Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 6 (1927)
- Issue
- 31-32 (5.8.1927)
- Date
- 1927-08-05
- Page
- Seite 457 (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
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- Franz Werfel 3× ep/1000003
- Arnold Zweig 2× ep/1009291
- Albert Ehrenstein 1× ep/1003295
- Alfred Wolfenstein 1× ep/1013902
- Else Lasker-Schüler 1× ep/1004350
- Ernst Blass 1× ep/1028016
- Franz Kafka 1× ep/1025205
- Gustav Landauer 1× ep/1025282
- Rudolf Leonhard 1× ep/1026203
- Stefan Zweig 1× ep/1025800
- Yvan Goll 1× ep/1007658
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457 Triumph, aber ein Triumph, an dem feine* vorüborgehen kann, der von den Kulturgrnndlagen Deutschlands zu zeugen hat. Aber Heroen b e d ü r s e n n u n einmal von Zeit zu Zeit der Revision. Unsere Lache, jüdische Sache muh es sein, Lchlacte von Metall zu scheiden in dieses unseres Toten Werk. Unsere Sache muß es sein. Heinrich Heine, den Dichter, den wirklichen, zu retten vor jener 'Anhängerschaft von Feind und Verehrer. Seien wir gegen Heine, weil wir sür Heine sind. Seien mir gegen den Teetisch-Poeten und koketten Revolutionär, weil wir für den Dichter sind. Leien wir gegen den bekannten Särmer des Buches der Lieder, 'weil wir für den minder bekannten sind, der die Balladen von Salomo und Belsazar, von Harald und Karl I., vom, Schelm von Bergen und vom Ritter Olaf, vom Asra und von der Loreley, der die Gedichte „Frau Sorge" oder „Die Weber" oder „Boies Geträume" geschrieben hat. Sagen wir uns los von dem, was tot ist. Und unsere Toten haben luir immer selber bestattet. Tann wird leben, was lebt. Und der Kunst- Unverstand wird sich nicht weiter erhitzen an einem „Fall Heine", den es in einer tieferen Schichte der Wirklichkeit gar nicht gibt. Von Alfred Wolfenstein. Dichter bet Gegenwart Tie letzte schassende Generation, die in ihren Anfängen etwa die expressionistische genannt wurde, weist unter den Dichtern in größerem Maße Juden ans als jede frühere. Rach den V o r l ü u f e r it wie Alfred Mombert und Else Lasker-Schüler (und Kritikern wie Alfred Korr, Kart Kraus, Gustav Landauer) kamen die Lyriker Albert Ehrenstein, Franz Werfel, Ludwig Rnbiner, Rudolf Leonhard, Iwan Goll, Alfred Lichtenstein, Ernst Blaß, die Dramatiker Walter Haseuelever und Paul Kornfeld, die Epiker Attred Dublin, Mar Brod, Stefan Zweig, Arnold Zweig, H. E. Jacob, Alfred Reumann. Ernst Weih, Franz Kafka. Diese Fülle ist, sowohl von der Entwicklungsstufe des Judentums wie vom Gang der Zeit aus gesehen, nicht zufällig. Die Befreiung, die Ausschließung des Juden,' das Gefühl, ans Licht zu treten und am allgemeinen Weltschaffen teilzuhaben, tragt vielleicht erst jetzt nach hundert Jahren, in unserem Jahrhundert, natürliche, große Früchte, zumal in der Kunst. Tie weite Schwingung wird vor allem von der Lyrik ausgenommen, sie ist die Begleitm u s i k d e s Vormarsches; in starkem Grade ist diese Generation lyrisch begabt. Tie gelöste Empfindung des Juden wird dann noch akzentuiert durch die Erregung der Zeit, die ihrerseits neuen Erlösungen Zudrangt. Es ist hervorzuheben, daß der Jude von Natur gewisiermahen in besonderer Nahe zum ^Dichter steht; aber dies ist keineswegs als Glück und Vorzug ausznfayen. Denn es sind gerade die problematischen und leidenden Leiten des Dichtertums, die denen des Judentums verwandt erscheinen. Zugleich liegt hier auch eine seltsame Ucbereinstimmung mit dem Lchicksal des Deutschen. Man könnte davon dieses