Mannheim
Compact Memory

Central-Verein-Zeitung · 1927-08-19 · 33 (19.8.1927) · p. Seite 479

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
6 (1927)
Issue
33 (19.8.1927)
Date
1927-08-19
Page
Seite 479 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2277379-2277729-2277761--03902-2284461
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

m schreibt: „Die Wiener Polizei hat sich über alles Lob erhaben gezeigt. Man kann sagen, daß in die Hand der paar tausend Mann Wiener Polizei das Schicksal des Staates gegeben war." Aber einige Zeilen später nimmt sie dieses Lob wieder zurück: „Man soll bedenken, daß hier die Staatsautorität in die nervige Faust des Bauer n genommen worden ist, daß hier das wahrhaft b o d e n st ä n d i g c Volk sich erhob und auszog, seinen, ach, so armen und schwach?» Staat gegen das fremdrassige Gesindel zu schützen." Gemeint ist wohl die „Technische Nothilfe" der reaktionären „Heimwehren" gelegentlich des Verkehrsstreiks in einzelnen Bundesländern, so in Tirol, die sich schließlich auf die Sicherung der Bahnhöfe und die Ermöglichung des Verkehrs auf einigen Lokalstrecken beschränkte. Die so stramm nationalen Völkischen kokettierten sogar mit einer „Intervention des Auslandes". So schreibt der „Völkische Beobachter": „Die ausländischen Diplomaten haben mit eigenen Augen gesehen, wie die Wiener Revolution von den Hebräern gemacht worden ist. Commander Locker Lampron (?) in London erklärte. daß fremde Truppen Oesterreich endlich von dein jüdisch-bolschewistischen Gesindel säubern sollen." Es genügt, hierzil sestzustellen, daß Bundeskanzler D r. Seipel in seiner Parlamentsrede mit Nachdruck erklärte, daß „keine Demarche fremder Vertreter erfolgte". Interessant ist es aber, wie unseren Hakenlreuztern jedes Mittet gegen die Juden recht ist, also auch der sonst von ihnen so gehaßte Internationalismus, dem dock) nach ihrer Ansicht nur die Juden huldigen. Daß auch dieser Vorwurf bei der: Unruheberichten natürlich nicht fehlte, ist klar. Ihn erhob M. d. R. Wilhelm Henning im „Deutschen Tageblatt" unter dem Titel „A l l j ü d i s ch e Zusammenhänge" (Nr. 174 vom 28. Juli). „Wie erklärt sich das einheitliche Sekundieren der „deutschen" Juden gegenüber dem österreichischen Linksputsch? Diese jüdische Einheitsfront zugunsten einer hochverräterischen Revolution im Auslände war ein geschicktes Spiel mit verteilten Rollen!" Mit dieser belustigenden „Feststellung" sei das^ traurige Kapitel der völkischen Hetze gelegentlich der Wiener c-chreckenstage abgeschlossen. Bl Wieder sind, wie die Tagespresse bereits gemeldet hat, verbrecherische Menschen am Werk, die Ruhe der Toten zu stören. In Essen und Köln wurden jüdische Friedhöfe verwüstet. Anfang Juli hatte man auf dem jüdischen Friedhof in Esse n sechs umgestürzte Grabsteine gefunden. Da am Tage zuvor großer Tturnr geherrscht hatte, glaubte man, daß die Denkmäler dadurch zu Fall gekommen feien. Wenige Tage darauf fand man jedoch auf demselben Friedhof abermals 31 rrnrgeworfene. und beschädigte Grabsteine. In Köln wurden ans dem Friedhof in Deck stein in der Nacht vom 29. zum 30. Juli 70 Grabsteine urngcstürzt und zertrümmert. Die dortige jüdische Gemeinde hat daraus an Oberbürgermeister und Regierungspräsidenten von Köln ein Schreiben gerichtet, aus das der Regierungspräsident folgende Antwort erteilt hat: „In Erwiderung des gefälligen Schreibens vom 1. d. M. verfehle ick nicht, neben der persönlichen Rücksprache mit einem Vertreter meiner Behörde an Crt und Stelle auch auf diesem Wege der. SynagogengLmeinde Adaß Ieschnrun den Ausdruck in e i n e s tiefsten Bedauerns anläßlich der empörenden, jedem menschlichen Empfinden Hohn sprechenden Schändung, die von -unbekannten Tätern aus dem Friedhof der Gemeinde begangen worden ist, zu übermitteln. Ich gebe mich der Hoffnung hin, daß die seitens des Herrn Polizeipräsidenten mit allem Nachdruck sofort betriebenen Ermittelungen baldigst dazu führen werden, die Täter ausfindig zu machen und einer strengen Bestrafung zuzuführen." Gemeinde und Centralverein arbeiten in beiden Städten zusammen, um die Aufsindung der Verbrecher zu beschleunigen. Es wurden Belohnungen auf die Ergreifung der Täter ausgesetzt, und es ist inzwischen gelungen, auf ihre Spur zu kommen. Die Polizei hat in Köln bisher sechs Verhaftungen vorgenommcn. Weitere Verhaftungen sollen bevorstehen. Diese neuen Unraten erregen den Abscheu aller anständigen Menschen. Aus den vielen Zuschriften, die uns in diesen Tagen zuaegangen sind, heben wir die des braunschweigischen Landtagsabgeordneten Tr. G. v. F r a n k e u b e r g hervor, der uns einen „Offenen Brief an die Nationalsozialisten" übersendet, in dem es u. a. heißt: Sehr