Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 6 (1927)
- Issue
- 31-32 (5.8.1927)
- Date
- 1927-08-05
- Page
- Seite 460 (sequence 28)
- Language
- German
- Belongs to
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460 f f f/f, Von Arthur Eloesser. In dem Buche „Israel" des hervorragenden amerikanischen Schriftstellers Ludwig L ew i s oh n fand ich die Frage gestellt, ob die europäischen und besonders die delltschen Juden im lebten Sinne assimilierbar seien. Lewifohn hat daraus nein gesagt, obgleich seine ererbte und wiedererworbene Anhänglichkeit an die geistige Kultur Deutschlands ihm während des Krieges in Amerika Unannehmlichkeiten eingebracht har, die fast bis zur Vernichtung seiner Existenz führten. Das Buch des amerikanischen Kollegen hat im Grunde die Frage bejaht, da er von dem großen Anteil der Juden an der Entwicklung unseres Geisteslebens spricht, nicht nur. von den Dichtern wie Schnitzler, Hoftnannsthal, Wassermann, die es bereichert, wndern auch von Kritikern, die es gefördert haben. Und die er beide aus unserer Literatur nicht hinweg denken kann. Wie könnte diese Erscheinung ohne Assimilierung denkbar sein, wie könnten schöpferische Kräfte in Wirksamkeit treten, wenn. nicht eine Verschmelzung deutschen; und jüdischen Geistes bis zur chemischen Unlösbarkeit der Elemente stattgefunden härte? Auch unsere Gegner sprechen gern von der Macht der jüdischen Kritik, die sie meistens als Zersetzend bezeichnen. Abgesehen davon, daß Entwicklung von dem, der..sie unbequem findet, gern als Zersetzung bezeichnet wird — ihr Irrtum oder ihre Willkür wird schon durch die Tatsache widerlegt, daß es einen Standpunkt jüdischer Kritik n i ch t gibt, daß die Kritiker jüdischer Abstammung allen Parteien und Richtungen unserer Literatur angehören, vom traditionsstrengen Konservatismus bis zum rücksichtslosen Radikalismus. Es ist ja auch in der Politik nicht anders. Seit wann gibt es überhaupt eine jüdische Kritik in Deutschland, wenn man sie so nennen will? Sie entstand mit den j ü d i s ch e n S a l o n s in Berlin, die den Goethelult begründeten, durch die Goethe zuerst als allgegenwärtige Persönlichkeit in beständiger Beziehung zu allen Fragen der'Lebensgestaltung, der Bildung begriffen wurde, die der Name Rahel vertritt. Diese aus der Lust des Empfangen?, aus tätigem Verstehen geborene Kritik, ist schöpferisch gewesen, weil sie einen Geisteszustand schuf, in dem die Wirkung von Goethes Lebenswerk sich ausbreiten konnte. Denn auch die Kritik, so sagt ein schönes Wort von Ferdinand Nürnberger, ist eine Empfängnis des Lebens. Diese Ausstrahlung der Zentralsonne Goethe, auch durch jüdischen Geist, fand noch vor der bürgerlichen Emanzipation der Juden statt; es war eben die deutsche Entwicklung, die der Aufklärung, des Klassizismus, der Romantik, die den vorwärtstreibenden Geistern, den bedürftigen Seelen unter den Juden zuerst Heimat gegeben hat. Weshalb man allerdings sagen könnte, daß nach dieser Geburt aus denselben Elementen der Platz der jüdischen Kritiker immer da sein müßte, wo Entwicklung, Befreiung, Zukunft sich ankündigen. Mit einem Worte da, wo der Weg zum Humanitätsgedanken weiter geht. Aber wie wenig das Partei ist, sehen wir an dem grundsätzlich bedeutenden Streit zwischen Börne und Heine, zwischen dem Nazarener und dem Hellenen. Der eine schwärmt für Jean Paul, weil dieser auf so deutsche Weise menschlich ist, und der andere schwärmt für Goethe aus demselben Grunde. Der Kritiker kann den Dichter nicht-wie einen Sohn hervorbringen, als schöpferisch bewährt er sich, wenn er durch seine direkte Einwirkung die seelische Atmosphäre, den Geisteszustand schafft, der der Entstehung echter Kunstwerke, ihrer Anerkennung und Verbreitung günstig ist, so daß sie tute ein organischer Bestandteil des Lebens an unserer Bildung mit bauen Helsen. Der Kritiker, der Altäre umstürzt, wird auch immer neue errichten. In irgendeinem Album habe ich utir einmal mit sehr freier Benutzung von Schiller als Parole des Kritikers emzutragen erlaubt: Speere wers-en und die Götter ehren! Schöpferische Kritik wirkt ebensowohl rückwärts wie vorwärts. Wie fest die Etiketten unseren Dichtern anfgeklebt scheinen, es findet eine dauernde leise Rangverschiebung statt. Was ist denn Heute und was ist gegenwärtig? Das was wir als feinste Seelennahrung brauchen. Erst nach der Erscheinung Nietzsches beginnt die Wirkung von Hölderlin. Wenige haben über ihn so schön ausgesagt wie Stefan Zweig, schön vor allem, weil er die tragische Verwandtschaft dieses Sehers mit Kleist und Nietzsche fühlbar macht. Wie es überhaupt