Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 6 (1927)
- Issue
- 34 (26.8.1927)
- Date
- 1927-08-26
- Page
- Seite 491 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Trat Hilöer vom Neichspartritag öer NSAPD vom 19. bis 21.M§ust. Nürnberg unter dem Zeichen^ des Hakenkreuzes! — das war die Losung sür den Parteitag! ^eit Wochen wurden eifrige f Vor- : bereitungen dafür betrieben, und in allen Blättern der nntional- 5 sozialistischen Presse konnte man lesen, daß zirka 40 090 Teilnehmer - ÖU2 dem Reich erwartet würden. Nach zuverlässigen Beobachtungen und Berechnungen wird wohl die Hälfte dieser Zahl erreicht worden sein. In den verschiedenen Festzügen am Sonnabend und Sonntag waren gutgerechnet 10 000 Mann zu zahlen, die, angetan mit der braunen Hitler-Uniform, im strammen Schritt an ihrem Führer Hitler vorbeidefilierten. Sie waren alle wunderschön angezogen, diese meist sehr jungen Leute, und man geht wohl nicht fehl in der Annahme, daß reiche Freunde der Bewegung diese tadellose Uniform, die 32 Ertrazüge, die die Teilnehmer hier herbrachten, und manches andere der Tagung gestiftet haben. Notleidend, wie es immer heißt, ist diese Bewegung gewiß nicht, dafür mag als Beweis dienen, daß die an: Hauptmarkt errichtete Tribüne für den Vorbeimarsch mit 1000 Plätzen ä 5 Mark vollkommen ausverkaust war. Auch sah man noch nie in Nürnbergs Straßen so viele und schöne Privatautos, besonders aus Berlin, wie in diesen Tagen. Weit überwog im Zuge, aus den Straßen, in den Wirtschaften die Zahl der jugendlichen Elements, meist zwischen 20 bis 25 Jahren. Man macht sich keiner Uebertreibung schuldig, wenn man ferner behauptet, daß manche der Teilnehmer zur Zeit des Kriegsbeginns noch in den Windeln Lagen oder das Licht dieser Welt überhaupt noch nicht erblickt hatte-n. Vierzehn-, fünfzehnjährige Burschen konnte man reihenweise stramm mitrnarschieren sehen. Was sagen wohl deren Lehrer dazu? Markant ist der faschistische Gruß, der konsequent durchgeführt wird. Wo sich Hakenkreuzler begegnen, erheben sie schnurstracks den rechten Arm und schreiten „Heil"-rusend aneinander vorüber. Beim großen Vorbeimarsch vor den Führern stand Hitler mit erhobenem Arm und ernster Miene in seinem Auto und sah seine Legionen, ebenfalls mit feierlich erhobener Rechte, vorbeiziehen — ein Mussolinihafter Anblick! Blumen überschürteten die jungen Helden, geworfen von zarter Frauenhand, wie überhaupt daö weibliche Geschlecht sich in Hitler-Verehrung gar nicht genug tun konnte. Tie begeistertsten „Heil"rufer waren mit Hakenkreuz und Festabzeichen geschmückte Damen und junge Mädchen; wie mit tiefem Bedauern sestgestellt werden muß, auch solche mit den bei den Völkischen so verpönten Bubiköpfen „jüdischer Erfindung". Das Hitler-Lied, das bei den letzten derartigen Veranstaltungen aus allen Gaffen ertönte, da? die Spatzen tatsächlich von den Dächern pfiffen, man hörte es überhaupt nicht mehr. Man hat sich einen neuen Spruch geschaffen, der das Niveau anschaulich zeigt, auf dem j die nationalsozialistische Bewegung steht. So oft während des Fackelj zuges eine Stockung eintrat, und das war recht oft der Fall, spielte l sich folgende Szene ab: ' Der Sturmtruppführer fragt mit lauter Stimme: „Wo ist Alljuda?" Antwort des Sturmtrupps unisono: „Im Keller! Huh, huh, huhuuuu." Ruf des Sturmtruppführers und der Truppe: „Deutschland erwache!" Alle als Sprechchor schallend: „Alljuda verrecke, verrecke, verrecke." Das „Verrecke" wurde mit besonderem Aplomb hinausgeschmettert. Früher sang man wenigstens noch: „Jagt sie raus, die Judenbande!", letzt wünscht man weit drastischere Mittel, entschieden eine Verschlechterung unserer Situation! Zu Zusammenstößen ist es nirgends gekommen, hier scheint die Parteileitung strenge Vorschriften herausgegeben 311 haben, überhaupt war die Disziplin tadellos. Das Publikum verhielt sich ziemlich ruhig: da aus dem Zug selbst ständige Heilrufe ertönten, wurden sie natürlich auch an vielen Stellen lebhaft erwidert. Die Beflaggung war trotz eifriger Aufrufe, auch in einem bürgerlich rechtsstehenden Blatt. _r€cf)t spärlich. In den Hauptgeschäftsstraßen. Karolinen- und Kaiserstraße, sah man eine resp. zwei Flaggen. Nur am Hauptmarkt, wo der Vorbeimarsch statifand, hatten die umliegenden' Häuser in ben bayerischen und städtischen Farl>en geflaggt. Hakenkreuzfahnen sah man fast nur in den Festzügen. Außer der offiziellen Delegierten tag ung, bei der alle Führer der Bewegung sprachen, fand noch eine große Reihe von Sondersitzungen statt, in welcher Finanz- und Studentenjrageu, Frauen- und Jugendbewegung, Beamtenlind Propagandaangclegenheiten, ja sogar Eisenbahnerfragen behandelt wurden. Man