Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 6 (1927)
- Issue
- 34 (26.8.1927)
- Date
- 1927-08-26
- Page
- Seite 492 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Politik Mö LeihsMschafi. Arnold Zweigs „Caliban"*), besprochen von Leopold v. Wiese, ordenilichem Professor an der Universität Köln. Wie schwer ist es, ein Buch mit Kritik anzuzeigen, daß im Leser so sehr den Eindruck der Zwiespältigkeit hinterlüßt wie dieses hervorragende Werk. Wieder ist mir klar geworden, daß gerade unter den geistig und sittlich hervorragendsten Persönlichkeiten der Gegenwartsehr viele unharmonische, zerrissene und widerspruchsvolle Menschen find. In diesem Buche stehen Lätze, bei denen man dankbar und erleichtert ausatmet, daß sie gesagt und daß sie so gesagt werden. Reife, Weisheit, Lebens- und Menschenkenntnis, dabei Menschenliebe und ethischer Wille geben sich in ergreifender Weise kund. Dann aber muß man erleben — es ist ein schmerzliches Erlebnis! —, daß fick derselbe Schriftsteller, der so sehr die Hemmungslosigkeit der Affekte tadeck, ganz hinreißen läßt zu Fehlern, die er vorher ausrotten möchte. Er erscheint dann ganz undiszipliniert, geschwätzig und unlogisch — derselbe Mann, der einige Leiten vorher in wenigen Worten einen wundervoll klaren und reinen Ausdruck für eine letzte, reise Erkenntnis gefunden hat. Ein schwerer Widerspruch durchzieht das ganze, fesselnde Buch. Es hat zwei Themen, von denen nur das eine vom Verfasser programmatisch ausgesprochen wird. Diese beiden Gegenstände werden von Zweig, entsprechend ihrer kraß gegensätzlichen Art, mit ganz verschiedenen Tarstellungs- und Wirkungsmitteln behandelt und durchgeführt. Es sind dies nicht etwa zwei äußerlich erkennbare, gesonderte Teile; sondern die Leiden Grundfragen gehen beständig durcheinander und lösen sich manchmal auf derselben Leite, dem naiven Leser unbemerkbar, ab. Arnold Zweig gibt — das ist das eine — in der Tat einen Versuch über die menschlichen Gruppenleidenschasten, dargetan am Antisemitismus. Er behauptet von seinem ganzen Buche, es sei ans „methodischem, ganz voraussetzungslosem Denken" (S. 11) geschrieben. Es habe „ctwas mit philosophischer Wissenschast zu Lun" (>L. 12). „Wenn sich, was ich wünschte, Wissenschast der hier niedergck egten Ideengänge bemächtigte, um sie nachzuprüfen und zu belegen oder zu zertrennen, so wird eine genüge Freude sich in mir rühren." (S. 12.) Dafür fehle aber dem Buche „die sprechende Freiheit und Helle Bosheit des Wortes". Dtcen „sollte das Buch methodisch nehmen, nämlich vom Anfang bis rmn Ende als einen Gcdankenzug. Trotz aller Abschweifungen geht es seinem. Thema, seiner bescheidenen Entdeckung, mit der zähen Treue des beharrlichen Liebhabers nach", behauptet sein Schöpfer. (S- 13.) In der Tat enthält es — zwar keine „Entdeckung" — das ist ein Irrtum —, aber eine sehr anschauliche, überzeugende und überwältigende Ausweisung der Entstehung und Betätigung von Gruppenkeidenschoften, deren beide polare Hauptvrterr Zweig Differenz- und Zentralitätsaffekt nennt; dort der Affekt der Abstoßung des zur Leidenschaft gewordenen Verschiedenhertsbewußtseins, hier — sein Komplement — der Mittelpunkts-- Wahn, die ,charan gebundene lleberbetonung der Wichtigkeit und Vollkommenheit der eigenen Gruppe". Ueberzeugend (ich teile darin Zweigs Meinung völlig und Habe das gleiche oft genug ausgesprochen) wird dargetan, da§ es sich dabei um die eigentliche Krankheit der europäischen Gegenwart handelt. Es wird, nicht minder richtig, der Antisemitismus aus dieser Unreife des Gruppenlebens erklärt. Was hier an Fülle der Beispiele gegeben wird, was vor allem über die allmählichen Heilungsmöglichkeiten durch religiösen Ernst im Gruppenleben, durch Hingabe an die Idee der Menschheit gesagt wird, ist wahr, tief und doch auch lebensnah. Ich las diese Latze gerade in einem Zeitpunkte, in dem ich selbst für den zweiten Band meiner „Allgemeinen Soziologie" über das Verhältnis des Menschen zu den Gruppen