Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 6 (1927)
- Issue
- 31-32 (5.8.1927)
- Date
- 1927-08-05
- Page
- Seite 462 (sequence 30)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2277379-2277729-2277760--03884-2284442- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
4ö2 Von Dr. Wilhelm Hansenstein. „Die bildende Kunst und die Juden." Dies wäre längst ein Thema für eine systematische Untersuchung. Sie kann im Rahmen eines Aufsatzes für den Tag nicht angestellt werden. Aber es ist möglich, in solchen Grenzen den sachlichen Umfang des Gegenstandes auszumessen: anzudeuten, was für ein Inventar er umschließt; mit einigen Zügen den Grundriß zu zeichnen, der einer systematischen Darstellung des Gegenstandes fürs erste dienen könnte. - Das Thema hat vier oder fünf Sonderinhalte. Ter erste betrifft die Archäologie der jüdischen Kunst — die Erforschung der jüdischen Altertümer. Ter zweite bedeutet die Frage nach dem Gewicht, das die biblischen Geschichten des Alten Testamentes (und im bestimmten Maß natürlich auch des Neuen) für die künstlerischen Darstellungen im Mittelalter und in der Neuzeit gehabt haben. Ter dritbe Sonderinhalt ist in dieser Frage angezeigt: Welche jüdischen Meister sind in der abendländischen Kunstgeschichte aufgetreten, und was haben sie zu sagen gehabt? Die vierte Sonderfrage richtet sich auf das Problem des Anteils der Juden an der ästhetischen Kritik und an der K u n st g e s ch i ch t s s ch r e i b u n g. Tie fünfte Sonderfrage geht aus den Anteil der Juden am K u n st h a n d e l und auf wesentliche geschmackbestimmende, auf wesentliche urteilformende Bedeutungen dieses jüdischen Anteils im Verhältnis zu den Meinungen der Zeiten über die bildende Kunst. Es kann nicht die Absicht dieser Zeilen sein, alle diese Sonderinhalte und Sonderfragen auch nur in andeutender Weise zu erörtern. Auch bloß in andeutender Weise erörtert, würden sie das Maß eines kleinen Aussatzes überschreiten. Welche umfassende Wich, tigkeit besitzt allein die Frage nach dem jüdischen Anteil am Kunsthandel und nach dem Wert dieses Anteils für den abendländischen Kunstgeist! Man wolle sich für einen Augenblick daraus besinnen, daß es sich hier zum Beispiel um die Bedeutung handelt, die von den Berliner Namen P a u l und Bruno C a s s i r e r, von dem mit München, Berlin und Luzern verbundenen Namen Thann- Hauser, von dem Münchener Namen Hei ne mann, von dem Münchener Namen Jacques Rosenthal (dem Namen eines klassisch-internationalen Buch- und Manuskriptantiquariats) in Anspruch genommen werden darf! Ties sind nur wenige Namens es wäre leicht, sie um das Fünffache und Zehnfache zu vermehren. Es wäre auch leicht, überall nachzuweisen, daß die Bedeutung der Namen eine wirkende Bedeutung.ist — eine Bedeutung, die den Kunstsinn in einem außerordentlichen Maß gesteigert und ausgebreitet hat. Um nur von Deutschland zu reden: Welches Bild hätten wir wohl von der großen europäischen Malerei, wenn wir nicht die Ausstellungen der Galerien Casiirer, Heinemann, Thann- Hauser hätten sehen können! Die rein händlerische Seite dieser Dinge stehe für sich: aber wieviel bedeutete uns die andere Seite, die wir die ausstellungspolitische und im großen Sinn kunstgeschichtliche nennen dürfen! Was ist in Paris durch den Namen Bernheim geschehen! Die Publizität der großen Kunst ist keineswegs bloß durch Museen verbürgt worden; die genannten Namen haben auch mehr geleistet als einen nur ergänzenden Dienst. Erwähnt man im Bereich der Kritik den Nainen Heinrich Heine, so erwähnt man einen glanzenden Anfang der ästhetischen Publizität. Erwähnt man am anderen Ende den Namen Adolph Golds ch m i d t. so hat man eine der gediegensten kunstwissenschaftlichen .Schulen genannt, die es je gegeben hat. Indessen sind auch diese Namen nur Beispiele. - Etwas mehr kann und soll hier gesagt werden, erstlich über den persönlichen Beitrag zur Produktion und zweitens über den Anteil des biblischen, zumal des alttestamentarischen Motivs. Der persönliche Beitrag: das ist das, Inventar der jüdischen Nameninnerhalb der Produktion selbst. Man darf ihn nicht andeuten wollen, ohne der Vorstellung zu gedenken, die der in Rasfendingen so empfindliche ölauriee Barras von jenem großen Barocken besitzt, der den Namen eines „Griechen" trägt: des Greco. Barras hat ein Buch geschrieben des Titels: „Der Greco oder das Geheimnis von