Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 6 (1927)
- Issue
- 31-32 (5.8.1927)
- Date
- 1927-08-05
- Page
- Seite 461 (sequence 29)
- Language
- German
- Belongs to
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461 Mer den 8«Een. Von Dr. I. Levy (Berlin). lieber Leistungen deutsch-jüdischer Zeitungsschreiber in ihren Auswirkungen für das deutsche kulturelle und Politische Leben soll ich plaudern; so will es die „C. B.-Zeitung". Na ja, weil ich des zweifelhaften Vorzugs genieße, sozusagen ein Patriarch der Presse zu sein, in der ich v o r mehr als dreiundfünfzigJahren meinen Beruf — verfehlte. Erfahrungen allerdings konnte ich genug sammeln, erfreuliche und andere, Arbeiten im Dienst am deutschen Volke verfolgen- und Schwierigkeiten sattsam beobachten, denen die Leute von der Feder sonderlich begegneten, wenn sie nicht der „nordischen Edelrasse" entstammten, sondern zu denen gehörten, die der Dichter die Prügelknaben der Weltgeschichte genannt hat. Seid wann sich Juden überhaupt hierzulande als Journalisten mit achtungswertem Erfolg betätigen konnten? Doch wohl erst selb den Anfängen einer freien Prepe. Tenn der Truck, der auf ihnen -und ihren Brüdern lastete, konnte sie billig nicht anders als mit Freiheitsdrang erfüllen, und so lange die Machthaber sich in Kalis Onrarschen Gelüsten gefielen und die Zensur den Geist knebelte, war dem Tagesschriststeller des verfemten „Wüstenwanderstamrnes", auch wenn sein Herz für Deutschlands Einheit und Größe schlug, der Weg zur vollen Entfaltung, seiner Kräne fast allenthalben ab- «schmtten, nicht zuletzt innerhalb der schwarzweißen Greuzpfühle. Da kam das „tolle Jahr", und der Odem Gottes reinigt wieder einmal die faul gewordene Welt. Und mit einem Schlage rief die schwarzrotgoldene Begeisterung eine stattliche Anzahl jüdischer Journalisten auf den Kampfplatz. Unter ihnen darf an erster Stelle A d o l f^G l a ß b r e n n e r!genannt werden, der warmblütige Humorist und Satiriker. Er hatte ein Glück schon in den Zeiten des Absolutismus versucht, bald nacl>- dem Saphir seine „Berliner Schnellpost" und den „Berliner Courier" -herausgegeben hatte, um sich allgemach charakterlos den Regierungen anzuschmeicheln und zum Protestantismus überzutreten. Saphir war der Meister -des seichten, oft boshaften Wortspiels, ohne Grundsätze, ohne Ueberzeuguugstreue. Wie anders Glaßbrenner! Dichter und Künstler, aber zugleich Kämpfer, dem es undenkbar war, ein Ueberläuser zu werden. Er redigierte 1831 eine Zeitschrift „Don Quijote". Natürlich wurde sie unterdrückt. Er schilderte ^iter „Berlin, wie es ist und — trinkt" und schuf eine Fülle launiger Broschüren, die auf die Kultur ihrer Tage scharfe Schlaglichter warfen, die „Verbotenen Lieder", die nur im 'Ausland erscheinen konnten, die „Lieder eines norddeutschen Patrioten", den „Neuen Rernecke Fuchs" — versteht sich, daß er 1848 stürmisch seine Feder der deutschen Einheit und Freiheit weihte, daß er zwei Jahre später aus ge wiesen wurden daß er dem Volk^auch ferner prächtige Kinder tziner Muße schenkte, nicht zu vergeben die „Berliner Montags- Leitung", die er bis zu seinem Ende — 1876 — leitete. Er ist mit Fug clls „Vater des Berliner Witzes" bezeichnet worden, dem die Me Berliner Posse ihre Entstehung verdankte. Und wer hat diese Posse zur höchsten Blüte gebracht? Wieder „einer von unsre Leut", wie er eines seiner klassischen