Bild geben: Ter Dichter ist der ein wenig Fremde und von der Seite Angesehene, der in der Schwebe Befindliche, der ungewiß Wohnende unter den Bürgern seines Landes und der Erde, denen er sich doch glühend zugehörig fühlt. Die Bil^l des Dichters, sein Werk, wird von den anderen gern entgegengenommen und in ihr Leben und Glauben übertragen. Ihn selbst aber und seinesgleichen behandeln sie, mindestens bei Lebzeiten, verhältnismäßig kalt, mißtrauisch. Sie sträuben sich, seine Leistungen, die ihnen überall in ihre Kultur eingefügt begegnen, einer Person von so dunkler Haltung wie dem Dichter znschreiben zu sollen. Ist er ihnen endlich aus den Augen und ruhiger überblickbar, so errichte^ man ihm wohl ein heiliges Grab und pilgert zu ihm. Auf seine Rage, auf die lebenden Dichter übertragt sich die Achtung und Verehrung nach wie vor nur ungern. Ihre Schöpfung wird also angenommen, ihr Dasein aber verleugnet, lost der Großinquisitor bei Tostojewski, der Verwalter des Werkes Jesu, ihn selbst erschrocken und tyrannisch wegstvßt. lSo spricht auch Hölderlin von der Behandlung des Deutschen durch die Völker, die doch von ihm „ihr B e st e s habe n'.) Wenn das Lchicksal des Dichters und das des Juden verwandte Züge aufweist, so bedeutet dies keineswegs, daß für den Juden die Ausgabe des Dichtertums müheloser zu erfüllen ist. daß er leichter und echter ein Dichter ist als andere. Es droht hier zugleich eine Gefahr (für seine Ruhe): Er sieht die Dinge aus zu weiter, aus doppelter Distanz, allzu hoch und zweiflerisch oder übermäßig schwärmerisch und Utopistisch. L0 haben die Dichter dieser Generation mit überscharfem Blick schon Fas Chaos vor dem Kriege gesehen, die Abgründe der Zeit, die Schwärze des Himmels, unter dem sie geboren waren, aber auch die kommende Wandlung und die ^Keimkraft einer geschichtlichen Epoche. Die Lyrik insbesondere hatte Gehör für den fernen Sturm. Schon ist der nahende Welttnmult nicht nur Stofs ihrer Dichtung, er äußert sich prophetisch in der Form selbst. In ihr herrscht Ihm uur.z, in ihr herrscht Krieg. Die von der Phantasie erlauschte große Wandlung zerfetzt die überkommenen Regeln der Reichet ik, das Ücber- Ntah der inneren Erregung geht über die Errungenschaften des Realismus wieder hinweg 311m Gegenpol. Die seelisch betonte Ausdruckskunst entsprang damals dein jüdischen Wesen noch bereitwilliger und reicher als d:e nüchterne Kunst des Impressionismus, mindestens in oer Lprache, in der Dichtung. - - Aber als die W i r k l i ch k e i t mit ihrem die Ahnung übersteigenden Unheil kam, tat,das Schassen der jüdischen Dichter, wohl noch rascher und unwillkürlicher als dasjenige anderer, einen weueren Schritt über die tobenden Mißklänge hinaus, — sogar über die eigene Dissonanz. Zu den schönsten Gedichten dieser Generation gehören die, die schon einen neuen Frieden besangen. Lie sahen jetzt weniger schwarz als zuvor, sie sahen eine neue Welt in der Ferne hinter der grauen. und blutigen Wüste emporsteigen. Jene andere S-eite des in der Lchwebe gehaltenen jüdischen Wesens machte sich geltend: nach der Verzweiflung der schwärmerische Wille: „Wachsend erkenne jenes Vermaledeit! — Brüllend verbrenne im Wasser- und Feuer-Leid! —_ Renne, renne, renne gegen die alte, die elende Zeit!" singt Werfel, und Rnbiner sagt: „Der Licht-Mensch sprüht aus der Todeskrnste!" Ehrenstein: „Seid sanft, 0 ihr Starken! — Bald werden, Ml,gen gleich, die Menschen — Entrauscht fein sahlkranker Armut — llnb in ihrem Dasein finden den