Toledo". Was ist dies „Geheimnis"? Es ist ein Geheimnis der „Nasse". Ohne eine positive Behauptung zu wagen, läßt Barras doch durch das ganze Buch hin verstehen, daß er glaubt, in Greco ein „semitisches oder semitoides Phänomen" zu erkennen. Ter Greco stammt von Kreta. Heißt dies ein Grieche sein im klastischen Sinn des Wortes? Es heißt ein Levantiner sein — und Levantiner sein bedeutet mit ziemlicher 'Wahrscheinlichkeit „semitische" Blutzufuhr empfangen 'zu haben. Barräs argumentiert auch vom Stil her. Er spürt im figürlichen Charakter der Bilder des Greco die „Arabeske": er spür! durch die leidenschaftliche Katholizität des Greco hindurch eine Art sarazenischen Kunstgeistes, nämlich den ornamentalen („arabeskerchaften") Alfred Messel• Landesmuseum in Darmstadt. Zug der Gestaltung — und am Ende kommt „Arabeske" von „Arabisch". Um diese oft kaum ausgesprochenen, aber immer vibrierenden Probleme bewegt sich dies ganze aufregende Buch, das mit großem Abstand das beste über den Greco ist. Mit aller Deutlichkeit steht der personale Anteil des Judentums in der Kunstgeschichte des neunzehnten Jahrhunderts da. In der Welt des „paysagc intime" von Barbizon 3cicf)net Narcisso Diaz de la P e n a sich aus — und nicht nur in ihr. Der Patriarch der imprestionistischen Landschast ist Jude: 1e p&re Camille Pissarro — ein wunderbarer Mensch und Künstler. Im Gesolge der großen Pariser Impressionisten steht ein besonders sympathischer Kleimneister: -Raffaelli. Der menschlichste holländische Maler des neunzehnten Jahrhunderts ist — wenn man von van Gogh absieht, der einem weiteren Zusammenhang angehört — Josef Israels. Man darf daran erinnern, - daß einer der größten realistischen Koloristen und größten Jmprestionisten, Max Lieber mann, ein Mensch von seltener Schärfe des „Rassigen", im idealen Gefolge des Israels auftrat: dieses Israels, desien Schönheit längst nicht genug gewürdigt ist. Zur Kunst des sozialen Naturalismus hat der treffliche Lesser Ury wesentliche Beiträge gegeben. Man darf daran erinnern, daß in.der Aszendenz des Hans von Maräes, des Adolf Hildebrand, zweier Meister von säkularer Größe, jüdisches Geblüt gefunden wird. Innerhalb der neuesten Malerei haben jüdische Maler — Mare Ehagall, MoIse Kisling und andere — entscheidende Gedanken und Formen gesunden. Ties etwa wäre der Anfang eines- Inventars. Eines bloßen Inventars der Namen. Im Stil, den solche Namen anzeigen, etwas Symptomatisch-Jüdisches zu finden, ist allerdings wohl kaum möglich. Ihr Stil erscheint nicht jüdisch bedingt, sondern einfach beteiligt an den großen Dingen abendländischer Kunst: ins Europäische eingewoben. Ten Anteil des alttestamentarischen Motivs an den Motiven der Kunstgeschichte beschwören, heißt vor allem den Namen Nembrand t aufrufen. Es sind auch andere Namen da,'gerade im Barock: zum Beispiel der große Name lintoretto; auch dieser Venezianer lebt mit starkem Gefühl zu alttestarnentarischen Motiven hin. Aber Nembrandt ist hier ganz besonders merkwürdig. Man weiß: er hat in Amsterdam als naher Nachbar der Juden gewohnt, im Judenviertel selbst. Man weiß: er harte jüdische Freundschaften (den portugiesisch-holländischen Theologen Manasie, den Arzt Ephraim Bonus), und man hat Ursache anzunehmen, daß ihm diese Freundschaften besonders wichtig waren — wie ihm auch die Sphäre der Synagoge interessanter war als die des calvinistischen Kultus, Sein herrlichstes Bild ist alttestamentarisch: Saul mit David im Haager Mauritshuis. Biele seiner schönsten Werke sind um alttcstamentarische Motive entstanden: Die Hochzeit der D a l i l a in der Dresdener Galerie, die Varianten deS E st her-Motivs (Stücke von erregender geistiger Tiefe), die herrliche Berliner Variante des Motivs von Joseph und der Frau des Potiphar, die Vision des Daniel (die beiden letzten Stücke im Kaiser-Friedrich-Museum), die Bathseba des Louvre und ebendort der Tobias. Er hat auch viele Judenbildnisse von erschütternder malerischer und gemütlicher Schönheit gemalt. Er stand in der biblisch-jüdischen Sphäre wie in einem Bann, der ihn zu großen Dingen spannte. " ' Man kann nicht aushören, von diesem ausgreifenden Gegenstand zu reden, ohne noch daran zu erinnern, daß in Bamberg am Dom, in Straßburg am Münster die steinernen Statuen der „Synagoge' stehen: aristokratisch hochgezogene Frauen mit der Augenbinde und dem zerbrochenen Stab, unglückliche Schwestern der