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Central-Verein-Zeitung · 1927-08-05 · 31-32 (5.8.1927) · p. Seite 456

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
6 (1927)
Issue
31-32 (5.8.1927)
Date
1927-08-05
Page
Seite 456 (sequence 24)
Language
German
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456 In ihrer Seele gewiß. Sie weckte jene Zärtlichkeit, die seelisch, vielleicht sogar sinnlich, mehr bedeutet als letztes Bositzergreüen. Es war em Aus-der-Nolle-Fallen, wenn Börne sich ihrethalben mit Selbstmordabsichten trug. Sie gab sich allen und keinerm Sie war es, die dieser Berliner Geselligkeit jenes schwebende Gesicht vergeistigter Sinnlichkeit verlieh, ohne das Geselligkeit nicht ist. Frau eines gebildeten, aber in seiner Bildung einseitig gerichteten Mannes, ging sie in ihrer geistigen Entwicklung eigene Wege.^Sehr sprachbegabt, lernte und beherrschte sie sieben Sprachen. Ten Fremden grüyle sie in seinem eigenen Idiom und wußte um die Literatur seines Landes. Zu eigener Bereicherung erlernte und pflegte sie das Hebräische. Im Gegensatz zu ihr scheint Madame Lcvy unschön gewesen zu sein. Etwas ansgesprochen Männliches war ihrer Erscheinung eigen. Ter Ton ihrer tiefen Stimme klang befehlshaberisch, und als rncm ihr Besitztum sür den Bau des Neuen Museums forderte, weigerte sie es. Sogar Alexander v. Humboldt, dem sehr Tiplomatischen gegenüber, wußte sie ihre Eigentumsrechte zu wahren. Zu ihr kam. tvem es um klare Auseinandersetzung zu tun war. An ihr freute sich, wer Begriffsspaltung liebte. Aber auch solchen Kostgängern ward die llebe-raschung. dich dieser männliche Intellekt ein warmes Gemütsleben nicht ausschloß. Auch suchten die Hilfsbedürftigen sie Heini und kehrten getröstet von ihrer Schwelle. Allen diesen jüdischen Frauen war Hilfsbereitschaft in höchstem Maße eigen; sie alle hatten neben ihrer „Guten" ihre „Armeleutestube". Das gilt gewiß auch von R a h e l, bezeichnet sogar einen Teil ihres Wesens. In Nahes ist die Persönlichkeit Geist geworden. Man mag dafür den französischen Ausdruck Esprit setzen, und sie hatte dessen die Fülle; hatte diesen Esprit neben und trotz den Humboldts, unb mag sie darin noch überboten haben. Aber man gebe dem Wort jenen stolzen deutschen Klang, der Eemütstiese mit einschließt, und nun erst wird man ahnen, wer Nahel war. Man erinnert sich der Schilderung Grillparzers gelegentlich seiner Berliner Reise. Wie er spät abends, „zum Sterben müde", von Darnhagen mitgenommen wurde, um Nahel vorgestellt zu werden: „Nun fing aber die alternde, vielleicht nie hübsche, von Krankheit zusammengekrümmte, etwas einer Fee, um nicht zu sagen Hcre, ähnliche Frau zu sprechen an, und ich war bezaubert. Meine Müdigkeit verflog, oder machte vielmehr einer Art Trunkenheit Platz." Bon ihrem „rätselhaft wehmütigen, vernunftvoll mystischen Lächeln" sprach Heine, und Goethe sagte von ihr: „Nahel urteilt nicht, sie hak den Gegenstand". Ihre Unterhaltung war oft genug auch Schweigen. Sie, die sich selbst Salz und Quirl der Geselligkeit und Dequemlichkeitsrat genannt hat, war in- Wirklichkeit GeselligkeitZgenie. Eine Einmalige. Tie Jüdin. Den minder ausgesprochenen Persönlichkeiten der jungen Mendelssohns war es gegeben, Milieu zu schaffen. Jugendlichkeit und Musik — als wären beide Genien einem Nus gefolgt — wirktenim traulichen Verein zusammen. Man schwärmte, man begeisterte sich. Man hatte den weiten, parkähnlichen Garten hinter dem Hause der Leipziger Straße dicht am Potsdamer Platz durchschritten, es war ein Sonntagmorgen und der Fliederblüte schien kein Ende, inan fand die Glastüren zum Gartenhanse weit geöffnet, Felix Mendelssohn- Bartholdy stand am Pult und dirigierte —: diese Lonntagskonzerte Lei den Mendelssohns riefen das gesamte geistige Berlin zusammen. Es war ein