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Central-Verein-Zeitung · 1927-08-19 · 33 (19.8.1927) · p. Seite 483

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
6 (1927)
Issue
33 (19.8.1927)
Date
1927-08-19
Page
Seite 483 (sequence 7)
Language
German
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483 st;! bemerkenswerter ist. Ernst Lissauer ist nicht nur einer der besten deutschen Dichter, die wir heute haben, cr ist auch einer der deutschesten, ja, nach meiner Kenntnis und meinem Gefühl muß ich sagen: er ist der deutscheste schlechthin. Er ist derjenige Dichter, in dem nch heute der deutsche Geist am reinsten und stärksten osfenbart. Das deutsche Wesen bewegt sich um zwei Pole, für die man treffend die Schlagworte Weimar und P o L s d a m gewählt hat; und wir können keinen von beiden mipen. Ans der einen Seite die Welt der reinen Innerlichkeit, deren Reich nicht von dieser Welt ist, nämlich der Welt des politischen und wirtschaftlichen Machtkampfes, die aber in der deutschen Dichtung, der deutschen Musik, der deutschen Philosophie, der deutschen Wissenschaft das Weltreich des deutschen Geistes geschaffen hat, das heute niemand, der nicht von Gesinnung Barbar ist, zu bestreiten wagt. Aber während auch das feindliche. Ausland dieser Seite wenigstens in Worten Gerechtigkeit widerfahren läßt, wendet es sich um so entschiedener und gehässiger gegen die andere militaristisch-politische Seite, die in Preußen verkörpert ist. Wir können diese Scheidung und Entgegensetzung nicht annehmen. Wir sind nicht gesonnen, auf unsere politische Selbständigkeit und die Einheit des Deutschen Reiches zu verzichten, und müssen dann auch die Kräfte anerkennen, durch die jene geschaffen und gewonnen, der ungeheuren Ungunst unserer Lage und einer feindlichen Umwelt abgerungen sind. Wir sind uns bewußt, daß beide Seilen znsammengehören und in ihrer Wurzel eins sind. Aber wir müssen zngeben, daß diese Einheit in der tatsächlichen Wirklichkeit nur selten in Erscheinung getreten ist. Wohl am schönsten in der Generation, die 1813 gestattet hat, und ihrem machtvollsten Vorläufer H. v. Kleist. Aber im Laufe des 19. Jahrhunderts ist dann das neue Deutschland immer weiter von Weimar abgetrieben, und heute ist die allgemeine Situation die, daß die Schicht der ästhetischen Kultur im ganzen weltbürgerlich, kriegsfeindlich und politisch indifferent ist, während die Kreise, die den Nationalismus am lautesten und betontesten vertreten, jenem inneren Reiche entsremdet und seelisch mehr oder weniger Barbaren geworden sind. In Lissauer i st jenes Dopp el rei ch eine lebendige Wirklichkeik; er vereinigt in seinem Geist und seinem Schaffen die Geister von Weimar und Potsdam, beide in ihren extremsten Ausprägungen, vereinigt sie, weil er sie in ihrer letzten Tiefe begreift. Schon die Titel seiner Bücher zeigen das. Auf der einen Seite „Bach", „Gloria Anton Bruckners". „Eckermann" (Goethe); auf der anderen „1813", „Porck", „Gewalt" (Held der „atte Tepauer", als er jung war). Kennzeichnend ist vor allem Litauers Verhältnis zur Musik: daß er seine besondere Liebe einem "c^Ce/vote <a>£e, <hyl <5ptcL/bZzitfAXs axXj so kernhast deutschen Meister gewidmet hat wie dem alten I. S. Bach, zu einer Zeit, wo dies noch nicht so weit verbreitet und selbstverständlich war wie neuerdings, und nicht dem moderneren Wagner, der für den Durchschnitt des gebildetcu Judentums der natürliche Gegenstand seiner Begeisterung äst (oder war). Das eigentliche Wunder aber ist, daß wir das ticffre Verständnis für den spezifisch preußischen M i l i t ä r g e i st bei einem Juden finden — und obendrein bei demselben Juden, der ganz in Goethe und Bach lebt und der selbst als schaffender Künstler auf unbeschränkte Freiheit der Lebensführung gestellt ist. (Daß auch dieser politische Sinn bei ihm ganz ursprünglich, naturhast instinktiv ist, zeigt sein Vorausfühlen des drohenden Krieges, aus dem sein „1813" erwachsen ist.) Als Repräsentanten dieses Geistes wählt Lissauer nicht etwa Gestalten, die selbst von dem Weimarer Geist durchtränkt sind und so in ihrer Perion gewissermaßen eine Versöhnung der Gegensätze darstellen, wie Gneiscnau, sondern gerade ganz fanatische, fulturlofc Rnrmilitärs. wie den alten Deunuer und Borck. Ilm so deutlicher kommt das heraus, worauf es Linauer ankommt: ihnen ist die Kriegführung Dienst. Dienst am Volksganzcn oder am Staat (zugleich freilich eine Art Naturtriebs, und daher ist ihr oberstes Gesetz die unbedingte Unterordnung alles Eigenstrebens und Sonderwillens unter den Willen jener höheren überpersönlichen Macht, des Vaterlandes oder des Staates. Ein solcher Dienst ist für Lissauer auch seine Kunst; in diesem Prinzip fühlt er sich mit feinen Helden eins, bei äußerster Gegensätzlichkeit der Anwendung: dies ermöglicht es ihm, sich in sie einzufühlen und so von innen lebendige Dichtung zu schassen. Allerdings 'kommt noch ein anderes hinzu: Solche Unterordnung hat um so höheren Wert, je stärker und trotziger der Eigenwille ist. Und auch in dieser Hinsicht hat Linauer extreme Fälle gewählt, Menschen von angeborenem Herrentum und unbändiger Leidenschaft eines eruptiven Temperaments, die dann doch durch strasfste Selbstzucht gebändigt wird. Wir verstehen die »Freude des Künstlers an solchen Gestalten. Tenn gebändigte Leidenschaft, das ist es, wodurch alles Große geschaffen wird, das ist die Mutter aller Kunst wie aller großen politischen und kriegerischen Leistungen.! r [ I W W Nieren Harnleiden Erb Ältlich handlangen, Keine Lebensbeschreibung, sondern fliH&f iMM ’fywfoi ▼ on Friti Friedla ender. Leinen 7,— Mark. Broschiert 6,25 Mark. ubeileheD durA: PMlo Verlag eniBaclilianölimg li.m.d.8. Dönhoff 3594 BERLIN SW 63 Llndcnstr. 13 - I i für die .8. 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