Mannheim
Compact Memory

Central-Verein-Zeitung · 1927-08-26 · 34 (26.8.1927) · p. Seite 490

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
6 (1927)
Issue
34 (26.8.1927)
Date
1927-08-26
Page
Seite 490 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2277379-2277729-2277762--03914-2284474
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

m örfjt . . /♦) Taß der Baseler Kongreß trotz aller heutigen Kritik, die geübt werden dürfte, Organisation und P-ttäüinaaufbau endgültig so schwrrrz in schwarz beurterlerr wird, ist kaum denkbar. Daß er, nach den Wahlergebnissen zu schließen, in Basel sich bestimmter als in Wien 1925 zur Politik der Erekutwe und Professor Cha ine Weizmanns bekennen wird, ist anzunehmen. Aber alle Reden und Beschlüsse können die dunklen Wolken nicht vom Himmel sche;^chrn: Seit Januar bis Ende Mar hat die Auswanderung die Einwanderung um 9§0 Seelen überstiegen (Einwanderung 1024: 10 819, 1025: 31650, 1926: 5715), mindestens 8000 Arbeitslose verlangen Brot, und der Loren HwieLäock muß sie mit namhaften Geldern und mit Notstandsarbeiten erhalten. Lehrer und Lehrerinnen rufen seit Monaten nach ihren Gehältern, und erfreulichere Nachrichten, daß sich acht zionistische Siedlungen schlecht und recht kolbst erhalten werden, daß die kleine Industrie des Landes ganz gut ans den Beinen ist, daß nunmehr die Palästinaregierung 20 000 Pfund im Jahre 1927.-28 für die zionistischen Schulen zusteuern will — sie helfen nicht über die bittere Notwendigkeit hinweg, Geld und Geld ins Land zu bringen. So ist Weizmanns ununterbrochene Arbeit wahrlich kein Vergnügen. Kann er Schätze aus der Erde stampfen? Notgedrungen muß er die Nichtzionisten zur finanziellen Mitarbeit ausrusen und, da Louis Dt a r s h a l l und seine amerikanischen Freunde nicht Geld bedingungslos hergeben, sondern auch an der Verwendung nicht ganz unbeteiligt sein wollen, so befürchten die Prediger des Radikalismus und diese nicht allein, das für sie größte Unheil könnte eintreten: Palästina — eine philanthropische Siedlung, wo nicht nationale, sondern kolonisatorische Gesichtspunkte vorherrschen, und so wird der Kampf um die Bildung der zukünftigen Jewish Agency, der fifiy (Nichtzwnisten) zu fiHy (Zionisten), wieder den Kongreß — wie oft nun schon! — eifrig beschäftigen. Ergibt nurzwei Möglichkeiten: D i e Zionisten bringen — und ihrOpfer mutwar stets groß — die ungeheuren S u mm e n s ü rPa l ä st i n a s e l b st a u f; d a n n. k ö n n e n sie nach ihrem Belieben schalten und walten, oder sie wünschen die Beteiligung von Nichtzionisten, dann wärendieseJammerge st alten, wollten sie nicht zumBeskenPalastinas, wiesie e s v e r st e h e n, M i t a r b e i t u n d M i t b e st i m m u n g § - recht verlangen. Daß beim Laren Hajessod bisher die Nichtzionisten, die Mitglieder sind, das ihnen zustehende. Wahlrecht und ihren beachtlichen Einfluß auf die Verwaltung weder verlangen noch gar ausüben und der zionistischen Organisation die Geschäftsführung restlos überlasten, spricht gerade nicht für ihre Energie. Neben der le^Isü-Ageney-Frage. wird auch die Frage nach dem Tempo der Kolonisation und damit der Majovitätseroberung im Lande den Kongreß eifrig beschäftigen. Aber auch diese Frage scheint mit der le^iLb-Ageney-Frage eng verknüpft. Bei dem zu knappen Spendeneingang ist es allerdings Näherliegend, das Gewonnene auszubauen, als neue Arbeiten zu beginnen. * In Deutschland haben die Wahlen zum Kongreß bemerkenswerte Ergebnisse gehabt. Tie Liste Kurt Blumenselb, die als die der Weizmann-Partei („Regierungspartei" scherzhaft genannt) zu gelten hat und den Namen »Zinkes Zentrum" führt, erhielt 2313 Stimmen und 4 Mandate. der Msrachi, der wohl auch zu Weizmann halten wird, 2076 Stimmen und auch 4 Maudate. Die Poale Zion, unter Führung Alfred Bergers, die den Standpunkt des arbeitenden, sozialistischen Palästinas unterstützen, 1540 Stimmen und 3 Mandate, die Radikalen Zionisten, die eine Gruppe der Opposition darstellen, 465 Stimmen und 1 Mandat,-und die schärfste Opposition, die Zioniften-Revrsionisten, konnten es mit 302 Stimmen zu keinem Mandate bringen. Im Jahre 1925 erhielten die Radikalen 854 Stimmen und kein Mandat, wahrend die Liste B l u m e n s e l d — R o s e n b l ü t h damals 5026 Stimmen und 9 Mandate gewann. Der gesetzestrene Zionismus, im Misrachi verkörpert, der 1925 nach anderem Verfahren Delegierte entsandte, hat somit eine unerwartete stärke in Deutschland erwiesen, und auch die Ponte-Zionisten haben sich mit großem Erfolg geschlagen. Diese Ergebnisse, die fchrveren Verluste der offiziellen Blumenseldschen Richtung, •) Erschien im polnischen Jargonblatt ..