Mittelpunkt geschaffen, die einigende Kraft hieß hier Musik. (Man erinnert sich, daß Wilhelm von Humboldt, der völlig Unmusikalische. nach dem Zusammenbruch Preußens die Kraft zürn Wiederaufstieg in volkstümlicher Ausgestaltung musikalischer Betätigung zu finden hoffte und — gewiß auch fand.) Ob nun aber die Persönlichkeit dort, die Einwirkung des gesamten Milieus hier entschied, in einem glichen all diese gesellschaftlichen Zusammenkünfte einander völlig: es war kein Ansehen des Standes. Ter Mensch als solcher, sofern er nur menschlich Werte beizutragen halte, war willkommen. Adel und Bürgertum bunt gemischt. Ticht bei dem Prinzen Louis Ferdinand mußte Nahe! sitzen, wenn ihn die Lust -ankam, zu improvisieren. Man ' fragte nicht, ob Christ, ob Jude. Und nicht minder heilsam erwies sich das Durcheinander der Generationen. Schon in der Guten Stube der Henriette Herz saßen die jungen Nomantiter, die Schlegel und Tieck. neben den Vertretern der überwundenen rationalistischen Literatur, den Ramler und Engel, und es war Einvernehmen zwischen ihnen. In Nabels Heim, in dem gleichsam der Altar der Goethe-Verehrung errichtet war, wurden die Börne und Heine willkommen geheißew Bei Mendelssohns fanden die Zelter, Paganini, Weber, Spontini Verständnis sür einander. Hat man gesagt, daß die Worte „Wohlwollen und Duldfamkcit" die Schnelle zur Guten Stube der Henriette Herz bezeichneten, so gilt das von dieser Berliner Geselligkeit, von diesen Jüdinnen, die Maß und Richtung setzen, den gesellschaftlichen Rhythmus schufen, durchaus. In Wahrheit; diese Geselligkeit hatte ihre geistesHeschichtlichL Misiion: durch sie wurde — und hier ist Nahel Priefterm — dem deutschen Volke das Goethe-VerständniZ erschlossen. Hier würfen jens Musikalität angebahnt, in der das Empfindungsleben der Zeit Befriedigung fand. Nicht zu vergessen: einer ging, mit seiner Laterne wohl ausgerüstet. so manchen Abend zu. der Hofrütm Herz, der er in inniger und treuer - Freundschaft zugetan war; derselbe, em etwas verwachsener, Deutschlanö unö Heinrich Heme. Bon Robert Neumanu (Wien). Ter „Fall Heine" ist heute etwa achtzig Jahre alt. Auariüen von einer ungewöhnlichen Leidenschaft sicht zähe und unentwegte Verteidigung gegenüber. Während sonst das Bild eines Tichlers. ist er einmal tot und vcrinoderr, eindeutig zu werden und sich zu klären pstegl — Heinrich Heine bleibt umstritten, geliebt, gehaßt wie kaum einer. Tabei beruht dieser Widerstreit der Meinungen auf einem Mißverständnis — oder richtiger: aus einer zur Konvention gewordenen Unaufrichtigkeit. Tenn die Tadler wie die Verteidiger reden v o in T i eh feer — u n d met n cn J) c n Jude n. Und staffieren jene ihren Angriff mit scheinbarer -Sachlichkeit ans, indem sie womöglich den Stimmungslyriker gelten lassen und sich nur gegen den „Zyniker" wenden, und nehmen diese den lyrischen Dichter wie den Spötter, wie den Menschen bedingungslos in Schlitz — es ist an der Zeit, daß einmal ehrlich ausgesprochen werde: das blinde Lob unserer wohlmeinenden jüdischen Freunde wirk: säst ebenso peinlich wie der bornierte Haß jener Antisemiten, die es nicht wahrhaben wollen, daß ein so starker Baum im „deutschen Dichterhain" aus jüdischer Wurzel sprießt. Das muß einmal gesagt werden. Und cs ist gut, daß cs von jüdischer Seite gesagt werde. Bor allem, und um nicht ein Mißverständnis durch ein anderes zu ersetzen: kein vernünftiger Mensch wird bestreiten, daß Heine ein Dichter von hohen Graden ist und zu den bedeutendsten gehört, die Deutschland hervorgebracht hat. Blickt man aber näher hin und fragt man ein wenig herum, so kann inan sich alsbald der Tatsache nicht verschließen, daß der Dichter Heine und die wirklichen Dichtwerke Heines seinen Lobern wie seinen Tadlern in gleichem Maße minder wichtig und minder bekannt find. Beide