Himmel." Es ist nicht erstaunlich, daß der jüdische Dichter zur Einung der Menschen aufrnft. Diese Gesinnung hat nicht allein den Grund, daß derjenige, dern die Gemeinschast unmittelbar erschwert ist, leicht den fernen weiteren Kreis suchen und preisen wird: Dieser Hang zur Gesamtheit der Menschen gehört vielmehr zu den ursprünglichsten Gedanken und Trieben der Juden — und er dichtet dieses in ihm war teil de Ideal grenzenlosen Lebens mit besonderem Recht in deutscher Sprache. , . Tie Ruhelosigkeit des bcutjcf)cn Idealismus erscheint wie eine Schwester der jüdischen ruhelosen Luche nach Unbedingtheit. Man hat in verwandtem Sinne vom „Ewigen Deut s ch e n" gesprochen; umgekehrt könnte das Wort des. Novalis für den Juden gelten: das wir sind, was wir suchen. Und wenn man entdeckt hat, daß außer den Inden nur die Deutschen noch in ähnlich loser Zerstreuung unter den Völkern wohnen, so liegt darin mehr als eine zufällige Uebereinstinmumg. Es weist auf ein inneres Bekenntnis zur Diaipora hin, auf einen Drang, die Grenzen cmfzuheben, unter den Völkern für das Volk der Menschheit zu wirken. Freilich, der Ruf des Dichters: Alle Menschen werden B r fi der! muß sich vor allem auch in der unmittelbaren Nähe verwirklichen, Menschen der gleichen Sprache müyen sich vollkommen miteinander verbinden —: Die Sprache im Werk der deutschjüdischen Dichter der Gegenwart, diese vollbrachte, deutsches _unb jüdisches Wesen bewahrende und zugleich in eine höhere Musik steigernde Verschmelzung, ist ein neuer Schritt und fast ein Beispiel für die um» kämpfte Harmonie in der Wirklichkeit. Die Kunst hilft. Sie ist Tal und Freude. Ter Wunsch des Dichters: Alle Menschen werden Brüder! braucht die Freude, die Schiller hier besingt, als einen wesentlichen Hebel gegen den Haß. Las Ende öes Paulus. Don Franz Werfel. . . . Ich sende Ihnen ein ungcdrucktes Gedicht ,,Das Ende des Paulus", das zugleich mit meinem Drama entstanden ist. Da dieses Drama in jüdischen Kreisen eine sehr erregte Diskussion Entfesselt hat. mag das eingesandte Gedicht mein eigenes Lchlußwort bilden. Es beweist — was mein Ltück dnmpshörigeu Ohren nicht bewiesen hat —, daß ich das Christentum in seinen ersten und größten Vertretern für ewiges, bleibendes Judentum halte. Doch solche^ Ueberzeugung wird in kurzen Worten nur banalisiert. ... Wien, 15. März 1927. Franz Werfel. Auf seinem schwarzen Koffer, wie ihn Soldaten haben. Hockt Rabbi Lchaul, der Alte, und schweigt vor sich her. Doch die andern, den Kopf im Tallis vergraben, Nicken und beten, alte Juden wie er. Ihren Korker durchsickorn Romas Aborte. Selbst der Krug und das Brot sind greulich befleckt. Immer noch nichts! Sie warten auf die Kohorte, Welche das Todesurteil Cäsar» vollstrockt. # Schcml weiß nichts mehr von den durchmesienen Reichen, Die er gezeugt und geboren, mm kümmert ihn keins. Nichts mehr von Lchiffbruch weiß er, von Rutenstreichen, Bon den fünfmal vierzig weniger eins. Rur noch Straßen, grelle, rennen und drängen Ihm chior den Augen, Straßen, steinig und schlecht, Straßen sieht er am Himmel der Rächte hängen. Seine Straßen, ein riesiges Blitzgeflecht. Nun sich die andern Stimmen steigern und Paaren zu der Brache, wie sie geboten steht. Wenn man auszieht, um heim nach Zion zu fahren, — Singt und nickt auch der Rabbi das heil'ge Gebet. Und er sieht nach der Sonne, die hoch schon geklommen. — Wie ein Reisender ausblickt nach seinem Schiss — Ungeduldig, nach Hause, nach Haus zu kommen, Einzugeh'n in Meschiach, den Inbegriff.