chört, daß eine eigene Frauerrschule und ein völkisches Krankenhaus errichtet werden sollen und daß die Partcipressc einen eigenen Rcrchsprcsfewart erhalten wird. Auch die Gründung einer nationalsozialistischen wissenschaftlichen Gesellschaft zur rberanstaltuttg von Vorträgen und Herausgabe von natrenalsozialisiischen Monatöblätiern wurde besprochen. Man kann sich an der Rührigkeit und Unternehmungslust der Nationalsozialisten ein Beispiel nehmen, und besonders an ihrer Opferfreudigkeit, denn es wurde die Erhebung eines Sonderbeitrags von zwei Mark Pro Kopf beschlossen. Zum Schluß noch eine kleine Szene, die sich am Bahnhos abspielte. Dieser glich seit Freitag einem Heerlager. Ueberall standen umformierte Hakenkreuzler herum, um ihre auslyärtigen Gesinnungsgenoffen in Empfang zu nehmen. Abends traf der übliche Bäderzug aus Marienbad und Karlsbad ein, dem eine Menge Amerikaner entstiegen. Als die gutgekleideten Amerikanerinnen ^die Perronsperre passierten, konnte inan Bemerkungen hören. wie: „Schaut sie nur an. die Judenschiksen, durchhauen sollt man die Weiberl", die notabene gar keine Jüdinnen waren. Meistenteils kamen derartig lieben-- würdige Zurufe aus zartem weiblichen Hakenkreuzlermund. Wenn die Amerikanerinnen diese Zurufe verstanden haben, so werden fte zweifellos die edle Gastlichkeit Nürnbergs rühmen und nicht nur selbst gerne wiederkommen, sondern auch ihre Landsleute animieren, Nürnberg recht fleißig zu besuchen! Das ist eine der traurigen Seiten dieser Angelegenheit, daß Nürnbergs Ruf als Fremdenstadt durch derartige Veranstaltungen bedenklich leidet und daß viele Unschuldige die Folgen davon zu tragen haben. llr£ aber muß dieser Aufmarsch, diese ganze Veranstaltung eine ernste Mahnung sein, auch fernerhin in unserer Aufklärungsarbeit nicht nachzulassen. Noch ist die Zeit des inneren Friedens nicht für uns gekommen, noch haben wir ke^ne Veranlassung, uns in Ruhe und Sicherheit zu wiegen. Das sollen alle diejenigen sich gesagt sein lasten, die lau unb gleichgülng die Tinge betrachten und oft nur ein Achselzucken für unsere ernste und verantwortungsvolle Tätigkeit haben. Im Zeichen dieser Erkenntnis: Auf zu neuer, ersprießlicher Winlerarbei:! Wer sind die Schuldigen? In der Nacht vom 16. zum 17. August wurden in B e l g a r b in Pommern aus dem evangelischen Friedhose etwa 50 Grabsteine und Denkmäler demoliert. Es ist natürlich, daß jeder jüdische Deutsche gegen die Verbrecher, die die Ruhe dieser christlichen Toten gestört haben, die gleiche Abscheu empfindet, als ob es sich um die Verwüstung eines jüdischen Friedhofes handelte. Es ist da) ein Empfinden, das für jeden anständigen Menschen so selbstverständlich ist, daß es gar nicht erst ausgesprochen zu werden braucht. Wir muffen aber diese Gefühle hier dennoch zum Ausdruck bringen, weil auch diese Gewalttat gegen einen evangelischen Friedhof von völkischer Seite wieder zu Verlästerungen der Juden benutzt wird. Das „Deutsche Tageblatt" leitet in seiner Nummer vom 19. August die Mitteilung über die Schändung eines evangelischen Friedhofes mit folgenden Sätzen ein: „Wir hsben gestern die Dreistigkeit gebrandmarkt, mit der di« jüdische Presse es wagt, die Schändungen jüdischer Friedhöfe auf die völkische Bewegung zurückzuführen. Wir svraä)en dabei aus, daß di, Friedhnfsschändungcn eine Perversität sind, die aus dem veo» breäx-rischen Geist geboren wird, den die jüdische Novemberrevolution im Bunds mit der jüdischen Presse gezeugt hat. Wir Wersen darauf hin, daß die Schändungen sich darum auch gegen christliche Friedhofs wenden, und unsere Leser werden diesen Sachverhalt bestätigt finden, wenn sie folgende traurige Meldung lafcw die der „Deutschen Tageszeitung" aus Kolbcrg zuseht . . .* Mit bewundernswerter Kunst der Verdrehung schiebt dieseZ Blatt nicht nur wie üblich die Schuld an der Novemberrevolution und an der Schändung christlicher Friedhöfe den Juden zu, sondern legt ihnen auch die Verwüstung der jüdischen Friedhöfe zur Last. Und wenn man die Logik dieser Begründung vollständig fortsetzt, so ist schließlich das Judentum an der ganzen völkischen Bewegung schuld. — Jeder, der mit echter Menschlichkeit empfindet, gleichgültig, ob Jude oder Christ, wird mit uns diese Art politischen Kampfes ablehnen. GaMsssZMMs ln WMstzZMiM Staatlich anerkannte Dealschule mit Schülerhei m. f~ ’~~~1 Erfände Wcrldlage. Nciueitlich QuSgcstaUele sräume. Luftige, k"' j, i belle Arbeitö- und Cchkastimruer für kleine Gruppen. Kleine | I Jtianen (10 bis 20 Schüler). Unterricht iin Freien. Pflege der 1 j Munk unter besonderer kun sNerrscher Le,lnng. Ständige ärgliche . f Ueberwachung. Anfrugen an Snrdienoireklvr I)r. '