und Körperschaften zu schreiben begonnen hatte. Und es erfüllte mich mit Freude, aber auch mit dem Gefühle eines leichten Schrecks, daß ich auf einigen Seiten (L. 50 bis 65, S. 275 bis 289) genau das gesagt fand, was ich mir auszusprechen vorgenommen hatte, und ich bekenne gern, daß ich bei Zwerg einiges über SruPPenleidenschaft farbiger, lebendiger und anschaulicher gesagt fand, als ich es mir selbst zu sagen zuaetraut hätte. Ich fühlte mich in der Auffassung und Lebensdeutung hierbei dem Verfasser eng verwandt. Inhalt und Form dieser Gedankenäußerung vermöchte ich schon deshalb nur anzuerkennen, weil es mir Vorkommen muß, als wenn es sich um die Formung meiner eigenen Gedanken handelt. Bon diese m. (leider sehr viel kleineren) Teile des umfangreichen Buches kann der Verfasser mit Recht sagen, cs sei kein „Politisches" Buch kein Kampsbuch „gegen", sondern ein Lach- und Kampfbuch „über" (S. 14). Aber dasselbe Werk ist in seinem bei weitem größeren Teile alles das nicht, was der Verfasser von ihm aussagt. Mit jenem Teile ist eine politische Streitschrift ersten Ranges verknüpft, die etwa den Titel tragen könnte: Das jüdische Volk als das vollkommenste der Erde, oder: Juda über alles, oder: Völker Israels, wahret eure heiligsten Güter! Es ist ein Dokument des jüdischen Rationalismus, und der Verfasser entpuppt sich als ein Treitschke des Judentums! All das, was eben noch bei den Richtjuden positive oder negative Vorzeichn auszuweisen hatte, wird nunmehr in die entgegengesetzte Wertung gewandelt. Jene abscheulichen Affekte stellen sich mit einem Male als Tugenden des Willens zur J) Arnold Zroeig: „Lalidan oder Politik und Leidenschaft, Versuch über die menschlicher! Grllppruleidrnscliaften. dargetan am AnnsemiUsmus." Berlin 1927, Gustav «iexercheucr. ZöS Zeilen. Preis in Leinen gebunden 10 Mark. Macht dar. Zweig, der liebende und verstehende Mensch, wird nun zum kräftigsten Hasser, der Kosmopolit und Menschheitsdiener wird völkisch, sieht nur blendende, eigene Gruppenvorzüge und alles Unrecht aus der anderen ^eite. Und das ist erschütternd und schmerzlich. Bei jedem anderen Autor hätte ich mir gesagt: er leidet an der Blindheit seines Zeitalters; legen wir's zu dem übrigen. Aber Arnold Zweig! Dabei ist es so charakteristisch, daß nunmehr auch das Buch in diesen Abschnitten als geistige Leistung schlecht wird. Es wird weitschweifig, ermüdet durch endlose Wiederholungen, die dabei stets matter werden; nirgends kann der Verfasser einen endgültigen Punkt machen, sondern greift, wie vom schlechten Gewissen geplagt, dieselbe ^ache wieder und wieder aus, erhitzt sich, überschreit sich, springt von einer Frage zur anderen über und widerspricht sich geradezu grotesk. Ter Verfasser erzählt, daß Münchener Freunde die Arbeit angeregt haben. Hat keiner von ihnen das fertige Manuskript gelesen? Hat keiner ihm gesagt, daß das Buch so, wie es jetzt abgeschlossen vorliegt, unarchitektonisch, unharmonisch geworden ist? Aus den fast 400 Leiten hätten zwei packende Schriften von je 50 Leiten werden müssen, eine wissenschaftliche Abhandlung und — meinetwegen — eine politische Kampfbroschüre: aber um Gottes willen: getrennt voneinander! Anscheinend sind viel zu viele alte Manuskripte mit ausgenommen. Alles, was auf S. 290 folgt, könnte ganz fehlen, weil es aus den vorausgehenden Leiten schon besser gesagt worden ist. Wie von seinem (in manchen Partien so glänzenden) Romane „Alle gegen Einen" kann man auch von diesem Buche sagen, daß es viel zu lang ist. Ich glaube zu verstehen: Zweig wollte seine politischen Forderungen an die Juden in Kopf und Gewissen hämmern; er mochte sich gesagt haben, daß man es „dreimal sagen muß" (aber doch nicht 30mal), daß nur Wiederholungen sich dem Gedächtnis der stumpfen Massen einprägen. Aber kommt es nicht auch etwas aus die weniger schwerfälligen und Begrisfsgewandteren an? Doch diese formalen Einwendungen wiegen nicht so schwer wie 'der Umstand, daß die Zwiespältigkeit des