburg nicht zu einem politifä)en Kampfplatz zu machen, nur einmal möglich sein. Stadt und Kurverwaltung haben mit großem Bedauern erklärt, daß der Haczburgec Friede böswillig gestört worden sei. und versichern, sie könnten nicht noch ein zweites Mal überrumpelt werden. Warum sollen wir solchen Versicherungen nicht glauben? ^(ffo das nächste Jahr ruhig wieder nach Harzburg. Es gehört kein großes Kunststück dazu, mit den kleinen Gernegroßen fertig zu werden. Und wenn sie wissendes wird Ernst gemacht, vergeht ihnen das Wiederkonunen. Da ist schließlich in Bad Kissingen ein streitbarer Uhrmacher, dessen Rame seit Jahren christlichen und jüdischen Kurgästen bekannt ist. Er hat es in den Vorjahren ein wenig toll getrieben und sich nicht nur aus Hakenkreuzauslagcn beschränk:, sondern sich auch als Ieitungserpeditiou für völkische Hetzblätter etabliert. Alan hat ihm in aller Ruhe, aber mit der notwendigen Entschiedenheit das Handwerk gelegt, und er zeigt jetzt nur noch Riesenhakenkreuze. wie es sich für eine Partei der Armen und Aernuten gebührt, in Silber und Gold. Da aber alle vernünftigen Kreise in Kissingen entschlossen sind, sich auch dieses Provokatiönchen auf die Dauer nicht gefallen zu lassen, wurde, wie man hört, unter dem Druck der öffentlichen Meinung dem politischen Agitator der Laden gekündigt. Woraus deutlich ^hervorgeht, daß die jetzige Kurverwaltung und Bevölkerung der Stadt das wunderwirkende Weltbad Kissingen von lästigem politischen Kleinkram befreien will. Schweriner. Majewski vor dem Serufungsgericht. Das Urteil auf drei Monate Gefängnis bestätigt. In Nr. 22 der „C. D.-Zeitung" vom 3. Juni yaitcn wir berichtet, daß der „Schriftsteller- Florian Majewski aus Berlin-Halen fee. der „Schmied des Nibelungenring.tz", vom Schöffengericht Gharloitenburg wegen Gotteslästerung und Aufreizung zum Klaffenhaß zu drei Monaten Gefängnis verurteilt worden sei, vx'il er wie erinnerlich, -im September 1026, kurz vor den jüdistst.n Feiertagen, in der Druckerei des berüchtigten „Knüppel-Kunze" ein Gedicht „Tie Nationale" drucken ließ, das sich in von Vers zu Vers steigernden wüsten Beschimpfungen der Juden erging, und schließlich in der an das deutsche Volk gerichteten freundlichen Aufforderung gipfelt, „Juda auszurotten, die Juden rauszufegen, in das Weltonmeer hineinzujagcn" usw. Majewski hatte Berufung eingelegt, über die am 17. August verhandelt wurde. Majewfki, der mit vielen Zitaten, unter ungeheurem Wortschwall seine Verteidigung führte, hatte, wie die meisten Angeklagten seiner Richtung. nicht den Mut, frei und offen zu seiner Tat zu sichen. Gr b e - stritt die Absicht der Gotteslästerung und bczcichnctc fein Gedicht als eine w i sse n sch a f t U d) e Abhandlung, die beweisen solle, daß Gott und der ^atan im „Alten Testament" identisch sind. Zum Lchluge feines Plädoyers berief er sich daraus, er habe „berechtigte Interessen" der germanischen Rasse gegenüber dem. Judentum loahrgenommen, dessen „übermäßige Macht" kürzlich auch in cineul Urteil des Reichsgerichts festgestellt sei. Gr meinte offenbar das viel erörterte, und von uns eingehend besprochene Urteil des Reichsgerichts vom 23. Juni 1923. Gin Reichsgerichtsnrteil als Rechffertignugsgrund für Gotteslästerer und Vvlksvcrhctzer . . . treffender können die gefährlichen Folgen einer derartigen Judikatur nicht dargetan werden. Der als Zeuge vernommene Sachbearbeiter des Eentralvercins legte den: Gericht das schwere religiöse Aergernis und die starke Beunruhigung dar, die durch die .Hetzereien des Angeklagten in der jüdischen Bevölkerung hervorgerusen wurden. Auf Antrag des Staatsanwalts, der betonte, der Angeklagte sei ihm schon aus ähnlichen Straftaten bekannt, kam das Gericht zu einer Bestätigung des ersten Urteils. In einer meisterhaften Urteilsbegründung legte der Vorsitzende dar. daß Hetzereien dieser Art, namentlich wenn sie kurz vor den jüdischen Feiertagen verbreitet Norden, geeignet und auch wohl dazu beftimnit sind, eine „Pogromstimmung" zu schaffen und schwere Beunruhigung in weite Kreise der Bevölkerung lzineinzutragcn. Die Tat müsse deshalb streng bestraft lv-erdcn, ebenso die von dein Angeklagten begangene Gotteslästerung, die sich als eine schwere Verletzung des durch § 166 R.St. G. geschützten religiösen Gefühls der Angehörigen der jüdischen Religionßgemeirrschast darstelle.

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