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Central-Verein-Zeitung · 1927-08-19 · 33 (19.8.1927) · p. Seite 482

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
6 (1927)
Issue
33 (19.8.1927)
Date
1927-08-19
Page
Seite 482 (sequence 6)
Language
German
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482 Ernst LWuer. Don Professor Dr. Heinrich Meyer-Berrfcy, UniversitLL Hamburg. Ernst Lissauer gehört zu den hervorragendsten und wertvollsten Erscheinungen des heutigen deutschen Schrifttums — nicht sowohl nach Zahl und Umfang seiner Bücher, da sind ihm andere überlegen, aber an innerer Fülle und Bollgehalt, an Weite und Tiefe seiner geistigen Persönlichkeit, an künstlerischem Niveau sind ihm wenige vergleichbar. Es ist vor allem die Strenge und der Ernst des künstlerischen Wollcns, die Meisterschaft der Gestaltung, die seinen Rang bestimmt. Das hängt damit zusammen, daß in Lissauer ein naturwüchsiger, naiv schaffender Dichter und ein ebenso ursprünglicher und mächtiger Kritiker von intuitivem Tiesblick und genialer Gefühlssicherheit nicht nur friedlich zusammenwohnen, sondern harmonisch (Fortsetzung von Seite 4SI.) Für jeden Einsichtigen liegen die Tinge nunmehr klar. Nicht für die „I üdifche Runds ch a u", das amtliche Organ der Zionistischen Vereinigung für Deutschland. Weil wir uns Frau v. Kardorffs Worte Zurückzuweisen erkühnten, weil wir nicht spaltenlang über die Herrenhausknndgebung berichteten, haben wir - wen wundert es noch? — den schweren Zorn der „Jüdischen Rundschau" auf uns geladen. Sie schreibt: „Wo von Mißgunst und Haß das Urteil getrübt ist, wo man eine Erschütterung der eigenen, innerjüdischen Positionen befürchtet, verzichtet man auf wirksame Mittel des Abwehrkampses und bevorzugt eine Berichterstattung, die weder dem jüdischen Jnteresie dient, noch loyal genannt werden kann." So, da hat der böse E. B. seine Tracht Prügel weg? Ein billiges und wahrlich kein schönes Vergnügen! Vielleicht ein wenig Theaterkanonendonncr! Wirtlich, w i r wissen uns von Haß und Mißgunst frei. Wir haben ein tiefes Mitgefühl mit den erschütternden Zuständen in Palästina, und welcher jüdische Deutsche würde nicht gern dort mittun, wenn wirkliche Neutralität der Arbeit gesichert wäre und nicht jüdisch-politische Leidenschaften Art und Ziel des Geschehens gefährlich beeinflußten; denn daß, um die „Jüdische Rundschau" zu zitieren, „zwischen Palästina-Interesse und Patriotismus kein Gegensatz besteht", — bestreitet es jemand ernstlich? Selbst wenn man zugibt, daß, wie die „Jüdische Rundschau" schreibt, „diese Bemerkung (der Frau w Kardorsf) nicht die wich- . tigste des Abends war", so hat sie doch die Kernfrage unseres Seins berührt. Tiefen Schlag ins Gesicht können und werden wir nicht auf uns sitzen lasten. Zusammenwirken. Die Dichtung dankt der Mitarbeit des bedeutenden Kunstverstandes ihre künstlerische Vollendung; und das Schaffen des Kritikers, des Essayisten gründet sich in dem intuitiven Erfassen und Erfühlen des Gegenstandes, das die Gabe des geborenen Künstlers ist. Ausgang und Mitte seiner Dichtung ist die Lyrik („Ter Acker", 1907, „Der Strom", 1912). Aber schon das dünne erste Bändchen wies nicht nur eine für ein Erstlingswerk unerhörte Reife und Meisterschaft und einen ganz persönlichen Stil aus, sondern zugleich eine eigentümliche Objektivität, wie sie bei einem jungen Autor ebenso überraschend ist. Diese Lyrik erzählte nicht von persönlichen Erlebnissen und Sehnsüchten, sie war die Bezwingung einer dinglichen Welt — die der Titel „Ter Acker" andentet — in einer idealistischen, durch äußerste Vereinfachung und Schlichtheit monumentalen Schau, in der Form des knappen, oft bis znm Epigramm verdichteten und doch klangvollen, schwingenden Liedes. Diese Form des objektiven Liedes hat Lissauer dann weiter entwickelt und geweitet zu der ihm eigentümlichen des Zyklus, in der er große geschichtliche Ereia.niste und Personen gestaltet; einer Form, die, im einzelnen überwiegend lyrisches Seelengemälde, als Ganzes doch die Ruhe und Größe der epischen Weltschau hat. So hat er dem großen Jahr „1813" zur Jahrhundertfeier die einzige künstlerisch vollwertige Darstellung gegeben, und in der gleichen Weise zwei Großmeister der deutschen Musik, Bach und Bruckner, verherrlicht. („Bach, Idyllen und Mythen", 1916; „Gloria Anton Bruckners", 1921.) Dazu zahlreiche Einzelgedichte, die man nur sehr uneigentlich Balladen nennen kann, und . kleinere Zyklen über Luther, Goethe, Beethoven u. a„ die zunächst in „Tie Ewigen Pfingsten" ausgenommen sind. Tie letzte Stufe ist dann der Uebergang zur rein objektiven Gestaltung im Drama, das keimhaft schon in den ersten Zeiten von Lissauers Dichtung vorhanden, aber erst spät zu voller Entfaltung gelangt ist. („Eckermann", 1921; „Höret", 1921; „Tie drei Gesichte", 1922; „Gewalt", 1924.) Neben dieser Entwicklung zu immer größerer Objektivität geht jedoch eine andere irr entgegengesetzter Richtung: zu größerer Subjektivität und Innerlichkeit, zur ganz persönlichen Erlebnis- und Bekenntnislyrik. („Ter inwendige Weg", 1920; „Flammen und Winde", 1923.) Und noch eine dritte Richtung, in gewisser Weise zwischen beiden, zugleich ganz persönlich, leidenschaftlich bekennerisch und überpersönlich: die religiöse, hymnische Lyrik der „Psingstgesünge" und „Psalmen", die den Band „Tie Ewigen Pfingsten" (1919) eröffnen und schließen. (Dazwischen die erwähnten balladischen Gedichte.) Soviel schien zur allgemeinsten Orientierung über den Dichter unentbehrlich, da man ja leider die Bekanntschaft mit seinen Werken noch nicht als selbstverständlich voraussetzen kann. Weiterhin soll nicht von dem künstlerischen Werte seiner Dichtung die Rede sein, sondern von einer anderen Eigentümlichkeit, die vielleicht noch O X b>T~ . \ -

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