Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 6 (1927)
- Issue
- 31-32 (5.8.1927)
- Date
- 1927-08-05
- Page
- Seite 459 (sequence 27)
- Language
- German
- Belongs to
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45- „Natürlich" hat der Jude dem Amüsiertrieb Notenhekatomben in der Operette geopfert. Dem aber steht eine Zahl erster Dirigenten jüdischer Abstammung wie Bruno Walter, Otto Klemperer geaenüber. Man kann sich deutsche Musikkultur nicht ohne sie denken. "Und da jeder Künstler auf den Mitklang eines begeisterungssähigen Publikums rechnen muß, um gedeihen zu können: wie ärmer wäre das deutsche Musikleben ohne die Begeisterung zu Opfern bereiter Juden! Dom Bon Julius Bab. Zu den völkischen Legenden, die so unablässig und so laut vorgetragen werden, daß sogar die Juden sie vielfach glauben, gehört die Behauptung, daß das deutsche Theater gänzlich „v e r j u d e r sei, daß eigentlich als Spieler und Leiter dort nur noch Juden zu finden seien. Diese Behauptung wird in der Regel gestützt durch eine Anzahl jüdischer, oft auch nur jüdisch klingender Namen, die naturgemäß einen ganz erdrückenden Eindruck machen, solange man nicht mit ihnen zugleich die sehr viel größere Zahl der nichtjüdischen Namen nennt. Wenn man sich aber, statt in bequemer Laune Zufallseindrücke Lu verallgemeinern, in dem harten Bereich der Tatsachen umsieht, so ergibt sich ein ganz anderes Bild. Zunächst, was die Schauspieler betrifft, so ist in der großen unentbehrlichen Masse der kleinen Leute, des schauspielerischen Proletariats, der Anteil der Juden überraschend gering — was wahrscheinlich mit ihrer stärkeren Fähigkeit zur Selbstkritik und der daraus folgenden Möglichkeit zusammenhängt, sich von einer aussichtslosen Existenz abzulösen. Verhältnismäßig groß ist die Zahl jüdischer Schauspieler im Mittelstand — dort, wo es sich um die .Ehargenkunst prägt <denn alle schwächere ^chausp:e!kunst ist ^ja sehr bald nur Nachahmung der prominenten!), in dieser Oberschicht ist der Anteil der Juden sehr viel kleiner, als man im allgemeinen annimmt. Ta der Begriff des „Prominenten" ja nicht scharf abzugrenzen ist, und man auch nicht das Recht hat, in zweifelhaften Fällen nach dem Stammbaum zu fragen, ist es natürlich schwer, hier genaue Zahlen zu geben. Aber nach ziemlich gründlicher Ueberlegung glaube ich sagen zu können, daß unter den führenden deutschen Schauspielern kaum ein Drittel (unter den Schauspielerinnen vielleicht etwas mehr), jüdischer Herkunft ist. Wenn also die zahlenmäßigen Vorstellungen des Anteils der jüdischen Schauspieler an den deutschen Bühnen sehr eingeschränkt werden müssen, so bleibt dennoch unleugbar, daß an der Entwicklung der deutschen Schauspielkunst seit drei Generationen jüdische Künstler einen sehr wesentlichen Anteil haben. Dom Standpunkt der deutschen Kultur aus aber kann in keinem Falle behauptet werden, daß von diesen Künstlern jemals spezifisch „jüdische" Entwicklungen inauguriert worden sind. Sie standen immer in einer Bewegung, die als Ausdruck des Zeitbedürfnisses vom Leben der ganzen Nation gefordert wird, und die von Juden und Richtjuden gleichmäßig getragen wurde. Als das Wiener Burgtheater durch seine letzte große Zeit vorbildlicher Schauspielkunst die Abschiedshöhe des noch unproblematischen Bürgertums verklärte, standen neben den Juden Svnnenthal und Lewinsky „urgermanische" Künstler, wie Baumeister und Krastel. Als mit dem Beginn der inneren Revolution der Naturalismus auch in der Schauspielkunst aufkam, war ver Jude Emanuel Reicher Bahnbrecher und Verkünder, aber ganz unjüdische Schauspieler, wie Rittner und die Else Lehmann, Vollender Kapellmeister, Theaterleiter and Schauspieler Otto Brahm der neuen Kunst. Und noch am Ende brachte diese schauspielerische Epoche nebeneinander zwei schauspielerische Phänomene stärkster Art - hervor: den 'Elementarjuden S ch i l d k r a u t und den Deutschen reinsten Blutes Albert Basiermann. Und an der gegenwärtigen Entwicklung haben neben so typisch „germanischen" Schauspielern, wre Kayßler, Stcinrück, Klopfer, Janniugs, Werner Kraus, Juden, wie Kortner, Ernst Deutsch und der geniale Pallenberg, An* teil. Gleiche Volksschicksale ingleicher Zeit lassen hier Juden und Nichkjuden um neue Ausdruck-Möglichkeiten deutscher Tchauspielkunit kämpfen. Nur vom jüdischen Standpunkt aus liegt ja ein wirklich auffallendes