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Central-Verein-Zeitung · 1927-08-05 · 31-32 (5.8.1927) · p. Seite 458

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
6 (1927)
Issue
31-32 (5.8.1927)
Date
1927-08-05
Page
Seite 458 (sequence 26)
Language
German
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458 Wassermanns Bekenntnisbuch. Bon Arthur Silberglelt. Wenn ein so männlich herber, strenger, zuchkvoller und in seinem tiefsten Wesensgrunde verschämter Geist wie Jakob Wassermann, der als Epiker sein Ich in den Gestalten seiner Romane und Novellen weit eher ahnen läßt, als deutlich enthüllt, seine Bekenntmsse veröffentlicht, so erwartet man von ihm natürlich nicht etwa lyrische Herzensergießungen noch romantische Musik ^oder eine der nur allzu zahlreichen eitlen Spiegelbilder einer narzissushaften Selbstverliebt, heit. Tenn starke Wahrheitsliebe und hohes Verantwortungsgefühl vor seiner eigenen Sendung sowie vor der Ilmwelt kennzeichnen diesen Dichter glorienloser und ungeschminkter Menschengestaltringen geistig und künstlerisch, und eben "jenem Verzicht auf geslisscntiiche einseitige Verklärungen oder Verdunkelungen des Deutschtums oder^ des Judentums verdankt der Leser des Werkes: „Mein. Weg als Deutscher und Jude* manchen Aufschluß über das Wesen der Disharmonie, die nach Wassermanns Geständnis durch lein ganzes Tun und Lein zog und ihm „mit den Jahren immer schmerzlicher fühlbar und bewußt* wurde. Erlebnisring an Erlebnisring findet hier seine Anreihung zu einer Dasens- und Schicksalskette, unter deren Last, ihr Trägc-r oft zusammenzubrechen drohte. Jedes einzelne Glied erscheint sorgfältig „Unsere Mitarbeit an der deutschen Kultur ... Im übrigen ist meine Wirkung in allen diesen Dingen und der Einsatz bei diesen Problemen stets indirekt und stellt sich als schöpferizche Arbeit dar . . . Jakob Wassermann an die „C. V.-Zeitung“ gefügt und in der Ergänzung durch seine Brüder fast wie der typische und gesetzmäßige innere Lebenslaus jedes deutschen Juden, sofern er noch die Wellen abend- und morgenländischer Kultur mit annähernd gle-icher Kraft in sich Hineinströmen fühlt, sofern er nicht gegen den Anprall der einen oder anderen Kraft Dämme errichtete. Ter Dichter, der seine durch Generationen bedingte seelentiefe Verwurzelung mit dem deutschen Boden betont, der sich selbst in religiöser Hinsicht eher lau als von inbrunstvollen Gluten durchflammt bezeichnet, der aus Gemeinschaftsgefühlen und Gerechtigkeits- Liebe aber ungerechtfertigte Angriffe aus das Judentum stets mit der ganzen Kraft seiner'geistigen Persönlichkeit abwehrt, wurde über die Notwendigkeit einer solchen Auseinandersetzung gründlich belehrt. Denn seine andersgläubige menschliche Umgebung, die er in der Verzweiflung und Haltlosigkeit seines jahrelangen seelischen und künstlerischen Ahasvertums nur allzugern als stärkste Stütze empfunden hätte, befremdete ihn frühzeitig durch die öffentlichen oder heimlichen . Bekundungen ihrer leisen Ablehnung oder beredten Feindseligkeit, deren Begründungen weit seltener seiner Person als seiner Zugehörigkeit zum Judentum galten. So fühlte er sich meist als Ausgestoßener und Verworfener und Verfemter, und er mußte sein Parialos und -leid um so tiefer empfinden, als die Oualen einer schweren Kindheit, die erlittenen Lngerechtigkeiten im Elternhause sowie manche Unbill von Verwandten, auch von Mitschülern, sowie dann später von seinen militärischen christlichen Vorgesetzten und Brotgebern, seine lange in der Heimat mißachtete oder gar verhöhnte reizsame künstlerische Natur zu einem nur allzu leicht empfänglichen und vibriernngsfähigen Instrument. auf dem der Schmerz fast ständig