Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 6 (1927)
- Issue
- 34 (26.8.1927)
- Date
- 1927-08-26
- Page
- Seite 489 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Kongreß zusammen. 30 Jahre vorher, in den gleichen Tagen, hat Theodor H e r z l, nachdem zahlreiche und schwere Hindernipe beseitigt waren, den ersten Zionistenkongreß in der alten Rheinstadt abgohalten. München, wo sich damals erhebliche Widerstände, besonders von jüdischer Seite, erhoben hatten, war schließlich als Kongreßstadt fallen gelaffen worden, und das Aktionskomitee entschied sich für die freie Schweiz. Es ist heute ungemein reizvoll und lehrreich, nachzulefen, was Herzlin den Sommermonaten 1897 in sein „Tagebuch" eingetragen hat. Nur ihm vertraute er unter dem 23. August des ersten Kongreßjahres an: „Tatsache ist, daß ich nur eine Armee von Schnorrern habe. Ich stehe nur an der Spitze von Knaben, Bettlern und Schmöckem. Manche beuten mich aus. Andere sind schon neidisch und treulos. Die Dritten fallen ab, sowie sich ihnen eine kleine Karriere eröffnet. Wenige find uneigennützige Enthusiasten. Dennoch würde dieses Heer vollkommen genügen, wenn sich nur der Erfolg zeigte. Da würde es rasch eine stramme, reguläre Armee werden." Wer würde in unseren Tagen, selbst bei aller grundsätzlichen Einstellung gegen die nationaljüdische Weltanschauung, das strenge, etwas verbitterte Urteil des Vaters der zionistischen Organisation unterschreiben können? Gewiß ersehnen heute noch Tausende und aber Tausende, die wahrlich nicht mit den Gütern dieser Welt gesegnet wurden, vom Zionismus und seinem Palästinaausöau nationale, aber nicht minder auch soziale Beglückung. Und Herzls Jndenstaat, und B e l l a m h s Rückblick aus dem Jahre 2000 und Thomas Moores Utopia, aus ihnen und aus Karl Marx und aus Lenin soll, wenn es nur ginge, das Schönste und Beste in dem kleinen Palästina seligmachende Wirklichkeit werden. Und daß zu Herzl Knaben und viele rasch zu entflammende Jugend d hielten, wir wiffen es aus unseren Studentenjahren beim Anbruch dieses Jahrhunderts. Heute ist sie kühler und nüchterner, sportlicher, und das Käpitel ^äter und Söhne" macht den Zionisten das Herz schwer. Die Presse und die Propaganda — das soll keine Uebersetzung dou „Schmock" sein, den wir hier aölohnen — verstehen heute?lc Zionisten glänzend zu benutzen, und große Erfolge hat chnen die Kunst im Gebrauch dieser wichtigen Instrumente Angebracht. ''Die zionistische Bewegung aber ist dem ünentrümbaren ^ä)icksal, von dem die Weltgeschichte und die Religionsgeschichte so eindringlich künden, nicht entgangen. Ihr Wachstum verwässerte den Enthusiasmus — Simmel sagt einmal, nur der Stifter einer Religion und bestenfalls der erste ^ungerkreis besitze die wahre Lehre — und der Erfolg (die «au0U!--EEärung) und das heiße Bemühen Tag und stacht, ^eu Erfolg festzuhalten und kräftig auszubauen, brachte den Streit über die besten Methoden in die Organisation, der, verschärft durch die trotz aller vermeintlichen jüdischen Einheit nicht zu vertuschenden Gegensätze des kühl rechnenden Amerikaners zum den sozialen Himmel stürmenden Ostjuden, des gesetzestreuen Misrachi zum freireligiösen Edulur, des mit den Gegebenheiten rechnenden deutschen Zionisten zum Leier und Schwert ausrusenden Revisionisten, — ein Streit, der sich heute öffentlich in Ausbrüchen von Haß und Erbitterung entlädt. Hat er diese unerquicklichen und beschämenden Formen gerade bei den Wahlen zu diesem Kongreß angenommen? Das kann wohl sein. Aber nicht erst die Hitze des Wahlkampfes hat diese Gegensätze ausktaffen lassen, die die andauernd e r n st e Lage in Palästina selbst seit langem schürt. * Die traurige wirtschaftliche Entwicklung des Mandatsgebietes hat ein besonders lebhaftes Echo in Polen wachgerufen, von wo bisher mehr als die Hälfte der Palästinawanderer stammte. Wie in diesen Blättern berichtet wurde, haben, sicher im Zusammenhang damit, die Zionisten bei den letzten polnischen Gemeinderatswahlen beträchtliche Verluste verbuchen müssen, und die folkistische Partei, die sich zum Nationaljndentum bekennt, aber ihre jüdischnationale Heimat in Warschau und in Lemberg, in Krakau und in Wilna erblickt, hat im Kampfe gegen die Zionisten gut abgeschnitten. Diese innerpolnischen Schwierigkeiten und dazu die schmerzliche Enttäuschung, die das Palästina von 1927 Hervorrufen muß, haben einen so bekannten Zionisten wie Jizchak G r ü n - bäum, jüdischen Sejmabgeordneten in Warschau, zu Worten veranlaßt, die kaurn von seinem Meister I a b o - tinsky, dem heißblütigen, so beredten Führer der Revisionisten, übertrumpft werden können. Gewiß haben sich die polnischen Zionisten gegen den Revisionismus bei den Kongreßwahlen entschieden. Kein Mandat siel den Revisionisten zu. Aber wie unüberbrückbar müssen sich die Gegensätze in einer Organisation darstellen, wenn ein Mann, der einen Namen zu verlieren hat, folgendes schreibt: „Die zionistische Organisation steht vor dem Absterben, Man fährt nicht mehr nach Palästina, im Gegenteil: die Rückwanderung ist gegenwärtig überaus stark. . . Die Zahl der Schekelzahler hat erschreckend abgenommen. Dasselbe gilt auch für Einkünfte für den Xeron Hajessod und den Keren. Kajemeth. Die große Hoffnung, daß der Zionismus uns noch je retten könnte, gilt allgemein als verloren. Zusammen mit ihr sind auch alle anderen Hoffnungen zu Grabe getragen worden; jener stolze Traum, daß wir uns noch einmal Zu neuem Leben emporschwingen könnten, und daß man hierzu nur die eigenen Kräfte genügend stark anzuspannen brauche... Die zionistische Organisation wird vorwiegend von Leuten geführt, die gegen die Vorgänge in ihrer nächsten Umgebung Augen und Ohren verschließen. . . Sie wiffen nur eins: daß es schlecht um unsere Sache steht und es immer mehr bergab