ööinP, abgedruckt hier nach der Wiener ..Wahrheit, Nr. 34 dorn 19. August 1927. wollen bei der weiierenEestaltung des innerjüdischen deutschen Lebens ernstlich beachtet werden. Nun aber etwas lleberraschendes: 1925 gib: die zionistisch§ Organisation die Zahl der Schekelzahler mir 24 966 an. Von diesen 24 968 beglaubigten Zionisten sind im ganzen jetzt 6696 Stimmen abgegeben worden, für eine Wahlhandlung, die für die Zionisten von entscheidender Bedeutung ist. Ist eine in der „Indischen Rundschau" aus Breslau veröffentlichte Zllschrifl wahrheitsgetreu, so hätten sogar (denn wer den Schekel zahlte, konnte wählen) einzelne Nichtziouisttn und — kaum möglich! — Anttzionisten gewählt, um bestimmten Richtungen gefällig zu sein. Wie dem auch sein mag: Daß von 24 968 Schekelzahlern selbst nur 6696 zur Wahlurne schreiten, ist ein bedenkliches Zeichen, wie gering in der Mehrzahl der deutschen Zionisten wahrhafte Begeisterung lebt und wie die Stoßkraft des Zionismus bereits geschwächt ist. Es würde sich verlohnen, aus das Wahlergebnis noch näher einzugehen. * Ob man Gegner, ob man Anhänger des Zionismus ist —' das eine wird jeder wünschen: Mögeder BaselerKong r e ß , a u f d e m s i ch s o v i e l A r b e i t s s r e u d e m i t Wärme und Hingabe eint, die Kraft finden, gangbare Wege zur Linderung der schweren Notim jüdischen Palästina nicht in Reden llnd Tadeln, sondern in Taten zu finden. bs? Mrs hNMZsZMöes In Hamburg besteht seit einiger Zeit eine Vereinigung, die sich „V ö l k e r v e r s ö h n u n g s b u n d" nennt. Gründer und Leiter ist ein gewisser S ch i m l o. Ter Bund bezeichnet sich als „einzige interkonfessionelle Organisation, die sich die Aufgabe gestellt hat, die Lösung der Judenfrage durch Versöhnung des Judentums und des Christentums herbeizusührentt Tie herausgegebenen Schriften des Bundes lasten eine gewisse Aehnlichkeit mit den Ansichten der „Ernsten Bibelforscher" erkennen, obgleich der Dölkerversöhnungsbund jeden Zusammenhang mit dieser Organisation abstreitet. Sehr sonderbar ist die Art, in der dieser Bund Propaganda treibt. Er liest selbst aus ablehnenden Schreiben Z u st i m m u ng heraus und nützt sie für seine Zwecke aus. Ein kennzeichnendes Licht aus dieses Verfahren wirft ein „offener Bries", den uns der bekannte Potsdamer Philosoph Constaütin Brunner zur Berdsfentlichung übergeben hat: An den Völkerversöhnungsbund, H a m b u r g. Lieber Herr Schrmko! 1 Sie hatten, mir wiederholt geschrieben. Sie hatten mich besucht: ich war freundlich gegen Sie — wie gegen alle Menschen. Din auch überzeugt, daß Sie und Ihre Genosten im Grunde Idealisten find; es gibt Idealisten von mancherlei Art. Doch ließ ich keinen Zweifel bestehen: über meine schweren Bedenken gegen die Art Ihres Blattes und gegen die Mittel, deren Ihr „Völkerversöhnungsbund" sich bedient. S r e g e b r a u ch e n d i e N a m e n von Menschen ohnederen Willen und gegen deren ausdrücklichen Willen. Ich war schon einmal genötigt, zu ersuchen. Sie möcksten „nichts schreiben, was nicht der Tatsächlichkeit entspricht". Nun finde ich in Ihrem neuesten, mir zugeschickten Heft wieder eine Notiz, worin mich Ihr Bund als „Freund und Gönner" bezeichnet. Da muß ich leider bemerken, daß Sie zu Verwechslungen neigen. Sie verwechseln offenbar persönliche Freundlichkeit mit Freundschaft für Ihre Sache, ganz ebenso wie Sie (in der gleichen Notizl das Verdienst und der Verdienst verwechseln. Sie wissen am besten, mit welcher Entschiedenheit ich die vielen Versuche aller Art. nach für Ihre Zwecke hcranzubekonnuen, zurückschlug und daß, als Sie mir endlich „den Beschluss Ihres Bundes mittoilten, ein Inserat meines Werkes „Unser Christus oder das Wesen des Genres" zu bringen, ich Sie unverzüglich mit sehr deutlichen Worten bat, auch davon Abstand nehmen zu wollen. Tie einzige Mitarbeit, zu der ich mich heute entschließe, besteht in diesem Brief., für dessen At>druck in der nächsten Nummer Ihres Blattes ganz gewiß Ihre Freundlichkeit sorgen wird. Tenn Freundlichkeit hin. Freundlichkeit her, Unklarheit und Zweideutigkeit darf sie nicht schaffen; so war cs auch mit meiner Freundlichkeit Ihnen gegenüber nicht gemeint. Und rumkann ich Sie weiter in aller Freundlichkeit hochachtungsvoll begrüßen. gez. Konstantin Brunner.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.