spielte, ^verwandelt zu haben schienen. Die Erkentnis seiner Ohnmacht, von Mittelalterlichem Aberglauben oder Vorurteilen umstrickte Geister durch Belehrungen aus den oft eigenhändig über ihre Häupter gestülpten Netzen befreien zu können, steigert sich in diesem Werk niemals zu dem jähen Ingrimm eines Friedrich Nietzsche, der die „Antiscmiterel , wie er den durch Schlagworte organisierten Bund der Judenhasser nennt, als Greuel, Schrecknis, ja sogar als Beleidigung der Menschheit brandmarkte. Jakob Wassermann disziplinierte vielmehr seine geistige und seelische Haltung mit durch Thesen lind Antithesen fast wissenschaftlicher Strenge, mit einer menschlichen Aristokratie, einer 'Vornehmheit des Tones, einer Sicherheit, einem Taktgefühl im Stimmenorchester aller Gründe und 'Gegenstände für oder wider das Judentum, wie solche Eigen schiften eben nicht selten den Erben einer tausendjährigen Kultur, einen vom Sinne Nietzsches guten Europäer zieren. Doch befürchte man nicht, hier eine Sammlung von Disputen und eine Auferstehung des dialektischen Geistes der alten Talmudschule; denn Jakob Wassermann ist zu weise, um nur klug oder spitzfindig zu sein, zu geistreichelu, durch Formulierungsglanz zu blenden oder gauklerhast und spielerisch Paradoxe 311 erklügeln, es drängte ihn vielmehr, „Anscl^auung zu geben* und als ein stets tiefschürfender Wahrheitssucher in die dunklen Labyrinthe seiner Problematik als T-eutscher, Juda und Künstler mit der Bergmannslampe der Erkenntnis einzudrmaen. die Lagerungen der Geistes- und Seelenschichtcn in seinem Innern festzustellen, durch Durcheuchtung feines eigenen Jchs im tieferen Sinne allgemein aufklärend zu wirken, mehr als dies mancher zwar zungenglatte, aber durch seine Leugnung morgen- und abendländischer Kulturverschiedenheiten oft zum Selbstbetrug neigende Apostel des Ausklärungszeitalters bisher vermooste hätte. Stets versucht er am Leitfaden seiner eigenen Lebenserfahrungen die Wirrnisse seiner inneren Wege zu entwirren. Die Darstellung des Leidensweges J-akob Wassermanns liest sich wie einer seiner spannungsvollen Romane, da die Sprache der Tatsache-n hinreichend eindringlich ist und überdies von einem so klassisch klaren Ausdruckskünstler wie dem Dichter gemciftert wird?) Begegnen mir etwa hier infolge der jahrelangen harten Kümpfe seines äußeren Lebens einem modernen Hiob? Nein; denn er wird dies erst wie jene Bibelgestalt durch die starken Spannungen seines Inneren: den schicksalshasten Konflikt und Zwiespalt Zwischen seinem Deutschtum und Judentum. Wassermann erkennt früh die tiefste Tragik des Juden: „daß er zwei Gefühle in seiner Seele einigt: das Gefühl des Vorrangs und das Gefühl der Brandmarknng*, die Abneigung oder gar das Mißtrauen vieler „Arier* gegen alles, was von Juden stammt, allenfalls die Duldung seiner Glaubensgenossen durch jene im öffentlichen Leben, statt der Verwirklichung der verheißenen Gleichberechtigung, er fühlt die heimlichcn Fragezeichen, die hinter fast jedem sittlich, geistig oder künstlerisch noch so einwandfreien Juden von zahlreichen Andersgläubigen in Deutschland gesetzt werden. Als stets aufmerksamer LebenZcrgründer fragt er sich, ob „die enge Aufsässigkeit, der Broihader im Ringen um allgemeine Ziele, die provinzielle Dumpfheit und das brutale Strebertum, das Mißtrauen und Vorgesetzte Mißverstehen, wo es um Wert, um Vollkommenheit, um Jneinanderwirken, um Jdeenhaftes ging, um Gedanken und Gestalt, ob das eine deutsche Eigentümlichkeit, deutsche Krankheit sei, oder ob es als ein Ergebnis des Metiers als solchem war, die dunkle Kehrseite, und in anderen Ländern nicht anders als hier*. Vielleicht' enttäusche ich manchen kriti'chen Geist