Stücke benamste: David K a lisch, der nicht nur das Walluer-Theater, sondern die komische Bühne ganz Deutschlands lange Zeit beherrschte und Millionen von Zeitgenossen mit seiner lachenden Wahrheit erfreute und belehrte. Er war der Begründer des „Kladderadatsch", dessen Jahrzehnte hindurch glänzend geübte Kritik an den politischen Ereignisien und Persönlichkeiten dauernd der Geschichte angehört. Unter seinen Mitredakteuren am „Kladderadatsch" ist namentlich Rudolf L ö w e n st e i n unvergessen-, der Dichter der Kinderlieder, der-1848 auch eine demokratische Bürger-- und Bauernzeitung redigierte und ein Menschenalter später politische Rundschauen für Tagesblätter schrieb. Ein Namensvetter David Kalischs und Verwandter in Apoll rvar der Herausgeber -der Mainzer Karnevalszeitung „Narhalla", der 1849 als Revolutionär — weil <r für Deutschlands Einheit geschnxirmt hatte — flüchten mußte, aber nach wie vor ungewöhnliches patent in Poesie wie Prosa, -Insbesondere auch -in Zeitungsaufsätzen, bewies. Unter den Ni'tern vom Geist, die nicht bloß als flüchtige Söhne der Stunde aus dem Tag für den Tag zu schassen suchten und daher Spuren in dem Entwicklungsgang der össeutlichen Meinung zurückgelassen haben, sind unvergessen L u d w i g Wales r o d e, H. B. O p P e n h e i m. Aron B e r n st e i n. Alle drei vorzügliche Journalisten, aber alle drei nicht bloß Journalisten. Der eine in den „Untertänigen Reden" und ähnlichen- Satiren von sprühendem Witz, in anderen Werken von sittlichem Ernst, der andere scharfsinniger Jurist und wahlvcrwandter Biograph Waldecks, der dritte, wem wäre er nicht bekannt und wert als Gründer der „Urwähler- Icitung". die nach ihrer Unterdrückung und Einsperruug ihres Herausgebers als „Volkszeituug" wiedcrgeboreu wurde und jahrzehntelang seine tonangebenden Leitartikel, zuletzt seine naturwissenp>rstlichen und historischen Aussätze, veröffentlichte. An Volkstümlichkeit der Sprache und zugleich Gediegenheit des Inhalts sind sie nie übertrosfen worden. Er war ein Gelehrter und Poet dazu. Aus der großen Zahl seiner Schriften, die von unvergänglichem Reiz bleiben, seien lvenigstens „Bügele der M a g g i d" und „Mendel Gibbor" Hervorgehoden. Wie wußte er nicht in seiner Person Deutschtum und Judentum zu schönster Harmonie zu verbinden! Dr. Paul Nathan. Plakette von Jakob Plessner (Soeben vollendet). Mit dem „Kladderadatsch" und seinen „Gelehrten", als sie längst ein Machtfaktor «worden waren, begann ein kecker, ganz auf sich selbst gestellter Witzbold und Bersemncher zu wetteifern, der unerschöpflich LN drolligen Einfällen und burlesken Gestalten war. Julius S t e t t e n h e i m , der Vater des unsterblichen Kriegskorrespondenten in Bernau, der Herausgeber der „Wespen" und des „Humoristischen Deutschland". Ein Seitenstück zu den „Wespen" wurde später Siegmund Habers annoch blühender „Ulk". . „Täglich wird viel Ulk gemacht, Donnerstag wird er gebracht." Wie Müller und Schultze, Zwickauer, Prudelwitz und Strudelwitz, Wippchen, so lebt Paula Erbswurst, die Konfektionsdame vom Hausvogteiplah im dankbaren Gedächtnis der Nachwelt. Mit Stettenheim eng befreundet war O s ka r B l u m e n t h a!, Oer unter dem Strich immer „auf der Mensur" war und gezeigt hat, daß ein geborener Journalist mitunter noch mehr kann als kritisieren. Des „blutigen Oskar" Nachfolger im Feuilleton wurde Fritz M a u t h - n e r , der mit