kennen und meinen einen andern. Beide kennen und meinen sie einen, der es zustande gebracht hat, neben allem Dichtertum ein glatter Routinier zu sein, ein vielschreibender Virtuose, Träger des bedenklichen Ruhms, das romanische Sprachprinzip einer fast von selbst funktionierenden Rhetorik und mitteilsamen Pseudo-Leichtigkeit in unser Schrifttum getragen zn haben. „Herz" reimt sich da in verdächtiger Reibungslosigkeit aus „Schmerz" und die Verse klingeln „musikalisch" wie Tperettenmusik. Für den reisen und dernünftigen Leser, sei er Jud oder Christ, sind heute neuneinhalb Zehntel jenes berühmten „Buches der Lieder" von einer schlechtweg nicht mehr erträglichen Abgeschmacktheit. Wer sich aber wundert, daß der schlechte Heine lebendiger weiterlebt als der gute, der weiß nicht, daß in der Literatur das Bedenkliche stets mächtiger in die Breite wirkt als das Bedeutende — und erst -recht dann, wenn das Bedenkliche, wie in diesem Falle, dem Bedeutenden ausaepfropft und kaum mehr lösbar verbunden ist. Er weiß nicht, daß diese reibungslose Korrespondenz von Herz und schmerz eben nicht nur eine formale ist, sondern stofflich, sachlich zutiefst, bedeutsam und bezeichnend. Bezeichnend wie jenes andere Reimpaar „ästhetisch" und „Teetisch", das am „Buch der Lieder" sich sindet. Heine, „Parlando" dichtend, Lyriker aus dem Handgelenk, gibt nicht Vertiefung, Innigkeit, Gefühl, sondern ein rasches und unverbindliches Surrogat, Gefühls-Ersatz, wenn man will: er gibt Sentimentalität. Heine — der mindere, der schlechte — ist nicht naiv, sondern sentimentalisch. sich selbst betrachtend und sich selbst bespiegelnd in Eitelkeit. Dieser Heine ist es, den sie meinen, die Lober und Tadler, diese „Geruhte", die in ihrer handlichen Mitteilsamkeit durch-die ironische Schlußarabeske nicht aufgehoben, sondern erst richtig ergänzt und entlarvt werden. Und dieser Lyrik-Ersatz ist es. der in beispiellosem Ausmaß den Geschmack breitester Schichten des kunstuuverständigen Publikums bis zum heutigen Tage beherrscht. Breitester Schichten, zu denen fitriofer und grotesker Weist jene Heine-Feinde und Judenfresser selbst das mächtigste Kontingent stellen. Tenn hassen sie auch den Dichter — seine Lyrik mCveit sie wohl. Und so ist es nicht der entscheidende Einfluß Heinefcher Prosa ans den deutschen Journalismus, nicht der Einfluß des „wirklichen" Heine auf Theodor Storm und die italienische Lyrik, sondern diese in all ihrer falschen Verwegenheit zutiefst hausbackene. höchst spießbürgerliche Herz-Schmerz-Poesie, die den Fall Heine unter uns aus eine ungesunde Weise lebendig hält. Ein bedenklicher Triumph — aber doch ein Triumph: fein Lyriker hat in Deutschland jemals gleiche Wirkung gehabt. Ein bedenklicher kllsiner Mann, stand, während die Stimmen um ihn schwirrten und dem in sich Versunkenen seltsame- Anregung brachten, in der Stube der Nahel am Ofen, der sonntäglichen Predigt nachzndenken — S ch l e i e r m a ch e r. Was Schleiermacher, viel.ob seines Verkehrs in jüdischen Häusern geschmäht und angesein-det. für diese Geselligkeit bedeutete, ist unabmcßbar. Er war so etwas wie der Abgesandte eines innerlich freien Protestantismus im Bereich de8 31t neuer Geistigkeit erwachten 'Judentums. Dabei ist nicht zu übersehen: für das Judentum selbst bezeichnet? dieser unvorhergesehene, schnelle und kurze, vielleicht allzu siegreiche Aufschwung einen Anpassnugsprozeß, den man, ( je nach eigener Stellungnahme, sehr verschiedenartig beurteilen wird: denn sie alle, die Henriette Herz, die Nahel, die Mendelssohns, sind alsbald zum Christentum übergetreten. Treu der Religion ihrer Väter blieb nur die Madame Levy, dieselbe, die auch den Bitten des Königs Widerstand entgegensetzte und an ihrem Besitztum ftsthiclt.

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