durch einen gewissen Mangel an kritischen Streiflichtern, deren Berechtigung freilich hier 'sehr zweifelhaft wäre. Tenn darf man bittere Lebenserfahrungen, edle Gesinnungen und Welranschauungsbekenntnisse kritisieren? Hier wurde das Erlebnis einer Persönlichkeit ausgebreitet, deren scheinbares Sonderschicksal als Deutscher und Jude doch zahlreiche typische Merkmale aufweist und daher firc fast alle Glaubensgenossen, besonders jedoch für die Künstler unter diesen, lehrreich bleibt. Tenn durch die Verallgemeinerung des Judenhasses der Deutschen wird ja fast jeder von uns menschlich, beruflich und gesellschaftlich gefährdet. Tie ebenso literarisch wie seelisch vorbildliche Haltung des Dichters betonte ich bereits; der starke Ethiker verleugnet sich niemals, ja er dürste dank der Rücksichtslosigkeit seines Mutes, der auch Enthüllung eigener Schwächen und mancher Fehler seiner Glaubensgenossen nicht scheut, selbst zuerst Widerwillige in seinen magischen Dann hineinzwingen und in manchen durch überlieferte Vorurteile befangenen „Arier* Verständnis für die Eigentümlichkeit unseres Zustandes in Deutschland erwecken; denn es gibt in diesem Werk weder Hymnen noch Haßgesänge. Und eben wegen dieser Gerechrigkeitsliebe bekenne ich mich zu dem Schicksalsbekenner Jakob Wagermann. von Wagner bis Schönberg. Von Dr. Adolf Wcitzmann. Richard Wagner, der das Judentum in der Musik bekämpfte, hat sich zweifellos über die Wirkungen seiner Schrift getäuscht. Ja, der Jude ist in der Musik seit jener Zeit noch fruchtbarer geworden, als es der einseitig gerichtete, mit Vorurteilen belastete Meister voraussah. Konnte er dwch noch erleben, daß sein letztes schöpferisches Bekenntnis, der „ P a r s i f a l *, von einem Juden sozusagen, und zwar mustergültig, aus der Taufe gehoben wurde. Hermann L e v i, Mann von Herz und Geist, überdies von überlegenem Können, hat Wagner, nicht zum ersten Male, doch gewiß am wirkungsvollsten ad absurdum geführt. Ein zweites Geschlecht stand für Wagner auf. Und in diesem wurde Gustav Mahler der beredteste Anwalt seines Werkes. Man kann nicht tiefer von der Feierlichkeit des Parstfal durchdrungen sein als er nach seinem Besuch in Bayreuth, das von ihm nicht die geringste Notiz nahm. Dieser Gustav Mahler blieb aber auch in seinem schaffen seinem großen Vorbild so verhaftet, daß er als berufener Fortsetzer des Romantischen um die Wende des Jahrhunderts zu gelten hat. Schon aber ist der Bau des Wagner-Werkes erschüttert, sein Dauerwert angezweifelt. A r n 0 l d S ch ö n b e r g ist in seinem Bann. Wie kommt er von diesem Dragier los? Man spürt, wie der intellektuelle Romantiker sich mit dem Wagnerschen, das stärker ist als er. auseinandersetzt. Schönberg weiß, daß er sich von Wagner besreien muß, um ein Eigener zu sein: „ P e l l e a s und M e l i s a n d e * . die Gurrelieder bleiben dennoch ein starkes Bekenntnis 31t ihm. Glücklicherweise gibt es eine Kammermusik, gibt es einen letzten Beethoven, der ihm auf der Suche nach Eigenart bcispringen kann. Aber mehr und mehr dämmert ihm aus. daß nur ein vollständiger Umbau der Musik, eine vollständige Umschafjung der Form ihn dem ersehnten Ziele zuführen kann. Die Welt hat von Atonalität, Linearität gehört, weiß auch welche Kreise Schönbergs Wirken gezogen hat. Gleichviel, ob ihm ein Positives gelingt oder nicht: seine tief ethisch gerichtete Kunst müßte auch einen Richard Wagner eines Besseren belehren. •) Wer weiteres über den Dichter erfahren will, lese das aufschlußreiche Buch feiner Dc-ttin Julie Wassermann-Speyer „Jakob Wassermann und fein Werl* (Drutsch-Oesterreichischer Verlag. Wien und Leipzig).

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