den Parodien .Nach berühmten Mustern" seinen Ruhm begründete, ihn mit neuen Schöpfungen von Jahr zu Jahr steigerte und Zuletzt durch tiefgründige Werke einen Ehrenplatz in der wissenschaftlichen Welt errang. Ebenfalls vom Journalisten zum Gelehrten, um wenigstens einen zu neunen, der noch wandelt im rosigen Licht, hat sich Robert T a v i d s o h n entwickelt, einst neben seinem Bruder Georg, dem Vorkämpfer Richard Wagners, titelloser, aber geistvoller Redakteur des „Berliner Börscn- Couriers", heute Doktor und Professor und Verfasser der gewaltigen Geschichte von Florenz, die der Ge'schich:e Roms von Ferdinand Gregorovins mindestens ebenbürtig ist. Unter den Journalisten, die aus deutsche Kultur und Politik fördernd einzuwirken suchten, stehen manche, die ihren Wohnsitz außerhalb des Deutschen Reiches hatten, nicht an letzter Stelle.^ Da war F r i e d lä nd er , der in Wien die „Neue Freie^Presse" schuf, waren Bacher und Benedikt, war Daniel spitzer, der „Spaziergänger", der den Raffkes von dazumal ins Stammbuch schrieb: „Eiserne Stirn, eiserne Kasse, eiserne Krone." Da waren Mar Nordau und T h e o d o r H e r z l, als Zeitungsschreiber erprobt, ehe sie sich dem Zionismus zuwandten. Ob an der schönen blauen Donau oder an der ge-lben Moldau oder am Main und Rhein oder am grünen Strand der Spree, es waren Juden in erklecklicher Anzahl, die dem deutschen Volk in lauterer Gesinnung dienten, sei es, daß sie der Prepe angehörten, sei es, daß sie von ihr herkamen. C o h n st a e d t, der Frankfurter, den Walther Rathenau als erste Autorität verherrlichte, ist zeitlebens Handelsredakteur geblieben. Für andere war die Redaktionsstube nur Durchgangsstadium. Raphael Loewenfeld, der geistige Vater unseres Eentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, begann im Feuilleton der „Breslauer Zeitung" und wurde dann der Bahnbrecher und Uebersetzer Tolstois. Paul Nathan war als Herausgeber der „Nation" für deutschen Sinn und deutsches Schrifttum so tätig wie ehemals Joseph Lehmann im „Magazin für dis Literatur". Aber er war, wiewohl ein unermüdlicher Streiter für Recht und Wahrheit, zuletzt nur noch Journalist im Nebenamt. Otto B r a h m blieb es nicht einmal im Nebenamt, seit er als Bühnenleiter Epoche machte, während Julius Elias, sein jüngst Heimgegangener Freund, in den fielen gestorben ist. Und nun die Lebenden, wie viele ließen sich nicht den Besten der Vergangenheit rühmlich anreihen, zuverlässige Wegweiser aus den mannigfachsten Gebieten, der Politik, der Wirtschaft, der Kunst, der Technik, der Wissenschaften, des Gesellschaftslebens! Das Judentum wird dieser Journalisten um so anerkennender gedenken, je selbstloser sie, aller Einseitigkeit fremd, echtem Deutschtum und echtem Menschentum die Bahn zu bereiten sich bestreben, trotz allen Schwierigkeiten, denen ihre „Auswirkung" auch heute noch bcaeqnet. Wer wollte nicht anerkennen, daß es neben den Leuchten des" Berufs auch hie und da einen „Schmock" oder Schwächling geben mag. Was tut's? selbst die Sonne hat ihre Flecken. Aber die Gesamtleistung der Juden in der deutschen Jonrnalistik kann billig jede unbefangene Kritik ertragen Wer die alten kulturellen Verknüpfungen zwischen Deutschtum und Judentum auf wissenschaftlicher Grundlage kennenlernen wich studiere Sr.paul Neger: Vom Seimaisrecht der deutschen Juden. preis VMM. Philo-Derlag, Berlin $W 68, Lmdensiraße 13.