Inhalts der einen wie der anderen Sache schadet, und daß seine Freunde Aergernis an ihm nehmen müssen. Ich kann einen Verdacht nicht kos werden und will ihn hier lieber offen aussprechen: hat Zweig vielleicht — nein, es wird ihm nicht zum klaren Bewußtsein gekommen'sein; aber mau spürt, daß von da eine gewisse Unsicherheit des Autors entsteht — gemeint, daß man den Kredit, den man seiner Sachlichkeit und Wissenschaftlichkeit aus Grund des einen Teils seiner Darlegungen gern gewährt, stillschweigend auch dem anderen gewähren und seine Behauptungen aus „dem zweiten Teile" als ebenso sachlich hinnehmen würde? Das würde ein Mangel an intellektueller Ehrlichkeit fein, der gerade bei diesem prachtvollen Menschen sehr schmerzlich wäre. Doch ich muß das, was ich zunächst mehr Lhesenhast eingewendet habe, zu begründen suchen- ' ■-«- Einige Widersprüche biegen wörtlich vor: Skm_ dem Buche, das (L. 14) kein politisches Buch genannt wird, muß ('-Lr. 251) eingrräumt werden: „obwohl dies ein politisches Buch ist . . Bon den Juden wird (ä. 41) gesagt, daß sie „in zweitausend Jahren nicht an Rache" gedacht hätten, aber (L. 123) dargelegt: „Sie hätten von übermenschlicher Geduld, Reinheit, Unangreifbarkeit und Menschlichkeit fein müssen, wenn sie nach all den Mißhandlungen, Feindschaft nicht mit Feindschaft hätten bezahlen sollen." Ferner: „Aber so dringlich", l>cißt es (S. 135), „diese Aufgabe nach einem Sachwalter und Diener ruft, der z. B. dem Judenvolke endlich einmal sein Bild zeigt: hier ist keinesfalls der Ort ihrer Lösung." Und doch wird gerade m den vorausgehenden und vielen nachfolgenden Seiten diese Ausgabe (von S. 121 „Und die Juden?" an) durchzuführen gesucht. Lft wird ausgesprochen, der Antisemitismus fei keine „zentrale Angelegenheit" für die Juden, sondern eine Frage dritten Ranges; cs lohne sich kaum, sich mit ihm ernsthaft zu befassen; das Wesen der Juden sei das große Problem. Dann aber wieder wird stark betont, es handle sich dem Verfasser lediglich Müi die Aufhellung der negatiren Kräfte des Antisemitismus; dieser allein stehe zur Diskussion. Aber ich habe — wenn auch der unerläßlichen Kürze wegen nur in Andeutungen — zu zeigen, inwiefern der Fehler, dessen Enthüllung, Erklärung und Geißelung sein „eigentliches" Thema ist, gerade von ihm selbst auch geteilt wird — gewiß und selbstverständlich: in einer veredeltereu, gehaltvolleren Weise, als sie seinen Gegnern nachgesagt werden muß. Aber es scheint, als ob (besonders in den Kriegsjahren) das Studium seiner militaristischen Gegner, der Versuch, das Geheimnis ihres schrecklichen Erfolges zu enträtseln, unseren Schriftsteller so sehr beansprucht hat, daß er manches von ihrer Art. die Dinge zu nehmen und das Entgegenstehende zu bekämpfen, wider Willen übernommen hat. Rät Recht wirft Zweig den Antisemiten die liebertroibung eines engen, barbarisch ausschließlichen Volks begrisfs vor, den Juden aber immer nur das^eine, daß sie sich nicht genug als Volkseinheit fühlten. Schon auf ^nts 74 schwingt das Pendel hinüber in eine Mhstik des Landes „als gestaltender Kraft"; hier zeigt sich bei ihm der sonst so leidenschaftlich bekämpfte Difserenzafsekt in der abwcisendorr Haltung gegen den Landfremden (z. 29.: Das eingeborene Volk „weiß die Einheit zwischen sich und seinem Lande, und diese Einheit sühit cs verletzt, unt so tiefer, wenn das Fremde nicht vorübergehend au-f tritt — sondern bleibt", S. 75V Das ist die Argumentation der „organischen Theorieder Konservativen, die zugleich eben dieser Tlreorie tocgen Antisemiten sind. — Genialität einzelner Persönlichkeiten wird beim Juden als Ausdruck des Dolksgeistes gcdonlet (S. k2). — Aus Seite 93 ff., ebenso S. 126 ff. konnte ich gegenüber den starken Temperamentsausbrüd>en mit an den Rand schreiben: Hier scheint der Verfasser seine Lehre von dnr Gruppena-ffekten vergessen zu haben. Die Vorwürfe, die er gegen die moderne Judenschaft erhebt, suvd genau die gleichen, die unsere Nationalisten gegen.