geehrter Zeitgenoffe! „Soel^en lese ich, daß es dem Eingreifen einer antisemitischen Sturmabteilung gelungen ist, nun auch in Lindenthal bei Köln 71 jüdische Grabdenkmäler zu beschädigen oder umzuwerfen. Angesichts dieser ebenso kühnen wie patriotischen Tat gestatten Sie mir vielleicht eine Frage von psycho- und sonstigen logischen Interessen . . . Was versprechen Sie sich von Grabschändung? Die Frage mag Ihnen überflüssig erscheinen. Vielleicht liegt der Nutzen des Unnversens von Grabsteinen so klar auf der Hand, daß es naiv ist, danach überhaupt zu fragen. Darf ich es wagen, Vermutungen zu äußern? Halten Sie vielleicht Grabschändung für ein glltes Propagandamittel? . . . Oder glauben Sie, daß der Kampf, 3u dem Sie so energisch aufrnfen, gegen Tote leichter zu führen sei als gegen Lebendige? . . . Können Sie sich übrigens, na, sagen wir mal, den Alten Fritz oder Bismarck oder die Königin Luise vorstcllen, wie sie einem beerdigten Juden mit emer Eisenstange oder einer Spitzhacke zu Lcil>e gehen? Ich. offen gestanden, nicht. Wer hat Sie bloß auf den Gedanken gebracht, das Germanentum auf diese Weise zu retten? . . . Nun werden Eie mir vielleicht durch Ihren Nedakreur vom Dienst erwidern lassen, ich sei sehr im Irrtum. Sie hätten nachweislich nie dazu anfgefordert, Jrrdengräber zu schänden. Aber, nein, das können Sie mir mcht antworten, denn Sie wissen so gut wie ich, daß sich bei zahlreichen Ihrer Anhänger längst eine grabsckwnderisck)? Praxis herausgebildet hat. Wenn Sie also nicht wollten, daß Gräber geschändet werden, dann brauchten Sie das Ihren Freunden, die, wie alle Welt weiß, auf jedes Ihrer Worte schwören, ja nur unzweideutig rnitzuteiten. Wenn die Antisemiten wüßten, daß es feige, unanständig und verrückt istMote Gegner in ihrer Ruhe 51t stören, so würden sie es doch unterlagen . . Hfl Vorn 19. bis 21. August wird in Nürnberg der Parteitag der Nationalsozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands stattfmden. In allen Teilen des Reiches ist schon im Hinblick daraus eine stärkere Aktivität der Nationalsozialisten zu spüren. So kam es am letzten Sonntag in Bad Harzburg zu bedauerlichen Ausschreitungen, die durchaus judenfeindlicheu Charakter trugen. 22 Mitglieder des Gaues Hannover der „Nationalsozialistischen deutschen Arbeiterpartei" haben planmäßig jüdische Einwohner und Kurgäste des Bades belästigt und überfallen. Unser Mitglied, der Inhaber des Kaufhauses Salomon in der Unteren Wilhelmstraße in Harzburg, wurde, als er sich die Belästigungen verbat, zu Boden geschlagen, und die Schaufensterscheiben seines Gcschästshauses wurden zertrümmert. Eine große Anzahl von Personen erlitt bei den Zusammenstößen erhebliche Verletzungen. Die Harzburger Polizeibehörden und die Gendarmcrieposten der Umgebung griffen ein und tonnten fünf Personen festnehmen. Wie wir erfahren, hat sich auch der Gauleiter der N. S. A. P. D. Paul Eickel mann aus Wolsfenbüttel während der Unruhen in Zivil in Harzburg ausgehalten. Er erschien sosor-t nach der Sistierung seiner Parteigenossen im Amtsgericht, um über deren Freilassung zu verhandeln. Man darf daher wohl annehmen, daß die Vorgänge durchaus vorbereitetwaren. Die Behörden haben mit erfreulicher Energie d u r ch g e g r i f f e n; die Akten sind bereits an die Staatsanwaltschaft iveitergeleitet worden. Ter P o l i z e i ch e f von H a r z - bürg hat dem Vertrauensmann des Centralvereins sein Bedauern über die Vorfälle ausgesprochen und die Zusicherung abgegeben, das; die Wiederholung derartiger Vorkommnisse mit allen polizeilichen Mitteln verhindert werden soll. * Die „Harzbnrger Zeitung" schreibt hierzu: ... Es mag schließlich jeder in unserer Stadt aus seinen ureigenen politischen Glauben hin selig werden, das wird ihm niemand verargen, aber wir müssen es uns aufs energischste verbitten, daß unser Kurort künstlich zum Agitationskampfplatz für politische Parteien gemacht wird. Es geht nicht an, daß wir Harzburger Zusehen, wie hier ein Teil rauerer Kurgäste offensichtlich provoziert wird, und wie der Burgfriede, der in den Ferienwochen zwischen der bunt zusammengesetzten Besucherschar Harzburgs grundsätzlich herrschen soll, und auch stets geherrscht hat. mutwillig zerstört wird. Wenn diejenigen Leute, die gestern vier den Kurortfrieden störten, t>er Meinung sind, daß sie in Harzburg sich Freunde erwerben durch Agitatiousmetdoden, die unsere grundlegendsten Harzburger Interessen verachten, so irren sie geroaltig. Harzburg wird auf keinen Fall dulden, daß hier Straße »Politik und Parteifanatismus sich derart breit machen, daß die O e f f e n t l i ch 1 c i t A n st o ß daran n e h m e n kann ...

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.