zum 'Wesen auch der unternehmendsten jüdischen Kritiker gehört, daß sie zugleich ehrfürchtig und leidenschaftlich an dem Krönschaß unseres Sprachguts hängen. Sollte es mehr jüdische Kritiker geben, als die Statistik verlangt oder erlaubt, so liegt es wahrscheinlich an dieser sinnlich-geistigen Enrpfmdlichkert und Empfänglichkeit, die wir für die innere Form, für Sprachleib und Sprachseele der Dichtung haben. Ein Mann wie Rudolf Borchardt, den wir noch für einen Philologen im echten Sinn der Romantik halten dürfen, schreibt ein unwiderlegbares Mittelhochdeutsch, mit dem er sich zum Zeitgenossen von Wolfram von Eschenbach macht. An dieser Stelle eine Anekdote, die zugleich für traurig und lustig gehalten werden darf. Als die Kleist-Gesellschaft gegründet wurde, die einige Leute sich gern als politisch vorstellten, sagte ein General, der zu den: Dichter wohl keine anderen als zufällig verwandtschaftliche Beziehungen hatte, zu einem deutschen Professor: Vor allem keine Juden hinein! Worauf der Professor ihn sehr entschieden darauf aufmerksam machte, daß das schicklicher Weise nicht ginge, nachdem verschiedene Literarhistoriker oder Kritiker jüdischer Abstammung wie Otto Br ahm, Max Morris, A. Eloesser das Ihrige zur Kenntnis und Verbreitung des Dichters beigetragen hatten. Darauf der General: Ich kenne nur die Biographie von Herzog. — Darauf der Professor: Das ist auch ein Jude. — Und schließlich der General, aber schon etwas resigniert: Ja, wenn man das immer so wüßte. Der amerikanische Schriftsteller Ludwig Lewisohn, auf den ich mich im Anfang etwas gegen seinen Willen berief, erweist mir mit Alfred Kerr und Julius Bab die Ehre, uns' als Beispiele von Kritikern zu nennen, die als wirksam oder als richtunggebend angesehen werden dürfen. Ich bedaure, daß er den damals noch lebenden Siegfried Jacobsohn nicht genannt hat, der sich durch seine fruchtbare Leidenschaftlichkeit gewiß als schöpferisch erwiesen hat. Eine Partei haben wir und andere niemals ausgemacht; ich bemerke im Gegenteil nicht ohne Vergnügen, daß wir, obgleich meistens dieselben Götter ehrend, unsere Speere gern aufeinander geworfen haben. Man focht gür Ibsen oder Strindberg, für Hauptmann oder Wedekind, für Stefan George oder Dehmel. und wie deutsche Art mm einmal ist, oft mit der Eifersucht von Liebenden, die ihre Meinung nicht einmal gern teilen. Also keine Partei der Gesinnung nach, höchstens von einer gemeinsamen Leidenschaft, die manches zur Erwärmung und Befruchtung unseres literarischen Klimas beigetragen hat. Es war in der bildenden Kunst nicht anders. Sehen wir uns die stattliche Reihe von Kritikern und Herolden an, die mit Emil H eilb u t begann,— es muß ihnen nachgesagt werden, daß sie nicht sowohl eine bestimmte Kunstrichtung als vor allem die Liebe zur bildenden Kunst gefördert haben. Ich kann nicht besser schließen, als daß ich noch einmal den Rainen von Otto Brahm nenne, der ja auch dem Streit des Tages bängst entrückt ist. Brahm hat den Naturalismus als die Aufgabe seiner Tage gefördert, aber alle Entwicklung der modernen deuschen Bühne ging von ihm aus, weil er unserem Theater den Seift der Verantwortung wieder gegeben hat, das Gewissen und die Kraft. Auch der Theaterdirektor Otto Brahm blieb ein schöpferischer Kritiker, er ging nicht als Regisienr selbst auf die Bühne, aber er hatte die magische Kraft, Regie und Darstellung nach seinem Willen zu lenken, bis die Leistung seiner inneren Vorstellung entsprach. Hier wurde Kritik sichtbar in ihrer schöpferischen Macht, während sie sich sonst mehr abfühlen läßt au den Nervenfäden, die sie durch unfer geistiges Leben zieht. Tie knnstgewordene Kritik von Brahm war deutsch, war ihrem Wesen nach besonders norddeutsch; ich habe mir einmal den Scherz gemacht, den in Hamburg geborenen Erneuerer der deutschen Bühne als einen Ditmarsen und Wiking zu zeichnen, dem der blonde Bart, von mancher Seenot gebleicht, bis zum Schwertgurt reichte. Will man Ernst machen, braucht man nur an Max Reinhardt zu denken, der so viel Erfindungen gemach hat, um schließlich auch die Tradition des österreichischen Barock zu erneuern. Man kann auch sagen, daß der eine von der protestantischen, der andere von der katholischen Grenze unserer Geisteszone kenn. Ob Künstler oder Kritiker, das gemeinsam Jüdische war eine spezifische Energie, die sich aber zum deutschen Geistesleben nicht excentrisch verhielt, sondern sich als immanenter Bestandteil in ihm auswirkte. Wenn ich hier also von schöpferischer jüdischer Kritik gesprochen, habe, so ist wohl ebenso sehr von deutscher Kritik die Rede gewesen.