Phänomen vor: denn auf dem Gebiet der Schauspielkunst haben es tatsächlich viel mehr Juden zu erstklassigen Leistungen gebracht, als im Bereich irgendeiner anderen Kunst, wo sie sich zwar mit gleichem Eifer einjetzen, aber sehr viel seltener zu wirklich schöpferischen, führenden Werken aufsteigen. Es gibt allerdings ein ganz besonderes Verhältnis des Judentums zur Schauspielkunst. Das hat gar nichts mit der bei dieser Gelegenheit immer zitierten Kunst jüdischer „Anpassung", „Verstellung", „Beweglichkeit" zu tun; denn Schauspielkunst ist ja, im Gegensatz zum Verwandlungskunststück des Varietämenschen, keine Verstellung, sondern durchscheinende Wahrheit, immer neue Ausprägungsmöglichkeit eines reichen I ch s. Aber mit der urtümlick/en Art dieser Kunst, die noch den ganzen Menschen mit allen Organen ungeteilt ergreift und unmittelbar in ihren Dienst zwingt, dürste es Zusammenhängen, daß künstlerisch befähigte Juden eher in der Schauspielkunst als in einer anderen zum höchsten Ziele kommen! In dieser Kunst ist die Gefahr viel geringer, der ihre intellektuell überstark entwickelte Art sonst so leicht erliegt: die Gefahr im Virtuosischon, im Spezialistentum eines einzelnen Organs zu erstarren. Ter Schauspieler, der mit seiner ganzen Existenz arbeiten muß, und depen Rolle ein anderer, stärkerer, der Dramatiker, immer wieder in ein Ganzes zwingt, der Schauspieler kann sich glücklicherweise sehr viel schwerer als ein anderer Künstler von jenem dumpfen Gesamtgefüh! entfernen, aus dem allein künstlerische Leistungen jeder Art wachsen Anders, und wohl mehr mit den rein geschichtlichen Bedingungen zusammenhängend, unter denen die Juden erst vor kurzer Zeit in die europäische Kulturgemeinschast eingetreten sind, anders steht es um die Gründe, die die Juden im besonderen Maße zum Mittlertum in den Künsten befähigen. Dazu gehört im Bereiche des Theaters ebenso wie der Theaterkritiker auch der Organisator des Theaterwesens, der Direktor. Auf diesem Gebiet ist die judenfeindliche Legende besonders stark und besonders unsinnig. Daß so gut wie alle Theater Deutschlands in jüdischen Händen sind, heißt da eine „ganz bekannte" Tatsache. Dabei steht fest, daß bis zur Revolution neun Zehntel der künstlerisch wichtigen deutschen Bühnen als Stadttheater und Hoftheater grundsätzlich für jüdische Leiter gesperrt waren, und an diesem bösen Prinzip hat sich trotz einiger sichtbarer Ausnahmen bisher keineswegs sehr viel geändert. Natürlich wurden die jüdischen Talente, die es auf diesem Gebiet gab, zusammengedrängt auf die verhältnismäßig kleine Zahl von Privat-' theatern, die es in Berlin und Wien und einigen anderen deutschen Großstädten gab. Diese waren und sind allerdings zu einem sehr erheblichen Teil in jüdischen Händen. Daß aber die Geschichte des deutschen Theaters im letzten Menschenalter wirklich sehr stark von jüdischen Bühnenleitern geformt worden ist, das hat nichts damit zu tun, daß den. oft viel bester ausgestatteten, viel sorgloser arbeitenden großen Bühnen der Städte und Staaten diese viel kleinere Zahl der Privattheater gegenüberstand. Das kommt beinahe ausschließlich daher, daß die Führung im deutschen Theaterwesen seit 1865 an eine einzige Berliner ' Privatbühne überging, daß das „Deutsche Theater" in Berlin dreimal, unter LÄrrongc, unter Otto Brahm, unter Max Reinhardt, den Stil deutschen Bühnenwesens bestimme hat. Diese drei Männer waren Inden, und man könnte als vierten in der Reihe Leopold Jeßne^ nennen, der, jetzt allerdings an der Spitze der preußischen Staatstheater, zum viertenmal einem -gewandelten Zeitempfinden den geforderten Dühnenausdruck gibt. Dabei aber steht Jeßner so wenig wie seine Vorgänger allein, er steht inmitten einer Zahl von Vorläufern, Mitarbeitern und Rach, ahmern. die großenteils durchaus nicht Juden sind, und es erhellt, daß diese deutschen Juden als Theaterleiter keineswegs eine spezifisch jüdische Sache durchgesetzt haben, sondern daß sie mit einer besonderen Begabung (zu der auch ihre jüdische Herkunft einen Beitrag geliefert haben mag) einen Ausdruck geschaffen haben, der v 0 m E e i st u n d W e s e n d e r Zeit dringend gefordert war. So haben sie mit den Theaterformen, die sie entwickelten, zugleich dem notwendigen geistigen Wachstum der Nation Luft gesckMfen und sind wohlverdient um die ungeteilt einheitlichen Interessen der deutschen Kultur.